Paul Vogler (* 9. März 1899 in Kassel; † 7. November 1969 in Berlin) war ein deutscher Arzt. Er war Inhaber des Lehrstuhles für Physikalisch-diätetische Therapie an der Charité (seit 1964 Lehrstuhl für Physiotherapie) und verfasste zahlreiche Standardwerke auf diesem Gebiet. Zudem leitete er den Wiederaufbau der Charité nach dem Zweiten Weltkrieg. In seinem Spätwerk gab er gemeinsam mit Hans-Georg Gadamer eine Schriftenreihe namens Neue Anthropologie heraus, welche eine integrative Darstellung sämtlicher Wissensgebiete anstrebte.
Leben Christoph Martin Paulus Theodor Vogler wurde am 9. März 1899 als drittes Kind des Konsistorialbeamten Christoph Vogler und seiner Frau Elise in Kassel geboren. Seine Schulzeit verbrachte er in Kassel, Koblenz, Neuwied und besuchte die freie Schulgemeinde Wickersdorf. Dort lernte er Gustav Wyneken kennen und nahm 1913 am Treffen der Freideutschen Jugend auf dem Hohen Meißner teil. Paul Vogler war aufgrund von einer angeborenen Gehbehinderung vom Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg befreit worden.
Nachdem er das Abitur in Hannover absolviert hatte, begann er im Jahr 1917 mit dem Studium der Nationalökonomie in Hamburg. Im Jahr 1921 immatrikulierte er sich an der Medizinischen Fakultät der Ludwigs-Universität in Gießen und heiratete im selben Jahr seine Kommilitonin Paula Doodt (1895–1963). Das Studium wurde u. a. durch das Institut für Sozialforschung der Universität Frankfurt am Main finanziert. Nach dem Physikum im Sommer 1923 absolvierte Vogler zwei klinische Semester in Innsbruck und ging anschließend nach Jena. Hier kam er mit der Naturheilkunde bei dem neu eingerichteten Lehrstuhl für Allgemeine Pathologie und Therapie unter Emil Klein in Kontakt.Laws 1993, S. 15.
Nach dem Staatsexamen im Juli 1926 führte Vogler seine Dissertation bei Carl Mayer an der Neurologischen Klinik der Universität Innsbruck durch. Anschließend war er als Volontärassistent bei Alfred Goldscheider an der III. Medizinischen Klinik der Universität Berlin und am Hydrotherapeutischen Institut tätig, im August 1927 erfolgte die Approbation. In dieser Zeit wurde er Mitglied im „Verein sozialistischer Ärzte“.
Seine berufliche Karriere begann Vogler als Leiter des Kassenambulatoriums der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Forst. Ab 1930 war er in einer Privatpraxis in Berlin tätig und in den Folgejahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hydrotherapeutischen Institut der Charité beschäftigt. Ab 1935 ließ Vogler ein Kurheim in Garmisch-Partenkirchen bauen. 1936 habilitierte er sich bei Werner Jansen mit dem Thema „Die Prophylaxe der Schlafstörungen“. 1939 übernahm er die Leitung der Krankengymnastik- und Massageschule in Berlin. 1941 wurde er zum beamteten außerordentlichen Professor für Physikalisch-diätetische Therapie und Direktor der Klinik für natürliche Heil- und Lebensweisen der Universität Berlin berufen. Daneben leitete er seit 1940 das Prießnitz-Krankenhaus in Mahlow. Im Jahr 1942 stellte Paul Vogler einen Antrag als Anwärter auf NSDAP-Mitgliedschaft, was er retrospektiv durch politischen Druck durch den Dozentenführer Hermann Druckrey sowie durch den Rat seines Freundes Theodor Neubauer erklärte.Brief an Theodor Brugsch vom 16.11.1945. Zitiert nach: Laws 1993, S. 31.
Nach Kriegsende wurde Vogler zum Leiter des Wiederaufbaus der Charité und der Medizinischen Fakultät der Universität Berlin ernannt. Seit 1945 war er auch Vorsitzender des neu gegründeten „Bundes für naturgemäße Lebens- und Heilweisen (Prießnitzbund) Berlin“. 1964 erfolgte seine Emeritierung als Direktor der Universitätsklinik für Physiotherapie an der Charité in Ost-Berlin. Sein langjähriger Oberarzt, Herbert Krauß, wurde sein Nachfolger. Anschließend widmete sich Vogler – gemeinsam mit seinem Freund Hans-Georg Gadamer – vor allem der Herausgabe der Schriftenreihe Neue Anthropologie, vor deren Erscheinen er am 7. November 1969 in Berlin verstarb.
