mini|hochkant|alt=Ovales Schwarz-Weiß-Porträt von Helen Holmes auf hellbeigem Hintergrund. Sie trägt ein helles Oberteil, eine lockige, bis zu den Ohren geschnittene Frisur sowie einen auf dem linken Oberarm hängenden Zopf.|Porträt von Holmes (1916) Helen Holmes (* 19. Juni 1892 in Cook County; † 8. Juli 1950 in Burbank) war eine US-amerikanische Schauspielerin, Drehbuchautorin, Regisseurin und Filmproduzentin. Bekannt wurde sie vor allem für ihre Hauptrolle im Abenteuer-Serial The Hazards of Helen. Es nahm im Vergleich zu anderen damaligen Serials mit weiblichen Charakteren eine besondere Rolle ein, unter anderem da Holmes’ Figur sich eigenständig aus gefährlichen Situationen rettete und die Darstellerin die Stunts selber ausführte. Deswegen wird die Reihe mitunter als erstes Action-Franchise der Kinogeschichte angesehen. Holmes war durch die beliebte Reihe in der Öffentlichkeit bekannt, wobei sich ihre Popularität durch nach dem Ende von The Hazards of Helen gedrehte, ähnliche Produktionen weiter steigerte.
Trotz ihrer insgesamt relativ kurzen Karriere im Filmgeschäft wird Holmes von einigen Filmhistorikern aufgrund der von ihr verkörperten emanzipierten Frauen sowie ihrer Tätigkeit als eine der wenigen weiblichen US-amerikanischen Filmschaffenden im frühen 20. Jahrhundert als Vorreiterin bezeichnet.
Frühe Jahre Über Helen Holmes’ frühes Leben finden sich nur wenige gesicherte Fakten. Ihr Vater Louis war 25 Jahre vor ihrer Geburt aus Norwegen in die Vereinigten Staaten eingewandertLouis A. Holmes. In: United States Census 1900. United States Census Bureau, Suitland 1900. und arbeitete zunächst als Angestellter für die Eisenbahngesellschaft Illinois Central Railroad, anschließend für die Chicago and Eastern Illinois Railroad. Wie Holmes später berichtete, brachte er ihr das Steuern einer Lokomotive bei.Susan Goldman Rubin: The Women Who Built Hollywood: 12 Trailblazers in Front of and Behind the Camera. Astra Publishing House, New York 2023, ISBN 978-1-6626-8011-3. Er und seine Ehefrau Sophia hatten außer Helen einen älteren Sohn sowie eine jüngere Tochter.Helen Holmes. In: United States Census 1900. United States Census Bureau, Suitland 1900.
Zu Holmes’ Geburtsdatum und -ort gibt es unterschiedliche Angaben. Laut einem Sachbuch von 1990 wurde sie am 7. Juli 1892 in Louisville geboren.Buck Rainey: Those Fabulous Serial Heroines: Their Lives and Films. Scarecrow Press, Lanham 1990, ISBN 0-8108-1911-2, S. 97. Andere Quellen geben stattdessen 1891 oder 1894 als Geburtsjahr sowie South Bend als Geburtsort an. Letztere Information basiert womöglich auf einem Interview von Holmes, in dem sie behauptete, auf einer Farm in South Bend geboren worden zu sein und später in Chicago gelebt zu haben.The Girl on the Cover. Photoplay Magazine, Band 7, Ausgabe 4, März 1915, S. 50. Ein mehrere Jahre später erschienener Zeitschriftenartikel erwähnte einen privaten Eisenbahnwaggon ihres Vaters als Geburtsort.Brotherhood of Locomotive Firemen and Enginemen’s Magazine, Band 62, 1917, S. 29. Tatsächlich wurde Holmes gemäß einer nationalen Volkszählung aus dem Jahr 1900 am 19. Juni 1892 in Cook County geboren.John J. McGowan: J.P. McGowan: Biography of a Hollywood Pioneer. McFarland & Company, Jefferson 2005, ISBN 0-7864-1994-6.
