mini|Die umkämpfte Landschaft und Landwirtschaft des Larzac mini|Militärgelände – Zutritt verboten, Warnschild von 2013 Der Kampf um den Larzac richtete sich in den 1970er Jahren gegen die Pläne der französischen Regierung, den zum Camp du Larzac gehörenden Truppenübungsplatz auf der Causse du Larzac zu erweitern. Die BauernDer nachfolgende Text unterscheidet nicht zwischen den Begriffen Bauer und Landwirt, aber Pierre-Marie Terral weist darauf hin, dass der Begriff Bauer im Zuge der Auseinandersetzungen eine auch politisch instrumentalisierte mythologische Aura erhielt. Er stand für den vermeintlich bodenständigen und authentischen Charakter der Larzacbewohner und bildete einen Gegenpol zu dem Begriff Landwirt, der „moderne und technische Assoziationen weckt und auf die Ausübung eines Berufs verweist“. (Pierre-Marie Terral: La « lutte du Larzac ») und Anwohner des Larzac setzten sich gegen diese Pläne zur Wehr und erhielten breite Unterstützung von verschiedenen Teilen der französischen Gesellschaft. Es entstand eine breite soziale Bewegung, die über die Jahre hinweg im In- und Ausland an Popularität gewann. Der Widerstand führte schließlich 1981 zum Erfolg, als die Regierung nach dem Wahlsieg von François Mitterrand die Erweiterungspläne aufgab. Seitdem gilt der Kampf um den Larzac als Beispiel für eine erfolgreiche kollektive Mobilisierung und zivilen Ungehorsam, der auch für andere Protest- und Widerstandsaktionen zum Vorbild wurde.
Die Vorgeschichte Seit 1902 existiert am Rande von La Cavalerie das Camp du Larzac, zu dem ein angrenzendes Gelände von 3.000 ha auf der Causse du Larzac gehört, das für militärische Übungen genutzt wird. Da das Gelände nicht ganzjährig vom Militär genutzt wurde, bestand weiterhin die Möglichkeit zu dessen landwirtschaftlicher Nutzung, vor allem als Weideland für Schafe. mini|Die ursprüngliche und bis heute fortbestehende Größe des Camp du Larzac Das Camp und der Truppenübungsplatz erlebten bis weit in die 1960er Jahre hinein eine wechselvolle Geschichte, in der die militärische Nutzung zeitweilig zurücktrat zu Gunsten einer Nutzung als Internierungslager zur Zeit des algerischen Unabhängigkeitskrieges und danach als Durchgangslager für algerischstämmige Hilfskräfte der französischen Armee während dieses Krieges, die nach Frankreich flohen.
Im Herbst 1962 endete die Interimsnutzung des Camp du Larzac als Internierungslager. Im Hintergrund hatte es bis dahin bereits unterschiedliche Pläne über die Zukunft des Camps gegeben, die dessen Erweiterung ebenso in Erwägung zogen wie dessen Schließung. Letzteres stieß in der strukturschwachen Gegend auf den Widerstand lokaler Lobbyisten und gipfelte gar in Forderungen, den Truppenübungsplatz auszubauen.
Kaum zehn Jahre später änderte sich die Situation fundamental. Nun plante die Regierung tatsächlich, den Truppenübungsplatz zu erweitern, aber die Landbevölkerung begriff dies als Affront und setzte sich dagegen zur Wehr. Nach Guy Tarlier (1932–1992)Zu mehr über Tarlier und seine 2020 im Alter von 87 Jahren verstorbene Ehefrau Marizette siehe: Gentiane Goubet: Sud-Aveyron : le Larzac a dit adieu à Marizette Tarlier, sa figure emblématique, midilibre.fr, 10. September 2020, einem der frühesten Aktivisten gegen die Erweiterungspläne, fiel die Entscheidung der Regierung, „den Truppenübungsplatz zu erweitern, […] genau zehn Jahre zu spät“.Guy Tarlier, zitiert nach Wolfgang Hertle: Larzac 1971-1981, S. 15
