Sebastian Simmert (* 7. April 1989 in Halle (Saale)) ist ein deutscher Philosoph und Kriminologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine wissenschaftlichen Arbeiten befassen sich unter anderem mit Wahrscheinlichkeit und Probabilismus, Logik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Handlungstheorie sowie der Prognose menschlichen Verhaltens. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die von ihm entwickelte und wissenschaftstheoretisch begründete individuelle Risikoanalyse.
Leben Sebastian Simmert studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Komparatistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er schloss das Studium 2014 ab und wurde 2016 mit einer Arbeit zu den moraltheologischen und mathematischen Grundlagen der Wahrscheinlichkeitstheorie promoviert. Von 2017 bis 2020 war er unter Leitung von Daniela Trunk wissenschaftlicher Mitarbeiter im Teilprojekt zur rechtlichen Begleitforschung des vom Bundeskriminalamt initiierten Projekts RISKANT ("Risikoanalyse bei islamistisch motivierten Tatgeneigten") an der Hochschule der Polizei des Landes Sachsen-Anhalt in Aschersleben. Im Rahmen des Projektes entwickelte er eigenverantwortlich für das Bundeskriminalamt eine Theorie und eine darauf aufbauende Heuristik für die frühzeitige Identifizierung politisch motivierter Gewalttäter. 2020 erfolgte eine Weiterbeschäftigung im Folgeprojekt "Radar-rechts", das er bis zum Abschluss im Jahr 2022 begleitete. 2023 arbeitete er im von Jens Borchert geleiteten Projekt Sijuk (Aktuelle Herausforderungen für die Arbeit im Strafvollzug: die Situation junger Frauen, der Umgang mit ideologisierten "Kadern" und das Übergangsmanagement") eigenverantwortlich an der Hochschule Merseburg zum Themenbereich ideologisierter Kader.
Während der Mitarbeit in den Projekten lehrte er nebenbei am Juristischen Bereich der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in den Bereichen Logik, Rechtstheorie sowie Rechtsphilosophie. Seit 2023 engagiert er sich zudem im Studiengang Medizin-Ethik-Recht mit Lehrangeboten zu medizinethischen Themen sowie Themen zur Philosophie der Medizin. Weiterhin ist er Bestandteil der Redaktion der Zeitschrift für Medizin-Ethik-Recht.
Werk Simmerts wissenschaftliches Werk lässt sich anhand seiner vorliegenden Arbeiten insbesondere durch die Verbindung von Wahrscheinlichkeitstheorie, Logik, Erkenntnistheorie und der Analyse menschlichen Handelns charakterisieren. Eine thematische Verbindung besteht zwischen seiner Untersuchung des Wahrscheinlichkeitsbegriffs und seinen späteren Arbeiten zur Prognose individuellen Verhaltens.
Probabilismus und Wahrscheinlichkeit In seiner Dissertation Probabilismus und Wahrheit. Eine historische und systematische Analyse zum Wahrscheinlichkeitsbegriff untersucht Simmert den Begriff der Wahrscheinlichkeit aus einer historisch-systematischen Perspektive. Ausgangspunkt ist die spätscholastische Lehre des Probabilismus, insbesondere die doctrina probabilitatis des Dominikaners Bartholomé de Medina. Die Untersuchung geht dabei von den thomistischen Auffassungen von Wahrheit, Verstand und Wille aus und verfolgt die Entwicklung des probabilistischen Denkens bis in die mathematische Wahrscheinlichkeitstheorie.
Im Zentrum steht die Frage, wie Wahrscheinlichkeit begrifflich konstituiert ist und unter welchen Bedingungen Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich sind. Simmert versteht die Untersuchung ausdrücklich nicht als bloße Philosophie der Mathematik, sondern verbindet rechtsphilosophische, metaphysische, epistemische und logische Untersuchungen.
Historisch untersucht die Arbeit zunächst den Probabilismus Medinas und dessen theoretische Voraussetzungen. Dabei werden unter anderem die Positionen von Thomas von Aquin, Martin Luther, Luis de Molina, Francisco Suárez und Juan Caramuel y Lobkowitz berücksichtigt. Ziel ist nach Simmert nicht eine vollständige Geschichte aller probabilistischen Theorien, sondern eine systematische Klärung des Begriffs des Probablen beziehungsweise Wahrscheinlichen.
