Die Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Halle (abgekürzt: BVfS Halle) war eine regionale Außenstelle des Ministeriums für Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik, gemeinhin bekannt als „Stasi“. Der Hauptsitz befand sich seit 1971 in Halle-Neustadt am Gimritzer Damm. Zuletzt arbeiteten dort 3.170 hauptamtliche Mitarbeiter, 750 davon im operativen Dienst. Hinzu kamen 11.089 inoffizielle Mitarbeiter.1.8 Bezirksverwaltung (BV) Halle (Saale), in: Stasi-Unterlagen-Archiv, eingesehen am 1. März 2024. Gemessen an der Zahl ihrer 23 Kreisdienststellen war sie die größte Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in der DDR.
Die BVfS Halle wurde 1952 im Zuge einer Verwaltungsreform gegründet und war bis zu ihrer Auflösung Ende 1989 tätig. Neben repressiven Überwachungsmaßnahmen gegen die Bevölkerung zählte die Vertuschung von Umweltbelastungen durch die Kombinate des Chemie-Dreiecks (Buna, Leuna, Bitterfeld)Ute Semkat: Geheime Stasi-Verschlußsache Chemie. In: Welt vom 17. Oktober 1997, eingesehen am 1. März 2024. zu ihren Haupttätigkeitsfeldern. Eine weitere Aufgabe war die Umsetzung der Direktive 1/67, die im Mobilmachungsfall die Überführung oppositioneller DDR-Bürger in Isolierungs- und Internierungslager vorsah.Thomas Auerbach, Wolf-Dieter Sailer: Vorbereitung auf den Tag X. Die geplanten Isolierungslager des MfS. BStU, 3., durchgesehene Auflage, Berlin 2000. ISBN 978-3-942130-41-7 (pdf).Hubertus Knabe: Die geheimen Lager der Stasi. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 4/93, S. 23–34. Zuständig war sie auch für die Spionage in Teilen der Bundesrepublik (Niedersachsen, unter anderem in Borkum, Emden sowie Aurich, und Baden-Württemberg, unter anderem in Stuttgart). Die Stasi in Baden-Württemberg. In: Stasi-Unterlagen-Archiv, eingesehen am 24. Mai 2025. Die BVfS Halle war auch sehr aktiv in Bezug auf die zahlreichen Besuche Hans-Dietrich Genschers in seiner Heimat.
Nach der Besetzung am 5. Dezember 1989 durch Teilnehmer der Montagsdemonstrationen verlor die Bezirksverwaltung ihre Funktion. Als Besonderheit wurde 1992 eine Liste mit den Klar- und den Decknamen von 4.500 Inoffiziellen Mitarbeitern der BVfS Halle publiziert; diese wurde u. a. in der Bild-Zeitung gedruckt.
Das ehemalige Hauptgebäude wurde von 1995 bis 2016 vom Finanzamt genutzt. Seit seinem LeerstandAlexander Schierholz: Die Stadt der Spitzel: So sah es in der Stasi-Zentale in Halle aus. In: Mitteldeutsche Zeitung vom 23. März 2018. wird nach einer Möglichkeit für eine langfristige Nachnutzung gesucht.Michael Falgowski: Ehemaliges Finanzamt in Halle: Was wird aus Halles alter Stasi-Zentrale?. In: Mitteldeutsche Zeitung vom 2. Februar 2017, eingesehen am 1. März 2024. Ein Nebengebäude beherbergt seit 1992 die Außenstelle Halle des Bundesarchivs mit etwa 7000 laufenden Metern an Unterlagen.Stasi-Unterlagen-Archiv Halle. In: Stasi-Unterlagen-Archiv, eingesehen am 1. März 2024.
