mini|Frauenkirche in Esslingen (Süd-Ansicht) mini|hochkant|Frauenkirche (Südost-Ansicht) mini|Innenansicht, Blick zum Chor Die evangelische Frauenkirche steht in der Kreisstadt Esslingen am Neckar in Baden-Württemberg. Ihre Stadtkirchengemeinde Esslingen gehört zum Kirchenbezirk Esslingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Frauenkirche gilt als die erste gotische Hallenkirche im Südwesten von Deutschland.
Geschichte Esslingen war seit 1181 Freie Reichsstadt. Der Rat der Bürgerschaft forderte am 26. Mai und am 1. Juni 1321 die Bürger zum Bau einer Kirche Zu unserer lieben Frau auf. Sie wurde danach anstelle einer Marienkapelle errichtet. Das dreischiffige Bauwerk gilt seither als die Bürgerkirche der Stadt. Der eigentliche Grund für den Bau der Kirche war, dass die älteste Kirche von Esslingen, die Stadtkirche St. Dionys, dem Domkapitel zu Speyer gehörte.
Der Bau der gotischen Hallenkirche begann etwa 1325 am Chor im Osten des Langhauses und wurde nach fast 200 Jahren Bauzeit – unter Mitwirkung der bekannten Baumeisterfamilien Ensinger und Böblinger, welche u. a. auch am Ulmer Münster beteiligt waren – 1516 mit dem Fassadenturm im Westen vollendet. Die Kirche zeigt eine großartige bauliche und stilistische Geschlossenheit trotz der langen Bauzeit. Der mit zunehmender Höhe immer reicher, filigraner und mit kunstvollem Maßwerk spielerisch gestaltete Turm ist weithin sichtbar und zudem einer der wenigen noch im Mittelalter vollendeten gotischen Türme.
1803 verlor die Stadt ihre Unabhängigkeit und wurde in das Herzogtum bzw. kurz darauf Königreich Württemberg eingegliedert. Die lange Zeit außer Gebrauch gekommene und daher auch baulich verwahrloste Kirche wurde unter dem Hofbaumeister und Oberbaurat Joseph von Egle 1860/63 vor drohendem Verfall gerettet und gründlich restauriert. Dadurch kamen auch dem Zeitgeschmack und dem Eisenacher Regulativ von 1861 entsprechende neugotische Gestaltungselemente in den frühgotischen Kirchenbau.
Im Zuge des Ringstraßenbaus in den 1960er Jahren und des damit verbundenen Abrisses von Häuserzeilen wurde die Frauenkirche baulich von der übrigen Innenstadt isoliert.
Die Frauenkirche wurde von 1994 bis 2016 einer umfangreichen Außensanierung unterzogen. Dabei wurden auch die drei ursprünglichen Glocken aus den Jahren 1350, 1496 und 1587 wieder eingesetzt und durch drei weitere aus dem 20. Jahrhundert ergänzt.
Beschreibung Das Langhaus der Predigtkirche besteht aus einem Mittelschiff und zwei Seitenschiffen, die alle gleich hoch und durch Arkaden getrennt sind. Das Innere ist geprägt von schlanken Bündelpfeilern, die ohne Zwischenschaltung von Kapitellen die Wölbung tragen. Die Rippen, Gurt- und Scheidbogen kreuzen sich bei plastisch gestalteten Schlusssteinen. Die Halle enthielt in den Seitenschiffen während ihrer katholischen Nutzungszeit eine Reihe von Seitenaltären, war bis 1865 ohne Gestühl und diente auch zu Bürgerversammlungen. Der riesige Turm mit seiner Höhe von 72 Meter ruht nur außen auf einer Mauer, auf der Westfassade, im Innern jedoch auf zwei mächtigen Säulen mit beträchtlichem Umfang.
Ausstattung Bauplastik Die Kirche beherbergt bedeutende Bauplastik, darunter die um 1500 von Jörg Töber geschaffenen Statuen der zwölf Apostel und das Südostportal mit Szenen aus dem Marienleben. Die künstlerischen Merkmale der Bildhauerfamilie der Parler wie faltenreiche Gewänder, hagere Gesichtszüge mit scharfkantigen Backenknochen und mandelförmig geschlitzten Augen finden sich in den Figuren der Frauenkirche.
Außen Marienskulptur: Seit 1400 ziert den Ostgiebel des Langhauses eine Marienfigur (Steinmetzkopie), da die Kirche „unserer lieben Frau“ Maria geweiht war. Das beschädigte Original befindet sich im Inneren neben dem Aufgang zum Turm.