Der behördlich provozierte Konflikt mini|Geplantes Erweiterungsgebiet (rote Linie). In der Mitte schraffiert das ursprüngliche Camp-Gebiet.Die rote Linie kennzeichnet ungefähr die Grenze der geplanten Camp-Erweiterung. Als Vorlage hierfür diente eine Karte, die auf der Webseite Larzac.org: 1971-1981 abgebildet ist. In der Kartenmitte ist als schraffiert Fläche das bis heute existierende Camp-Gelände zu erkennen. Als die Bauern noch eine Erweiterung des Truppenübungsplatzes forderten, ahnten sie vermutlich noch nichts von den bereits fortgeschrittenen Plänen der Regierung, das Übungsgebiet von 3.000 ha auf 14.000 haIn manchen Quellen ist auch davon die Rede, dass es um eine Erweiterung um 14.000 ha auf insgesamt 17.000 ha gegangen sei. zu erweitern.Wolfgang Hertle: Schwerpunkt Larzac Tatsächlich ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit rückten die Pläne erst, als am 11. Oktober 1970 André Fanton, der damalige Staatssekretär für nationale Verteidigung, auf einem Regionalkongress der gaullistischen Union pour la Nouvelle République (UDR) in La Cavalerie erstmals das Erweiterungsprojekt ankündigte. In der Folge „bildete sich ein Bündnis aus Roquefort-Industriellen, Bauernverbands-Funktionären und Lokalpolitikern“, und am 30. Januar 1971 gründete sich die Association de Sauvegarde du Larzac et de son Environnement (Verein zur Rettung des Larzac und seiner Umwelt), die im Mai 1971 ein Weißbuch mit dem Titel Les problèmes posés par l'extension du camp militaire (Die Probleme, die durch die Erweiterung des Militärlagers entstehen) veröffentlichte.Ville de Millau: Focus 1971-1981 : La lutte contre l'extension du camp du Larzac Für Philippe Artières begann mit der Gründung dieser Association der Kampf gegen die Erweiterungspläne.
Die erste Demonstration gegen die Erweiterungspläne fand am 9. Mai 1971 in Millau statt und zog von dort zum Kasernengelände in La Cavalerie. Die Teilnehmer – Naturschützer, Pazifisten und studentische Gruppen – kamen jedoch überwiegend von außerhalb, und „die Landwirte [standen] verwundert als Zuschauer am Straßenrand und fragten sich, was Fremde wohl bewegen mochte, sich für ihre Sache einzusetzen“. Dass dennoch nach und nach verschiedene Bewusstwerdungen neue Denk- und Handlungsfelder eröffneten, die den Protest nachhaltig prägten, lag unter anderem daran, dass zum einen bei vielen der alteingesessenen Landwirte ein Generationenwechsel stattfand, und zum anderen vor allem im Norden der Causse verlassene Höfe neue Eigentümer gefunden hatten.
Diese beiden von ihrer Herkunft her unterschiedlichen Gruppierungen hatten noch vor dem Mai 1968 begonnen, gemeinsam die landwirtschaftlichen Methoden auf dem Plateau zu ändern. Sie hatten landwirtschaftliche Betriebsgemeinschaften gegründet (Groupements agricoles d'exploitation en commun; GAEC), um die Ausrüstung zu kollektivieren, die Maschinen gemeinsam zu nutzen und ihre Arbeitskraft zu vereinen. Die damit in Gang gesetzte Dynamik, war eines der Fundamente, auf denen sich der Widerstand gegen die Regierungspläne entfalten konnte.
Am 23. September 1971 fand die erste selbständige Bauerndemonstration gegen die Erweiterungspläne statt, zu der sich 30 Bauern mit ihren Traktoren in La Cavalerie einfanden und nach mehreren Runden durch das Dorf Anhängerladungen mit Steinen vor dem Kaserneneingang und dem Haus des UDR-Bürgermeisters abluden.Wolfgang Hertle: Larzac 1971-1981 Doch nur einen knappen Monat später zeigte die Regierung, dass sie nicht bereit war, von ihren Plänen abzurücken. Am 28. Oktober 1971 bestätigt der Verteidigungsminister Michel Debré im Fernsehen offiziell die Erweiterung des Lagers und verband das zugleich mit einem Affront gegen die Bewohner der Causse, in dem er den Larzac als entvölkertes, steiniges Gebiet mit einer sehr unsicheren industriellen und landwirtschaftlichen Zukunft darstellte.
Debrés Fernsehauftritt beflügelte den Protest in der Region: Die Roquefort-Fabrikanten schalteten am 5. November 1971 eine ganzseitige Anzeige in Le Monde, die sich gegen die Erweiterungspläne richtete. Am darauffolgenden Tag, am 6. November, fand eine von einer lokalen Bauernorganisation organisierte Demonstration in Millau statt, an der sich 6.000 Menschen beteiligten. Am Sonntag, dem 7. November 1971 wurde in den meisten katholischen Kirchen des Bistums Aveyreon ein Hirtenbrief verlesen, mit dem sich der Klerus mit den Larzac-Bauern solidarisierte. Debré lud daraufhin Vertreter der Association und anderer Organisationen zu Gesprächen über die Larzac-Probleme ein. Von November 1971 bis April 1972 fanden insgesamt fünf Sitzungen statt, die ohne Ergebnis endeten.
