mini|Hausangestellte in den Vereinigten Staaten im Jahr 1914

Ein Dienstbote (im 17. und 18. Jahrhundert auch Ehehalt) ist im weiteren Sinne eine ständig im Haushalt wohnende, angestellte Hilfskraft für Arbeiten in der Haus- und Landwirtschaft. Im engeren Sinne ist es eine im Haushalt beschäftigte Arbeitskraft. Als Blütezeit des Dienstbotenwesens in Europa gilt das Lange 19. Jahrhundert. Für das frühe 20. Jahrhundert wird eine „Krise des Dienstbotenwesens“ konstatiert, weil Dienstboten in die aufkommende Hotellerie abwanderten. Für bürgerliche Haushalte war die Beschäftigung mindestens eines Dienstmädchens ein wesentliches Merkmal des eigenen Standes.G. Budde: Das Dienstmädchen. In: U. Frevert, H.-G. Haupt: Der Mensch des 19. Jahrhunderts. 1999, S. 149.

Dienstboten sind heute noch in Ländern weit verbreitet, die ein starkes Einkommensgefälle aufweisen und in denen sich die Beschäftigungssituation zwischen städtischen und ländlichen Regionen stark unterscheidet. Diese Erwerbsform ist mit Arbeitsmigration, Rücküberweisungen in die Herkunftsländer und mit Stufen von sozialer Abhängigkeit und Ausbeutung verbunden, etwa in regionalen Formen wie der Kafala. Im Dienstbotenwesen besteht ein weltweites Arbeitsvermittlungsnetz. Die staatliche Regulierung und gewerkschaftliche Organisation ist im internationalen Vergleich unterschiedlich stark entwickelt.

Aufgaben mini|Dienstmädchen in Halle, leicht gebeugt am Tisch stehend mit Staubwedel, Studiofoto.

In Westeuropa waren Dienstboten typischerweise weiblich. Einer Umfrage zufolge waren im Jahr 1882 in Berlin 96,8 % der Dienstboten weiblichen Geschlechts. Die Beschäftigung männlicher Dienstboten war auf großbürgerliche und adelige Haushalte beschränkt, da diese einen höheren Lohn erhielten. Dienstmädchen gehörten zum typischen Dienstpersonal in gut situierten bürgerlichen, aber auch kleinbürgerlichen Haushalten. Darin unterschieden sich Dienstmädchen von Mägden – weiblichen Dienstboten, die die „niedereren“ und körperlich härteren Arbeiten, typischerweise in landwirtschaftlichen Betrieben durchführten („Scheuermagd“, „Kuhmagd“). Das klassische Dienstmädchen des 19. Jahrhunderts war für jegliche Hausarbeit zuständig. Die Arbeitszeit betrug bis über 16 Stunden täglich, die Kost und Unterkunft galten als karg. Für nicht dauerhaft beschäftigte Frauen war Ende des 19. Jahrhunderts der Begriff „Stundenmädchen“ geläufig; waren in einem Haushalt mehrere Dienstmädchen angestellt, so gab es „Zweitmädchen“, die zum Beispiel nicht kochten oder sich nicht um die Kinder kümmerten, sondern putzten, aufräumten, die Wäsche wuschen und nähten.

Feminisierung und Verstädterung im 19. Jahrhundert mini|hochkant|Stellengesuch für ein Stubenmädchen, Bozen 1941 Mit der Industrialisierung setzte in Westeuropa zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein starker Strukturwandel ein. Noch in den ersten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stellte das landwirtschaftlich-gewerbliche Gesinde die zahlenmäßige Übermacht.G. Budde: Das Dienstmädchen. In: U. Frevert, H.-G. Haupt: Der Mensch des 19. Jahrhunderts. 1999, S. 152. Durch die Industrialisierung entstanden Beschäftigungsmöglichkeiten, die es insbesondere der männlichen ländlichen Bevölkerung ermöglichte, Arbeit außerhalb der Landwirtschaft zu finden. Gleichzeitig gelangte ein städtisches Bildungs- und Besitzbürgertum bestehend aus Ärzten, Bankiers, Beamten, Pfarrern, Professoren, Anwälten und Unternehmern zu Wohlstand.