Laut einigen Publikationen ging Holmes als Mädchen in eine kirchliche Schule, den St Mary’s Convent in South Bend. Nach eigenen Angaben besuchte sie als junge Frau die Kunstschule des Art Institute of Chicago und verdiente Geld als Werbeposter-Model der Eisenbahngesellschaft Atchison, Topeka and Santa Fe Railway.Jim Edwards: Chicago’s Lollapalooza Days: 1893–1934. Arcadia Publishing, Mount Pleasant 2019, ISBN 978-1-4396-6771-2, Kapitel Helen Holmes. Ungefähr im Alter von 18 Jahren zog sie ins Death Valley,Alicia Malone: Backwards and in Heels: The Past, Present And Future Of Women Working In Film. Mango Publishing, Miami 2017, ISBN 978-1-63353-618-0, Kapitel Helen Holmes: The Action Hero. erlernte auf einer Ranch im Inyo County den Umgang mit Pferden, den Gebrauch von SchusswaffenGeoff Mayer: Encyclopedia of American Film Serials. McFarland & Company, Jefferson 2017, ISBN 978-0-7864-7762-3. sowie das Goldschürfen und lebte angeblich eine Zeit lang zusammen mit Ureinwohnern.Brief Biographies of Popular Players. Motion Picture Magazine, Band 9, März 1915, S. 111. Zu ihren Beweggründen existieren ebenfalls mehrere Versionen. Laut einer lud ihr Bruder, der sich als Farmer in Kalifornien versuchte, sie dorthin ein. Gemäß einer anderen zog Holmes zusammen mit ihrer Familie auf die Ranch. Die Eltern sollen sich vom dortigen Klima eine Genesung des lungenkranken Sohns erhofft haben,Denise Lowe: An Encyclopedic Dictionary of Women in Early American Films: 1895–1930. Taylor & Francis, Milton Park 2014, ISBN 978-1-317-71897-0, S. 275. zumal der Vater ins kalifornische Minengeschäft einsteigen wollte.Buck Rainey: Serial Film Stars: A Biographical Dictionary, 1912–1956. McFarland & Company, Jefferson 2005, ISBN 0-7864-2010-3. In einer dritten Version war Holmes’ Mutter verwitwet und wollte mit dem Umzug in das warme Gebiet die Tuberkulose ihrer Kinder lindern. Aufgrund ihrer Geldnot habe sie in ein geplantes Immobiliengeschäft investiert, das sich als Betrugsmasche herausstellte und die Familie ihre gesamten Ersparnisse kostete.William Carruthers: Loafing Along Death Valley Trails: A Personal Narrative of People and Places. Death Valley Publishing Company, Berkeley 1951, ISBN 1-258-88710-X, S. 126–127.
Karriere
Anfänge Holmes verließ Anfang der 1910er Jahre nach dem Tod ihres Bruders das Death Valley.Buck Rainey: Sweethearts of the Sage: Biographies and Filmographies of 258 Actresses Appearing in Western Movies. McFarland & Company, Jefferson 1992, ISBN 0-89950-565-1, S. 44. Nach einigen Quellen lebte sie für eine kurze Zeit in New York City und feierte dort am Theater ihr Debüt als Schauspielerin, ehe sie nach Kalifornien zurückkehrte. Es ist jedoch nicht klar, ob es sich bei der Frau wirklich um Holmes oder eine Namensvetterin handelte, die zur selben Zeit am Broadway wirkte.Amy Dunkleberger, Patricia King Hanson: AFI Catalog of Motion Pictures Produced in the United States. University of California Press, Berkeley 1999, ISBN 0-520-21521-4, S. 148. Hingegen ist erwiesen, dass Holmes in dem Zeitraum die Schauspielerin Mabel Normand kennenlernte und sich mit ihr anfreundete.
Normand machte Holmes mit ihrem Arbeitgeber Mack Sennett bekannt. Er erklärte sich bereit, sie unter Vertrag zu nehmen, worauf Holmes in Produktionen seiner Keystone Studios kleine Nebenrollen übernahm. Sie blieb ungefähr ein Jahr lang bei Keystone beschäftigt, bis sie 1912 den Schauspieler und Regisseur J. P. McGowan kennen lernte. Er überzeugte sie davon, zu kündigen und stattdessen für die Kalem Company tätig zu werden, für die er seit einigen Jahren regelmäßig drehte. Der gebürtige Australier McGowan hatte wie Holmes eine Verbindung zur Eisenbahn, da er in der Eisenbahnerstadt Terowie geboren worden war und in Camperdown nahe Sydney aufwuchs, wo sein Vater als Ingenieur für die New South Wales Government Railways arbeitete. Er drehte fortan etliche Kurzfilme mit Holmes in der Hauptrolle, meistens im Eisenbahnmilieu spielende Dramen und Western.
