mini|St. Michael in Forchtenberg mini|Innenansicht Die evangelische Pfarrkirche St. Michael steht in Forchtenberg, einer Stadt im Hohenlohekreis in Baden-Württemberg. Die Kirchengemeinde Forchtenberg gehörte bis 2024 zum Kirchenbezirk Öhringen und gehört seit 1. Januar 2025 zum Teilgebiet Kochertal im neuen Kirchenbezirk Hohenlohe der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Stadt Forchtenberg trägt im Stadtwappen den Kirchenpatron Erzengel Michael als Drachentöter.
Geschichte Ursprüngliche Kirche Forchtenbergs war die heutige Friedhofskirche, einst Pfarrkirche der im 13. Jahrhundert abgegangenen Siedlung Wülfingen. Diese romanische Michaeliskirche Wülfingen gehörte den Herren von Wülfingen. Wülfingen gelangte 1212/19 an die Herren von Dürn, die das Patrozinium der Wülfinger Kirche 1291 auf die Kapelle in Forchtenberg übertrugen. Sie wurde somit Pfarrkirche Forchtenbergs. Über das Kloster Amorbach kamen die kirchlichen Rechte 1598 an Hohenlohe, das bereits die Reformation eingeführt hatte. War die alte Kirche in Wülfingen zunächst noch für mehrere Orte zuständig, so konzentrierte sich die Zuständigkeit der Forchtenberger Kirche nur noch auf die Stadt selbst sowie den Ort Muthof. 1614 wurde Muthof rekatholisiert.
Im Rückblick wurde Forchtenberg zeitgeschichtlich bedeutsam als Dienst- und Wohnort der Familie Scholl im Rathaus. Der Vater von Sophie Scholl, Robert Scholl, war von 1919 bis 1930 Bürgermeister in Forchtenberg, wo Sophie Scholl 1921 im Rathaus geboren wurde (dort seit 1969 Gedenktafel). Die künstlerische Innen- und Außengestaltung der Kirche aus der Zeit um 1935 erweist sich aus heutiger Kenntnis der Bedeutung der Widerstandsgruppe Weiße Rose als ein zufälliges und zugleich markantes Beispiel für das Konfliktpotenzial zwischen kirchlicher Kunst und ideologischer Versuche bei der Umdeutung religiöser Bildinhalte. Näheres im Folgenden.
Beschreibung Die ursprüngliche Forchtenberger Chorturmkirche war um 1300 vom Graf Dürn gestiftet worden. 1688 wurden ihr heutiger eingezogener und gerade geschlossener Chor und der Kirchturm unter Beibehalt der Kanzel von 1620 neu erbaut. Das verbliebene Langhaus zwischen den Neubauten von 1688 musste dann 1934/35 wegen Baufälligkeit durch den Stuttgarter Architekten Emil Weippert vollständig erneuert werden. Dabei wurde der Kirchturm aufgestockt, um die Turmuhr und den Glockenstuhl für die vier Kirchenglocken unterzubringen, und mit einer schiefergedeckten Zwiebelhaube bedeckt.
Innenausstattung Kanzel Die um 1620 von Michael Kern gebaute Renaissancekanzel ist in den Brüstungsfeldern des hölzernen Kanzelkorbs aus dem im örtlichen Untergrund reichlich anstehenden Alabaster und aus Sandstein gestaltet und zeigt reliefartig die vier Evangelisten.Vera Schneider: Michael III (1580-1649). In: Walther-Gerd Fleck, Walter Rößler, Vera Schneider: Die Künstlerfamilie Kern 1529 – 1691. Hohenloher Bildhauer und Baumeister des Barock. Anlässlich des 700jährigen Stadtjubiläums hrsg. von der Stadt Forchtenberg, Sigmaringen 1998, S. 33–102 – ISBN 3-7995-0123-1. Ein monogrammiertes Steinmetzzeichen „M. K.“ weist eindeutig auf seinen einheimischen Künstler hin. Die hölzerne Rahmung des oberen Kanzelzugangs und der hölzerne Schalldeckel sind reichlich mit Engelsköpfchen verziert, der Deckel zusätzlich mit schlanken Fialen und einer Bekrönung aus einem aufwärts geschwungenen vierteiligen Volutenaufsatz.