Dieser Schicht des Bürgertums erlaubten weder ihre Wohnsituation noch ihre finanziellen Ressourcen, ein mehrköpfiges Gesinde zu beherbergen und zu beschäftigen. Üblich wurde stattdessen die Beschäftigung von einem oder mehreren Dienstmädchen, die alle haushaltstypischen Arbeiten ausführten. In den 1880er Jahren waren in Europa zwischen 30 und 40 Prozent aller als erwerbstätig registrierten Frauen in privaten Haushalten tätig.G. Budde: Das Dienstmädchen. In: U. Frevert, H.-G. Haupt: Der Mensch des 19. Jahrhunderts. 1999, S. 153. Detaillierte Zahlen aus einzelnen europäischen Ländern bestätigen dies. So war 1851 jede dritte britische Frau im Alter zwischen fünfzehn und 24 Jahren als Dienstmädchen beschäftigt. Unabhängig vom Alter galt dies für mehr als jede sechste britische Frau.J. Flanders: The Victorian House. 2003, S. 92. Insgesamt betrug der Anteil an Dienstboten unter der weiblichen Erwerbsbevölkerung 40 Prozent. Der Teil der Frauen, die dagegen mit Fabrikarbeit ihr Brot verdienten, lag im früh industrialisierten Großbritannien bereits 1851 etwas darüber.Cecilia Wadsö Lecaros: The Victorian Governess Novel. Lund University Press, Lund 2001, ISBN 91-7966-577-2, S. 16. Um 1900 war der Anteil der Dienstboten nur geringfügig gefallen. Von den vier Millionen erwerbstätigen britischen Frauen arbeiteten rund anderthalb Millionen als Dienstboten.Lethbridge: Servants. 2013, S. 9.

Umgekehrt beschäftigten zwischen 1851 und 1871 von 100 britischen Haushalten je 35 einen Dienstboten und 25 hatten zwei. Einige der verbliebenen 40 Haushalte verfügten über mehr als zwei Dienstboten, der größte Teil jedoch keinen. Die Beschäftigung von Dienstboten war nicht notwendigerweise ein Indiz von Wohlhabenheit. Die Ende des 19. Jahrhunderts aufgewachsene britische Schauspielerin Sybil Thorndike, deren Vater Kanoniker an der Kathedrale von Rochester war, betonte in Interviews mehrfach, wie ärmlich ihre Kindheit und Jugend gewesen sei. Nichtsdestotrotz beschäftigte ihre Familie nicht weniger als vier Dienstboten.Lethbridge: Servants. 2013, S. 9. In E. M. Delafields überwiegend autobiografisch geprägten Roman Tagebuch einer Lady auf dem Lande, der das Leben einer britischen Familie der oberen Mittelschicht in den 1930er Jahren erzählt, wird trotz der finanziell angespannten Situation der Familie eine Köchin und ein Dienstmädchen beschäftigt sowie die Tochter des Hauses von einer französischen Gouvernante erzogen.E. M. Delafield: Tagebuch einer Lady auf dem Lande. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2012, ISBN 978-3-641-08045-7.

Die Historikerin Judith Flanders argumentiert auf Basis der verfügbaren Statistiken, dass konträr zur heutigen Vorstellung in zahlreichen bürgerlichen Haushalten des 19. Jahrhunderts Frauen, die der bürgerlichen Mittelschicht zuzurechnen waren, entweder gemeinsam mit ihrem Dienstmädchen die Hausarbeit leisteten beziehungsweise viele Bürgerfrauen ohne jegliche Hilfe auskommen mussten.J. Flanders: The Victorian House. 2003, S. 92. Ratgeber um 1900 rieten tatsächlich Haushalten, die der unteren Mittelklasse zuzurechnen waren, von der Beschäftigung von Dienstboten ab. Für sinnvoller wurde es gehalten, wenn diese Haushalte gelegentlich für grobe Arbeiten Wäscherinnen und Zugehfrauen stundenweise beschäftigten.Lethbridge: Servants. 2013, S. 15. Nur die wohlhabendsten Haushalte konnten es sich erlauben, eine so große Zahl an Dienstboten zu beschäftigen, dass der weibliche Teil der Dienstherrschaft keinen Arbeitsanteil an der Hausarbeit übernahm.Cecilia Wadsö Lecaros: The Victorian Governess Novel. Lund University Press, Lund 2001, ISBN 91-7966-577-2, S. 15.

Herkunft und Vermittlung mini|Edouard John Mentha: Lesendes Dienstmädchen in einer Bibliothek, Gemälde, ca. 1915

Ein Teil der Dienstmädchen und der männlichen Dienstboten waren Waisen.L. Braun: Die Frauenfrage. 1. Auflage. Europäischer Literaturverlag, Bremen 2011, ISBN 978-3-86267-422-0. In Großbritannien stellte das Arbeits- und Waisenhaus die Quelle für die billigsten Haushaltshilfen dar. Allerdings hatten Kinder und Jugendliche, die in solchen Einrichtungen aufgewachsen waren, vor ihrer ersten Anstellung weder ein zeitgenössisches modernes Haus von innen gesehen noch waren sie mit Ausstattungen wie fließendem Wasser oder Gas vertraut. Die Historikerin Flanders weist darauf hin, dass gleiches allerdings auch für Mädchen aus der Arbeiterschicht galten, die ihre erste Stelle antraten.J. Flanders: The Victorian House. 2003, S. 95.

