Das PURA-Syndrom ist eine sehr seltene angeborene neuronale Entwicklungsstörung, die bereits beim Neugeborenem oder Kleinkind auffällt mit Muskelhypotonie, Essstörungen, übermäßiger Schläfrigkeit, Epilepsie, und Entwicklungs- und Sprachverzögerung. Abgesehen von Hypotonie, welche fast alle Patienten betrifft, treten die Symptome in unterschiedlicher Häufung auf. Die Gendefekte treten im Allgemeinen als de novo Mutationen auf.

Synonyme sind: PURA-bedingte neurologische Entwicklungsstörung, .

Patienten mit Deletionen des genomischen Lokus, welcher das PURA-Gen einschließt, haben das sogenannte 5q31.3 deletion syndrome. Ihre Symptome unterscheiden sich von Patienten mit klassischen PURA-Syndrom.

Das PURA-Syndrom wurde erstmals im Jahre 2014 zeitgleich von den US-amerikanischen Ärzten Seema Lalani und Mitarbeitern (Baylor College of Medicine, USA) sowie den britischen Ärzten David Hunt und Diana Baralle (University of Southampton, UK) beschrieben. Diesen Studien lagen zusammen 15 Fälle vor, darunter Hypotonie bei Neugeborenen, (oft – aber nicht immer – mit Epilepsie einhergehend) und schwere Entwicklungsverzögerung.S. R. Lalani, J. Zhang, C. P. Schaaf et al.: Mutations in PURA cause profound neonatal hypotonia, seizures, and encephalopathy in 5q31.3 microdeletion syndrome. In: American Journal of Human Genetics. Band 95, Nummer 5, November 2014, S. 579–583, doi:10.1016/j.ajhg.2014.09.014, PMID 25439098, .

Verbreitung Die Häufigkeit ist nicht bekannt, bislang wurde in der Literatur über 100 Betroffene berichtet. Schätzungen zufolge ist der PURA-Gendefekt die Ursache für 1 % aller Fälle von Entwicklungsverzögerungen. Die Vererbung erfolgt autosomal-dominant.

Es werden immer wieder Patienten entdeckt, bei denen entweder lange Zeit keine Diagnose gestellt wurde, oder bei denen fälschlicherweise andere Krankheiten (wie das Angelman-Syndrom) mit ähnlichem Erscheinungsbild diagnostiziert wurden. Bis zum April 2025 hat die US-basierte PURA-Syndrom-Stiftung () weltweit über 750 Patienten anerkannt. Es ist unbekannt, inwieweit Patienten mit PURA-Syndrom eine verkürzte Lebenserwartung haben. Die ältesten genetisch diagnostizierten Patient sind jedoch über 50 Jahre alt.

Ursache Der Erkrankung liegen Mutationen im PURA-Gen auf Chromosom 5 auf Genort q31.3 zugrunde. Dieses auch als MRD31, PUR-ALPHA, PURALPHA oder PUR1 bezeichnete Gen kodiert für das „Purin-reiche-ssDNA bindende Protein alpha“ ( , alias ), auch Transkriptionsaktivator-Protein Pur-alpha ().MGI: MGI Pura: purine rich element binding protein A.PURA 2021 wurde die Vereinheitlichung der Nomenklatur entsprechend internationaler Konventionen vorgeschlagen. Seitdem setzt sich in der Literatur zunehmend die Bezeichnung PURA-Protein, analog zum PURA-Gen, durch.

Dieses Gen ist essentiell für die Bildung des DNA- und RNA-Bindeproteins PURA, das die Aktivitäten tausender anderer Gene steuert. Frühere Behauptungen, dass PURA für die Replikation von Genen unerlässlich sei, wurden jedoch nicht bestätigt. Es gibt Anzeichen dafür, dass PURA wichtig ist für die normale Entwicklung des Gehirns, indem es möglicherweise das Wachstum und die Teilung von Neuronen steuert, sowie die Bildung und Reifung von Myelin bewirkt, einer Substanz, die die Nerven schützt und eine effiziente Übertragung von Nervenimpulsen fördert.Margot R. F. Reijnders, Richard J. Leventer, Bo Hoon Lee, Diana Baralle, Paulo Selber, Alex R. Paciorkowski, David Hunt: PURA-Related Neurodevelopmental Disorders. In: Margaret P. Adam, Holly H. Ardinger, Roberta A. Pagon, Stephanie E. Wallace (Hrsg.): GeneReviews®, University of Washington, Seattle, 1993; PMID 28448108, Epub 27. April 2017 (). Diese Hypothesen bedürfen jedoch weiterer Forschung, bevor man sie als gesichert werten kann.

Klinische Erscheinungen Patienten mit dieser Störung (in der Regel Kinder, aber auch Erwachsene) zeigen in der Regel folgende Symptome:

ausgeprägt verzögerte Entwicklung verlangsamtes Sprechen Gleichgewichtsstörungen und Gehschwierigkeiten (Betroffene lernen das Gehen möglicherweise später als der Durchschnitt oder werden sogar nie gehfähig) Hypotonie Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme (mit Dysphagie, d. Schluckstörung als eine der Ursachen) Epilepsie Exzessive Tagesschläfrigkeit Chronische Hypothermie (Unterkühlung) Apnoe (Atemstillstand) Hypoventilation Kyphose und Skoliose (verschiedene formen der Wirbelsäulenverkrümmung) Sehstörungen, insbesondere Strabismus (Schielen) und Nystagmus (Augenzittern) Atemprobleme verschwinden oft nach dem ersten Lebensjahr. Bei klinischen Eingriffen sind Besonderheiten aufgrund der Symptomatik zu beachten. So wurde für die Anästhesie von PURA-Patienten bereits eine Empfehlung erarbeitet.

Diagnostik Eine gesicherte Diagnostik ist ausschließlich über eine Genomanalyse (idealerweise von Patient und den Eltern) in einer dafür anerkannten Institution möglich.

Differentialdiagnostik Abzugrenzen sind das Angelman-Syndrom, die Myotone Dystrophie Typ 1, das Pitt-Hopkins-Syndrom, Prader-Willi-Syndrom, Rett-Syndrom sowie das Undine-Syndrom.

Weblinks PURA Deutschland, Homepage. Rare Diesease Day, zum 29. Februar 2024 (rarediseaseday.org). Dierk Niessing: Allgemeine Informationen für Patientenfamilien zum PURA Syndrom. Universität Ulm, Institute of Pharmaceutical Biotechnology. Stand: 13. April 2025. Dazu: Maja Nötzel: Dem Gendefekt auf der Spur: PURA-Syndrom: So hilft ein Ulmer Forscher betroffenen Familien. Auf swr.de, Stand 1. März 2024. K. Rubin, E. Sigler: PURA syndrome. In: Anästhesiologie & Intensivmedizin, Band 63, Nr. 11, OrphanAnesthesia, September 2022; doi:10.19224/ai2022.s257 ().

Einzelnachweise

Kategorie:Erbkrankheit Kategorie:Neurodegenerative Erkrankung Kategorie:Seltene Krankheit Kategorie:Krankheitsbild in der Kinderheilkunde