Werk Engagement in der Jugendbewegung Durch seinen Lehrer, Gustav Wyneken, kam Paul Vogler mit der reformatorischen Bewegung der Freideutschen Jugend in Berührung. Er war an der Organisation des Treffens auf dem Hohen Meißner (Erster Freideutscher Jugendtag) beteiligt. Im Jahr 1917 rief Vogler zu einer Protestveranstaltung auf der Loreley auf, in welcher nicht über den „Krieg und seinem Ausgang, sondern von dem, was nachherkommen musste“'Gustav Wyneken: Jugend! Philister über Dir! Quellen und Beiträge zur Geschichte der Jugendbewegung. Band 1. Frankfurt am Main 1963. Zitiert nach: Laws 1993, S. 12. diskutiert wurde. In dieser Zeit kam Vogler mit der Deutschen Akademischen Freischar und der Marburger Akademischen Vereinigung in Kontakt. Er lernte hierbei u. a. Alfred Kurella, Karl Bittel und über Paul Landsberg den Kreis um Max Scheler kennen. Seine eigene Position charakterisierte Vogler als „direkte Opposition zur damaligen ‚Wandervogel- und Verbandsbürokratie‘“zitiert nach: Laws 1993, S. 14.. Prägend für Voglers Selbstverständnis war weiterhin die Auseinandersetzung mit der Lyrik Stefan Georges.
Habilitation (1936) Auf Anregung des Chirurgen Georg Magnus schlug Vogler nach seiner Rückkehr nach Berlin eine wissenschaftliche Laufbahn ein. Im Jahr 1936 legte er seine Habilitationsschrift vor. Hierin formulierte Vogler erstmalig sein Konzept der Grundfunktionen; ein gesunder Schlaf sei nur durch die gleichzeitige Regelung aller weiteren Grundfunktionen zu erreichen. Diese praxisnah formulierte Arbeit fand in ihrer gutverständlich geschriebenen Form eine gute Resonanz in der damaligen Fachwelt. So schrieb Hans Curschmann: „Der Verfasser bringt eine ganz praktisch gesehene Prophylaxe der Schlafstörungen, wobei er die Erzielung physiologischer Müdigkeit ebenso eingehend bespricht, wie die scheinbar banalen, in Wirklichkeit sehr wichtigen Fragen der Hygiene und Art des Schlafraumes und des Bettes, der Schlafgewöhnung und -gewohnheiten, der Ernährung, der Besonnung, des Klimas u. a. m.“Diether Findeisen, Paul Vogler: Physiotherapie im Aufbau. Leipzig 1966. S. 14. Zitiert nach: Laws 1993, S. 18. Am 26. Mai 1936 erfolgte die Antrittsvorlesung Voglers unter dem Titel „Zur Therapie der chronischen Gelenkerkrankungen“. Am 13. Juni 1936 wurde er zum Dozenten für Physikalisch-diätetische Klinik und Prophylaxe ernannt.
Berufung zum Direktor der Klinik für natürliche Heil- und Lebensweisen (1941) Im Jahr 1901 war die Hydrotherapeutische Anstalt unter Leitung durch Ludwig Brieger gegründet und anschließend von Franz Schönenberger (1920–1933) fortgeführt worden. Während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgte unter der Leitung von Werner Jansen (1933–1939) im Jahr 1934 die Umbenennung in „Institut für natürliche Heil- und Lebensweisen“. Obgleich die Naturheilkunde im 3. Reich besonders gefördert wurde, kam es zu einem „Profilverlust“ des Instituts. Bereits 1937 hatte Richard Siebeck auf dem Wiesbadener Kongress versucht, einen Nachfolger zu finden. Entsprechende Rufe wurden von Heinz Bottenberger („Neue Deutsche Klinik“) und Eugen Hahn abgelehnt. Am 13. Juli 1939 reichte Paul Vogler ein umfassendes Programm an der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität ein, welches er während seiner später insgesamt 24 Jahre umfassenden Tätigkeit zu verwirklichen suchte. Am 11. Dezember 1939 wurde – durch die Intervention von Rudolf Heß – zunächst der Lehrauftrag an L. Schmitt vergeben, was durch die Intervention des Dekans der medizinischen Fakultät, Lothar Kreuz, abgewendet wurde. Kurzzeitig wurde Hans Kaether eingesetzt. Im Jahr 1940 wurde schließlich Paul Vogler zum beamteten außerordentlichen Professor und als kommissarischer Institutsleiter berufen. Diese Entscheidung galt als „Kompromiss“, um wie in Dresden unter Louis R. Grote (1886–1960) und Alfred Brauchle „die Schulmedizin mit der Naturheilkunde in einen Dialog treten zu lassen“.Laws 1993, S. 12. Zum 1. Januar 1941 erfolgte die offizielle Berufung zum Lehrstuhlinhaber und Leiter der Klinik für natürliche Heil- und Lebensweisen. In dem Gutachten der von Gustav von Bergmann geleiteten Berufungskommission wurde Vogler als der „vielseitigste, ein Mann ärztlicher Begabung und geistiger Kultur“ gewürdigtzitiert nach: Laws 1993, S. 11. und setzte sich schließlich gegen die Mitbewerber Max Ratschow und Sigwald Bommer durch.Laws 1993, S. 21. Laut Paul Vogler war diese Entscheidung „nur durch den Eintritt insbesondere der Internisten der Fakultät [zu erreichen, um] die Widerstände des Reichsarztes SS Grawitz und den des Ministerialreferenten de Crinis zu überwinden, die natürlich alle einen Parteimann an diese Stelle bringen wollten“.
