Die Royal Navy war eine wichtige Komponente der alliierten Streitkräfte während des Zweiten Weltkriegs und trug maßgeblich zum Sieg über die Achsenmächte bei. Zu ihrer Hauptaufgabe gehörten der Schutz der Handelsschiffe im Atlantik gegen deutsche U-Boote und die Verteidigung der britischen Herrschaftsgebiete. Zu ihren größten einzelnen Erfolgen gehörte der Sieg über die Italiener in der Schlacht bei Kap Matapan, die Evakuierung des Britischen Expeditionskorps von Dünkirchen sowie die Versenkung der Bismarck.

Der wichtigste strategische und auch existenzielle Erfolg des gesamten Krieges war jedoch, dass es gelang, die transatlantischen Geleitzugwege im Rahmen der Atlantikschlacht in schweren und mehrjährigen Kämpfen gegen die deutsche U-Boot-Waffe zu sichern und letztlich offen zu halten. Dieser Umstand sicherte nicht nur Großbritannien, das als Inselnation auf seine Seeverbindungen angewiesen war, das Überleben in den teilweise kritischen Phasen in den ersten Jahren des Krieges, sondern dieser unter hohen Verlusten erfochtene Erfolg ermöglichte später auch die weitgehend verlustfreie Überführung von Nachschubgütern und Truppen aus den Vereinigten Staaten, die dann im letzten Jahr des Krieges wieder auf dem europäischen Kontinent landeten (im Sommer 1944) und dessen Befreiung von der NS-Herrschaft bis Mai 1945 ermöglichten.

Hintergrund und Ausgangslage Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war die Royal Navy die stärkste Marine der Welt. Sie verfügte über 15 einsatzbereite Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer, wobei allerdings zehn der Schlachtschiffe – die fünf Schiffe der Revenge-Klasse sowie die fünf Schiffe der Queen-Elizabeth-Klasse – noch aus dem Ersten Weltkrieg stammten und nur zum Teil modernisiert worden waren. Fünf weitere Schlachtschiffe der modernen King-George-V-Klasse befanden sich seit 1937 im Bau, mit der Fertigstellung der ersten Einheiten wurde jedoch erst im Winter 1940/41 gerechnet. Darüber hinaus verfügte die Flotte über vier einsatzbereite Flottenflugzeugträger, wobei es sich bei dreien um ehemalige Schlachtkreuzer und umgebaute Schiffe der Courageous-Klasse handelte, sowie drei kleinere und ältere Flugzeugträger, beispielsweise die Hermes, deren Geschwindigkeit und Flugzeugkapazität (zumeist etwa 20 bis 25 Flugzeuge) jedoch unzulänglich waren. Insgesamt sechs weitere Flugzeugträger, darunter die vier Schiffe der Illustrious-Klasse, befanden sich im Bau, die ersten Einheiten sollten aber erst 1940 der Flotte zulaufen.

Darüber hinaus verfügte die Royal Navy über 18 Schwere Kreuzer, hierbei handelte es sich um vergleichsweise moderne Einheiten, die fast alle in den späten 1920er oder frühen 1930er Jahren in Dienst genommen worden waren, und 45 Leichte Kreuzer, wobei allerdings von diesen 13 Schiffe der C-Klasse und acht der Danae-Klasse angehörten,Mike J. Whitley: Kreuzer im Zweiten Weltkrieg. Klassen, Typen, Baudaten. Motorbuch Verlag. Stuttgart 1997, S. 74–83. die noch aus dem Ersten Weltkrieg stammten und überaltert waren. An leichteren Seestreitkräften standen 101 moderne beziehungsweise in den 1930er Jahren gebaute Zerstörer sowie 68 ältere Zerstörer, darunter alleine 56 Schiffe der V- und W-Klasse, zur Verfügung. Die britische U-Boot-Waffe verfügte über insgesamt 58 U-Boote, wovon 47 Boote als modern galten.Erminio Bagnasco: Uboote im Zweiten Weltkrieg. Technik – Klassen – Typen. Eine umfassende Enzyklopädie. 3. Auflage. Motorbuchverlag, Stuttgart 1994, S. 104.

Hinzu kamen (mit Stand von 1938) etwa 130 kleinere Kriegsschiffe, darunter Motortorpedoboote, Minenleger und Minenabwehrfahrzeuge, sowie etwa 210 Hilfs-, Versorgungs- und Werkstattschiffe sowie Betriebsstoff- und Munitionstransporter der königlichen Hilfsflotte.Helmut Pemsel: Seeherrschaft. Eine maritime Weltgeschichte von der Dampfschiffahrt bis zur Gegenwart, Band 2, Weltbild-Verlag, Augsburg 1995, S. 722. Die marineeigenen Luftstreitkräfte der Flotte, der Fleet Air Arm, zählten bei Kriegsbeginn 232 Flugzeuge.

