Der vorzeitige Samenerguss ( „frühzeitiges Auswerfen“; auch vorzeitige Ejakulation) ist eine sexuelle Störung des Mannes, bei der der Samenerguss (Ejakulation) zu frühzeitig erfolgt, teilweise direkt nach dem Einführen des erigierten Penis in die Vagina, ohne dass dies mit einem lustvollen Orgasmus für die Partnerin verbunden wäre. Der vorzeitige Samenerguss kann negative Folgen für beide Partner haben, da der Geschlechtsverkehr aufgrund der Refraktärphase sowie dem Nachlassen der Erektion nach dem Samenerguss in der Regel nicht direkt weitergeführt werden kann, was wiederum langfristig zu verminderter sexueller Zufriedenheit, Leidensdruck und Partnerschaftskonflikten führen kann.
Es ist die häufigste sexuelle Funktionsstörung bei Männern unter 60 Jahren (Prävalenz: bis zu 30 Prozent). Die bisher größte international durchgeführte Studie zu vorzeitigem Samenerguss kommt zu dem Ergebnis, dass ca. 20 Prozent der Männer betroffen sind.
Merkmale Bei der Ejaculatio praecox handelt es sich um eine sexuelle Funktionsstörung, die durch eine vorzeitige Ejakulation während des Geschlechtsverkehrs oder anderer Stimulationen gekennzeichnet ist. Es gibt verschiedene Definitionen mit unterschiedlich strengen Kriterien, v. a. in Bezug auf die Zeitspanne bis zur Ejakulation. Die meisten Definitionen umfassen jedoch drei Kriterien:
Die Ejaculatio praecox ist dadurch gekennzeichnet, dass die Zeit vom Eindringen des Penis in die Vagina bis zum Samenerguss als zu kurz wahrgenommen wird, der Betroffene die Ejakulation nicht ausreichend kontrollieren kann (etwa um einen Coitus interruptus zu bewerkstelligen, um den eigenen Orgasmus zu verzögern oder weil postkoitale Müdigkeit beim Mann dazu führen kann, dass die Frau nicht bis zum Orgasmus stimuliert wird) und dass daraus ein erheblicher persönlicher Leidensdruck entsteht, der durch Angst, Frustration, Probleme in der Partnerschaft oder den Verzicht auf Sex gekennzeichnet ist.
In der aktuellen Leitlinie zur Diagnose und Behandlung des vorzeitigen Samenergusses von 2010 findet sich darüber hinaus die evidenzbasierte Definition der lebenslangen Form des vorzeitigen Samenergusses, die 2007 von der International Society of Sexual Medicine gemeinsam mit Experten entwickelt wurde. Demnach ist Ejaculatio praecox eine sexuelle Funktionsstörung des Mannes mit folgenden Merkmalen: Ejakulation erfolgt immer oder fast immer vor oder innerhalb von etwa einer Minute nach Einführen des Gliedes in die Scheide die Unfähigkeit zur Verzögerung der Ejakulation bei jeder oder fast jeder vaginalen Penetration negative persönliche Folgen, beispielsweise Leidensdruck, Ärger, Frustration und/oder Vermeidung sexueller Intimität.
Bei der schwersten Form des vorzeitigen Samenergusses erfolgt die Ejakulation bereits vor dem Einführen des Gliedes. Man spricht dann von Ejaculatio ante portas. Bei gesunden Männern kommt es durchschnittlich nach 5,4 Minuten nach Eindringen des Penis in die Partnerin zum Samenerguss.
Besonders wichtig bei der Diagnose ist immer auch das persönliche Empfinden des Betroffenen. Viele Männer leiden unter vorzeitiger Ejakulation, auch wenn sie nicht die strengen Kriterien der Störung erfüllen.
Klinische Einordnung Im Allgemeinen wird die Ejaculatio praecox zu den Ejakulationsstörungen des Mannes gezählt. Diese Einordnung ist allerdings nach Ansicht verschiedener Sexualmediziner umstritten, da es sich hierbei nicht um eine gestörte Ejakulation handelt, sondern um eine vorzeitige. Durch Studien ist jedoch mehrfach belegt, dass sich die Ejaculatio praecox erheblich negativ auf die Partnerschaft auswirken kann. Wie der verzögerte Orgasmus und die Anorgasmie wird sie entsprechend in der neueren Literatur den Orgasmusstörungen zugeordnet. In der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird sie unter dem übergeordneten Code HA03.0 geführt. Die Klassifizierung wird von Experten erstellt und dient dazu, dass Diagnosen und Heilung erleichtert werden.
