mini|Die Vulkansysteme der Halbinsel Reykjanes (vermutete Ausdehnungen): (1) Reykjanes, (2) Eldvörp-Svartsengi, (3) Fagradalsfjall, (4) Krýsuvík, (5) Brennisteinsfjöll, (6) Hengill mini|Eruption nördlich von Grindavík, 14. Januar 2024

Die Phase von Vulkanausbrüchen an der Sundhnúkur-Kraterkette seit 2023 im Svartsengi-Vulkansystem auf der Reykjanes-Halbinsel im Südwesten Islands begann am 18. Dezember 2023 mit dem Aufbrechen einer Spalte nördlich der Hafenstadt Grindavík. Seither folgten mehrere weitere Ausbrüche, zuletzt im Juli 2025. Beim Ausbruch im Januar 2024 wurde Grindavík von der Lava erreicht. Die vulkanische Aktivität ist eine Folge von geologischen Verschiebungen zwischen der Nordamerikanischen Platte und der Eurasischen Platte.

Seit März 2021 gab es bereits mehrere Eruptionen beim benachbarten Fagradalsfjall, zuletzt im Juli 2023. Auf der Halbinsel Reykjanes hatte es zuvor seit fast 800 Jahren keinen Vulkanausbruch mehr gegeben; der letzte vorherige Ausbruch ereignete sich 1240 in der Sturlungen-Zeit.

Vorgeschichte Erdbebenschwärme und Intrusionen ab dem 25. Oktober 2023 Nachdem es nach Beendigung des dortigen Ausbruchs vom Juli 2023 einige Erdbebenschwärme im Bereich des Fagradalsfjall gegeben hatte und sich in dem Gebiet auch eine leichte Magmaintrusion im Untergrund ereignete, setzte am 25. Oktober 2023 erneut ein starker Erdbebenschwarm mit maximalen Magnituden von 3,5 und 4,5 im Fagradalsfjall- und im Þorbjörn-Gebiet ein. Bis zum 28. Oktober wurden mehr als 7000 Erdbeben registriert. Am 28. Oktober 2023 wurde dann auch im Þorbjörn-Gebiet eine Bodenerhebung beobachtet, die auf eine Magmaintrusion im Untergrund hindeutet. Diese Erhebung befindet sich in der Nähe der Blauen Lagune; Grindavík liegt 4 bis 5 km südlich. Auch 2020 und 2022 wurden in diesem Gebiet vergleichbare Erhebungen gemessen, aber die neuerliche Erhebung verlief viel schneller als die vorherigen. So wurde nach der Auswertung von Messdaten festgestellt, dass sich im Þorbjörn-Gebiet der Boden in 48 Stunden vom 27. Oktober bis zum 29. Oktober 2023 um 3 cm gehoben hatte. Die komplexe Gesamtlage mit zwei dicht zusammenliegenden Intrusionen und dem Auf und Ab der Erdbebenschwärme erschwerte eine Einschätzung der Situation.

Am 28. Oktober 2023 um 15:00 UTC setzte das Icelandic Meteorological Office die Warnkennzeichnung für den Luftverkehr für diese Region auf gelb.

Am Abend des 2. November 2023 wurde in Grindavík eine Informationsveranstaltung mit Vertretern von Katastrophenschutzorganisationen und Wissenschaftlern abgehalten. Ein Ausbruch im Þorbjörn-Gebiet bedrohe die Blauen Lagune, das Kraftwerk Svartsengi und dessen Rohrsystem sowie die Verbindungsstraße von Grindavík nach Reykjavík. Speziell der Ausfall des Geothermiekraftwerkes oder eine Unterbrechung der Dampf- und Stromleitungen könnte zu weiten Ausfällen der Kalt- und Warmwasserversorgung sowie der Stromversorgung führen. Der lokale Energieversorger würde sich vom isländischen Übertragungsnetzbetreiber Landsnet 6 bis 7 transportable Dieselgeneratoren mit je 1,2 MW Leistung leihen und diese bei Bedarf aufstellen. Trotzdem würde ein Ausfall der geothermischen Warmwasserversorgung zu einem erhöhten Bedarf an elektrischer Heizleistung führen, der nicht gedeckt werden könne und zu Stromrationierungen auf 2 bis 3 kW pro Haus führen würde. Landsnet könne innerhalb eines Tages in der Lage sein, die Stromversorgung herzustellen. Wann die Notstromdiesel tatsächlich aufgestellt würden, war aber unklar, da die Infrastruktur dafür noch aufzubauen sei. Benedikt Gunnar Ófeigsson vom Isländischen Meteorologischen Amt teilte dazu mit, dass man die Situation zurzeit nur beobachte und es zurzeit nicht möglich sei zu sagen, ob überhaupt ein Ausbruch stattfinden würde. Daher würde auch die Blaue Lagune noch nicht geschlossen. Der Zivilschutz beurteile die Lage aufgrund von Daten des Isländischen Meteorologischen Amtes und werde gegebenenfalls eine Schließung und Evakuierung einleiten. Der Betreiber der Blauen Lagune könne auf Verlangen sehr schnell reagieren. Vergleichbare Bodenbewegungen hätte es schon vorher gegeben, aber letztlich sei der Ausbruch dann nicht immer oder irgendwo anders erfolgt.