Am 6. Dezember 1971 sprach sich auch der Generalrat des Aveyron gegen die Erweiterungspläne aus. Dessen Präsident wurde am 5. Februar 1972 auch Vorsitzender eines neu gegründeten Comité Départemental de Sauvegarde du Larzac.
Exkurs: Antimilitarismus, Religion, Gewaltfreiheit Die aus dem universitären und maoistischen Milieu stammenden Initiatoren der ersten Demonstration gegen die Erweiterungspläne vom Mai 1971, die mit ihrer Aktion kaum Anklang vor Ort gefunden hatten, ließen sich dadurch nicht entmutigten und führten in den Folgemonaten eine Befragung unter den Bauern durch und fassten deren Ergebnisse in der Broschüre Le Larzac aux paysans, les paysans veulent vivre zusammen, nach Hertle „eine Korrektur und Ergänzung des kurz zuvor veröffentlichten Weißbuches“. Hertle zitiert daraus den Bauer J. M. CassanCassan war einer der frühen bäuerlichen Aktivisten, der im Sommer 1971 auch mit den von außerhalb angereisten Linken sympathisierte. (Wolfgang Hertle: Larzac 1971-1981, S. 44), dessen Ausführungen seiner Meinung nach in Stil und Argumentation der bäuerlichen Denkart am ehesten nahekamen.
Die hier anklingenden antimilitaristischen Tendenzen fanden sich auch im schon erwähnten Hirtenbrief vom November 1971 wieder, der nicht nur zur Solidarität mit den um ihren Lebensraum kämpfenden Bauern aufrief, sondern auch in Frage stellte, „ob Aufrüstung, ja sogar Verteidigungskriege mit dem christlichen Gewissen vereinbar seien. Im Widerstand gegen die Rüstungsspirale läge dagegen die Hoffnung auf eine Umkehr zu menschlichem Verhalten.“ Für die überwiegend katholische Larzac-Bevölkerung war das ein starkes Signal, das aber auch heftige Reaktionen von Regierungsseite hervorrief. Jean-Ernest Ménard, Bischof von Rodez und einer der Initiatoren des Hirtenbriefes, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, Kommunisten und Maoisten das Bett zu bereiten, und in einer Rede vor der Nationalversammlung beklagte sich am 2. Mai 1972 Michel Debré unter Bezug auf den Hirtenbrief über die „Schamlosigkeit gewisser Prälaten“, die soweit gingen, sich die Frage zu stellen, „ob ein Krieg – und sei es ein Verteidigungskrieg – legitim sein könne“. Gleichwohl: Der Hirtenbrief enthielt viele Leitmotive, die den weiteren Kampf gegen die Truppenplatzerweiterung begleiteten, und für die Widerständler selber war die kirchliche Unterstützung ihres Kampfes, vor allem auch das Aufzeigen, dass Widerstand mit der christlichen Wertordnung vereinbar ist, eine Ermutigung zur Selbstbehauptung. Nach Hertle waren dies aber zunächst nur verbale Solidaritätsbekundungen, die sich erst dann politisch auswirkten und in Aktionen manifestierten, „als kirchennahe Teile der 'gewaltfreien Bewegung' den Bauern den Erfahrungsschatz gewaltfreier Aktionen näherbrachten“.
Nach Hertle war die Behauptung maoistischer Gruppen, die Larzac-Bauern bereiteten sich auf bewaffneten Widerstand vor, eine linke Legendenbildung, die aus einer Überinterpretation vereinzelter verbalradikaler Äußerungen resultiert. Ebenso legt er nahe, dass einzelne Gewaltaktionen, die es gegeben hatte, Akteuren aus dem linken Milieu zuzuschreiben waren. „Als Sprengstoffanschläge auf ein gaullistisches ParteibüroEs handelte sich um einen Anschlag mit Molotowcocktails auf das UDR-Büro in Millau im Februar 1972, zusätzlich aber auch noch um einen Anschlag auf das dortige Büro der Confédération générale du travail. (Wolfgang Hertle: Larzac 1971-1981, S. 50 f.) und einen ArmeehubschrauberDieser Anschlag ereignete sich am 19. Dezember 1971 und galt einem ausgemusterten Hubschrauber, der an der Kasernenzufahrt in La Cavalerie stand. (Wolfgang Hertle: Larzac 1971-1981, S. 50) den "Volkszorn vorantreiben" wollten, distanzierten sich die Larzac-Einwohner von gewaltsamen Widerstandsformen.“