Eine Rahmenzither (englisch frame zither), bekannt als Kru-Harfe (englisch Kru harp), ist ein einfaches und seltenes Saiteninstrument, das nur an der westafrikanischen Küste zwischen Guinea und der Elfenbeinküste vorkommt und seinen historischen Namen von den hauptsächlich in Liberia lebenden Kru erhielt. Die Rahmenzithern sind in der Hornbostel-Sachs-Systematik als Untergruppe (316) der Zithern (31) klassifiziert. „Harfe“ gehört zur historischen Bezeichnung und ist keine instrumentenkundliche Klassifizierung. Die fünf bis zehn Saiten der Rahmenzithern sind frei zwischen einem Saitenträger aus einer Astgabel, aus einem von drei Stäben gebildeten Dreieck oder einem halbkreisförmig gebogenen Stab gespannt und werden durch die Verbindung mit einem Resonanzkörper aus einer Kalebassenhalbschale verstärkt. Einige der regionalsprachlichen Namen sind bagida, kani, gambareh, oba, koning, koningei, toa, do und djourou. mini|hochkant=1.3|Rahmenzither bagida der Kru in Liberia. Dreieckige Form aus einer Astgabel mit Kalebasse und Rasselblech

Herkunft Zithern Die einfachste Form einer Zither ist eine zwischen zwei in den Boden gesteckten Pfosten gespannte Pflanzenfaser als Saite. Um die Schwingungen der Saite hörbar zu machen, ist in der Mitte eine Grube ausgehoben und mit einer Membran überdeckt. Eine Verbindung durch eine Schnur oder einen Stab von der Mitte der Saite zur Membran überträgt bei dieser Erdzither die Schwingungen auf den Resonanzraum im Boden. Eine andere Konstruktion eines aus einem elastischen Saitenträger und einem Erdloch bestehenden Saiteninstruments ist der Erdbogen. Leicht und transportabel ist hingegen der elastische Saitenträger beim mit dem Mund verstärkten Mundbogen. Soll bei einem einsaitigen Kalebassen-Musikbogen mit einem aus einer Kalebasse bestehenden Resonanzkörper die Saitenzahl erhöht werden, ergibt sich als naheliegendste Erweiterung des Musikbogens die Rahmenzither.

Laut Curt Sachs’ (1940) hypothetischem Schichtenmodell zur vorgeschichtlichen Entwicklung der Musikinstrumente gab es im ältesten paläolithischen Stratum nur Rasseln, Schrapinstrumente, Schwirrhölzer und Eintonflöten, aber weder Trommeln noch Saiteninstrumente. Die ersten Saiteninstrumente im nachfolgenden mittleren Stratum waren demnach Erdharfe, Erdzither und Musikbogen. Je weiter ein Musikinstrument über mehrere Kontinente verbreitet und je einfacher es ist, desto älter ist es nach diesem Modell.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W.W Norton & Company, New York 1940, S. 63 Das regional begrenzte Vorkommen der Rahmenzithern spricht für eine jüngere Entstehung und ihre Form fügt sich in die Entwicklungslinie Mundbogen – Musikbogen, der auf einen am Boden liegenden Resonator gelegt wird – Kalebassen-Musikbogen, bei dem der Resonator am Saitenträger festgebunden ist – mehrere Saiten in Verbindung mit einem Resonanzkörper.Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments. Comments on “Geist und Werden der Musikinstrumente” by C. Sachs. In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 6, Nr. 2, April 1933, S. 129–157, hier S. 138

Bei der nur in Afrika südlich der Sahara vorkommenden Gruppe der Pluriarc (Bogenlauten) sind mehrere, vom Musikbogen übernommene elastische Saitenträger mit einem Resonanzkörper verbunden, sodass ein mehrsaitiges Instrument entsteht, das in der Hornbostel-Sachs-Systematik den Lauten zugeordnet wird, weil die Saiten zumindest teilweise parallel zur Resonanzdecke verlaufen. Von den elastischen Saitenträgern unterscheidet Erich Moritz von Hornbostel (1933) grundsätzlich die von den Musikstäben, also Stabzithern mit einem festen Saitenträger ausgehenden Entwicklungen wie Stabzithern mit Kalebassenresonator (zeze in Ostafrika) und Röhrenzithern (Bambusröhrenzither valiha in Madagaskar), aus deren paralleler Anordnung mehrsaitige Floßzithern, Brettzithern (bangwe in Malawi) und Trogzithern (inanga in Ostafrika) hervorgegangen sind.Erich Moritz von Hornbostel, 1933, S. 135

