Die Republikanischen Brüder () waren eine Gruppe von islamischen Reformdenkern, die besonders in den 1970er und 1980er Jahren im Sudan aktiv war. Zentraler Lehrpunkt der Gruppe war, dass der Islam neben der traditionellen Scharia, die sich auf die medinischen Teile des Korans stützt und einen restriktiven und diskriminierenden Charakter hat, eine „Zweite Botschaft“ enthält, die in den mekkanischen Teilen des Korans enthalten ist und erst freigelegt werden muss, um die auf soziale und politische Gleichheit gegründete überzeitlich gültige Lehre des Islams zu entdecken. Die Republikanischen Brüder (auch als Republikaner bekannt) befürworteten die Gleichstellung von Frauen und Nicht-Muslimen, womit sie die traditionelle Auslegung der Scharia in Frage stellten.an-Na'im/Pierce: "Sudan’s Republican Brothers. An alternative Islamic Ideology". 1987, S. 40. Ihre rationale politische Analyse kombinierten sie aber auch mit philosophisch-mystischen Lehren.Lichtenthäler: “Muṣliḥ mystic and martyr: the vision of Maḥmūd Muḥammad Ṭaha and the Republican Brothers in the Sudan.” 1995, S. 58. Gründer und verehrter Lehrer („Ustādh“) der Gruppe war Mahmūd Muhammad Tāhā, der 1985 hingerichtet wurde. Ein weiterer wichtiger Vertreter ist ʿAbdallāh an-Naʿīm.Magnarella: “The Republican Brothers: A Reformist Movement in Sudan”. 1982, S. 24. Als kleine Bewegung von reformorientierten Intellektuellen lebt die Bewegung bis heute weiter.
Geschichte Gründung der Republikanischen Partei Die Republikaner starteten als politische Partei 1945 im Anglo-Ägyptischen Sudan. Im Oktober 1945 gründete Mahmud Muhammad Tāhā zusammen mit einer Reihe von Intellektuellen die Republikanische Partei (al-ḥizb al-ǧumhūrī). Mit der Bezeichnung „Republikaner“ forderten sie nicht nur diejenigen Sudanesen heraus, die eine Vereinigung mit dem Königreich Ägypten befürworteten, sondern brachten auch ihre Ablehnung einer geplanten mahdistischen Monarchie für den Sudan zum Ausdruck.Stevens: “Sudan's Republican Brothers and Islamic reform”. 1981, S. 137 f. Politische Ziele der Partei waren die Schaffung einer unabhängigen, föderalistischen Republik Sudan, in der ein „demokratischer Sozialismus“ individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit garantieren sollten.Oevermann: Die Republikanischen Brüder im Sudan. Eine islamische Reformbewegung im Zwanzigsten Jahrhundert. 1993, S. 49. Ein weiteres Ziel der Gruppe war es, die politische Vormacht der beiden großen Gemeinschaften Chatmiyya und Ansār zu brechen.Mahmoud: “Mahmud Muhammad Taha and the Rise and Demise of the Jumhuri Movement.” 2001, S. 68.
Kurz nach der Ankündigung der Gründung ihrer Partei gaben die Republikaner ein Manifest heraus, in dem sie ihre Positionen zu einigen der wichtigsten Themen der Zeit darlegten, darunter Politik, Wirtschaft, Bildung und Frauen.Mahmoud: “Mahmud Muhammad Taha and the Rise and Demise of the Jumhuri Movement.” 2001, S. 69 f. In diesem Manifest mit dem Titel as-Sifr al-auwal („Das erste Buch“), das in vielerlei Hinsicht einen islamisch-religiösen Charakter hat,Thomas: Islam's Perfect Stranger: The Life of Mahmud Muhammad Taha. 2010, S. 67. heißt es:
Die Republikaner betrachteten sich als Partei des Volkes und wählten daher die Taktik des „direkten Engagements“: Sie verteilten Flugblätter und sprachen die einfachen Menschen auf der Straße, in Moscheen, Clubs und Cafés an. In den Flugblättern wandten sie sich gegen die Kolonialmächte und propagierten die Unabhängigkeit des Sudan ohne Bindung an Ägypten oder England. In einer Erklärung vom 18. Februar 1946 appellierten sie an die Aschiqqā'-Partei und die Umma-Partei, die Nationalbewegung nicht zu zersplittern und weder den Engländern noch Ägypten in die Hände zu spielen. Diese Aktivitäten führten allerdings im März 1946 zur Verhaftung und Inhaftierung von Tāhā und mehreren Republikanern.
