mini|Christoph Butterwegge (2018) Christoph Butterwegge (* 26. Januar 1951 in Albersloh) ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Armutsforscher.B. selbst bezeichnet sich vielmehr als „Ungleichheitsforscher“. Er war von 1998 bis 2016 Professor für Politikwissenschaft am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln und ist Mitglied der Forschungsstelle für interkulturelle Studien (FiSt). Seit Ende Oktober 2016 ist er im Ruhestand.
Butterwegge war in den Jahren 1970 bis 1975 sowie von 1987 bis 2005 Mitglied der SPD; seit seinem Austritt gehört er keiner Partei an, steht aber der Partei Die Linke nahe. Für diese kandidierte er 2017 für das Amt des Bundespräsidenten.
Leben Christoph Butterwegge absolvierte im Jahr 1970 das Abitur am Max-Planck-Gymnasium Dortmund und verweigerte als Jungsozialist den Kriegsdienst. Er studierte danach Sozialwissenschaft, Philosophie, Rechtswissenschaft und Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum. 1975 schloss er sein Studium als Diplom-Sozialwissenschaftler und 1978 als M.A. (Philosophie) ab. 1980 wurde er bei Detlev AlbersUli Schöler: Otto Bauer – nein danke? Austromarxismus und historische Bezüge für eine Standortbestimmung marxistischer Sozialdemokraten. DVK, Berlin 1984, ISBN 3-88107-043-5, S. 5. an der Universität Bremen mit der Dissertation SPD und Staat heute zum Dr. rer. pol. promoviert.
Er übernahm dort sowie an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen in Duisburg, Fulda, Magdeburg und Münster Lehraufträge für Soziologie und Sozial- bzw. Politikwissenschaft. Von 1987 bis 1989 war er an der Universität Bremen für den Studiengang „Weiterbildung“ als wissenschaftlicher Angestellter am Fachbereich Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften beschäftigt. Außerdem übte er Dozententätigkeiten an der Akademie für Arbeit und Politik sowie an der Forschungs- und Bildungsstätte für die Geschichte der Arbeiterbewegung im Land Bremen aus.
Im Jahr 1990 habilitierte sich Butterwegge an der Universität Bremen im Fach Politikwissenschaft mit einer Untersuchung zur Theorie und Praxis der österreichischen Sozialdemokratie (Austromarxismus). Vom 1. Februar 1991 bis zum 31. Juli 1994 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bremischen Stiftung für Rüstungskonversion und Friedensforschung tätig. Von 1994 bis 1997 vertrat er eine C-3-Professur für Sozialpolitik am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Potsdam, wo ihn der Ruf an die Universität zu Köln auf eine C-4-Professur für Politikwissenschaft erreichte.Lebenslauf von Christoph Butterwegge, abgerufen am 30. November 2011. Seit dem 1. April 2011 war Butterwegge geschäftsführender Direktor des Instituts für Vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln. Zu seinen akademischen Schülern gehören u. a. Kemal Bozay, Thomas Gesterkamp, Gudrun Hentges, Michael Klundt und Samuel Salzborn.
Seit Mai 2013 schreibt Butterwegge Gastkolumnen für FOCUS Online.focus.de. Neben Artikeln für die ZEIT, die taz, die Frankfurter Rundschau, den Freitag, die Mittelbayerische Zeitung, die junge Welt und den Kölner Stadt-Anzeiger war er als Autor u. a. für spw – Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft, Ossietzky und Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung bei Linksnet. und die Bundeszentrale für politische Bildung tätig.Siehe etwa: .
Christoph Butterwegge ist verheiratet mit der Sozialwissenschaftlerin und Politikerin Carolin Butterwegge. Das Ehepaar hat zwei Kinder.
Werk und Thematik Schwerpunktmäßig beschäftigte sich Butterwegge zunächst mit der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie sowie mit Fragen der Staats- und Demokratietheorie. Zu Beginn der 1980er Jahre kamen die Neuen Sozialen Bewegungen, Friedenspolitik, Abrüstung und NATO-Strategie als neue Forschungsfelder hinzu. Er versuchte dabei, den Zeitzeugenansatz in Bremen für die Politische Bildung nutzbar zu machen, und verband ihn mit Konzepten des „forschenden Lernens“ im Sinne einer „Spurensuche“ sowie einer Lokal- und Regionalgeschichtsschreibung „von unten“, die damals im Zusammenhang mit der Oral History diskutiert wurde.
