mini|Detailansicht des Oberkörpers mini|Gesamtansicht des Körpers

Die Moorleiche Frau von Peiting, populärwissenschaftlich auch Moorleiche Rosalinde genannt, wurde 1957 beim Torfabbau im Moor Weiter Filz auf damals gemeindefreiem Gebiet zwischen den oberbayerischen Gemeinden Peiting und Hohenpeißenberg in einem Holzsarg gefunden. Nach aktuelleren Untersuchungen datiert der Fund in das 14. oder 15. Jahrhundert und ist eine der wenigen dokumentierten und erhaltenen Moorleichen aus Bayern. Sie befindet sich in der Dauerausstellung der Archäologischen Staatssammlung in München.

Fundort Die Fundstelle liegt im Moor Weiter Filz, auf dem Gebiet der Gemeinde Hohenpeißenberg, Landkreis Weilheim-Schongau, nahe der Gemeindegrenze zu Peiting (). In diesem Moor wurde in der Zeit von 1923 bis 1990 industriell Torf abgebaut. Bei diesen Torfarbeiten wurde bereits mehrere Jahre zuvor, etwa 750 m nördlich der Fundstelle, mehrfach ein Knüppeldamm angeschnitten, der nach und nach vollständig mit abgebaut wurde. Zunächst wurde die Fundstelle der Gemeinde Peiting zugeschrieben. Erst nach der Neubestimmung der Fundstelle im Jahre 2007 wurde deren Lage auf Hohenpeißenberger Gebiet bestätigt. Die früher oft publizierte und falsche Bezeichnung der Fundstelle als Schwarzer Laich bzw. Schwarzlaichmoor ging auf eine missverständliche Erwähnung des Grabungstechnikers Wilfried Titze in seinem Grabungsbericht zurück, die anschließend fehlerhaft weiter publiziert wurde. Titze berichtete von schriftlich überlieferten Kämpfen aus dem Jahre 1525, die in dem etwa einen Kilometer weiter südöstlich gelegenen Schwarzlaichmoor stattgefunden haben sollen. Begünstigt wurde diese Verwechslung auch durch eine assoziative Verknüpfung der Flurbezeichnung „Laich“ (übertragen für „Lichtung“) mit dem Wort „Leiche“.

Fundumstände Am 23. Juli 1957 stieß der Arbeiter Samuel Gunsch mit einem Bagger in der senkrecht abgestochenen Torfwand auf die darin steckende Holzkiste. In der Vermutung, es handele sich um eine Schatzkiste, stellte er die Arbeiten ein. Nach einem Blick durch die mit der Baggerschaufel aufgerissene Ecke des Deckels erkannte er den Inhalt. Gunsch informierte den Leiter des Torfabbaubetriebes der Kaufbeurer Firma Momm & Co. KG, dieser ließ die Kiste wieder mit Torf bedecken, um sie vor dem Austrocknen zu schützen, und meldete den Fund den zuständigen Behörden. Die herbeigerufene Polizei erkannte die historische Bedeutung des Fundes, informierte am 24. Juli das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege in München und sicherte den Fundort ab. Noch am gleichen Tag reiste der Grabungstechniker Wilfried Titze im Auftrag des Landesamtes an und begann mit der mehrtägigen Freilegung des Fundes. Er führte Sondierungsbohrungen im Umkreis von vier Metern um die Fundstelle durch, die jedoch keine weiteren Befunde im Boden ergaben.

Aufgrund fehlender Erfahrungen mit der Konservierung von Moorfunden übertrug das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege am 25. Juli Karl Schlabow vom Textilmuseum Neumünster die wissenschaftliche Bearbeitung und Konservierung des Fundes, da Schlabow seinerzeit als Experte für diese Fundgattungen bekannt war. Am 29. Juli reiste Schlabow mit seinem Assistenten Willi Schramm zur Bergung an. Der Fund und Sarg wurden in einem Bretterverschlag verpackt, mit weichem Torfmull gesichert und auf einem gefederten LKW nach Neumünster transportiert.

Im Mai 1959 untersuchte Titze den angeschnittenen Knüppeldamm und zog Holzproben daraus, die jedoch nicht weiter untersucht wurden und jetzt verschollen sind. Im Herbst 1962 unternahm Titze dann eine Nachgrabung an der Fundstelle der Moorleiche. Durch Sondierungen und einen großen Suchschnitt bis auf den anstehenden tonigen Grund ermittelte er die genaue Tiefe des Moores von 1,2 Metern, jedoch ergaben diese Grabungen keine weiteren Funde. In seinem Bericht teilte er ebenfalls mit, dass der Knüppeldamm mittlerweile vollständig zerstört war.