Währenddessen intensivierte sich der Erdbebenschwarm nach kurzer Abschwächung wieder. In der Nacht vom 2. auf den 3. November 2023 fanden neben Hunderten sehr kleiner Erdbeben ein Beben der Stärke 4,2 und sechs einer Stärke über 3 statt. Ihre Ursache wurde in einer Magmaintrusion in ca. 5 km Tiefe vermutet. Die Hebung des Geländes hielt weiter an, so dass auch weiterhin mit Erdbeben gerechnet wurde. Þorvaldur Þórðarson äußerte die Ansicht, dass man möglicherweise nur Stunden bis Tage von einem Ausbruch entfernt sei, und darum sei auch bei Evakuierungsplänen in Stunden zu denken. Nach seiner Ansicht bewegte sich das Magma aus einer Tiefe von 4 bis 5 km nach oben und sei schon dicht unter der Oberfläche. Die Erdbeben erfolgten an einer bereits bekannten Störungszone. Er fürchtete, dass der Ausbruch diesmal sehr plötzlich erfolgen könnte, da das Magma vermutlich sehr gasreich sei. Dabei könnten sich Lavafontänen bilden, die insbesondere in der ersten Zeit des Ausbruches viel Lava fördern würden. Schlimmstenfalls könnte sich dann mehrere Dutzend km/h schnell fließende Lava bilden, was für die Menschen dort sehr gefährlich werden könne. Eine konträre Ansicht dazu vertrat Benedikt Gunnar Ófeigsson, der beim Isländischen Meteorologischen Amt für Bodenverschiebungsmessungen zuständig ist. Nach seiner Ansicht trete der durchaus heftige Erdbebenschwarm an einer bekannten aktiven nord-südlich verlaufenden Verwerfung westlich von Þorbjörn auf und die Erdbeben seien von Verschiebungen an den tektonischen Platten und weniger von der Magmaintrusion verursacht. Bis jetzt bestünden nur Anzeichen, dass sich Magma nordwestlich von Þorbjörn in einer Tiefe von 5 bis 6 km ansammle, aber nicht dass es aufsteigen würde. Trotzdem würde das betreffende Gebiet genau beobachtet. Am 5. November 2023 hielten die Hebungen westlich des Berges Þorbjörn und die Erdbebentätigkeit unvermindert an. Nach einer Abschwächung hatte sich diese wieder verstärkt. Möglicherweise wurde im Erdbebenschwarm eine kurze Episode von vulkanischem Tremor beobachtet. Der Zivilschutz kündigte für den 8. November 2023 eine Informationsveranstaltung für die Bewohner des Gegend an, bei der es in erster Linie um einen möglichen Ausfall der Warmwasser- und der Stromversorgung gehen solle. Danach wurde vom Zivilschutz ein Evakuierungsplan mit drei Fluchtkorridoren für die Stadt Grindavík veröffentlicht.

Am 6. November 2023 teilte Kristín Jónsdóttir, die Leiterin des IMO mit, dass die Linse des angesammelten Magmas in 5 km Tiefe nun durchschnittlich 1 m dick sei und ein Volumen von 6 Millionen Kubikmetern enthalten würde. Diese Intrusion würde sich von derjenigen der vorhergehenden Ausbrüche in Fagradalsfjall dadurch unterscheiden, dass sie nicht vertikal wie diese ausgerichtet sei (ein Dyke), sondern als horizontaler Sill. Magma sei aber nicht dabei aufzusteigen. Zu diesem Zeitpunkt galt ein Ausbruch westlich und nördlich des Berges Þorbjörn und auf Sýlingarfell am wahrscheinlichsten. Víðir Reynisson, Direktor für Katastrophenschutz erwähnte, dass man seit der ersten dort beobachteten Intrusion 2022 Pläne gemacht hätte, wie man einer solchen Situation begegnen könnte. So prüfe man Überlegungen, Wasser auf etwaige Lavaströme zu sprühen, um diese an den Fronten abzukühlen und dadurch zu lenken, wie beim Ausbruch des Eldfell auf Heimaey. Kristinn Harðarson, CEO von HS Orka, dem Betreiber des Geothermiekraftwerkes Svartsengi, teilte mit, dass man ebenfalls Pläne für eine Reaktion auf einen Ausbruch gemacht hätte, so würde man im Falle eines Ausbruches seine Mitarbeiter vom Kraftwerk abziehen, und dieses ferngesteuert bedienen. Ebenso sprach er von der Möglichkeit, Lavaströme mit Wasser zu kühlen und dadurch zu lenken. Des Weiteren würden Bohrlöcher mit Schotter abgedeckt, so dass man sie später wieder ausgraben und instand setzen könnte.