Wasserspeier: 63 historische Wasserspeier zieren die Frauenkirche. Die zum Teil monströsen Figuren tragen im Volksmund so deftige und sprechende Namen wie Zimtrotzer, Pfefferhuster, Sackzwicker, Madonnenbeißer, Zwiebelfresser, Schwabenbrüller oder Ewigkeitsdackel und haben den Reutlinger Künstler HAP Grieshaber 1968 zu vier Holzschnitten inspiriert.Peter Köhle (Hg.): Schützende Engel - Speiende Dämonen. Die Wasserspeier der Esslinger Frauenkirche und HAP Grieshaber. Esslingen 2011.
Jakobusskulptur: Einer der vielen Zweige der europäischen Jakobspilgerwege zur Kathedrale von Santiago de Compostela in Spanien führt(e) über Esslingen. Oben am Rand des Chordaches ist Jakobus zu erkennen: als fünfte Figur (Kopie) von links, mit Stock, Tasche und Muschel am Hut. Das verwitterte Original ist innen nahe der Kanzel zu sehen. Auch heutzutage ist die Frauenkirche ein Etappenziel für Jakobspilger, ihr Pilgerstempel ist bei der Stadtinformation am Marktplatz deponiert.
Portalschmuck: Über den beiden Südportalen der Frauenkirche sind die Bogenfelder mit Steinreliefs geschmückt: westlich mit dem Thema Christus als Weltenrichter am Jüngsten Tag und östlich mit Christi Geburt und dem Tod der Maria.
Innen Steinerner Baldachin: In der Südwestecke des Kirchenraums steht aus der Zeit um 1500 ein besonderes Kunstwerk der Baumeisterbrüder Beblinger: ein Ziborium mit kunstvollem Kreuzgewölbe und darüber einem Söller mit aufwändiger Maßwerkbrüstung, dessen liturgischer Zweck unbekannt ist. Vielleicht war es ein Baptisterium oder der Ort für einen besonders hervorgehobenen Seitenaltar. Heute sind dort die Epitaphe der Brüder Matthias und Hans Beblinger eingestellt.
Die beiden Epitaphe der Brüder sind nicht die einzigen in der Kirche. Im ganzen Kirchenschiff sind an den Wänden Epitaphe verstorbener Bürger Esslingens zu sehen.
Glasgemälde Im Chor befindet sich umfangreiche mittelalterliche Glasmalerei, in Esslinger Werkstätten entstanden ab 1300/10.Link zu Bilddateien siehe unter WeblinksHartmut Scholz: Die mittelalterliche Farbverglasung der Esslinger Frauenkirche. In: „Also gut, geniessen wir die Aussicht.“ Kolloquium Glasgestaltung Frauenkirche Esslingen. hrsg. von Reinhard Lambert Auer, Peter Schaal-Ahlers und Bernhard Huber für den Verein für Kirche und Kunst und die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen, Esslingen 2005, S. 24–31 Im Chorachsenfenster wird das Leben, Sterben und die Auferstehung Jesu ins Bild gesetzt, links davon befindet sich ein Fenster mit Marienlegenden und rechts die Scheiben mit einer Anzahl von Heiligengeschichten. Diese Farbverglasungen zählen - wie die in der Stadtkirche und in der Franziskaner- bzw. St.-Georgs-Kirche – zu den wichtigsten, stilistisch und in der Maltechnik fortschrittlichsten Zeugnissen der Glasmalerei im deutschen Südwesten zu dieser Zeit. Die Fenster wurden teilweise mit Silbergelb bemalt, einer Farbe, die erst um 1300 in Paris aufgekommen war, um endlich auch Gelb- und vor allem Goldtöne im Brennofen erzeugen zu können.
In der Südseite des Kirchenschiffs ist 1990 von Hans Gottfried von Stockhausen ein vierbahniges Fenster mit Motiven der Passion Jesu gestaltet worden, neun Jahre später auf der Nordseite das „Frauenfenster“.Stockhausen-Werkverzeichnis .Birgit Hahn-Woernle: Das Frauenfenster von Hans Gottfried von Stockhausen in der Frauenkirche Esslingen. Esslingen 2004
Altar Der Altar von 1864 ist ein Werk der Neugotik und zeigt in seiner zeittypischen Steinmetzarbeit teilweise auch Stilelemente der Renaissance und byzantinischer Kunst. Das Kreuz ist eine Stiftung von König Karl und Königin Olga anlässlich der Wiedereinweihung der Frauenkirche 1864.