Die Briten sahen sich mit Beginn des Krieges jedoch mit dem strategischen Problem konfrontiert, ihr riesiges Empire sowie die Seewege, die sich quasi um den halben Globus ausdehnten, zu schützen. Zumindest zum Beginn des Krieges gab es keine umfassende Strategie, denn die britischen Ziele zur See waren die gleichen wie seit dem Kampf gegen Napoleon – die Offenhaltung der globalen Transport- und Kommunikationswege durch die Schaffung und Aufrechterhaltung der Seeherrschaft in der Nordsee, im Atlantik und im Mittelmeer. Im Gegenzug stand der Kriegsmarine am Anfang zwei Schlachtschiffe, zwei veraltete Einheitslinienschiffe, drei Panzerschiffe, zwei Schwere Kreuzer, sechs Leichte Kreuzer, 61 U-Boote, 21 Zerstörer und 42 weitere Schiffe wie Minensucher sowie Torpedo- und Schnellboote zur Verfügung.Hore: The habit of victory. Sidgwick & Jackson, London 2005, S. 350.Mallmann-Schowell: Das Buch der Deutschen Kriegsmarine 1935–1945. Motorbuch, Stuttgart 1986, S. 64, 68, 70. Geschichte

1939

Am 3. September um 11:17 Uhr, siebzehn Minuten nachdem das britische Ultimatum an Deutschland, sich aus Polen zurückzuziehen abgelaufen war, trat die Royal Navy in den Krieg ein. In den ersten Wochen und Monaten des Krieges konzentrierte sich die Royal Navy auf die Konsolidierung eines atlantischen Geleitzugsystems – die ersten geschützten Konvois entlang der britischen Ostküste gingen am 6. September 1939 in See, der erste transatlantische Konvoi einen Tag später.S. W. Roskill: The War at Sea, 1939–1945. Band I, H.M. Stationery Office, London 1954, S. 93. Wichtigster Hafen jenseits des Atlantiks war Halifax. Zu Beginn des Krieges konnte die Sicherung der Konvois, zumal anfangs nur wenige Sicherungsfahrzeuge verfügbar waren, nur bis etwa 200 Seemeilen westlich von Irland bereitgestellt werden.

Weitere Schwerpunkte in den ersten Monaten des Krieges lagen auf der Organisation des Übersetzens des britischen Heeres nach Frankreich, was faktisch ohne Verluste gelang, sowie auf der Errichtung einer Seeblockade gegen das Deutsche Reich, weswegen, ähnlich wie im Ersten Weltkrieg, erneut die sogenannte Northern Patrol im Seegebiet zwischen Schottland, Island und den Lofoten ins Leben gerufen wurde, um deutsche Handelsschiffe und Blockadebrecher, die nach deutschen Häfen zurückkehren wollten, aufzubringen. Um diese Patrouillenfahrten nicht zu Lasten der regulären und bereits erheblich in Anspruch genommenen Kreuzerkräfte abbilden zu müssen, stellte die Royal Navy ferner ab Herbst 1939 insgesamt 56 Hilfskreuzer in Dienst.Jürgen Gebauer, Egon Krenz: Marine-Enzyklopädie. Brandenburgisches Verlagshaus. Berlin 1998, S. 141. mini|links|Der Flugzeugträger Courageous sinkt nach einem U-Boot-Angriff; der erste größere britische Verlust im Zweiten Weltkrieg. Am 5. September 1939 gab die Royal Navy im Rahmen des sogenannten Mobilmachungs-Schiffbauprogrammes (Emergency War Program) den Bau von acht Kreuzern, acht Zerstörern und 20 Geleitzerstörern in Auftrag; hinzu kamen noch 19 U-Boote und (einige Wochen später) 60 Korvetten der Flower-Klasse.