Am 7. November 2023 teilte ein Telekommunikationsunternehmen mit, dass in der betroffenen Gegend zusätzliche Mobilfunkbasisstationen aufgestellt worden seien, um im Falle eines Ausbruchs Behörden und Rettungskräfte mit einem dichten Netz versorgen zu können. Ebenso wurden Reserveverbindungen zum Geothermiekraftwerk Svartsengi hergestellt, um dieses besser und ausfallsicherer fernsteuern zu können. Víðir Reynisson sprach am 8. November 2023 von einem System von Deichen, die bei einer Höhe von 6 bis 8 Metern das Geothermiekraftwerk und die „Blaue Lagune“ schützen sollen. Die Deiche sollten ca. 4 km lang sein und in passender Höhenlage durch das Gelände verlaufen, um diese Lokalitäten abzuschirmen. Die Zeit bis zur Fertigstellung könnte 45 Tage betragen, aber man könnte schon mit den Fundamenten beginnen, und diese könnten dann im Falle eines Ausbruches schnell einen wirksamen Schutz bieten, der dann verstärkt werden müsste. Darum könnte es sogar dann sinnvoll sein, mit dem Bau zu beginnen, wenn der Erdbebenschwarm wieder ohne Ausbruch abklingen würde, da man dann besser auf zukünftige Ereignisse vorbereitet sei. Nach Einschätzung von Wissenschaftlern müsse man in absehbarer Zukunft mit der Wiederholung solcher Ereignisse rechnen.

Am 9. November 2023 teilte das Touristenzentrum „Blaue Lagune“ mit, dass es für eine Woche schließen werde. In den frühen Morgenstunden des 9. November 2023 gab es in der Gegend der Intrusion beim Geothermiekraftwerk Svartsengi einen starken Erdbebenschwarm, wobei das stärkste Beben eine Magnitude von 5 hatte. Am 10. November 2023 beschloss die Justizministerin Guðrún Hafsteinsdóttir per Verordnung, mit dem Bau der Deiche um das Kraftwerk zu beginnen, da man keine Zeit habe, auf Beschlüsse des Althing zu warten.

Bildung eines Grabenbruches unter der Stadt Grindavík mini|Grindavík mit dem Berg Þorbjörn, der Blauen Lagune, Hagafell und dem Atlantischen Ozean (Aufnahme vom Juni 2022)

Am Nachmittag des 10. November 2023 begann ein extrem starker Erdbebenschwarm nordwestlich und danach ein zweiter nordöstlich von Grindavík. Daraufhin erklärte der Katastrophenschutz Grindavík zur Gefahrenzone. Am 10. November 2023 um 17:09 UTC setzte das Icelandic Meteorological Office die Warnkennzeichnung für den Luftverkehr für diese Region auf Orange. Ebenso wurde am 10. November 2023 das Küstenwachtschiff „Thor“ nach Grindavík verlegt, um Grindavík mit Notstrom zu versorgen und Pumpenleistung zur Verfügung zu stellen, sollte es nötig werden, einen Lavastrom mit Wasser zu kühlen. Wegen der zu dem Zeitpunkt extrem unklaren Gefahrenlage (die Erdbeben verlagerten sich gerade nach Süden zum Meer hin), legte das Schiff aber vorerst in Hópsnes an.

In der Nacht vom 10. auf den 11. November 2023 wurde die Stadt zwischen 23 Uhr und 2:30 Uhr vollständig evakuiert, nachdem das Zentrum der seismischen Aktivität sich in Richtung Grindavík bewegt hatte und die Behörden nicht ausschließen konnten, dass sich innerhalb der Stadtgrenzen eine Vulkanspalte öffnet. Das Personal des Svartsengi-Kraftwerks musste das Gelände des Kraftwerks aus Sicherheitsgründen verlassen. Die folgende Intrusion erzeugte einen Riss von ca. 15 km Länge an der Erdoberfläche von Kálffellsheiði nordöstlich von Grindavík aus entlang der Sundhnúkur-Kraterreihe, dann weiter östlich am Berg Þorbjörn und dann knapp westlich an Grindavík vorbei, um südwestlich von Grindavík im Meer zu enden. Er hat eine Breite von ungefähr einem Meter. Das Magma wurde dort in ca. 800 m Tiefe festgestellt.. Im Original publiziert auf ruv.is, Stand: 11. November 2023, 10:11 Uhr Ortszeit.