Wissenschaftliche Bearbeitung und Konservierung Die erste wissenschaftliche Bearbeitung erfolgte nach der Ankunft in Neumünster unter der Leitung von Rudolf Ullemeyer und Karl Schlabow. Die Leiche wurde durch mehrere Neumünsteraner Gerichtsmediziner obduziert, wofür der Torso großflächig eröffnet wurde. Alle inneren Organe wurden entnommen und separat konserviert. Organproben wurden für weitere Spezialuntersuchungen an verschiedene Institute weltweit versandt. Nach der Obduktion begannen am 5. August 1957 die Konservierungsarbeiten. Der Körper der Frau wurde neun Monate in einem Bad aus Eichenlohe sowie durch partielles Einstreichen mit einem Öl konserviert. Der nach der Organentnahme leere Torso wurde mit Füllstoffen, vermutlich Papierschnipseln, aufgefüllt. Die Sezierschnitte wurden vernäht und entstandene Hautdefekte wurden mit Füllmassen ausgeglichen. Zur endgültigen Aufbereitung des Körpers für die museale Präsentation wurden anstelle der entnommenen Knochensegmente, wie der Halswirbelsäule, Schienen aus Metall und Holz eingebracht und lose Knochen mit Drahtschienen verbunden. Fehlende oder entnommene Knochen wurden teilweise durch Nachbildungen aus Holz ersetzt. Entnommene Zähne wurden ebenfalls durch Kunstzähne ergänzt, wobei nicht alle Zähne und Knochen im anatomisch korrekten Verband eingesetzt wurden. Der bei der Obduktion aufgesägte Schädel wurde mit Metallstiften fixiert und anschließend wieder zusammengeklebt. Die sichtbaren Nähte wurden mit einer Füllmasse und Farbe kaschiert. Die Konservierung des Sarges erfolgte mit Methylzellulose und mehrfachem Einstreichen mit einem verdünnten Firnis. Auf den Boden im Inneren des Sarges wurde stellenweise ein Veloursgewebe geklebt. Die in Einzelteilen geborgenen Stiefel wurden mit Dégras, einem Gerberfett, behandelt und anschließend wieder zusammengenäht.

Eigentumsfrage Nach Abschluss der wissenschaftlichen Untersuchungen und der Konservierungsmaßnahmen Anfang der 1960er Jahre erhoben weder das Landesamt für Denkmalpflege in Bayern noch die Gemeinde Peiting Anspruch auf den Fund, so wurde die Moorleiche im Textilmuseum Neumünster aufbewahrt und ausgestellt. Erst 1987 forderte die Gemeinde Peiting den Fund zurück, um ihn im Schongauer Heimatmuseum zu ihrem 550. Jahrestag ausstellen zu können. Nach einem drohenden Rechtsstreit einigten sich die Gemeinde und das Textilmuseum Neumünster, den Fund der Gemeinde zur 550-Jahr-Feier im Jahr 1988 als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Mit der Neustrukturierung des ehemaligen Textilmuseums Neumünster wurde der Fund 2007 dem Freistaat Bayern übergeben, der die weitere Erhaltung und wissenschaftliche Untersuchung des Fundes trägt. Im Bayerischen Moor- und Torfmuseum Rottau wird ein Modell des Fundes ausgestellt.Bayerischen Moor- und Torfmuseum

Neubearbeitung Mit der Überstellung des Fundes an das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege im Jahre 2007 folgten interdisziplinäre Untersuchungen nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Diese Untersuchungen sollten den augenblicklichen Zustand und ebenso die bisher durchgeführten Veränderungen an der Leiche des Fundes dokumentieren. Die bisher gewonnenen Erkenntnisse sollten dabei überprüft und vor allem neue, weitgreifende Fragen geklärt werden. In diesem Zuge wurde die Fundgeschichte anhand der Aktenlage neu rekonstruiert und Nachforschungen zu den Präparaten angestellt, die an andere Institute versandt wurden. Die Recherchen ergaben in vielen Fällen, dass geplante Untersuchungen aus den verschiedensten Gründen nicht durchgeführt wurden und Berichte wie Präparate nicht mehr auffindbar sind. Die ersten aktuellen Untersuchungsergebnisse lassen jedoch erkennen, dass der Fund grundlegend neu zu bewerten ist und zahlreiche der häufig publizierten Erkenntnisse revidiert werden müssen. Darüber hinaus sind zahlreiche weitere Untersuchungen geplant wie Isotopenanalysen, DNA-Analysen, histologische und toxikologische Untersuchungen um weitergehende Fragen zu klären.