Standort mini|Plan der BVfS Halle, Ausbaustand 1989, mit Posten für den Verteidigungsfall
Lage und Vorgeschichte Die BVfS Halle (Saale) befand sich zunächst am Robert-Franz-Ring in Halle.Staatssicherheit in Halle, in: Haft in der DDR, eingesehen am 1. März 2024. Im Jahr 1971 zog sie auf das etwa 8 bis 10 Hektar große Grundstück zwischen Halle und Halle-Neustadt am Gimritzer Damm um. Die Bauten der Bezirksverwaltung wurden auf einer Höhe von westlich der Peißnitzinsel errichtet. Der Gebäudekomplex befand sich auf einer Stelle, die auf fast gleicher Höhe über der Saale-Aue, direkt gegenüber der etwa 850 m entfernten Burg Giebichenstein (), einer 961 erstmals genannten Burganlage, liegt. Schon durch ihre Lage an der nordwestlichen Ecke von Halle-Neustadt war die BVfS für die beiden Städte Halle und Halle-Neustadt zuständig, was im Laufe der Zeit durch die Unterstellung von drei Kreisdienststellen realisiert wurde. Dabei hatte die Kreisdienststelle Halle ihren Sitz im Zentrum der Altstadt der Bezirkshauptstadt Halle. Diese wurde von 1954 bis 1973 unter der Bezeichnung „KD Halle-Saalkreis“ geführt und 1973 in die „KD Halle“ und die „KD Saalkreis“ getrennt. Dienstort der KD Saalkreis wurde ein separates Gebäude in der Dr.-Richard-Sorge-Str. 18/19 (heute Luisenstraße 18–19) auf dem gemeinsamen Grundstück mit der KD Halle. Als Besonderheit verfügte die „KD Saalkreis“ über keine Kreisstadt.Die Kreisdienststelle Saalkreis der BV Halle, in: Stasi-Unterlage-Archiv, eingesehen am 1. März 2024. Diese Neugliederungen wurden durch das stetige Ansteigen der Einwohnerzahl infolge des Baus der Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt seit 1964 verursacht.Die Kreisdienststelle Halle der BV Halle, in: Stasi-Unterlage-Archiv, eingesehen am 1. März 2024. Halle-Neustadt war das größte geschlossene städtebauliche Vorhaben der DDR. Die im August 1968 gegründete Operativgruppe (OG) Halle-Neustadt wurde ab 1971 im Gebäude der Bezirksverwaltung Halle am Gimritzer Damm untergebracht. Im Jahr 1973 wurde aus der bisherigen Operativgruppe die „KD Halle-Neustadt“ gebildet, die sich weiterhin am Gimritzer Damm befand.Die Kreisdienststelle Halle-Neustadt der BV Halle, in: Stasi-Unterlage-Archiv, eingesehen am 1. März 2024. Obwohl das Gelände der BVfS Halle eine eigene „Stadt in der Stadt“ bildete, war es auf dem offiziellen Stadtplan von Halle nicht eingezeichnet.Führung über das ehemalige Stasi-Areal in Halle. In: hallelife.de vom 8. August 2023, eingesehen am 1. März 2024.
Bauten mini|Ehemaliges Hauptgebäude der BVfS (links) und Verwaltungsbau der BSTU (rechts), 2024 mini|hochkant|alt=mehrere graue alte Garagenzufahrten hinter einem hohen siebenstöckigem Gebäude|Garagen für LKW oder Schützenpanzerwagen im Innenhof, 2024 Der Gesamtkomplex der Bauten wurde als Baudenkmal mit der Objektnummer 09418799 definiert. Auf dem etwa 8 Hektar großen ehemals eingezäunten Gelände der BVfS Halle gab es neben den Verwaltungsgebäuden einige Funktionsgebäude für ein medizinisches Zentrum mit Ärzten, Zahnärzten sowie einer Röntgenabteilung, weiterhin Bauten für einen Friseur, eine Sauna und in größerer Zahl Garagen für Pkw, Lkw und Schützenpanzerwagen. Dazu kamen eine eigene Autowerkstatt und mehrere Gebäude der Abteilung „Kader und Schulung“ (KuSch). Das meiste sind im Original erhaltene Mehrzweckgeschossbauten vom Typ „Leipzig“ mit charakteristischer Aluminiumverkleidung. Auf dem östlich anschließenden Gelände, außerhalb der Ummauerung, befand sich eine Sporthalle mit Judohalle.
Das Gelände wird an der Ostseite dominiert vom Hauptgebäude mit einer Länge von 130 m, einer Breite von 13,4 m, was bei sieben Etagen und einer Kelleretage einer Fläche von 14.000 Quadratmetern entspricht. Die beiden überdimensionalen Treppenhäuser sind 7 m breit und eine Etage höher als das restliche Bauwerk. Sie befinden sich jeweils in der Mitte der zwei 65 m langen aneinandergesetzten Gebäudeteile. Ein Eingang zum Hauptgebäude befand sich im rechten Turm, der zu DDR-Zeiten mit großen runden weißen Symbolen verziert war.Abbildung des verzierten Turmes, in: Stasi-Unterlagen-Archiv, eingesehen am 3. März 2024. Dieser Haupteingang hatte einstmals eines der längsten Vordächer der DDR, was aber nur dazu diente, den Blick von oben auf den Eingang zu verhindern. Im linken Gebäudeteil sind die ersten fünf Fenster von links in der dritten Etage im originalen Bauzustand vermauert. Am Hauptgebäude ganz rechts außen strahlte ständig Licht aus zwei Fenstern der BVfS, die deshalb im Volksmund die „allwissenden Augen“ genannt wurden.Steffen Könau: Ein Ort voller Geheimnisse: Einblicke in die Verbotene Stadt in Halle. In: MZ vom 25. Oktober 2021, eingesehen am 1. März 2024. Auf der linken Seite des Hauptgebäudes befand sich ein weiterer Eingang zu einem Verbindungsbau zum großen Sozialgebäude mit einer Grundfläche von 58 mal 37 m. Daran schloss sich nach Süden ein Bau für „Kader und Schulung“ (KuSch) an, der über einen eigenen Eingang von außen verfügte. Es folgte weiter nach Süden ein kleiner Torbereich mit dem (heute noch erhaltenen) Turm und dann ein großer Torbereich. Das Tor führte zum Gebäude mit dem medizinischen Zentrum (44 × 15 m) auf der rechten Seite und zum fünfstöckigen Gebäude der Wach- und Sicherungseinheit und der Rückwärtigen Dienste (76 × 14,5 m). Der so aufgespannte Winkel umfasst drei große Garagengebäude, von denen das größte 110 × 65 m groß ist, das zweitgrößte 110 × 25 m und das dritte etwa 100 × 15 m. Weitere ehemalige Lagerhallen, Garagen oder Schulungsräume wurde mittlerweile abgerissen. Etwas versetzt in der Verlängerung des Hauptgebäudes steht das 50 × 12 m große Gebäude der BStU und dahinter das 42 × 42 m große zugehörige Archivgebäude.