Altar Der Barockaltar aus dem Jahre 1699 wurde vom kurpfälzischen Bildhauer Christian Schupp aus Oppenheim am Rhein gebaut. Auf seinem mit Voluten- und Akanthusrankwerk eingefassten Altarretabel zwischen rebenumwundenen gewendelten Säulen ist eine Kreuzigungsgruppe dargestellt, in der Predella die Szene von Jesu letztem Abendmahl mit seinen Jüngern.
Taufbecken Der in Machart und Stil zum Altaraufsatz passende geschnitzte Ständer für eine Taufwasser-Schale hat einen quadratisch ausgebildeten breiten Fuß mit Inschrift, dessen Schaft sich mit Voluten nach oben verjüngt. Die Kartuschen unten auf den vier Seiten sind ebenfalls beschriftet. Der Schaft trägt ein kleines rundes Taufbecken mit einem hölzernen Deckel, bekrönt von Engelsköpfen und einer Heiliggeisttaube im Strahlenkranz.
Holzdecke im Schiff Der Stuttgarter Künstler Helmuth Uhrig schuf 1935 zwei Lärchenholz-Rosetten an der Holzdecke.Georg Kopp: Mitteilung des Vereins für Christliche Kunst in der Evangelischen Kirche Württembergs. November 1935. Lose Beilage (mit Kunstwerk-Foto) zu: Neue Wandbilder in evangelischen Kirchen Württembergs – Gabe des Vereins für Christliche Kunst in der evangelischen Kirche Württembergs an seine Mitglieder 1935. Sonderdruck aus der Monatsschrift für Gottesdienst und kirchliche Kunst 1935, Heft 10/11 [Vermerk: Nicht im Handel].Ingrid Helber (Hrsg.): Helmuth Uhrig – ein christlicher Künstler aus Württemberg. Horb a.N. 2006, S. 36, 106. Die eine Rosette zeigt – umkränzt von den vier Evangelistensymbolen – die Lutherrose, von Luther persönlich wie folgt gedeutet: das schwarze Kreuz als Erinnerung an Jesus Christus; das rote Herz als Zeichen, dass die Botschaft mit dem Herzen verstanden werden muss; die weißen Rosenblätter als Symbole für die guten Geister, die Engel; der blaue Himmel als ein Zeichen für den freudebringenden Glauben. Die andere Rosette stellt auf dem Sternenkranz des Firmaments das mittelalterliche Motiv des Gnadenstuhls als Zeichen der Dreieinigkeit dar.
Glasgemälde Der mit Uhrig befreundete Stuttgarter Künstler Walter Kohler trug 1935 mit der Farbverglasung in den drei Südfenstern mit jeweils zwei Scheiben zur neuen Gestaltung der Michaelskirche bei: von hinten rechts beginnend mit dem Erzengel Michael, dem Kirchenheiligen als Drachentöter, und dem Martin von Tours, der den Mantel teilt. Es folgt die Tempelaustreibung und die Stillung des Seesturms (); zuletzt bei der Kanzel Jesu Geburt und Taufe Jesu, zusammen mit einem kleinen weiteren Fenster jeweils gefertigt in der Stuttgarter Glaswerkstatt Gaiser.
Das Fenstermotiv des Drachentöters hat eine sehr lange Vorgeschichte und ab spätestens 1934 eine bedeutsame Wirkungsgeschichte, die von den beiden Künstlern Uhrig und Kohler maßgeblich geprägt wurde: Des Erzengels Michaels Kampf „gegen den Drachen, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen“ () hatte ihn biblisch als Herrn der himmlischen Heerscharen qualifiziert, geschichtlich dann aber zum Schutzpatron des Frankenreiches und seit Otto des Großen Sieg auf dem Lechfeld im Jahr 955 zum Schutzpatron des Hlg. Römischen Reiches, des Deutschen Kaiserreiches und zum Garant für den deutschen Sieg in der Leipziger Völkerschlacht 1813 gemacht. Über Kaiser Wilhelm II., die Frühjahrsoffensive 1918 an der Westfront mit Namen Unternehmen Michael und dem dazu gehörenden Ablenkungsangriff Erzengel waren es tausend Jahre deutscher Geschichte – untrennbar mit dem Namen Michael verbunden: national, jedoch nicht biblisch. Weitere tausend Jahre hätten es werden sollen, auch hier sollte Michael mithelfen, die NS-Ideologie bediente sich des Patrons Deutschlands zur Glorifizierung deutscher Tapferkeit und Standhaftigkeit im Kampf gegen das – aus NS-Sicht – Böse, nämlich das Undeutsche. Dem sollte 1934 die programmatische Platzierung der bis heute Hitler-Engel genannten Michael-Monumentalfigur hoch oben im Ulmer Münster dienen – gegen kirchlichen, aber erfolglosen Widerstand.