Historische Sichtweise Die erste Beschreibung der Ejaculatio praecoxWilliam B. Ober: The Earl of Rochester and Ejaculatio Praecox. In: William B. Ober: Boswell’s Clap and Other Essays. Medical Analyses of Literary Men’s Afflications. Southern Illinois University Press, Carbondale 1979; Taschenbuchausgabe: Allison & Busby, London 1988. Neuauflage: ebenda 1990, ISBN 0-7490-0011-2, S. 233–252. erfolgte durch Karl Abraham unter dem Titel Über Ejaculatio praecox 1917 in der Internationalen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. Abraham interpretierte den vorzeitigen Samenerguss primär als Ausdruck einer kindlich fixierten Urethralerotik, was er vor allem mit der Beobachtung begründete, dass die erogene Zone bei Männern, die unter dem vorzeitigen Samenerguss leiden, nicht die Glans penis, sondern die Harnröhre und der Damm seien. Außerdem sei es typisch, dass bei der Ejakulation der Samen aus dem Penis eher fließe, wie Urin:
Hinter der Störung vermutete Abraham in Anlehnung an die Sexualtheorien Sigmund Freuds ein ambivalentes Verhältnis zur Mutter, verdrängte Aggressionen und eine Kastrationsangst im Zusammenhang mit traumatischen Kindheitserlebnissen.
Forschungen zur Ejaculatio praecox stellte in den 1920er Jahren Bernhard Schapiro, Nachfolger von Arthur Kronfeld am Institut für Sexualwissenschaft in Berlin, an. Mit der Hamburger Firma Promonta entwickelte er das Präparat Praejaculin zur Behandlung des vorzeitigen Samenergusses.Götz Borgwardt: Bernhard Schapiro (1888–1966): Talmudgelehrter – Arzt – Wegbereiter der Hormonbehandlung des Kryptorchismus. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 23, 2004, S. 402 f. In das öffentliche Blickfeld rückte die Ejaculatio praecox jedoch erst in den 1970er und frühen 1980er Jahren, in denen eine große Anzahl von Studien, Beschreibungen, Diagnose- und Ursachenmodellen sowie Therapievorschlägen veröffentlicht wurde.
Epidemiologie Die Ejaculatio praecox gehört zu den häufigsten sexuellen Funktionsstörungen des Mannes. Je nach Definition bzw. Studiendesign sind zwischen 3 und 30 Prozent der Männer von vorzeitigem Samenerguss betroffen. Jedoch gehen nicht einmal 10 Prozent der Betroffenen zum Arzt.
Die Diskrepanz zwischen der Anzahl der betroffenen Männer und der Anzahl der Männer, die Hilfe suchen, lässt sich wahrscheinlich vor allem mit der Scheu der Betroffenen erklären, ein solch intimes Problem preiszugeben. Viele wissen auch nicht, dass der Facharzt für Urologie und Sexualmedizin der richtige Ansprechpartner ist. Einige Betroffene haben möglicherweise auch gemeinsam mit ihrer Partnerin einen Weg gefunden, wie der vorzeitige Samenerguss weniger Probleme bereitet. Dabei gibt es Paare, bei denen die rasche Ejakulation nicht als Problem empfunden wird, sowie solche, bei denen die Frauen die Schnelligkeit sogar als angenehm empfinden, da sie selbst nur sehr wenig Interesse an sexuellen Begegnungen haben. Andererseits gibt es ebenso Paare, für die die Ejaculatio praecox eine große Belastung für die Partnerschaft darstellt und auch bei der Partnerin zu sexuellen Funktionsstörungen, wie z. B. Lustlosigkeit oder Orgasmusschwierigkeiten, führen kann.