Auf dem Gelände befindet sich eine bis heute erhaltene Bar,Stasi-Bar in Halle-Neustadt, eingesehen am 6. März 2024. die bereits in den 1980er Jahren für betriebsinterne Feierlichkeiten verwendet wurde.Feierlichkeiten in der Bezirksverwaltung Halle, in: Stasi Mediathek, eingesehen am 12. März 2024.
Die BVfS Halle verfügte im Jahr 1989 über Ferienobjekte in Alexisbad (MfS-Ferienheim „Habichtstein“) sowie in Günserode (MfS-Ferienheim „Kapellmühle“).Wo die Stasi Urlaub machte. Die Ferienheime des MfS, in: Stasi-Unterlagen-Archiv, eingesehen am 1. März 2024. Das Kontingent der BVfS Halle lag 1969 bei 406 Plätzen, während die Auslastung mit 412 Übernachtungen zu 101 Prozent angegeben wurde. 1970 waren es nur 95 Prozent Auslastung (643 Kontingent/609 Auslastung) und 1971 stieg die Auslastung auf 106 Prozent (485 Kontingent/515Auslastung).Entwicklung der Bettenkapazität in den MfS-Ferienheimen, S. 6, in: Stasi-Unterlagen-Archiv, eingesehen am 1. März 2024.
Bewaffnung mini|alt=links ein grauer Wachturm mit abblätterndem Putz an einer circa 2 Meter hohen grauen Mauer, rechts ein aufgemaltes weißes Schild|Wachturm, südöstlicher Eingang, 2024 Die BVfS Halle war militärisch durch Mauern und Wachtürme sehr gut abgesichert. Einer der Gründe dafür könnte in der Verhinderung von Stürmungen durch das Volk wie 1953 gelegen haben. Nach der erfolgreichen und langwierigen Besetzung der SED-Zentrale in Halle durch Demonstranten während des Aufstandes vom 17. Juni 1953 wurden zur Verteidigung der BVfS Halle im Krisenfall sehr konkrete Pläne erarbeitet. Über die im Fall der sogenannten „verstärkten Sicherung“ bzw. „Verteidigung“ vorgesehenen Standorte der Bewacher und deren notwendige Bewaffnung liegen detaillierte Listen und Pläne vor. Danach soll es 20.911 Maschinenpistolen (Wieger) mit über 9 Millionen Schuss Munition, 3163 Maschinengewehre, 120 Scharfschützengewehre, 834 Flak-MG, 30 Zwillingsflaks, 42 Schützenpanzerwagen gegeben haben. Die Zahl der Handgranaten wird mit 3400 beziffert. Unterschieden wurde nach Innensicherung, Außensicherung und Bewachung im Verhältnis 1 : 2 : 24.9.8 Ausweichführungsstelle des Leiters der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Halle, eingesehen am 1. März 2024. Die Südseite war mit drei Toröffnungen versehen, weshalb sie mit zwei Wachtürmen gesichert wurde, von denen einer heute noch steht. Die gegenüberliegende Nordseite sollte im Krisenfall durch Streifposten auf der Innenseite der Mauer gesichert werden. Die stabile Energieversorgung der Anlage war durch eine eigene Notstromanlage gewährleistet. Das Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ bestand 1988 aus über 11.000 Mann, die direkt der Arbeitsgruppe des Ministers Erich Mielke unterstanden. Einheiten des „Kommando 1“ des Wachregiments wurden in Berlin-Adlershof wie auch in den Standorten der Bezirksverwaltungen eingesetzt.
Geschichtlicher Kontext mini|hochkant|Gedenktafel an den 17. Juni 1953 am Hallmarkt mini|hochkant|Erich Mielke, 1958 beim Besuch von Halle-Ammendorf
Vor 1963