Rasch konnte sich das Institut unter Paul Vogler neu etablieren. Bereits im März 1942 wurde das Prießnitz-Krankenhaus in Mahlow bei Berlin als klinische Station angegliedert. Zudem wurden Ausbildungskurse für Masseure und für Bademeister gegeben.
Schwerpunkt der wissenschaftlichen Forschung Paul Voglers war in dieser Zeit das Rheuma, wozu er eng mit dem Stomatologen Hermann Schröder zusammenarbeitete. Im Januar 1945 habilitierte sich der Oberarzt Voglers, Fritz Pezold (1909–1986), zum Thema „Die Prophylaxe der Stuhlgangsstörungen unter klinischen Gesichtspunktion“.
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete Vogler von der Klinik in Mahlow aus, welche intakt geblieben war.
Wiederaufbau der Charité und Städtebau (1945–1948) Durch sein Engagement in der Jugendbewegung war Vogler mit einigen Architekten des Dessauer Bauhauses befreundet, etwa László Moholy-Nagy. Bereits im Jahr 1924 verfasste er Entwürfe über die Raumgestaltung für Walter Gropius.Laws 1993, S. 76–88. 1931 reiste er mit Gustav Hassenpflug in die Sowjetunion, um dort bei der Planung von Kurorten in der Krim zu helfen.
Paul Vogler wurde nach dem Beschluss der Medizinischen Fakultät der Universität Berlin vom 3. Juli 1945 zum Leiter des Wiederaufbaus der Charité ernannt. Hierbei entschied er sich für den Erhalt der zum großen Teil zerstörten Gebäude. Durch sein entschlossenes Handeln konnte bereits ab November 1945 in „der größten Baustelle Berlins“Laws 1993, S. 29. wieder eine medizinische Versorgung mit über 1000 Krankenhausbetten erfolgen. Ab Oktober 1946 wurde Vogler von der Medizinischen Fakultät auch mit dem Wiederaufbau der übrigen Institute beauftragt.
Des Weiteren wurde Vogler am 15. September 1945 ins Sonderdezernat „Seuchenbettenaktion und Krankenhausplanung“ beim Hauptgesundheitsamt berufen. In den Jahren 1946–1948 war er zudem für die Krankenhausplanung und die gesundheitliche Stadtbauplanung Berlins mitverantwortlich. Hierzu wurde ein Plan erstellt, welcher eine Neugliederung der insgesamt circa 200 Krankenhäuser Berlins vorsah. Diese wurden hinsichtlich des Zerstörungsgrades, des Bauzustandes, der Rekonstruierbarkeit und der Wirtschaftlichkeit eingeschätzt. Zudem wurde die Schaffung von Spezialabteilungen, beispielsweise für Infektionskrankheiten, sowie die Zusammenlegung verschiedener Fachdisziplinen bzw. einzelner Kliniken geprüft. Für die Stadt Berlin wurde u. a. eine Auflockerung der Siedlungsdichte, die Schaffung von Grünflächen und ein Ausbau von Naherholungsgebieten, z. B. Strandbädern, gefordert (Hassenpflug/Vogler 1948).
Aus dem gemeinsam mit Gustav Hassenpflug verwirklichten Wiederaufbau der Charité und der anschließenden Leitung des Dezernats Krankenhausplanung beim Landesgesundheitsamt Berlin (1946–1948) resultierte die Herausgabe des „Handbuch für den Neuen Krankenhausbau“ (Vogler/Hassenpflug 1951). Bei der Berliner Internationalen Städtebauausstellung im Jahr 1957 konzipierte Vogler die Ausstellung für die Abteilung „Stadt und Gesundheit“ (Vogler 1957, Vogler 1958).
Im Jahr 1947 konnte Paul Vogler zudem mit Herbert Krauß, der bereits unter Alfred Brauchle und Louis R. Grote in der Dresdner Klinik gearbeitet hatte, einen wichtigen Mitarbeiter finden.
Ordentlicher Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin