Die afghanisch-pakistanischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Afghanistan und Pakistan. Trotz kultureller und sprachlicher Gemeinsamkeiten zwischen beiden Ländern verbindet beide Staaten ein belastetes Verhältnis. Nach der als Folge der Teilung Indiens 1947 erfolgten Unabhängigkeit Pakistans kam es zu einem Streit um die Durand-Linie, welche die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan bildet und ein Erbe der Kolonialzeit ist. Afghanistan weigerte sich diese anzuerkennen und es kam regelmäßig zu bewaffneten Auseinandersetzungen an der durchlässigen Grenze, welche später zu einem Zentrum des internationalen islamischen Terrorismus werden sollte. Nach dem Beginn der sowjetischen Intervention in Afghanistan 1979 nahm Pakistan Millionen Flüchtlinge aus dem Nachbarland auf und unterstützte gemeinsam mit den USA und Saudi-Arabien den antisowjetischen Widerstand mit Ausrüstung, Ausbildung und Geldern. Später förderte Pakistan die radikalislamischen Taliban und war einer der wenigen Staaten, die zum ersten Taliban-Regime (1996–2001) in Afghanistan offizielle diplomatische Beziehungen unterhielten. Diese Förderung der Taliban führte allerdings auch zu einer Destabilisierung Pakistans, als die pakistanischen Taliban begannen, Terroranschläge in Pakistan zu verüben.
Geschichte
Vorgeschichte mini|Gebiet des Durrani-Reiches in den 1750ern Zwischen beiden Gebieten bestanden über Jahrtausende enge wirtschaftliche und kulturelle Kontakte. So war der Khyberpass zwischen Pakistan und Afghanistan über Jahrhunderte das Einfallstor für Invasoren nach Südasien. Beide Gebiete wurden islamisiert und von zahlreichen Staaten war das Durrani-Reich (1747–1823, 1839–1842) das letzte von mehreren Großreichen, welches die beiden heutigen Staaten einschloss. Der Süden und Osten Afghanistans ist überwiegend paschtunischsprachig, ebenso wie die angrenzenden Regionen Khyber Pakhtunkhwa, einschließlich der Stammesgebiete und Nord-Belutschistan in Pakistan. Dieses gesamte Gebiet wird von den Paschtunen bewohnt, die verschiedenen Stämmen angehören und historisch das staatstragende Volk Afghanistans bildeten. Die Durand-Linie wurde nach einem Abkommen von 1893 zwischen Mortimer Durand, dem Außenminister Britisch-Indiens und Amir Abdur Rahman Khan, Emir von Afghanistan festgelegt, um die Grenzen der jeweiligen Einflusssphären zu bestimmen. Durch das Abkommen wurden die Paschtunengebiete geteilt. Die unruhige North West Frontier Province konnte von den Briten allerdings nie vollständig befriedet werden. Pakistan hat das Abkommen über die Durand-Linie nach seiner Unabhängigkeit im Jahr 1947 geerbt, aber es hat nie eine formelle Vereinbarung oder Ratifizierung zwischen Islamabad und Kabul gegeben. Die afghanischen Regierungen haben die Durand-Linie nie als internationale Grenze zwischen den beiden Staaten anerkannt und das Abkommen aus der Kolonialzeit für nichtig erklärt.