Die übrigen Republikaner führten eine heftige Kampagne gegen Tāhās Inhaftierung, die die Behörden dazu veranlasste, ihn nach 50 Tagen bedingungslos freizulassen.Mahmoud: “Mahmud Muhammad Taha and the Rise and Demise of the Jumhuri Movement.” 2001, S. 71. Republikanische Autoren vermuteten, dass Tāhā freigelassen wurde, weil die Behörden keinen Nationalhelden aus ihm machen wollten.Thomas: Islam's Perfect Stranger: The Life of Mahmud Muhammad Taha. 2010, S. 71. Durch die Kampagne konnte die Partei ihre Popularität steigern zu und ihre Mitgliederzahl auf 100 erhöhen.Thomas: Islam's Perfect Stranger: The Life of Mahmud Muhammad Taha. 2010, S. 70.
Protest gegen das Verbot der pharaonischen Beschneidung Zwei Monate nach seiner Freilassung waren die Republikaner in die sogenannte „Rufāʿa-Episode“ verwickelt, die zur Neugestaltung ihrer Bewegung führen sollte. Auslöser war, dass die britische Kolonialregierung dem sudanesischen Strafgesetz Anfang 1946 einen Artikel hinzufügte, der die pharaonische Beschneidung zu einem Straftatbestand machte, der mit Geld- und Freiheitsstrafen geahndet wurde. Obwohl die Republikaner die pharaonische Beschneidung ebenfalls ablehnten, bekämpften sie die neue gesetzliche Regelung und sahen darin einen kalkulierten Versuch, die Sudanesen zu stigmatisieren und zu demütigen und sie als „barbarisches“ und „rückständiges“ Volk darzustellen, das nicht reif für die Unabhängigkeit sei.Oevermann: Die Republikanischen Brüder im Sudan. Eine islamische Reformbewegung im Zwanzigsten Jahrhundert. 1993, S. 50. Schon 1945 hatten sie einen Traktat veröffentlicht, in dem sie die Position vertraten, dass die Praktik zwar verwerflich sei, jedoch nur durch Erziehung und nicht durch eine gesetzliche Anordnung aus der sudanesischen Gesellschaft verbannt werden könne.Thomas: Islam's Perfect Stranger: The Life of Mahmud Muhammad Taha. 2010, S. 73. Indem sie das Gesetz bekämpften, glaubten sie, die Ehre (karāma) der sudanesischen Frauen zu verteidigen und sich für die Freiheit des Landes einzusetzen.Mahmoud: “Mahmud Muhammad Taha and the Rise and Demise of the Jumhuri Movement.” 2001, S. 71 f.
Als im September 1946 in Tāhās Heimatstadt Rufāʿa eine Frau verhaftet wurde, weil sie eine solche Beschneidung durchgeführt hatte, die Operation durchgeführt hatte, nahm er diesen Vorfall zum Anlass, um in einer Chutba zum Dschihad gegen die Briten aufzurufen. Tāhās Anhänger griffen daraufhin das Polizeihauptquartier an, so dass die Polizei die Frau wieder frei lassen musste. Die antibritische Propaganda, die die Republikaner im Zuge des Rufāʿa-Ereignisses verbreiteten, wurde jedoch bald von der britischen Administration durch Verhaftung der Anführer der Revolte ihre Verurteilung zu Gefängnisstrafen zum Stillstand gebracht. Tāhā selbst wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und einem zusätzlichen Jahr polizeilicher Überwachung belegt.Oevermann: Die Republikanischen Brüder im Sudan. Eine islamische Reformbewegung im Zwanzigsten Jahrhundert. 1993, S. 51.
Verwandlung in eine religiöse Reformbewegung Während seiner zweijährigen Haft entwickelte Tāhā seine Ideen von der Zweiten Botschaft des Islam, die zum ideologischen Kern der republikanischen Bewegung werden sollte. Die Republikaner stellten ihre politischen Aktivitäten während der Zeit seines Gefängnisaufenthaltes und seiner anschließenden zweijährigen freiwilligen Isolation in Rufāʿa ein, um 1951 mit seiner neuen Botschaft anstelle eines politischen Programms wieder an die Öffentlichkeit zu treten. Seit dieser Zeit betrachteten sich die Republikanischen Brüder nicht mehr so sehr als politische Partei, sondern mehr „als eine religiös-aufklärerische und erzieherische Bewegung zur Verbreitung von Tāhās anti-legalistischem, humanitärem Islamverständnis.“Oevermann: Die Republikanischen Brüder im Sudan. Eine islamische Reformbewegung im Zwanzigsten Jahrhundert. 1993, S. 52. Sie selbst versuchten als eine vorbildliche Gemeinschaft zu leben. Dazu gehörte, dass die jungen, unverheirateten Männer und Frauen, die den Republikanern für ein bis zwei Jahre eine Art Noviziat in einem der Häuser der Organisation verbrachten. 1973 besaßen die Republikaner drei Häuser in Khartum und drei weitere in anderen Städten des Sudan.Oevermann: Die Republikanischen Brüder im Sudan. Eine islamische Reformbewegung im Zwanzigsten Jahrhundert. 1993, S. 53.