Vor allem die beiden Künstler Walter Kohler und Helmuth Uhrig setzten in ihrer Kunst ab 1934/35 alles daran, gegen diesen Missbrauch eines Glaubenssymbols die biblische Deutungshoheit zurückzugewinnen: Der Kampf um das Reich Gottes ist immer auch ein Kampf gegen das Böse oder gegen den Bösen, ein Kampf für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Mit ihren Michaels-Darstellungen ab jetzt sind sie nachweislich die ersten Künstler im evangelischen Württemberg seit der Reformation, die ein Bildnis des Erzengels Michael in eine evangelische Kirche einbringen und mit einer Botschaft verbinden. Walter Kohlers Fenstergestaltung in Forchtenberg war der Start dieser Entwicklung, auch als Gegenbild zum schwertschwingenden und (Stahl-?)Helm, Uniformkoppel und Knobelbecher tragenden martialischen Kämpfer am kommunalen Gefallenendenkmal von 1935. Die ehemalige Bürgermeisterfamilie Scholl hatte bereits fünf Jahre zuvor die Stadt verlassen müssen. Dass mit ihr und hier der Widerstand gegen Ideologie und Unmenschlichkeit zufällig einen fast unscheinbaren Ausdruck gefunden hat, ist bedenkenswert.
Gemeinsam mit christlicher und konfessionell nicht gebundener Jugendbewegung, mit der katholischen und evangelischen Michaelsbruderschaft,Walther Stökl: Im Zeichen Michaels. In: Jahresbriefe des Berneuchener Kreises 1934, S. 148–154 der Bekennenden Kirche und der Neubau-Namensgebung evangelischer Michaelskirchen noch vor 1939(Stuttgart-Zuffenhausen-)Neuwirtshaus, Ev. Michaelskirche von 1938; (Sonnenbühl-)Genkingen, Ev. Kirche Zu Unserer Lieben Frau und St. Michael von 1939. wurde Michael mehr und mehr zur identitätsstiftenden Leitfigur des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Im Zweiten Weltkrieg erwies sich der jüdisch-christliche Erzengel Michael für die nationalsozialistische Propaganda letztlich als völlig ungeeignet. Die Ev. Akademie Bad Boll wurde in der Folge bewusst am 29. September 1945, am Michaelistag, gegründet. Nach 1945 schwillt die in Forchtenberg ausgelöste Welle der kirchlichen Michaels-Kunstwerke in württembergisch-evangelischen Kirchen rasant an, auch werden im Land zahlreiche neue Michaelskirchen errichtet.(Abtsgmünd-)Pommertsweiler, Ev. Michaelskirche von 1950; (Baiersbronn-)Friedrichstal, Ev. Michaelskirche von 1951; (Neuffen-)Kappishäusern, Ev. Michaelskirche von 1953 – usw.
Außenbereich Gefallenendenkmal Der Stuttgarter Bildhauer Jakob Brüllmann schuf – zeittypisch für 1935 – aus Muschelkalk die Skulptur des Drachentöters Michael als Gefallenendenkmal mit zugeordneten Namenstafeln für den Ersten Weltkrieg, die von der Kommune auf einer Säule vor der Kirche auf kirchlichem Grundstück aufgestellt wurde. 1979 war sie durch einen LKW stark beschädigt, vom städtischen Bauhof repariert und beim Michael-Kern-Haus neu aufgestellt worden. Eine Nachbildung als Ersatz an der Kirche wurde von Bildhauer Hermann Koziol gefertigt.
Literatur
Weblinks
Die Michaelskirche auf der Website der Evangelischen Kirchengemeinde Forchtenberg Forchtenberg: evang. Stadtkirche (St. Michael) (1935), auf kirchbau.de
Einzelnachweise
Anmerkungen
Kategorie:Kirchengebäude im Hohenlohekreis Michael Kategorie:Michaeliskirche Kategorie:Kirche in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg Kategorie:Saalkirche in Baden-Württemberg Kategorie:Erbaut in den 1300er Jahren Kategorie:Kirchengebäude in Europa St. Michael