An die historische Untersuchung schließt eine systematische Analyse der Logik probabler Aussagen an. Simmert untersucht dabei die Beziehungen zwischen probablen Aussagen sowie deren Wahrheitswerte und Modalität.
Ein weiterer Teil der Arbeit widmet sich dem mathematischen Probabilismus. Die Untersuchung reicht von Gerolamo Cardano über die Entwicklung der mathematischen Wahrscheinlichkeitstheorie bis zu Hans Reichenbach. Dabei geht es insbesondere um den Aussagecharakter mathematisch-empirischer Wahrscheinlichkeiten, ihre Beziehung zu Gesetzmäßigkeiten und ihre epistemischen Voraussetzungen.
Den Abschluss bildet der Entwurf einer Logik empirischer Wahrscheinlichkeitsaussagen. Hier untersucht Simmert unter anderem die Verstandesoperationen und die formale Struktur, die der Bildung solcher Aussagen zugrunde liegen.
Wahrscheinlichkeit, Erkenntnis und Handlung Eine besondere Bedeutung für Simmerts weitere Arbeiten hat die Verbindung von Erkenntnis, Wahrscheinlichkeit und menschlichem Handeln. Bereits die Untersuchung des Probabilismus setzt beim endlichen und damit epistemisch beschränkten menschlichen Erkenntnisvermögen an. Weil der Mensch nicht über eine unmittelbare und vollständige Erkenntnis der Welt verfügt, können Aussagen über komplexe Sachverhalte unsicher sein.
Die Analyse verbindet diese epistemische Beschränkung mit einer Untersuchung des Verhältnisses von Verstand, Wille und Handlung. Im Anschluss an Thomas von Aquin wird der Wille als Vermögen untersucht, das durch die Erkenntnis des Verstandes bestimmt wird und zwischen möglichen Handlungsalternativen wählen kann. Die Wahl wird dabei mit dem Begriff des liberum arbitrium verbunden. In der Untersuchung des Probabilismus wird diese Verbindung insbesondere anhand der Frage verfolgt, wie ein Handelnder unter Bedingungen unvollständiger Erkenntnis seine Handlungen rational rechtfertigen kann. Dabei werden unterschiedliche Konzeptionen des freien Willens untersucht, insbesondere die Positionen Luthers und Calvins sowie die Kontroverse zwischen Domingo Báñez und Luis de Molina. Gerade die molinistische Konzeption des freien Willens wird dabei mit der Möglichkeit verbunden, dass der Mensch selbst Ursache seiner Handlungen ist.
Individuelle Risikoanalyse Ein späterer Schwerpunkt von Simmerts Arbeit ist die individuelle Risikoanalyse. Sie wird als Heuristik zur prognostischen Einschätzung einer Person verstanden, insbesondere hinsichtlich der Frage, ob diese Person zukünftig eine politisch motivierte schwere Gewalttat begehen könnte.
Die individuelle Risikoanalyse wurde im Kontext der polizeilichen Gefahrenabwehr entwickelt. Ihr Gegenstand ist die Interpretation biografischer Informationen mit dem Ziel einer Prognose über zukünftiges gewalttätiges Verhalten. Dabei wird insbesondere eine umfassende Rekonstruktion von Persönlichkeit, Lebensumständen und Entscheidungsprozessen des zu bewertenden Individuums angestrebt. Als Informationsgrundlage können unter anderem Beobachtungs- und Feststellungsberichte, Vernehmungsprotokolle sowie öffentlich zugängliche Informationen aus sozialen Medien dienen.
Methodisch verbindet Simmerts Ansatz verschiedene Verfahren der qualitativen und hermeneutischen Sozialforschung. Dazu gehören insbesondere die Sequenzanalyse, der permanente Vergleich im Sinne der Grounded Theory und unterschiedliche Formen des Kodierens. Aus dem Datenmaterial werden zunächst Kategorien, Regeln und Strukturen rekonstruiert.
Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei nicht allein auf die Feststellung bestimmter Merkmale eines Individuums. Ziel ist vielmehr die Rekonstruktion möglicher Bedingungszusammenhänge, die erklären können, warum sich bestimmte Verhaltensweisen ergeben. Simmert bezeichnet die Erkenntnis des „Warums“ als das primäre Erkenntnisinteresse der individuellen Risikoanalyse. Die Erkenntnis von Bedingungszusammenhängen setzt dabei die vorherige Bestimmung von Kategorien, Regeln und Strukturen voraus.
Metatheorie der Inferenz Eine zentrale theoretische Grundlage der individuellen Risikoanalyse bildet die von Simmert entwickelte Metatheorie der Inferenz. Sie beschreibt das logische Gerüst, durch das die unterschiedlichen Prozesse der Risikoanalyse miteinander verbunden werden. Gegenstand sind insbesondere die Schlussweisen Induktion, Abduktion und Deduktion sowie die theoretischen Grundlagen der Szenarienbildung.
Simmert versteht das Verhältnis dieser Schlussweisen als einen iterativen hermeneutischen Erkenntnisprozess. Aus empirischem Datenmaterial werden durch Induktion Begriffe und Aussagen gewonnen. Durch Abduktion werden diese mit vorhandenem Wissen verbunden und zur Bildung von Erklärungs- und Hypothesenstrukturen genutzt. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse können anschließend deduktiv für die Formulierung von Prognosen verwendet werden.
Die individuelle Risikoanalyse wird damit nicht als ausschließlich statistisches Prognoseverfahren konzipiert. Ihr methodischer Schwerpunkt liegt vielmehr auf der hermeneutischen Rekonstruktion individueller Handlungszusammenhänge. Die Abduktion dient dabei insbesondere dazu, nach den Bedingungen beziehungsweise dem „Warum“ bestimmter beobachteter Verhaltensweisen zu fragen. Die Verbindung von Induktion, Abduktion und Deduktion wird von Simmert ausdrücklich als Grundlage der prognostischen Erkenntnisgewinnung beschrieben.
Wissenschaftstheoretische Fundierung Die wissenschaftstheoretische Reflexion der individuellen Risikoanalyse bildet einen eigenständigen Bestandteil von Simmerts Arbeiten. In Methode und wissenschaftstheoretische Grundlagen der individuellen Risikoanalyse wird ausdrücklich das Ziel verfolgt, die wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen der entwickelten Heuristik zu explizieren.
Ausgangspunkt ist die Kritik daran, dass bei Prognoseinstrumenten deren wissenschaftstheoretische Grundlagen häufig nur unzureichend expliziert werden. Dadurch könne unklar bleiben, wie die Ergebnisse eines Verfahrens theoretisch zu interpretieren und hinsichtlich ihrer Gültigkeit zu beurteilen sind. Simmert verbindet diese Problematik insbesondere mit der Frage, ob auf Grundlage solcher Ergebnisse Eingriffe in die Lebenswelt von Individuen wissenschaftlich hinreichend begründet werden können.
Die individuelle Risikoanalyse wird deshalb als wissenschaftstheoretisch reflektiertes Prognoseverfahren konzipiert. Ihre Methodik wird nicht isoliert betrachtet, sondern durch eine Reflexion ihrer theoretischen Voraussetzungen, ihres Gegenstands und der verwendeten Schlussweisen ergänzt.
Ein wesentliches Element dieser Konzeption ist die Unterscheidung zwischen Kategorien, Regeln, Strukturen und Bedingungszusammenhängen. Kategorien ermöglichen die begriffliche Erfassung des Datenmaterials; Regeln und Strukturen beschreiben die normativen beziehungsweise strukturellen Zusammenhänge, in denen Handlungen auftreten. Auf dieser Grundlage sollen Bedingungszusammenhänge rekonstruiert werden, die für die Erklärung und Prognose zukünftigen Verhaltens relevant sind. Die Methode wird dabei ausdrücklich hermeneutisch begründet. Dokumentierte Verhaltensweisen werden als bedeutungstragende Handlungen verstanden, aus denen Regeln, Strukturen und Kategorien rekonstruiert werden können.
Philosophisch-hermeneutischer Ansatz der Risikoanalyse