Befunde Der Sarg lag in einer Tiefe von etwa 50 cm unterhalb der Oberfläche, in ost-westlicher Ausrichtung, mit dem Kopfende im Osten und Blick Richtung Westen. Im Sarg lag die gut erhaltene Leiche einer Frau mit auf der Brust verschränkten Armen, mit der linken Hand über der rechten. Die Frau trug ein langes, feines Wollkleid und als auffälligstes Kleidungsstück kniehohe Lederstiefel. Bis auf ein brettchengewebtes Haarband wurde kein weiterer Schmuck im Sarg beobachtet. Der Körper der Frau war nicht durch die über ihr liegenden Erdschichten zusammengedrückt, da er in dem massiven Sarg geschützt lag, anders als bei den meisten Moorleichen, deren Körper häufig auf nur wenige Zentimeter Dicke komprimiert sind.

Anthropologische Befunde Wie die Fotos der Grabung und die Obduktionsberichte zeigten, war der Körper der Frau in einem selbst für Moorleichen außergewöhnlich guten Erhaltungszustand. Lediglich das Gesicht, die unter dem Kinn liegenden Hände und Teile der Brüste waren stärker skelettiert. Ihr Körper hat, aufgrund der gebeugten Beinhaltung und des losen Kopfes, eine Länge von 146 cm. Die rechnerisch ermittelte Körpergröße wurde 1957 mit 152 cm angegeben. Die Geschlechtsdiagnose als weiblich konnte aufgrund der deutlich erkennbaren Geschlechtsteile sowie charakteristischer Skelettmerkmale eindeutig bestätigt werden. Das Skelett liegt nahezu vollständig vor. Die Knochen sind stark entkalkt und waren bei der Auffindung weich und biegsam. Nach der Konservierung und Trocknung weisen die Knochen ein deutlich leichteres Gewicht auf. Das Skelett zeigte keine Spuren von zu Lebzeiten erlittenen Verletzungen oder verheilten Knochenbrüchen. Die Haut war durch die „Moorsäure“ gegerbt und zeigte ebenfalls keine Anzeichen von Verletzungen. Nach der Konservierung in Eichenlohe hat sie eine bräunliche bis braunrote Farbe und eine zähe, lederartige Konsistenz. Die zahlreich beobachteten Einschnitte in der Hauthülle gehen offensichtlich alle auf die Obduktion und verschiedene Probenentnahmen nach der Bergung zurück. Das Fettgewebe unter der Haut ist zu Leichenwachs umgebildet. Alle inneren Organe lagen 1957 bei der Obduktion vollständig und gut erhalten vor und zeigten keine krankhaften Veränderungen. Die dabei beobachteten Anzeichen einer verheilten Dickdarmentzündung und einer leichten, überstandenen Lungenspitzentuberkulose, können aufgrund der verlorengegangenen Organpräparate nicht mehr überprüft werden. Aus dem gleichen Grund lassen sich die, vermutlich vom heimischen Herdfeuer verursachten, Rußablagerungen in den Lungenbläschen nicht mehr überprüfen. Dass die Frau beim Heranwachsen keine Mangelernährung oder schwerere Krankheiten zu erleiden hatte, geht aus dem Fehlen von Harris-Linien (Wachstumsstörungen) an den Knochen hervor. Die stark geweiteten Hautpartien mit den Resten der ausgeprägten Fettablagerungen im Bauch-, Hüft- und Oberschenkelbereich deuten außerdem an, dass die Frau zu Lebzeiten sehr gut genährt war. Das Fehlen von degenerativen Veränderungen am Skelett sowie verschleißfreie Gelenkbereiche ihres Skelettes zeigen, dass die Frau keine schwere körperliche Arbeit verrichtete.

Dem Gebiss der Frau fehlen drei noch zu Lebzeiten verlorene Zähne, deren leere Zahntaschen gut verheilt waren. Vier weitere Zähne waren stark kariös und mussten der Frau ständig starke Zahnschmerzen verursacht haben. Ihr Oberkiefer zeigte einen deutlichen Überbiss von zwei bis drei Zentimetern, was ihr Gesicht auffallend geprägt haben musste. Ihr Unterkiefer hatte im Vergleich zum Oberkiefer eine ungewöhnliche Breite, die jedoch auch auf eine Verformung des Unterkieferknochens aufgrund der Lagerung im Moor zurückzuführen sein kann. Aufgrund der durch die Moorsäure abgebauten Zahnschmelzkronen war eine Analyse der Abnutzungsspuren auf den Zähnen nur begrenzt möglich. Die erhaltenen Dentinkörper ließen jedoch keine ungewöhnlichen Abnutzungsspuren erkennen. Das Haupthaar der Frau war leicht meliert und hatte eine Länge von durchschnittlich 15 cm. Sie trug es zurückgekämmt und mit einem zweifarbigen Band aus Brettchengewebe gehalten.