Die Gegend mit der Bezeichnung Les Prés d’Orvin ist eine Berglandschaft im Schweizer Juragebirge und ein Naturschutzgebiet im Kanton Bern. Sie liegt grösstenteils auf dem Gebiet der Gemeinde Orvin und mit einem kleinen Abschnitt in der Nachbargemeinde Nods, die beide zum Verwaltungskreis Berner Jura gehören. Das Gebiet ist von einem Sekundärbiotop mit halboffenen Bergwiesen und einer artenreichen Vegetation geprägt, das seit 2010 durch das Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung (TWW) geschützt und zudem in der Weltdatenbank der Schutzgebiete (WDPA) als Biotop- und Artenschutzgebiet der IUCN-Kategorie IV ausgewiesen ist.
Der französische Name Les Prés d’Orvin bedeutet auf Deutsch „Die Wiesen von Illfingen“; frz. pré stammt von lateinisch prātum „Wiese“ ab, und „Illfingen“ ist der alte, heute nicht mehr gebräuchliche deutsche Name der Ortschaft, die im französischsprachigen Gebiet der Romandie liegt.Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 687. Im lokalen Sprachgebrauch nannte man früher das Berggebiet einfach Les Prés.Robert Gerber: Le folklore d'un village jurassien (Orvin sur Bienne). In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, 24. Jg., 1922–1923, S. 73–98, hier S. 83. Der Flurname bezeichnet das durch Rodung im ursprünglichen Bergwald oberhalb des Dorfes Orvin gewonnene Weideland am Südhang einer markanten Bergkette des Faltenjuras. Diese Erhebung erreicht sieben Kilometer weiter südwestlich mit dem Gipfel des Chasseral auf ihren höchsten Punkt und endet sechs Kilometer östlich der Prés d’Orvin in der Schlucht von Frinvillier auf Der Gebirgsraum liegt im Landschaftsschutzgebiet des Naturparks Parc régional Chasseral.
Weit oben an der Bergstrasse vom Dorf zum Weideland, die auch als Verbindungsstrasse nach Nods dient, entstand im 20. Jahrhundert eine Streusiedlung, die vorwiegend aus Ferienhäusern besteht und den Siedlungsnamen Les Prés-d’Orvin erhielt, der zur Unterscheidung vom Flurnamen Les Prés d’Orvin mit einem Bindestrich geschrieben wird. Die zerstreuten Bereiche des TWW-Schutzgebiets erstrecken sich über die noch nicht von der unkontrollierten Siedlungsentwicklung erfassten und kaum durch intensive Landwirtschaft beeinträchtigten naturnahen Flächen neben dem Feriendorf.
Landschaft Geologie Die Chasseral-Antiklinale ist eine deutlich ausgeprägte, hohe Falte des Juragebirges. Mesozoische Sedimente des Oberjuras wurden im Erdzeitalter des jüngeren Tertiärs während der Bildung der Alpen zusammengepresst und in die Höhe gehoben. Das Gebirge besteht aus mächtigen verformten Schichtpaketen von Malmkalk, Hauptrogenstein und Muschelkalk. Am Südhang des Chasseral entstand im gleichen Zeitraum der kurze Höhenzug des Spitzbergs (französisch Mont Sujet) als eine etwas weniger hohe Nebenfalte. Dazwischen liegt das Tal Prés Vaillons, eine kleine Synklinale mit der Alpsiedlung Métairie de Prêles (deutsch „Sennerei von Prägelz“) und dem Feriendorf Prés-d’Orvin.Jürg Aufranc (u. a.): Atlas géologique de la Suisse 1:25'000. Feuille 1125 Chasseral. Notice explicative. Wabern 2017, S. 111. mini|Felsboden in einem aufgelichteten Waldstück Der Felsboden im Gebiet der Prés d’Orvin besteht aus Kalkbänken der so genannten Günsberg- und Twannbach-Formationen aus der Stufe des Kimmeridgiums, die vor ca. 157 bis 152 Millionen Jahren entstanden. Die auf ältere Gesteine überschobenen Schichten steigen vom Bielersee gegen Nordwesten bis auf die Krete der Chasseralkette ziemlich gleichmässig an und bilden im oberen Abschnitt eine leicht geneigte Fläche, die auf einer stellenweise nur dünnen Lage von Rendzinaboden heute teils von Bergwald und dank der jahrhundertelangen Weidewirtschaft teils von offenem Magerrasen bedeckt ist.Jürg Aufranc (u. a.): Atlas géologique de la Suisse 1:25'000. Feuille 1125 Chasseral. Notice explicative. Wabern 2017, S. 47. Da und dort ragen kleine Felsschuppen, die manchmal Rillenkarren aufweisen, und Ansammlungen von verwittertem Geröll aus der Grasnarbe heraus.Daniel Aubert: Phénomènes et formes du Karst jurassien. In: Eclogae Geologicae Helvetiae, 62. Jg., 1969, S. 325–396.