Seit 1990 wandte sich Butterwegge vor allem den Themen Rechtsextremismus, Rassismus, (Jugend-)Gewalt, Gewaltprävention und Migrationspolitik zu. Weitere Arbeitsfelder sind Globalisierung, Neoliberalismus, Sozialstaat, demografischer Wandel, Armut – besonders von Kindern und alten Menschen – sowie Generationengerechtigkeit.Gudrun Hentges, Bettina Lösch: Die Vermessung der sozialen Welt: Neoliberalismus – Extreme Rechte – Migration. VS Verlag, 2011, S. 9 und 10. Mit seinen Themen tritt Butterwegge seit Jahren öffentlich auf und wurde von den verschiedensten Zeitungen, Radio- und Fernsehanstalten befragt und interviewt.Gudrun Hentges, Bettina Lösch: Die Vermessung der sozialen Welt: Neoliberalismus – Extreme Rechte – Migration. VS Verlag, 2011, S. 12.
In seinen zahlreichen Schriften prägte Butterwegge den Begriff „Paternoster-Effekt“ für die soziale Polarisierung, die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich: Die einen fahren nach oben, die anderen nach unten.Karl August Chassé, Margherita Zander, Konstanze Rasch: Meine Familie ist arm: Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. VS Verlag, 2010, S. 21. Dabei grenzte er sich vom Fahrstuhleffekt nach Ulrich Beck ab, bei dem alle Bevölkerungsschichten gemeinsam nach oben oder nach unten fahren. Er diagnostizierte eine „Dualisierung der Armut“, womit die Doppelstruktur des Problems bezeichnet wird, das heute aus einer totalen Verelendung bestimmter Menschen („underclass“) und einer subtilen Unterversorgung anderer Menschen („Working Poor“) bestehe.Karl August Chassé, Margherita Zander, Konstanze Rasch: Meine Familie ist arm: Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. VS Verlag, 2010, S. 21.
Globalisierung und demografischen Wandel bezeichnet Butterwegge als die „zwei großen Erzählungen unserer Zeit“: Beide realen Prozesse würden missbraucht, um tiefgreifende marktbedingte Gesellschaftsveränderungen wie den Abbau des Sozialstaats und eine für ihn größtenteils unsoziale Reformpolitik zu rechtfertigen. In der Betonung des Nutzens von Menschen sieht Butterwegge die Gefahr der „Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte“.Gudrun Hentges, Bettina Lösch: Die Vermessung der sozialen Welt: Neoliberalismus – Extreme Rechte – Migration. VS Verlag, 2011, S. 9. Auf Butterwegge geht die Bezeichnung „Standortnationalismus“ zurück,Rainer Benthin, Auf dem Weg in die Mitte: Öffentlichkeitsstrategien der neuen Rechten, Campus Verlag 2004, S. 188. womit er im Unterschied zum bekannten völkischen Nationalismus der extremen Rechten eine Überidentifikation mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland meint.Wolfgang Gessenharter, Thomas Pfeiffer, Die neue Rechte: eine Gefahr für die Demokratie? VS Verlag 2004, S. 242.
Aus Anlass seines 60. Geburtstages schrieben die Politikwissenschaftlerinnen Gudrun Hentges und Bettina Lösch in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband, Butterwegge habe „als Politikwissenschaftler und gesellschaftlich engagierter Bürger immer wieder zu aktuellen und politisch brisanten Fragen öffentlich Stellung bezogen“ und stehe damit „in der Tradition einer Politikwissenschaft, die sich der demokratischen Gesellschaft verpflichtet fühlt – eine wissenschaftliche Tradition, die in gesellschaftliche und politische Prozesse eingreifen will“.Gudrun Hentges, Bettina Lösch: Die Vermessung der sozialen Welt: Neoliberalismus – Extreme Rechte – Migration. VS Verlag, 2011, S. 10.
