Die Tourismuswissenschaft existiert als Wortschöpfung erst seit Beginn der 1990er-Jahre. Der Begriff ist noch nicht etabliert und es ist umstritten, ob es eine eigene Tourismuswissenschaft gibt oder ob man nicht eher von Tourismuswissenschaften mit verschiedenen Erklärungsansätzen oder Teilwissenschaften wie Tourismussoziologie, Tourismusgeschichte, Tourismusgeographie oder Tourismusökonomie sprechen sollte.

Fremdenverkehrswissenschaft Der Begriff Tourismuswissenschaft erscheint neu, jedoch soll dadurch nicht der Eindruck erweckt werden, dass eine wissenschaftliche Diskussion über den Fremdenverkehr erst seit Beginn der 1990er-Jahre stattfand. Bereits 1929 hatte sich Robert Glücksmann in seinem Berliner Institut mit Fragen des Fremdenverkehrs beschäftigt (vgl. Geschichte der Tourismusforschung). Glücksmann wird heute als ein Mitbegründer der modernen Fremdenverkehrswissenschaft bezeichnet. Jedoch stand auch noch nach dem Krieg die Fremdenverkehrswissenschaft auf wackeligen Beinen; Kritiker bezweifelten, dass es überhaupt eine selbstständige Fremdenverkehrswissenschaft geben könne.

Die Kritiker setzen – und zwar logisch durchaus berechtigt – meist schon beim Fremdenverkehrsbegriff an. Tatsächlich stünde eine Wissenschaft auf schwachen Beinen, wenn sie nicht einwandfrei umrissenes, mit Eigenleben erfülltes Erkenntnisobjekt zu stützen vermöge (Hunziker). Aber auch E. Spatt behandelte 1975 das Thema Die Fremdenverkehrslehre als Wissenschaft und kam zum Ergebnis, dass sich diese Frage nur vom Erkenntnisobjekt her beantworten lasse. Denn im Erkenntnisobjekt vereinigt sich gleichsam der gesamte erlebte und erfahrene Sachverhalt eines Daseinsbereiches, soweit er sich nach einheitlichen Gesichtspunkten einordnen lässt. Erst seit Beginn der 1990er Jahre beginnt die Fremdenverkehrswissenschaft mit sich selbst unzufrieden zu werden, wird sensibel für ihre Begrenztheit und sucht nach Wegen, die zu einer breiter fundierten Tourismuswissenschaft führen (vgl. Spode). Manche Autoren titelten sogar: „Der Fremdenverkehr und damit auch seine Lehre haben ausgedient, sind nicht mehr modern und auch nicht mehr adäquat“ (vgl. M. Schäfer). Die damalige Fremdenverkehrswissenschaft war von einer stark wirtschaftswissenschaftlichen Sichtweise geprägt, da sich nunmehr mehrere wissenschaftliche Disziplinen des Tourismus annahmen, wurde es Zeit für eine Weiterentwicklung. Die Entwicklung der heutigen Tourismuswissenschaft konnte beginnen.

Etablierung der Tourismuswissenschaft Allgemein wird im Tourismus, vor allem in Deutschland, die immer noch vorhandene Wissenschaftsferne kritisiert, während weltweit die Tourismuswissenschaft und -forschung im akademischen und gesellschaftlichen Bereich einen hohen Stellenwert hat, ist die Tourismuswissenschaft in der deutschen Forschungslandschaft deutlich unterrepräsentiert. Die erste universitäre Forschung und Lehre im Fremdenverkehr fand allerdings schon um 1930 in Berlin statt. An deutschen Universitäten fungiert Tourismuswissenschaft heute hauptsächlich als Teilgebiet der Betriebswirtschaftslehre (Uni Lüneburg, Uni Rostock, Uni Dresden, Uni Trier) oder der Geographie (Uni Paderborn, Uni Greifswald, Uni Trier, Uni Eichstätt, Uni Kiel, Uni Göttingen, Uni Aachen), hauptsächlich wird sie aber sehr praxis- und anwendungsorientiert an den Fachhochschulen vermittelt. Im Jahr 1993 wurde von Hahn und Kagelmann das wegweisende Handbuch zur Tourismuswissenschaft (Tourismuspsychologie und -soziologie) herausgegeben. Ab diesem Zeitpunkt fand in Deutschland die Diskussion um eine Etablierung der Tourismuslehre als Wissenschaft (Tourismuswissenschaft) statt.

„Viele Tourismuswissenschaftler bezweifeln, dass es überhaupt möglich ist, eine allgemeine Tourismuswissenschaft wissenschaftstheoretisch zu etablieren.“ (Kulinat 2003)

So lasse sich z. B. nach Nahrstedt die Tourismuswissenschaft wie folgt entwickeln:

Tourismusforschung in bestehenden Disziplinen (z. B. Geographie des Tourismus, Wirtschaftswissenschaften des Tourismus, Geschichte des Tourismus usw.)

Interdisziplinäre Tourismusforschung in Kooperation mehrerer Disziplinen.