Die meisten Dienstmädchen kamen vom Lande. Ihre Eltern waren typischerweise kleine Handwerker, Tagelöhner und Landarbeiter.G. Budde: Das Dienstmädchen. In: U. Frevert, H.-G. Haupt: Der Mensch des 19. Jahrhunderts. 1999, S. 153. Wuchsen sie in kinderreichen Familien auf, gehörte es häufig zu ihrer frühen Lebenserfahrung, Pflichten und Verantwortungen in der Familie wahrzunehmen. Der Wechsel einer Tochter einer solchen Familie in einen anderen Haushalt galt als akzeptable Weiterentwicklung. Es entsprach dem auch von vielen nicht-bürgerlichen Familien geteilten Rollenbild, das Frauen ein Betätigungsfeld nur innerhalb eines Haushalts beimaß. Fabriken, in denen Frauen im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend ebenfalls Beschäftigung fanden, galten nicht zuletzt beeinflusst von einer bürgerlichen Presse als Hort von Unmoral und Sittenlosigkeit.G. Budde: Das Dienstmädchen. In: U. Frevert, H.-G. Haupt: Der Mensch des 19. Jahrhunderts. 1999, S. 154.

Die Vermittlung von Stellen erfolgte häufig durch Verwandte oder Bekannte, die bereits Arbeit in einem städtischen Umfeld gefunden hatten und durch ihre Kontakte von Vakanzen im Umfeld ihrer eigenen Herrschaft wussten. Die Historikerin Budde weist jedoch auf eine Vermittlung durch Ortsgeistliche hin. Diese nutzten Kontakte zu städtischen Amtsbrüdern, um die Töchter aus ihrer Pfarrei in anständigen Familien unterzubringen. Arbeitgeber erhofften dadurch, auf diese Weise arbeitsame und vor allem tugendhafte Dienstmädchen vermittelt zu bekommen.G. Budde: Das Dienstmädchen. In: U. Frevert, H.-G. Haupt: Der Mensch des 19. Jahrhunderts. 1999, S. 155. Anzeigen waren ein weiterer Weg, eine geeignete Arbeitskraft zu finden. Sofern die Bewerberin bereits eine Stelle innegehabt hatte, musste sie ein Zeugnis vorlegen. Die meisten Ratgeber empfahlen jedoch, dass die erfahrene Dienstherrin sich nicht nur auf das geschriebene Wort verlasse. Stattdessen sollte diese die vorherige Dienststelle aufsuchen und sich im persönlichen Gespräch über den gesundheitlichen Zustand, Ehrlichkeit, Tugendhaftigkeit, Fähigkeiten und Kenntnisse der Bewerberin erkundigen.J. Flanders: The Victorian House. 2003, S. 97.

In schlechtem Ruf standen dagegen die privaten Vermittlungsbüros, die im Laufe des 19. Jahrhunderts in größeren Städten aufkamen. Ab den 1860er Jahren wurden Wohltätigkeitsorganisationen in diesem Bereich aktiv. Besonders in Großbritannien gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Städten professionell geführte Registry Offices oder Servants Agencies, die sich um eine Zusammenführung geeigneter Dienstboten und Arbeitgeber bemühten. Einige dieser Agenturen erlangten Berühmtheit – Dienstboten galt es als Auszeichnung, in der Kartei einer solchen Agentur geführt zu werden.G. Budde: Das Dienstmädchen. In: U. Frevert, H.-G. Haupt: Der Mensch des 19. Jahrhunderts. 1999, S. 155.

Arbeitsbedingungen mini|C. L. Becker: Das Neueste vom Liebsten. Im Hintergrund entfacht ein Dienstmädchen ein Kaminfeuer mit dem Blasebalg, gemalt

Sowohl der Arbeitsbeginn als auch das Arbeitsende wurde allein von der Dienstherrschaft festgelegt. Ein Dienstmädchen arbeitete gewöhnlich von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends. War Waschtag, begann ihre Arbeit häufig morgens um drei oder vier Uhr.J. Flanders: The Victorian House. 2003, S. 101. Das Ende des Arbeitstages war gleichfalls nicht sicher:

Theoretisch standen einem britischen Dienstmädchen je eine halbe freie Stunde für Frühstück, Lunch und Tee sowie eine Stunde für die Abendmahlzeit zu. Außerdem sollte es am Nachmittag anderthalb Stunden mit Flickarbeiten verbringen, bei denen es sitzen und sich ausruhen konnte. Selbst unter solchen idealen Bedingungen leistete ein Dienstmädchen jedoch zwölf Stunden harte körperliche Arbeit. In einem kleinen Haushalt, der fließendes Wasser nur in der untersten Etage hatte, trug ein einzelnes Dienstmädchen rund drei Tonnen heißes Wasser die Treppen hinauf, um seine Arbeitgeber mit Waschwasser zu versorgen.Lethbridge: Servants. 2013, S. 27.