The Hazards of Helen Im November 1914 wurde die erste Episode des Kalem-Serials The Hazards of Helen veröffentlicht.William C. Cline: Serials-ly Speaking: Essays on Cliffhangers. McFarland & Company, Jefferson 2000, ISBN 0-7864-0918-5, S. 53. Es handelte von der titelgebenden, von Holmes verkörperten Telegraphistin, die in einem abgelegenen Depot arbeitet und beispielsweise mit außer Kontrolle geratenen Lokomotiven oder Banditen, die die Züge ausrauben wollen, konfrontiert wird. The Hazards of Helen unterschied sich aus zwei Gründen von den meisten anderen damaligen Serials mit weiblichen Charakteren. Zum einen wurde die Hauptfigur größtenteils nicht von einem Mann gerettet, sondern bewältigte die gefährlichen Situationen selbst, wobei ihre Fähigkeiten oft von sexistischen männlichen Charakteren unterschätzt wurden. Daneben erzählte jede Episode eine abgeschlossene Geschichte. Damals waren bei Serials Cliffhanger-Enden üblich, weswegen The Hazards of Helen von einigen Filmhistorikern nicht als Serial, sondern Kurzfilmreihe eingestuft wird. Es wird aus demselben Grund vereinzelt als erstes Action-Franchise der Filmgeschichte bezeichnet.
Holmes spielte nicht nur die Protagonistin in The Hazards of Helen, sondern verfasste auch die Drehbücher einiger FolgenPhillip Dye: Lost Cleopatra: A Tale of Ancient Hollywood. BearManor Media, Orlando 2020, ISBN 978-1-62933-596-4, Kapitel Shakespeare. und übernahm gelegentlich die Regie.Mollie Gregory: Stuntwomen: The Untold Hollywood Story. University Press of Kentucky, Lexington 2015, ISBN 978-0-8131-6624-7, S. 281. Eine weitere Besonderheit der Reihe war, dass die Hauptdarstellerin die Stunts oft selbst ausführte. In den 1910er Jahren übernahmen sonst nur Frauenkleider tragende Männer für Schauspielerinnen zu gefährliche Szenen. Auch Holmes wurde mitunter gedoubelt, wobei neben zwei Stuntmännern am häufigsten die Schauspielerin Helen Gibson zum Einsatz kam, die aus diesem Grund als erste professionelle Stuntfrau der Vereinigten Staaten gilt.
Holmes schilderte 1916 in einem Interview, dass Schauspielerinnen, die in ihren Filmen „echte Nervenkitzel“ erleben wollen, das Skript selbst verfassen müssten. Fast alle Drehbücher würden von Männern geschrieben, die ihre weiblichen Figuren „nichts Waghalsiges“ machen ließen, da sie das selbst auch nicht tun würden. So fuhr Holmes auf einem schnellen Motorrad von einem hochgelegenen Pier oder klammerte sich an einer Trestle-Brücke fest, um anschließend auf das Dach eines fahrenden Zugs zu springen. In weiteren Folgen kletterte sie auf einen Wasserturm,Thomas C. Jepsen: My Sisters Telegraphic: Women in the Telegraph Office, 1846–1950. Ohio University Press, Athens 2000, ISBN 0-8214-1343-0, S. 142. wurde von ihren Gegnern an Gleise gefesselt und musste sich befreien, um nicht von einem Güterwagen überfahren zu werden,Buck Rainey: Serials and Series: A World Filmography, 1912–1956. McFarland & Company, Jefferson 2015, ISBN 978-1-4766-0448-0, S. 1. oder verfolgte einen Räuber, indem sie von einer Brücke auf ein Waggondach und anschließend in einen Fluss sprang, ehe sie ihn am Ufer überwältigte.
The Hazards of Helen war beim Publikum sehr erfolgreich, weswegen über Holmes regelmäßig in Filmzeitschriften und damals neu gegründeten Boulevardzeitungen berichtet wurde. Zudem führte sie 1917 auf dem California State Fair einen ihrer Stunts vor. Sie stand dabei auf einer Lokomotive, die auf eine andere zuraste. Kurz vor dem Zusammenstoß sprang Holmes in ein nahestehendes Auto. Laut einer Tageszeitung wollten ihr derart viele Personen zusehen, dass der Zuschauerandrang von der Polizei unter Kontrolle gebracht werden musste. Der Beruf brachte ihr jedoch neben diesen Vorteilen auch gesundheitliche Nachteile. Bei einem Setunfall rammte Holmes einen Kaktus, wodurch sie beinahe ein Auge verlor. Daneben kostete ein Sprung von einem Pferd auf einen vorbeirasenden Zug sie angeblich einen Daumen. Bei zwei weiteren Zwischenfällen blieb Holmes nur durch Glück unverletzt. An einem Drehtag fing ihre Kleidung fast Feuer, als sie in einem brennenden Waggon drehte. In einer anderen Episode fuhr sie einen steilen Abhang in einem Lastwagen hinunter, dessen Bremsen versagten. Das Fahrzeug kam erst nach einem Unfall zum Stehen.