Zeit nach der Unabhängigkeit Pakistans Kurz nach der Unabhängigkeit Pakistans im Jahr 1947 verfolgte Afghanistan eine doppelte Strategie zur Destabilisierung der pakistanischen Grenzregionen, um die Instabilität Pakistans nach der Unabhängigkeit auszunutzen. Erstens verbündete es sich mit Pakistans Rivalen Indien und auch mit der UdSSR. Zum anderen unterstützte Afghanistan in den 1960er Jahren separatistische Politiker in Khyber Pakhtunkhwa politisch und finanziell. Im Januar 1950 hielt der afghanische König Mohammed Zahir Shah eine antipakistanische Rede, die von Pakistans Liaquat Ali Khan verurteilt wurde. Im Grenzgebiet kam es regelmäßig zu Einfällen durch paschtunische Stammesangehörige auf pakistanischem Gebiet. Im Jahr 1952 veröffentlichte die afghanische Regierung ein Traktat, in dem sie nicht nur Anspruch auf paschtunisches Gebiet innerhalb Pakistans, sondern auch auf die pakistanische Provinz Belutschistan erhob, welche Teil eines größeren Paschtunistan werden sollte. Der Militärpakt zwischen Pakistan und den Vereinigten Staaten von 1954 besorgte Afghanistan und Indien und brachte Afghanistan näher an die Sowjetunion, ohne das dieses seine Blockfreiheit aufgab. Trotz dieser Konflikte gab es allerdings auch Vorschläge zur Bildung einer pakistanisch-afghanischen Konföderation, da Afghanistan durch die sowjetische Übermacht an seiner Grenze besorgt war und wandte sich 1954 deshalb an die Amerikaner. Die Diskussionen über eine Konföderation kamen allerdings nicht über Gespräche hinaus.
Am 30. März 1955 griffen pro-paschtunische Demonstranten die Botschaft und die Konsulate Pakistans in Afghanistan an. Sie rissen auch die pakistanische Flagge herunter, um gegen die Vereinigung der paschtunisch dominierten Nordwest-Grenzprovinz mit Westpakistan (One-Unit-Programm) zu protestieren. Die Demonstranten wurden vom afghanischen Premierminister Mohammed Daoud Khan angestachelt und mit Bussen zum Ort des Geschehens gebracht. Die afghanische Polizei griff nicht ein, die Pakistaner in Peshawar reagierten mit einem Angriff auf das afghanische Konsulat in der Stadt, woraufhin Pakistan die diplomatischen Beziehungen abbrach. Pakistan schloss die Grenze, was eine wirtschaftliche Blockade bedeutete. Die diplomatischen Beziehungen wurden im September wieder aufgenommen. Wiederum wegen der Paschtunistan-Frage beschuldigten sich die beiden Länder 1961 gegenseitig der Grenzverstöße. Im August 1961 wurden die Konsulate in beiden Ländern geschlossen und die Beziehungen im September erneut abgebrochen. Die Situation wurde erst 1965 mit einer Wiederaufnahme der Beziehungen entschärft. In den 1970er-Jahren schwächte sich der paschtunische Nationalismus in Pakistans Grenzgebieten schließlich ab. Die Assimilierung der Paschtunen in den pakistanischen Staat folgte auf Jahre wachsenden paschtunischen Einflusses in der pakistanischen Politik und der Bürokratie des Landes, der darin gipfelte, dass Ayub Khan, Yahya Khan und Ishaq Khan – allesamt Paschtunen – die Führung Pakistans übernahmen. Die größte nationalistische Partei jener Zeit, die Awami National Party (ANP), gab ihre sezessionistischen Bestrebungen auf und bekannte sich zum pakistanischen Staat.