Anthropologische Erklärung Es bestehen Zweifel, ob eine physiologische Reaktion, von der 20 bis 30 % der Menschheit betroffen sind, überhaupt als Störung klassifiziert werden sollte (häufiger als beispielsweise Linkshändigkeit, siehe dort). Im Tierreich kommt es bei verschiedenen Arten zur Haremsbildung, bei der ein vorherrschendes Männchen (Silberrücken usw.) einen Harem aus weiblichen Tieren kontrolliert (Polygynie bei Herdentieren mit männlichem Leittier wie Menschenaffen, Robben usw.Wolfgang von Buddenbrock: Das Liebesleben der Tiere. Athenäum, Bonn 1953.). Der Kopulationsvorgang dieser Leittiere dauert mitunter länger an (bei Schimpansen beobachtet von Jane GoodallJane Goodall: The Chimpanzees of Gombe: Patterns of Behavior. Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge MA 1986, ISBN 0-674-11649-6.). Andere Männchen sind dann gezwungen allein oder in Junggesellen-Horden das Terrain zu bevölkern, wobei Kohortenbildung (Gruppenbildung) bei der Jagd eher zum Erfolg führt.Norbert Bischof: Das Rätsel Ödipus. Die biologischen Wurzeln des Urkonfliktes von Intimität und Autonomie. Piper, München / Zürich 1985, ISBN 3-492-02962-0; Volltext. (PDF; 57 MB) ub.uni-muenchen.de Will nun so ein sexuell agiles (Jung)-Männchen aus der Junggesellen-Bande ein derart bewachtes Weibchen begatten, so führe das nur dann zum Erfolg, wenn der Begattungsvorgang möglichst schnell erfolgt (ebenfalls bei Schimpansen beobachtet). Ein schneller Samenerguss wäre demnach ein Relikt eines derartigen Sozialverhaltens einer Urmenschen-Herde. Da beide Varianten (Haremswächter und schneller Liebhaber) zu Nachkommen führten, hätten sie sich evolutionär erhalten.Erik Ernst Schwabach: Die Revolutionierung der Frau (= Bibliothek der Frauenfrage in Deutschland nach Sveistrup/v. Zahn-Harnack. HQ 40/00764 / Historische Quellen zur Frauenbewegung und Geschlechterproblematik. Band 40). Der Neue Geistverlag, Leipzig 1928.Alison Jolly: Lucy’s Legacy. Sex and Intelligence in Human Evolution. Harvard University Press, Cambridge MA / London 1999, ISBN 0-674-00069-2. Für eine evolutionäre Anpassung spricht, dass vorzeitiger Samenerguss teilweise vererbt werden kann.Vorzeitiger Samenerguss kann ererbt werden. focus.de, 19. November 2013; abgerufen am 8. Dezember 2020.Patrick Jern, Pekka Santtila, Katarina Witting, Katarina Alanko, Nicole Harlaar, Ada Johansson, Bettina Von Der Pahlen, Markus Varjonen, Nina Vikström, Monica Ålgars, Kenneth Sandnabba: Premature and Delayed Ejaculation: Genetic and Environmental Effects in a Population-Based Sample of Finnish Twins. In: The Journal of Sexual Medicine, Band 4, Nr. 6, S. 1739–1749; jsm.jsexmed.org
Ursachen und Formen Die Ursachen der Ejaculatio praecox sind noch nicht vollständig geklärt. In den letzten 20 Jahren hat man jedoch große Fortschritte auf dem Gebiet der Ursachenforschung gemacht. Man geht inzwischen davon aus, dass der vorzeitige Samenerguss teilweise körperliche bzw. neurobiologische Ursachen haben kann. Davor war vermutet worden, dass die Ejaculatio praecox rein psychologische Ursachen hat. Diese Ansicht gilt inzwischen jedoch als veraltet.
Man unterscheidet zwischen der lebenslangen (primären) und der erworbenen (sekundären) Form der Ejaculatio praecox. Bei der lebenslangen Form besteht der vorzeitige Samenerguss seit Beginn der sexuellen Aktivität. Dabei kann die Kontrolle auch bei der Masturbation eingeschränkt sein. Aktuelle Untersuchungen vermuten einen teilweise genetisch bedingten, veränderten Serotoninhaushalt als Ursache. Die erworbene Form hingegen ist meist die Folge einer Grunderkrankung, wie z. B. erektile Dysfunktion, Prostataentzündung, Schilddrüsenerkrankung oder psychische Beschwerden. Sie tritt erst mit der Zeit auf. Es gab also eine Phase mit normaler Ejakulation.
Stress und Probleme in der Paarbeziehung stellen einen weiteren Komplex der Ursachenmodelle dar. Bei vielen Betroffenen lassen sich Streit und Stress in der Partnerschaft feststellen, wobei diese auch die Ursache der erworbenen Form der Funktionsstörung sein können. Diese Konflikte können sich zusätzlich negativ auf die lebenslange Form der sexuellen Störung auswirken. Das bedeutet, dass sich der vorzeitige Samenerguss verschlimmert.
Diagnostik Überblick