Politische Tätigkeit Christoph Butterwegge trat im Juli 1970 als Abiturient in die SPD ein. Bei den Dortmunder Jungsozialisten sehr aktiv, wurde er schon bald in den Unterbezirksvorstand sowie den Landesausschuss Nordrhein-Westfalen und auch in den SPD-Bezirksausschuss gewählt. Wie die Mehrheit der Mitglieder seines Unterbezirks orientierte er sich an der Stamokap-Theorie. Als Exponent der Juso-Linken wurde er am 24. November 1974 von der Bezirkskonferenz Westliches Westfalen in den Juso-Bezirksvorstand gewählt.Pascal Beucker: Ende einer langen Hassliebe. In: taz, 19. November 2005, S. 6.
Dies veranlasste den zuständigen SPD-Vorstand am Folgetag, ein Parteiordnungsverfahren gegen ihn einzuleiten. Er warf Butterwegge parteischädigendes Verhalten vor und begründete dies mit dessen Artikel für die Blätter für deutsche und internationale Politik unter dem Titel Die rechte Herausforderung. Darin hatte Butterwegge dem neugewählten Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Politik gegen die Interessen der Arbeitnehmer vorgeworfen. Diese werde einer Regierungsübernahme der CDU/CSU den Boden bereiten. 1975 schloss die Schiedskommission Butterwegge deshalb aus der SPD aus. Er selbst dokumentierte und kommentierte den Vorgang wie auch die Motive für sein Engagement bei den Jusos ausführlich in seinem Buch Parteiordnungsverfahren in der SPD (erschienen 1975).
Im Jahr 1983, kurz nach der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler, beantragte Butterwegge die Wiederaufnahme in die SPD. Erst 1987 wurde dem Antrag stattgegeben und Butterwegge zum 1. Januar 1987 wiederaufgenommen, nachdem sich vor allem Gerhard Schröder, der mit ihm bei den Jungsozialisten auf Bundesebene zusammengearbeitet hatte, persönlich für ihn einsetzte.Pascal Beucker: Ende einer langen Hassliebe. In: taz, 19. November 2005, S. 6.
In der SPD-Landesorganisation Bremen übernahm Butterwegge wiederholt Funktionen und war bis 1994 ununterbrochen Delegierter des Landesparteitages. 1984 war Butterwegge Mitglied im Arbeitsausschuss des Bremer Friedensforums.Katrin Fuchs, Hajo Hoffmann, Horst Klaus (Hrsg.): Konzepte zum Frieden. Vorschläge für eine neue Abrüstungs- und Entspannungspolitik der SPD. SPW-Verlag, Berlin 1985, ISBN 3-922489-06-0, S. 128.
Butterwegge kritisierte die Koalitionsregierung von CDU, CSU und FDP unter Bundeskanzler Helmut Kohl und dessen Politik von 1982 bis 1998 besonders scharf. Vor allem sei der Sozialstaat in seiner Kernsubstanz beschädigt worden, indem man ihn Schritt für Schritt demontierte. Butterwegges Hoffnung, dass die neue Bundesregierung von 1998 mit der Koalition von SPD und Bündnis 90/Die Grünen auch einen Politikwechsel nach sich ziehen werde, erfüllte sich für ihn nicht.Curt Gasteyger: Europa zwischen Spaltung und Einigung: Darstellung und Dokumentation, 1945–2005. Nomos Verlag, 2006, S. 187.
Da die rot-grüne Koalition kein Alternativkonzept zum Neoliberalismus besessen habe, habe man sich diesem in der Praxis angepasst, monierte Butterwegge, zumal die Wirtschaftslobby sehr viel Druck ausgeübt habe, dem die Regierung nachgegeben habe. Weil er fürchtete, die Große Koalition unter Bundeskanzlerin Angela Merkel werde die Reformpolitik gegen die „kleinen Leute“ und den Sozialstaat verschärft fortsetzen, trat Butterwegge am 18. November 2005 – als CDU, CSU und SPD in Berlin den Koalitionsvertrag schlossen – aus der SPD aus und blieb seitdem parteilos.Lafontaine ist glaubwürdig. In: Süddeutsche Zeitung. 27. Juni 2007. Am selben Tag begründete er diesen Schritt bei einer Pressekonferenz in Köln und betonte auf Nachfrage, WASG und Linkspartei.PDS seien jetzt diejenigen, „auf denen die Hoffnungen der linken Sozialdemokraten am ehesten ruhen“.Pascal Beucker: Ende einer langen Hassliebe. In: taz, 19. November 2005, S. 6.