Darüber hinaus stellte die britische Marine, in Zusammenarbeit mit der französischen Marine, acht Kriegsschiffgruppen auf, die im Atlantik nach deutschen Handelsstörern suchen und diese jagen sollten.Roskill: The War at Sea. Band I, S. 114. Diese Bemühungen zeitigten in den ersten Kriegsmonaten zunächst keine Erfolge, führten aber Ende des Jahres zum ersten größeren Erfolg gegen ein größeres deutsches Kriegsschiff (siehe letzten Absatz). Ein Versuch mit den größeren britischen Flottenflugzeugträgern die Jagd auf deutsche U-Boote zu intensivieren, wurde indessen nach dem Verlust des Trägers Courageous am 17. September 1939 durch einen U-Boot-Angriff wieder aufgegeben.Roskill: The War at Sea. Band I, S. 106. Dass von der (zu diesem Zeitpunkt noch zahlenmäßig schwachen) deutschen U-Boot-Waffe eine enorme Bedrohung ausging, zeigte sich auch rund einen Monat später, als am 14. Oktober 1939 das ältere Schlachtschiff Royal Oak von einem U-Boot inmitten der britischen Flottenbasis Scapa Flow versenkt wurde.Siegfried Breyer: Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer 1905–1970. J. F. Lehmanns, München 1970, S. 169. mini|Der erste größere Erfolg: Das deutsche Panzerschiff Admiral Graf Spee wird im Dezember 1939 nach Gefechtsschäden von der eigenen Crew selbst versenkt. Zu einer zeitweisen Herausforderung in der Frühphase des Krieges wurden auch die ab Mitte September 1939 deutscherseits vor britischen Häfen aus der Luft abgeworfenen Magnetminen; alleine im November 1939 gingen durch diesen Minentyp rund 200.000 BRT Schiffsraum verloren.B. Johnson: Streng geheim. Wissenschaft und Technik im Zweiten Weltkrieg. Weltbild-Verlag, Augsburg 2000, S. 249f. Zudem traten auch teils empfindliche Verluste unter Kriegsschiffen ein – so wurde etwa das Schlachtschiff Nelson durch eine Magnetmine für acht Monate beziehungsweise bis Sommer 1940 außer Gefecht gesetzt.Breyer: Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer. S. 195. Erst nachdem eine dieser Minen am 21. November 1939 vor Shoeburyness ins Watt-Gebiet gefallen und nachfolgend von britischen Experten der (an Land befindlichen) Torpedoschule HMS Vernon (Torpedo & Mining School HMS Vernon) entschärft und analysiert werden konnte, konnten Gegenmaßnahmen und Räumtechniken gegen diesen Minentyp entwickelt werden (siehe Entmagnetisierung).

Das erste größere Gefecht zwischen der Kriegsmarine und der Royal Navy fand am 13. Dezember vor der Küste Südamerikas, östlich der Mündung des Río de la Plata, statt. Dort traf ein aus drei Kreuzern bestehendes Geschwader unter dem Kommando von Commodore Henry Harwood auf das Panzerschiff Admiral Graf Spee. Trotz überlegener Feuerkraft – die britischen Schiffe wurden alle schwer beschädigt – zog sich das deutsche Schiff, welches ebenfalls Schäden erlitten hatte, in den Hafen von Montevideo zurück. Nach vier Tagen, in denen die Briten die Internierung der Admiral Graf Spee forderten, wurde das Panzerschiff, dessen Schäden vor Ort nicht behoben werden konnten, von den Deutschen selbst versenkt.Rohwer: Chronology of the war at sea, 1939–1945. Naval Institute Press, Annapolis 2005, S. 11.

1940

mini|Rückschlag vor Norwegen: Der Flugzeugträger Glorious wird von deutschen Schlachtschiffen überrascht und versenkt. Während der deutschen Invasion von Norwegen griff die Royal Navy mit starken Flottenkräften ein und versuchte, die deutsche Invasion abzuwehren. Bereits im Vorfeld hatte man in London Pläne für ein mögliches Eingreifen in Norwegen für den Fall einer deutschen Landung ausgearbeitet (siehe Operation Wilfred). Am 10. und 13. April 1940 kam es zu zwei Seegefechten vor Narvik gegen deutsche Zerstörerflottillen (die zuvor Truppen nach Narvik gebracht hatten), welche die Briten für sich entscheiden konnten und welche die Deutschen zehn Zerstörer kosteten.Mike J. Whitley: Zerstörer im Zweiten Weltkrieg. Technik, Klassen, Typen. 2. Auflage, Motorbuch Verlag, Stuttgart 1997, S. 33f. Trotz dieser zeitweiligen Erfolge gelang es indessen nicht, die letztliche Eroberung Norwegens zu verhindern. Nachdem am 10. Mai 1940 die deutsche Wehrmacht den Westfeldzug begonnen hatte, wurden die verbliebenen alliierten Heeres- und Flottenkräfte schließlich aus Norwegen abgezogen. Dabei ereilte die Royal Navy der tragischste Verlust während des Feldzuges in Norwegen, als am 8. Juni 1940 der mit Evakuierungen betraute Flugzeugträger Glorious westlich von Namsos von deutschen Schlachtschiffen abgefangen und mitsamt seiner beiden Sicherungszerstörer versenkt wurde, wobei über 1.500 Seeleute ums Leben kamen.John Winton: Carrier Glorious. Cassell, London 1999, S. 200. mini|links|Erfolgreicher Rückzug: Evakuierung britischer Truppen aus Dünkirchen (Mai 1940).