Hydrogeologie Obwohl das Chasseralmassiv wegen seiner Geländehöhe eine Zone mit relativ hohen Niederschlagsmengen ist,Lukas Hauber, Urs Pfirter: Erläuterungen zur Hydrogeologischen Karte der Schweiz 1:100'000. Blatt 4. Zürich 1992, S. 20. entstehen auf dem Berg keine Oberflächengewässer. Die Karbonatgesteine sind sehr stark verkarstet, was etwa an den zahlreichen Einsturztrichtern (Dolinen) am Mont Sujet und in den Senken nördlich der Wasserscheide Crête de Jobert über den Bergweiden zu sehen ist. Das Berggebiet entwässert deshalb unterirdisch zu den tiefen Flusstälern hinunter. Das oberhalb von Orvin versickerte Felsgrundwasser erreicht in östlicher Richtung zum Teil das fünfhundert Meter tiefer gelegene Tal der Orvine, die bei Frinvillier in die Schüss mündet, vor allem aber durch Klüfte und Schichtfugen im Gebirge direkt die offenen Kalkflanken der Klus von Rondchâtel mit der Merlinquelle und viel weiter unten möglicherweise sogar noch die «Römerquelle» in der Stadt Biel.Jürg Aufranc (u. a.): Atlas géologique de la Suisse 1:25'000. Feuille 1125 Chasseral. Notice explicative. Wabern 2017, S. 124. Mit Färbversuchen wurde nachgewiesen, dass die Bergweiden von Orvin zum Einzugsbereich der Merlinquelle gehören. Aus dieser ergiebigen Quelle bezog die Stadt Biel seit 1879 den grössten Teil des Trinkwassers; 2005 verzichteten die Stadtwerke wegen der zunehmenden Verunreinigung des Sickerwassers durch die Viehhaltung auf den Bergweiden und das Abwasser aus der Feriensiedlung darauf.Votre eau potable d'ESB auf esb.ch, abgerufen am 8. März 2024. Das Grundwasser aus dem Scheitelbereich der Chasseralkette, also vielleicht auch aus dem obersten Abschnitt der Prés d’Orvin, fliesst durch Störungen im Kalkgestein gegen Norden ab und speist andere Karstquellen von Zuflüssen der Schüss im Sankt-Immer-Tal.Lukas Hauber, Urs Pfirter: Erläuterungen zur Hydrogeologischen Karte der Schweiz 1:100'000. Blatt 4. Zürich 1992, S. 46. Der westliche Teil des Schutzgebiets Les Prés d’Orvin rund um die Alpsiedlung Métairie de Prêles befindet sich über dem unterirdischen Einzugsgebiet des Twannbachs, der in den Bielersee mündet.Lukas Hauber, Urs Pfirter: Erläuterungen zur Hydrogeologischen Karte der Schweiz 1:100'000. Blatt 4. Zürich 1992, S. 43.Rolf F. Rutsch, Werner Schwab, Hans Thalmann: Zur Karsthydrogeologie im südlichen Berner Jura. In: Eclogae Geologicae Helvetiae, 62. Jg., 1969, S. 285–302. mini|Halboffene Weidelandschaft der Prés d’Orvin Geografie Das Weidegebiet Les Prés d’Orvin liegt auf etwa am 3,5 Kilometer langen mittleren Abschnitt der Chasseral-Südflanke, wo sich das sanft zum Bergkamm ansteigende Gelände gut zur Viehsömmerung eignet. Die Wiesen im Schutzgebiet verteilen sich über die Höhenstufe von an der Zufahrtstrasse Route des Prés-d’Orvin bis auf der Wasserscheide über dem Weidegebiet Plans Dessus (was auf Deutsch „Oberer Boden“ bedeutet). Die steilen Berghänge westlich und östlich davon konnten dagegen nicht als Grasland erschlossen werden und tragen noch immer zusammenhängende Waldflächen, die an unzugänglichen Stellen ursprüngliche Primärbiotope enthalten. Im Osten schliesst die deutlich steilere, bewaldete Bergflanke La Gaudine-Bois des Râpes an die offene Wiesenlandschaft an. Der alte Gemeindewald von Orvin erstreckt sich bis zur hoch aufragenden Felswand Les Roches („Die Felsen“) oberhalb des Dorfes, das auf der Höhe von und somit ungefähr fünfhundert Meter weniger hoch liegt als das Areal der Bergweiden.
