Der Gemeine Vampir (Desmodus rotundus) ist eine auf dem amerikanischen Kontinent lebende Fledermausart. Diese Spezies ist die bekannteste – und auch am besten erforschte – der drei Arten der Vampirfledermäuse (Desmodontinae), der einzigen Säugetiergruppe, die sich ausschließlich vom Blut anderer Tiere ernährt. Gemeine Vampire sind als Überträger von Krankheiten wie der Tollwut auf Nutztiere und Menschen gefürchtet, gleichzeitig liefert ein gerinnungshemmendes Enzym in ihrem Speichel wichtige Impulse für die medizinische Forschung.
Beschreibung Körperbau und Abmessungen
Gemeine Vampire sind mittelgroße Fledermäuse: Sie erreichen eine Kopfrumpflänge von 70 bis 90 Millimetern und ein Gewicht von 15 bis 50 Gramm. Die Unterarmlänge, eine wichtige Größenangabe bei Fledertieren, beträgt zwischen 50 und 63 Millimetern und die Flügelspannweite zwischen 35 und 40 Zentimeter. Im Körperbau stimmt der Gemeine Vampir weitgehend mit den anderen Fledermäusen überein: die Flugmembran besteht aus zwei Hautschichten und erstreckt sich von den Handgelenken bis zu den Fußgelenken, gespannt wird sie von den stark verlängerten Fingern der Vordergliedmaßen. Weitere Flughäute erstrecken sich von den Schultern zum Handgelenk und zwischen den Beinen. Letztere wird Uropatagium genannt und dient bei vielen Fledermausarten zum Insektenfang. Da diese Funktion beim Gemeinen Vampir wegfällt, ist sie bei dieser Art klein und unbehaart. Ein Schwanz ist nicht vorhanden. Die Hinterbeine sind im Gegensatz zu vielen anderen Fledermausarten stark und muskulös und ermöglichen den Tieren unter anderem ein schnelles Vorwärtskrabbeln auf dem Boden. Vampirfledermäuse können darüber hinaus auch hüpfen (siehe Lokomotion). Das Fell dieser Tiere ist an der Oberseite graubraun gefärbt, die Unterseite ist etwas heller.
Von den anderen Vampirfledermaus-Arten unterscheidet sich der Gemeine Vampir durch die verlängerten Daumen, die fehlende Behaarung des Uropatagiums, die spitzeren Ohren sowie die Anzahl der Zähne. Gesicht und Zähne mini|Schnauze des Gemeinen Vampirs Die Schnauze des Gemeinen Vampirs ist kurz und kegelförmig. Sie hat im Gegensatz zu vielen anderen Blattnasen kein echtes Nasenblatt, sondern einen hufeisenförmigen Ballen über den Nasenlöchern. Die Ohren sind spitz und eher klein und enthalten einen kleinen lanzettförmigen Tragus (Ohrdeckel). Die Augen hingegen sind für Fledermausverhältnisse relativ groß.
Der Gemeine Vampir hat mit 20 die wenigsten Zähne der Vampirfledermäuse, seine Zahnformel lautet 1/2-1/1-2/3-0/0 x2. Am größten sind die Schneide- und Eckzähne, sie sind sichelförmig und an das Aufschneiden der Haut ihrer Opfer angepasst. Die Backenzähne sind rückgebildet und haben keinerlei zum Kauen geeignete Oberfläche mehr. An der Unterseite der Zunge finden sich zwei Rillen, die sich während der Mahlzeit zusammenziehen und ausdehnen. Weitere Anpassungen an die spezielle Ernährung sind die kurze Speiseröhre und der schlauchförmige Magen. Lokomotion mini|links|Desmodus (laufend) Bestimmte Anpassungen im Körperbau und im Bewegungsverhalten des Gemeinen Vampirs werden von Fachleuten als „spektakulär“ bezeichnet.J. S. Altenbach: Locomotion. In: Natural History of Vampire Bats. (Editors: A. M. Greenhall, U. Schmidt). CRC Press, Boca Raton 1988, S. 71. So kann Desmodus rotundus zum Beispiel mit zusammengefalteten Flughäuten auf dem Erdboden stehen und darüber hinaus eine Art hüpfend-springende Fortbewegung ausführen. Dabei laufen die Tiere auf ihrem extrem verlängerten „Daumen“ (1. Finger). Diese Fledermäuse sind darüber hinaus in der Lage, aus dem Stand blitzschnell „in den Flug“ abzuspringen, selbst wenn sie eine Blutmahlzeit aufgenommen und dadurch ihr Körpergewicht erheblich erhöht haben. Sie vermögen schließlich aus dem Flug auf dem Erdboden zu landen und sofort in den Stillstand zu kommen. Der Gemeine Vampir besitzt artspezifische Besonderheiten in der Skelett- und Muskelanatomie, etwa besonders kräftige vordere Extremitäten (in Form der zusammengefalteten Flughäute), die solche Leistungen möglich machen.J. S. Altenbach: The locomotiv morphology of the vampire bat, Desmodus rotundus. In: Spec. Publ. Am. Soc. Mamm. 6, 1979, S. 1.D. K. Riskin, J. W. Hermanson: Biomechanics: Independent evolution of running in vampire bats. In: Nature, Band 434, 2005, S. 292. Diese Anpassungen befähigen diese Vampirfledermäuse, neben einem großen Beutetier (Rind, Pferd) auf dem Boden zu landen und sich diesem im Laufen zu nähern; während des Fressvorgangs kann Desmodus langsamen Bewegungen der Beute folgen oder aber blitzschnell auf Abwehrbewegungen reagieren.