Zu parlamentarischen Wahlen traten die Republikanischen Brüder nie an, doch veröffentlichten sie im Dezember 1955, kurz vor Entlassung Sudans in die Unabhängigkeit, ihr wichtigstes politisches Dokument: Usus Dustūr as-Sūdān („Grundlagen der Verfassung des Sudan“). Dieses Dokument sah eine föderale, demokratische und sozialistische Republik vor, die sich an den Grundsätzen des Korans orientiert.Mahmoud: “Mahmud Muhammad Taha and the Rise and Demise of the Jumhuri Movement.” 2001, S. 74. Ihre Beteiligung an der Ende 1956 einberufenen Kommission zur Erarbeitung eines Entwurfs für eine permanente Verfassung war nur von kurzer Dauer, weil bereits in der ersten Sitzung deutlich wurde, dass die von Ansār und Chatmīya dominierte Regierung Einfluss zu nehmen versuchte. Daraufhin zogen sich die Republikanischen Brüder zurück und begründeten ihren Schritt in einer veröffentlichten Erklärung damit, dass die Abhängigkeit der Verfassungskommission von der Regierung ihrer Vorstellung von Volkssouveränität widerspreche.Oevermann: Die Republikanischen Brüder im Sudan. Eine islamische Reformbewegung im Zwanzigsten Jahrhundert. 1993, S. 52 f.
Unterstützung der Militärregierung von ʿAbbūd Nach dem Putsch von General Ibrāhīm ʿAbbūd am 17. November 1958 stellten sich die Republikaner auf die Seite des neuen Militärregimes. Zwar stand die politische Realität des ʿAbbūd-Regimes mit dem Verbot von sämtlicher Parteien und Gewerkschaften den Idealen der Republikaner diametral entgegen, doch sahen sie das als einen „bitteren Tropfen“ an, den das sudanesische Volk schlucken müsste, um die Unabhängigkeit seines Landes von Ägypten zu wahren. Außerdem hofften sie, dass ʿAbbūd der ṭāʾifīya ein Ende bereiten würde,Mahmoud: “Mahmud Muhammad Taha and the Rise and Demise of the Jumhuri Movement.” 2001, S. 75. einer Politik von eng mit den Bruderschaften verknüpften Parteien, die von kleinlichen Rivalitäten und gegenseitigem Misstrauen der politischen Partner charakterisiert war.
Während ʿAbbūds Militärherrschaft konnten die Republikaner ihre Aktivitäten fortsetzen und Vorträge halten, allerdings schlossen konservative Gelehrte, von den Republikanern als Salafīyūn bezeichnet, die republikanischen Studenten 1960 aus dem Wissenschaftlichen Institut Omdurman aus und erwirkten eine Fatwa von dem sudanesischen Ober-Qādī, nach der ihre Ideen als gefährlich für die Sicherheit waren. Die Republikaner durften daraufhin keine Vorträge mehr in den öffentlichen Clubs halten oder Artikel in den Zeitungen veröffentlichen. Sie verlegten daraufhin ihre Vorträge in Privathäuser und veröffentlichten das Buch „Islam“, um die ihrer Ansicht nach falsche Darstellung ihrer Ideen durch die konservativen Gelehrten zu korrigieren.al-Iḫwān al-ǧumhūrīyūn: Maʿālim ʿalā ṭarīq taṭauwur al-fikra al-ǧumhūrīya ḫilāl ṯalāṯīna ʿāman 1945–1975. Khartum 1976. Bd. II, S. 12. Online-Version
Auch wenn die Republikaner einige Aspekte des Regimes von ʿAbbūd kritisierten, verurteilten sie seinen Sturz im November 1964 als eine Verschwörung der an die Bruderschaften gebundenen Parteien. In einer Erklärung warnten sie, dass nach dem Sturz die ṭāʾifīya wieder aufleben würde und die Parteien erneut Partikularinteressen der religiösen Elite vertreten würden.Oevermann: Die Republikanischen Brüder im Sudan. 1993, S. 56.
Konfrontation mit den Islamisten Ende der 1960er Jahre