Adungu Eine Vorstufe in der Entwicklung vom einsaitigen Musikbogen zu einer Rahmenzither mit festem Rahmen stellt der mehrsaitige Musikbogen – oder die elastische Rahmenzither – adungu der Acholi im Norden Ugandas dar, der aus einem U-förmig gebogenen Saitenträger besteht. Die zwischen beiden Seiten in der Form eines Z gespannte Schnur bildet drei unterschiedlich lange Saiten. Der Stab eines Exemplars ist 85 Zentimeter lang. Die leisen Töne der adungu werden verstärkt, wenn die Mitte des Saitenträgers auf eine umgedrehte Kalebassenhalbschale gestellt wird. Die adungu wird nur von Frauen gespielt, die den Resonator in ihren Schoß legen. Die Musikerin kann die Saite an einer beliebigen Stelle mit dem Finger, einem Stab oder einer Münze berühren, um einen höheren Ton als den Grundton zu erzeugen. Ursprünglich nur solistisch gespielt wird die adungu seit den 1970er Jahren auch in einem Ensemble mit dreitönigen Akkorden zur Gesangsbegleitung verwendet und hierfür in drei bis vier Größen mit bis zu 2 Metern Stablänge hergestellt.Adungu (musical bow) – Unknown maker – Pre 1965. St Cecilia's Hall, University of Edinburgh, 2024 Adungu heißt bei den Alur im Nordwesten von Uganda und in der Demokratischen Republik Kongo auch eine sieben- bis neunsaitige Bogenharfe. Ein anderer bantusprachiger Name für dieses Saiteninstrument bei den Alur ist adingilii, eine wahrscheinlich lautmalerische Parallele zum kameruner Lamellophon timbiliGerhard Kubik: Generic Names for the Mbira. In: African Music, Band 3, Nr. 3, 1964, S. 25–36, hier S. 29

Ein ähnlicher halbkreisförmiger Musikbogen ist der dreisaitige ekidongo der Ankole im Südwesten von Uganda. Er wird zur Resonanzverstärkung auf eine umgedrehte, am Boden liegende Blechschale (Kochtopf) gesetzt. Die beiden inneren, kürzeren Saiten zupft der Musiker leer, während er die obere Saite an zwei Stellen an einem Ende mit dem Kinn verkürzt.Ekidongo. Afrikamuseum, Tervuren Ohne Resonanzkörper, nur mit dem Mund verstärkt, spielen die Hamar in Südwestäthiopien einen zweifach nach einer Seite gegabelten Zweig, dessen drei Enden durch jeweils eine Saite aufgebogen werden.Ulrich Wegner, 1984, S. 27f

Kipokandet mini|hochkant|Links kipokandet mit fünf Saiten der Nandi, rechts chepkesem mit vier Saiten der Kipsigis in Kenia. Abbildung von 1909 Aus Ostafrika sind zwei weitere seltene Saiteninstrumente bekannt, von denen eines als Mischform von Rahmenzither und mehrsaitigem Musikbogen betrachtet werden kann. Dieses Saiteninstrument, von dem Ulrich Wegner (1984) keinen Namen angibt, besteht aus einem fast vollständig zu einem Kreis gebogenen Stab. Eine Saitenschnur wird nicht wie beim mehrsaitigen Musikbogen adungu quer zwischen den beiden Stabhälften, sondern drei oder vier Mal rechtwinklig dazu zwischen der Stabmitte und den beiden Enden verknotet. Als Resonanzkörper dient eine unverbundene Kalebasse. Es wird von Frauen der zu den Nuba gezählten Masakit in den Nuba-Bergen (Region Kurdufan) im Sudan gespielt.Ulrich Wegner, 1984, S. 81; Artur Simon: Sudan, Republic of. 1. Music of the Muslim peoples. (iv) Kordofan and Darfur. In: Grove Music Online, 2001

Werden die beiden Enden einer U-förmigen Astgabelung durch eine Querstange verbunden und die Saiten wie beim Nuba-Instrument längs bis zur Querstange geführt, so ergibt sich die Konstruktion einer Leier ohne Resonanzkörper. Diese Mischform aus Rahmenzither und einer ostafrikanischen Leier wie der litungu im Westen Kenias oder der tom im Südsudan heißt bei den hauptsächlich im westkenianischen Nandi County lebenden Nandi kipokandet.Kipokandet. Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum (Abbildung) Ein Exemplar der kipokandet mit fünf Saiten aus gedrehten Pflanzenfasern, das 1907 im Berliner Völkerkundemuseum archiviert wurde, ist 77 Zentimeter lang und 32 Zentimeter breit.