Afghanisch-sowjetischer Krieg mini|Der Journalist George Crile III mit dem texanischen Politiker Charlie Wilson im Hintergrund in Afghanistan, letzterer war führend im CIA-Programm Operation Cyclone Die zurückgehende Unterstützung für die Separatisten hielt Mohammed Daoud Khan in den 1970er Jahren allerdings nicht davon ab, weiterhin bewaffnete Separatisten in Pakistan zu unterstützen. Als Vergeltung begann Pakistan, islamistische Bewegungen gegen die pro-sowjetisch geprägte afghanische Regierung von Daoud Khan zu unterstützen und ermutigte diese, sich gegen die Regierung zu erheben. Zu den von Pakistan geförderten Personen und Gruppen gehörte Ahmad Schah Massoud, Gulbuddin Hekmatyār und das Haqqani-Netzwerk. Im April 1978 wurde der afghanische Präsident Daoud Khan in Kabul während der selbsterklärten marxistischen Saur-Revolution ermordet. Es folgten die Hinrichtung des abgesetzten pakistanischen Premierministers Zulfikar Ali Bhutto im April 1979 und die Ermordung des afghanischen Ministerpräsidenten Nur Muhammad Taraki im September 1979. Nach dem Beginn der sowjetischen Invasion in Afghanistan im Dezember 1979 schlossen sich die Vereinigten Staaten Pakistan an, um den islamistischen antisowjetischen Widerstand zu unterstützen. Knapp vier Millionen afghanische Flüchtlinge flohen wegen des Krieges aus Afghanistan nach Pakistan. Pakistan wurde zu einem wichtigen Ausbildungsort für rund 250.000 ausländische Mudschaheddin-Kämpfer, die täglich die Grenze nach Afghanistan überquerten, um den Krieg gegen das kommunistische Afghanistan und die sowjetischen Streitkräfte zu führen. Zu den Mudschaheddin gehörten nicht nur Einheimische, sondern auch Araber und andere Kämpfer aus über 40 verschiedenen islamischen Nationen. Die Vereinigten Staaten und andere stellten Milliarden von Dollar an humanitärer Hilfe für die Flüchtlinge bereit, aber auch um den bewaffneten Kampf gegen die Sowjets zu finanzieren. Es gab keine regulären Schulen für die Flüchtlinge, sondern nur Madrasas, in denen radikale jihadistische Propaganda betrieben wurde und die Wurzeln für die spätere Taliban-Bewegung gelegt wurden. Zu den Schülern soll auch der spätere Taliban-Führer Mullah Omar gehört haben.
Während des Krieges blieben die Beziehungen zwischen Afghanistan und Pakistan antagonistisch. Als Reaktion auf die Unterstützung der Mudschaheddin durch Pakistan unterstützen afghanische, indische und sowjetische Geheimdienste die pakistanische linke Terrorgruppe al-Zulfikar, die für die Entführung eines Flugzeugs der Pakistan International Airlines (PIA) im März 1981 verantwortlich war.
Aufstieg der Taliban in Afghanistan und Rolle Pakistans Im Jahre 1988 begannen die Sowjets mit ihrem Rückzug aus Afghanistan und die Mudschaheddin triumphierten. Während der Präsidentschaft von Mohammad Najibullah unterstützten das UNHCR und die internationale Gemeinschaft 1,5 Millionen afghanische Flüchtlinge bei der Rückkehr nach Afghanistan. Das Ende des Krieges führte allerdings nicht zum Ende der pakistanischen Einmischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans. Unzufrieden mit der unabhängigen außenpolitischen Linie der Najibullah-Regierung unterstützte Pakistan mithilfe seines Geheimdienstes Inter-Services Intelligence (ISI) 1990 einen gescheiterten Putschversuch in Kabul durch seinen Verbündeten Gulbuddin Hekmatyār. Mit pakistanischer Finanzierung belagerten Hekmatyārs Truppen drei Jahre lang die Hauptstadt Kabul und töteten Tausende mit Raketenangriffen. Als Pakistan jedoch erkannte, dass Hekmatyār nicht in der Lage war, die Macht in Kabul zu übernehmen, wandte es sich anderen Gruppen zu. Die Taliban hatten sich gerade mithilfe des damaligen pakistanischen Innenministers Naseerullah Babar als unabhängige Kraft formiert, und der ISI stellte sich hinter die neue Bewegung. Der Plan war dabei mithilfe der Taliban einen pakistanischen Satellitenstaat zu etablieren, um an „strategischer Tiefe“ gegenüber dem Erzrivalen Indien zu gewinnen. Außerdem sollte der radikale Islamismus der Taliban den paschtunischen Nationalismus eindämmen und ersetzen. Unterstützt wurden die Taliban mit Ausbildung, Ausrüstung und Militärberatern. Im September 1994 eroberten die Taliban die afghanische Stadt Kandahar und begannen ihren langen Eroberungszug. Bei Massakern der Taliban an ihren politischen Gegnern und den schiitischen Hazara sollen pakistanische Kräfte und Al-Qaida unter Osama bin Laden Unterstützung geleistet haben.