Kanzel Die heutige Kanzel der Frauenkirche mit ihrem schönen Schnitzwerk einschließlich des hoch aufragenden und breit ausladenden Schalldeckels stammt von 1864, als die Kirche renoviert und als evangelische Predigtkirche gebrauchsfähig gemacht worden war. Sie wurde – den Vorgaben des Eisenacher Regulativs entsprechend – südlich im Chorbogen errichtet, mit gewundenem Treppenaufgang am östlichen und letzten Pfeiler der südlichen Reihe. Das erstmalige Gestühl wurde dementsprechend in Längsrichtung mit Blick zum Chor eingebaut. Damit wurde die bis dahin seit der Reformation verbreitete württembergische Bautradition einer Querkirche beendet, wonach – wie bisher auch in der Frauenkirche – die Kanzel an einem mittleren Pfeiler und das Gestühl quer zur Längsachse der Kirche stand.Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche – Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen. Ubstadt 2025, S. 238, 280 – ISBN 978-3-95505-592-9.
Ein spätgotischer hölzerner Kanzelfuß von 1510 in der Franziskanerkirche stammt ursprünglich aus der Frauenkirche, wo er samt Kanzelkorb bis 1860 am mittleren Nordpfeiler stand. Er war mit Kanzelkorb 1860 an die St.-Georg- bzw. Franziskanerkirche abgegeben worden, weil die katholische Kirchengemeinde für ihre Interimsnutzung dieser Kirche (bis 1864) eine Kanzel brauchte. Später, im Zuge der Wiederherstellung des Chors der Franziskanerkirche 1912, bekam der historische hölzerne Kanzelsockel einen neuen Kanzelkorpus.Karl Halbauer: Predigstül - Die spätgotischen Kanzeln im württembergischen Neckargebiet bis zur Einführung der Reformation. In der Reihe: Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B: Forschungen, Band 132; Stuttgart 1997, S. 127–130.
Orgel Die Orgel wurde 1862 von Carl Gottlieb Weigle gebaut und 1942 von Orgelbau Friedrich Weigle nach Plänen von Walter Supper umgebaut und erhielt ein zusätzliches Rückpositiv.Orgelbeschreibung auf Organ index, abgerufen am 9. Februar 2024. In der Kirche befindet sich noch ein Weigle-Positiv aus dem Jahr 1941, welches von Walter Supper gestiftet wurde. Die Frauenkirche hat zwei Orgeln: die große, gut sichtbare Orgel auf der Westempore, und die kleine Orgel hinter einem Pfeiler auf der Nordseite in der Nähe des Taufsteins.
Die große Orgel wurde im Zuge der Kirchen-Innenrenovierung im Jahre 1862 von der Werkstatt Carl Gottlob Weigle (Stuttgart) erbaut. Klanglich umfasste sie 25 Register mit dem System der Kegelladen und der mechanischen Traktur. Dieses System funktioniert bis heute. Es handelt sich um eine mittelgroße deutsch-romantische Orgel, besonders gut geeignet für die Orgelwerke von Mendelssohn, Rheinberger und auch Brahms.
1930 bis 1984 amtierte als Organist Dr. Walter Supper. Er hing einem anderen Klangideal an, dem norddeutsch-barocken, und ließ die Orgel umbauen. Die nun 35 Register umfassende Orgel klingt seitdem heller, weniger grundtönig.
Die Orgel der Frauenkirche ist eines der ganz wenigen erhaltenen Instrumente aus der Zeit der deutschen Orgelromantik.
1941 kam durch die Firma Weigle eine zweite, fahrbare Orgel hinzu, mit vier Registern und einer Selbsttreteinrichtung für den Orgelwind, ähnlich wie bei einem Harmonium.
Galerie
Siehe auch Liste der Hallenkirchen in Deutschland
Literatur Eduard Paulus: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Neckarkreis – Inventar. Stuttgart 1889, S. 182–193.
Birgit Hahn-Woernle: Die Frauenkirche in Esslingen. (Hrsg.) Verlag Bechtle, Esslingen 1997. Rüdiger Becksmann: Von der Ordnung der Welt. Mittelalterliche Glasmalerei aus Esslinger Kirchen. Hatje. Ostfildern 1997. Also gut, geniessen wir die Aussicht - Kolloquium Glasgestaltung Frauenkirche Esslingen; 17 künstlerische Positionen. Ausstellungskatalog und Jahresgabe, (Hrsg.) Reinhard Lambert Auer, Peter Schaal-Ahlers, Bernhard Huber für den Verein für Kirche und Kunst, Esslingen 2005. Peter Schaal-Ahlers: Junge Fotografen sehen Kirchen – Evangelische Kirchen in Esslingen. (Hrsg.) Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen, 2009.
Weblinks
Beschreibung der Kirche auf der Website der Kirchengemeinde Die Frauenkirche im Portal Reformationskirchen in Württemberg Mittelalterliche Glasgemälde im Corpus Vitrearum-Bildarchiv: Esslingen, Frauenkirche
Einzelnachweise
Frauenkirche Frauenkirche Kategorie:Liebfrauenkirche