Ulrich Wegner (1984) klassifiziert die kipokandet als „Sonderform der Rahmenzither“,Ulrich Wegner, 1984, S. 81 in die Literatur ist sie jedoch als Nandi lyre („Nandi-Leier“) eingegangen.Alfred Claud Hollis: The Nandi. Their Language and Folk-lore. Negro Universities Press, Westport (Connecticut) 1909 (Nachdruck 1971), S. 39; Benjamin Kipkios Ng’etich: Precolonial Nandi Marriage System and Household Relationships. In: Elixir Social Studies, Band 113, 2017, S. 49209–49223, hier S. 49219 Die an beiden Seiten durchbohrte und auf die Enden der Astgabel gesteckte Querstange entspricht konstruktiv der Jochstange einer ostafrikanischen Leier und ist – neben der Anordnung der Saiten – das wesentliche Unterscheidungsmerkmal von den westafrikanischen Rahmenzithern. Vom Ansatz der Astgabel bis zur Querstange sind fünf annähernd parallele Saiten traditionell aus gedrehter Pflanzenfaser gespannt. Eine sechste Saite daneben ist nicht gestimmt und wird nicht gezupft; sie dient als Ersatz, falls eine andere Saite reißt. Von der Leier stammt auch ein kleines Holzstück, das manchmal am unteren Ende wie ein Steg unter die Saiten geschoben wird. Im Unterschied zu den typischen Leiern fehlt ein integrierter Resonanzkörper.

mini|hochkant|Anstatt mit der unteren Spitze zur Klangverstärkung auf einen Blechkanister aufgesetzt, ist bei dieser echten arabischen Leier simsimiyya der Blechkanister-Resonator integriert. Eine ähnliche Zither/Leier oder „Rahmenleier mit externem Resonator“Der Ausdruck ist keine Klassifikation der Hornbostel-Sachs-Systematik oder ihrer Erweiterungen. Vgl. Andrew Tracey: The Scales of Some African Musical Instruments (As Measured in the Field at the Time of Recording). In: African Music: Journal of the International Library of African Music, (vor 2014) S. 94–111, hier S. 99 ist die chepkesem (auch chepkeser) der Kipsigis in Kenia mit vier (oder fünf) Saiten. Laut Ulrich Wegner (1984) spielten nur noch alte Männer dieses Instrument, indem sie den Resonator provisorisch durch am Boden zusammengefaltete Hautdecken ersetzten, auf den sie die untere Spitze des Rahmens stellten. Zeitgemäßer und für diesen Zweck geeigneter ist ein Blechkanister. Nach dem alten Namen der Kipsigis wurde dieses Saiteninstrument früher auch Lumbwa lyre genannt.Alfred Claud Hollis, 1909, S. 39

Resonator mini|hochkant|Ein-Ton-Xylophon idimba der Lunda in Sambia, dessen Platte zur Klangverstärkung über der Öffnung einer Kalebasse befestigt ist. Tropenmuseum, Amsterdam. Zu den afrikanischen Saiteninstrumente ohne eigenen Resonator, die lediglich beim Spiel zur Klangverstärkung mit einer geeigneten Schale oder einem geschlossenen Körper in Kontakt gebracht werden, gehören außer manchen Rahmenzithern und Musikbögen (ekidongo in Uganda) auch einige Musikstäbe und Brettzithern. Die Brettzither bangwe in Malawi wird zu diesem Zweck über die Öffnung eines aufgeschnittenen Ölkanisters gehalten, wie dies üblicherweise bei afrikanischen Xylophonen und Lamellophonen geschieht.

Bei ostafrikanischen Trogzithern oder Schalenzithern wie der inanga in Ruanda und der ligombo der Hehe in Tansania ist die hölzerne Schale zugleich Resonanzkörper und Saitenträger, manche Typen werden zusätzlich auf die Öffnung einer Kalebasse gelegt oder darauf festgebunden. Bei einem ligombo-Typ wird der rinnenförmig ausgehöhlte Saitenträger entweder auf eine Kalebassenhalbschale aufgelegt oder diese wird zwischen den Saiten und dem Träger eingeklemmt. Die Sandawe legen ein Ende ihrer Zither tloto auf eine umgedrehte Kalebasse und die Hima legen ihre enanga mpima über eine Waschschüssel aus Holz oder Metall.Ulrich Wegner, 1984, S. 74f

Hallstattzeit