Verbreitung und Lebensraum mini|Das Verbreitungsgebiet des Gemeinen Vampirs Gemeine Vampire leben auf dem amerikanischen Kontinent, ihr Verbreitungsgebiet reicht vom nördlichen Mexiko bis ins südliche Südamerika (Zentralchile, Argentinien und Uruguay). Sie finden sich auch auf einigen Südamerika vorgelagerten Inseln (wie Margarita und Trinidad), fehlen aber auf den anderen Westindischen Inseln. Sie bewohnen sowohl feuchte als auch trockene Gebiete der Tropen und Subtropen, darunter Wälder, offene Grasländer und Gebirgsregionen bis in Höhe.
Der einzige Zoo in Deutschland, der Gemeine Vampire hält, ist der Zoologische Garten in Berlin."Gemeiner Vampir" zootierliste.de
Lebensweise Aktivitätszeiten und Gruppenleben mini|Desmodus-Kolonie in einem hohlen Baum. Gemeine Vampire sind ausschließlich nachtaktiv, als Schlafquartiere nutzen sie in erster Linie Höhlen, daneben findet man sie auch in hohlen Bäumen, Minen und Schächten sowie in verlassenen Gebäuden. Ruheplätze der Vampirfledermäuse riechen wegen des heraufgewürgten Blutes oft streng nach Ammoniak.
Diese Tiere leben in Gruppen von 20 bis 100 Tieren, gelegentlich bilden sie auch Kolonien von bis zu 2000 Tieren. Diese Gruppen zerfallen in Haremsgruppen, die aus 8 bis 20 Weibchen samt ihrem Nachwuchs sowie einem Männchen, das sich in deren Nähe aufhält, bestehen. Andere Männchen bilden Junggesellengruppen. Immer wieder versuchen männliche Tiere, dem Haremsführer seinen Rang streitig zu machen, in diesem Fall kann es zu wilden Kämpfen kommen. Die Kämpfe können auch durch aggressive Laute begleitet werden.
Sinnesfunktionen und Orientierung Bei der Orientierung zeigen Vampirfledermäuse ähnliche Fähigkeiten und Leistungen wie verwandte Fledermausarten; allerdings hat die Forschung charakteristische Besonderheiten aufgedeckt, die als spezifische Anpassung an die blutfressende (sanguivore) Ernährungsweise interpretiert werden können.
Die Echoortung bei Desmodus ähnelt der anderer Arten aus der Familie der Blattnasenfledermäuse (Phyllostomatidae) und kann als eher unspezialisiert gelten. Die Ultraschall-Ortungslaute werden durch das Maul ausgestoßen; sie weisen zwei intensive Harmonische (Obertöne) auf, die insgesamt einen Frequenzbereich zwischen ca. 43 und 100 Kilohertz (kHz) abdecken. In Ruhe ist die Intensität der Laute nur gering (max. 84 dB SPL, 10 cm vor dem Maul der Fledermaus), im Flug steigt die Lautintensität auf bis zu 120 dB. Die Lautdauer variiert situationsabhängig zwischen 1 und 0,4 Millisekunden (ms). Im Flug werden die Laute während des Flügelaufschlags abgegeben.U. Schmidt, C. Schmidt: Echolocation performance of the vampire bat (Desmodus rotundus). In: Zeitschrift fu?r Tierpsychologie. Band 45, Nummer 4, Dezember 1977, S. 349–358, PMID 610226.U. Schmidt, G. Joermann: Echoortung bei der Vampirfledermaus Desmodus rotundus. In: Z. f. Säugetierkunde. Band 46, 1981, S. 129.G. Joermann, U. Schmidt: Echoortung bei der Vampirfledermaus Desmodus rotundus. II. Lautaussendung im Flug und Korrelation zum Flügelschlag. In: Z. f. Säugetierkunde. Band 46, 1981, S. 136.G. Joermann: Echoortung bei Vampirfledermäusen (Desmodus rotundus) im Freiland. In: Z. f. Säugetierkunde. 49, 1984, S. 221.
Der Geruchssinn ist bei Desmodus gut entwickelt.H. Stephan, P. Pirlot: Volumetric comparison of brain structures in bats. In: Bijdragen tot de Dierkunde. 40, 1970, S. 95.K. P. Bhatnagar, F. C. Kallen: Cribriform plate of ethmoid, olfactory bulb and olfactory acuity in forty species of bats. In: J. Morphol. 142, 1974, S. 71.R. Kämper, U. Schmidt: Die Morphologie der Nasenhöhle bei einigen neotropischen Chiropteren. In: Zoomorphol. Band 87, 1977, S. 3. Die Riechleistung liegt für einige Duftstoffe im Bereich der olfaktorischen Sensitivität des Menschen.U. Schmidt: Vergleichende Riechschwellenbestimmungen bei neotropischen Chiropteren. In: Z. f. Säugetierkunde. Band 40, 1975, S. 269. Untersuchungen lassen darauf schließen, dass die Vampire ihren Geruchssinn insbesondere bei Kontakten in der sozialen Gruppe sowie möglicherweise auch beim Auffinden und Identifizieren einzelner Beutetiere nutzen.U. Schmidt: Orientation and Sensory Functions in Desmodus rotundus. In: Natural History of Vampire Bats (Editors: A. M. Greenhall, U. Schmidt). CRC Press, Boca Raton 1988, S. 143.
Der Sehsinn ist bei Desmodus hervorragend ausgebildet, wie Untersuchungen zur Sehschärfe (abhängig von der BeleuchtungsstärkeU. Manske, U. Schmidt: Visual acuity of the vampire bat, Desmodus rotundus, and its dependence upon light intensity. In: Zeitschrift fu?r Tierpsychologie. Band 42, Nummer 2, Oktober 1976, S. 215–221, PMID 1007656.), zur Größe des Gesichtsfeldes sowie zur Geschwindigkeits-Auflösung zeigen.K. Hessel: Vergleichende optokinetische Untersuchungen zur Leistungsfähigkeit des visuellen Systems bei neotropischen Fledermäusen (Fam. Phyllostomidae) und der Hausmaus. Diss., Bonn 1998. Desmodus ist darüber hinaus in der Lage, visuelle Muster zu unterscheidenU. Manske, U. Schmidt: Untersuchungen zur optischen Musterunterscheidung bei der Vampirfledermaus, Desmodus rotundus. In: Z. Tierpsychol. Band 49, 1979, S. 120.. Die Forschungsergebnisse lassen erwarten, dass Desmodus den visuellen Sinn beim Flug im Freiland sowohl über größere Distanz nutzt, um natürliche Landmarken (etwa Silhouetten von Bäumen oder Felsen) zu identifizieren, wie auch auf kürzere Distanz, zum Beispiel im Umfeld der Quartiere. Auf Distanzen unterhalb eines halben Meters scheinen sich diese Fledermäuse dann vor allem auf die Echoortung zu verlassen.G. Joermann, U. Schmidt, C. Schmidt: The Mode of Orientation during Flight and Approach to Landing in two Phyllostomid Bats. In: Ethology. Band 78, 1988, S. 332.
Spezifische Anpassungen an die blutfressende Ernährungsweise haben sich bei diesen Vampirfledermäusen insbesondere in zwei Sinnessystemen ausgebildet: zum einen beim Gehör (passive akustische Orientierung), zum anderen beim Tast- und Wärmesinn.
Das Gehör von Desmodus rotundus ist empfindlich vor allem im Ultraschallbereich zwischen 50 und 100 Kilohertz (dem Bereich ihrer eigenen Echoortung) sowie in einem Frequenzband zwischen 10 und 30 kHz. Wie elektrophysiologische Untersuchungen gezeigt haben, besitzt Desmodus im Vergleich zu vielen anderen Fledermäusen unterhalb von 25 kHz ungewöhnlich niedrige Hörschwellen, das heißt ein sehr gutes Hörvermögen.U. Schmidt, P. Schlegel, H. Schweizer, G. Neuweiler: Audition in vampire bats, Desmodus rotundus (PDF; 733 kB). In: J. Comp. Physiol. A. Band 168, 1991, S. 45. Zudem fanden die Forscher im Gehirn der Vampirfledermaus Nervenzellen, die nur auf „Rauschen“ (breitbandige Schallfrequenzen) reagierten, sowie Neurone, die ausschließlich auf (menschliche) Atemgeräusche antworteten. Diese und weitere ForschungsergebnisseU. Gröger, L. Wiegrebe: Classification of human breathing sounds by the common vampire bat, Desmodus rotundus. In: BMC Biology. 4, 2006, S. 18. lassen darauf schließen, dass Vampire das extrem leistungsfähige Gehör sehr gut nutzen können, um Beutetiere anhand der Geräusche des Atems oder kleinster Bewegungen aufzuspüren.