Weiter südwestlich liegen auch im Gemeindegebiet von Nods auf einer verhältnismässig schwach ansteigenden Zone der Bergkette offene Weideflächen. Abseits der von den Sennereien Métairie de Prêles, Les Colisses und La Citerne intensiv genutzten Alpweiden ist weit oben am Bergkamm eine andere wertvolle Magerwiese erhalten geblieben, die als Naturschutzgebiet La Citerne in der Liste der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung im Kanton Bern ausgewiesen ist.Objektblatt «La Citerne» im Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung. Dieses isolierte Biotop ist einen Kilometer von den Prés d’Orvin entfernt. mini|Zerfallene Trockenmauer und neuer Weidezaun auf Plans Dessus bei Orvin mini|Alte Steinmauer Die schnurgerade Gemeindegrenze vom Tal Prés Vaillons zum Bergkamm hinauf ist mit einer kilometerlangen trocken aufgeschichteten Mauer aus Blöcken des örtlich vorkommenden Kalksteins markiert. Solche Mauern dienten früher zur Abgrenzung der einzelnen Weidereviere, auf denen sich das Vieh zum Grasen frei bewegen konnte. Die aus dem bankigen, verkarsteten Felsen gelösten oder in den Weideflächen aufgelesenen Steine eignen sich mit ihrer oft plattenartigen Form gut zum Aufbauen der hohen Weidemauern. Wegen der andauernden wetterbedingten Korrosion des Gesteins, der Wirkung von Pflanzen und Tieren und aus andern Ursachen verlieren die Mauern allmählich den Halt und fallen in sich zusammen. Statt sie mühevoll wieder aufzurichten, bevorzugten die Landwirte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Einzäunen der Weiden mit Stacheldraht und neuerdings mit elektrischen Weidezäunen; und so ging das Wissen um die Bautechnik des einst nützlichen Mauerwerks bei der lokalen Bevölkerung verloren. Erst in jüngster Zeit finden die zahlreich auf den Anhöhen des Jura stehenden Trockensteinmauern wieder eine Wertschätzung als Element der traditionellen Kulturlandschaft.Christiane Yvelin: Les murs de pierres sèches dans le paysage jurassien. Société de Géographie de Genève, 14. November 2022. Sie sind mit den vielen Nischen und Ritzen auch als Biotop für die Kleintierfauna, kleine Raubtiere und die Vögel und als Substrat für Flechten und Moose nützlich. Seit 2018 sind die historischen Kulturtechniken des Trockenmauerwerks einiger europäischer Länder in der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO verzeichnet.Trockenmauerbau in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. In: Stiftung Umwelteinsatz. Im Juragebirge werden die vielen das Landschaftsbild prägenden Mauern mancherorts durch neu geschulte Fachleute und mit der Förderung durch externe Geldgeber wie der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz wieder aufgebaut.Les murs de pierres sèches du Jura ressuscitent un savoir-faire ancestral. auf batimag.ch, 21. September 2021, abgerufen am 2. März 2024.Murs en pierres sèches. Canton de Vaud. 2021, abgerufen am 18. März 2024.
Südlich von Les Prés d’Orvin liegt das TWW-Objekt Combe Gaumé auf dem hohen Spitzberg (Mont Sujet).Objektblatt «Combe Gaumé» im Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung. Und auch die kleinen Flächen Les Lavettes und Crêt sor Neuchâtel in der Nähe von Orvin sind als wertvolle Trockenwiesen durch das Bundesinventar geschützt.Objektblatt «Les Lavettes» im Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung.Objektblatt «Crêt sor Neuchâtel» im Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung.
Während die höheren Weidegebiete vorwiegend offenes Grasland aufweisen, ist die etwas tiefer gelegene Geländestufe teilweise von lockeren Baumgruppen und Gebüsch bedeckt, was diesem Teil der Landschaft den Charakter von Waldweiden gibt. Im 20. Jahrhundert hat sich das Gehölz wegen Änderungen in der Alp- und Forstwirtschaft stellenweise stark ausgebreitet und die Lebensgemeinschaften der Wiesen zurückgedrängt. Der heute teilweise überbaute flache Talboden östlich von Prés Vaillons zwischen dem Chasseralrücken und dem Mont Sujet mit dem Namen Plan Dessous, was auf Deutsch „Unterer Boden“ bedeutet, war ursprünglich ein gutes Weidegebiet. mini|Hausinschrift der Métaire Pré Carrel