Diese Entwicklung hat auch bereits stattgefunden, Weiterbildungsstudiengänge, z. B. Tourismus (Uni Berlin) oder bis ca. 1997 das Weiterbildungsstudium Tourismuswissenschaft an der Universität Bielefeld wurden interdisziplinär gelehrt, d. h., dass mehrere wissenschaftliche Disziplinen an der Tourismusausbildung beteiligt sind und den Tourismus aus der Sicht der jeweiligen Wissenschaft untersuchen z. B. die Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Rechtswissenschaft, Geographie oder auch die Pädagogik. An der Fachhochschule Eberswalde wurde der Studiengang „Nachhaltiger Tourismus“ eingeführt, der ebenfalls interdisziplinär angelegt ist.

Tourismuswissenschaft: Tourismusforschung auf Grund eines einheitlichen wissenschaftlichen Paradigmas für den Gegenstand Tourismus als Gesamtphänomen. Diese Perspektive steht noch zur Diskussion. Zwar unterbreiten viele Wissenschaftler Vorschläge für ein Paradigma, jedoch wurde noch kein Paradigma gefunden, das von allen Wissenschaftlern akzeptiert bzw. mit deren wissenschaftlichen Disziplinen vereinbar wäre.

Krippendorf meint hierzu: Mehr qualifizierte Forschung ist dringend notwendig, aber eine eigene Tourismuswissenschaft oder Tourismologie, brauchen wir dazu nicht. Die Methoden anderer wissenschaftlicher Disziplinen sind völlig ausreichend, um den Tourismus zu untersuchen. Auch Hansruedi Müller spricht sich gegen eine eigenständige Tourismuswissenschaft aus, denn diese könnte nur dort existieren, wo der Tourismus in seiner Gesamtheit bzw. in einzelnen Problembereichen ganz spezifische Aspekte aufweist, die mit Hilfe anderer Wissenschaften nicht zu analysieren wären (Vgl. Müller: Freizeit und Tourismus 2002.). Eine Tourismuswissenschaft könne nur existieren wenn sie sich:

durch Isolierung vom Begriff her (mit genau abgrenzbaren, messbaren, problemorientierten und zeitabhängigen Definitionen) oder

durch Isolierung vom systemtheoretischen Ansatz her (Zusammenfassung der wissenschaftlich relevanten Elemente und Merkmale) von anderen Wissenschaften abgrenzen lasse.

Da momentan diese Anforderungen an eine Tourismuswissenschaft noch nicht erfüllt sind, lautet die Definition der Tourismuswissenschaft von Müller wie folgt:

Wir verstehen somit die Tourismuswissenschaft als angewandte Wissenschaft. Die Grundlagen für die Erkenntnisse beziehen wir aus verschiedenen Wissensgebieten. (Vgl. Müller: Freizeit und Tourismus. Eine Einführung in Theorie und Politik. 2002.).

Das, was wir heute an den Fachhochschulen und Universitäten finden, ist eine so genannte additive Tourismuswissenschaft, bei der die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen weitgehend unverbunden nebeneinander stehen.

Pompl kritisiert, dass es sich bei so einer Tourismuswissenschaft um keine eigene Wissenschaft, sondern wissenschaftstheoretisch lediglich um einen klassifikatorischen Oberbegriff handele, der zur Begründung und Existenz einer eigenen Tourismuswissenschaft eines eigenen Paradigmas (Weltbilds) bedürfe.

Ein Ziel sollte es sein, die Tourismuswissenschaft als eigenständige akademische Institution (Fakultät, Institut) etc. einzurichten. Da die Probleme des Tourismus, aber eine Vielzahl von verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen tangiert, müsste die Integrationskraft, einer solchen Institution unheimlich groß sein (vgl. Meder 1999). Als potentiell zu vereinende Wissenschaft, nennt Meder: Die Wirtschaftswissenschaften (Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre), die Geographie, Geschichtswissenschaft, Soziologie, Freizeitpädagogik und Kulturarbeit, die allgemeine Zeit- und Freizeitwissenschaft, die Biologie und Ökologie, Verkehrswissenschaft, die Politikwissenschaft, die Psychologie, die Rechtswissenschaft, die Gesundheitswissenschaft, Medien- und Designwissenschaft, die Informationswissenschaft und Logistik, sowie Bauingenieurswesen und Architekturwissenschaft (vgl. Meder 1999). Ob diese Aufzählung schon komplett ist, darf bezweifelt werden, so könnten z. B. noch die Kulturwissenschaft, Medizin oder die Raumplanung einen Beitrag zur Tourismuswissenschaft leisten. Für Meder stellt sich nun die Frage, wie all diese Disziplinen vereinigt oder sogar ein (studierbaren) Studiengang unter dem Label „Tourismuswissenschaft“ realisiert werden kann. Für Meder ist das Problem der Tourismuswissenschaft nicht der Veranstalter und auch nicht der Reisende sowie die Reise an sich; das Problem ist die gemeinsame Sache unserer Lebensform im Modus der Mobilität.

Für eine Tourismuswissenschaft als „Wissenschaft“ müssten also eigene Methoden und ein Paradigma entwickelt werden, dies wird jedoch voraussichtlich noch einige Jahre dauern. Daher gibt es noch keine „echte Tourismuswissenschaft“, sondern nur eine so genannte additive Tourismuswissenschaft. Die bestehenden wissenschaftlichen Disziplinen müssen ausreichen, um den Tourismus zu analysieren. Sollte es jedoch Probleme und Fragestellungen geben, die mit den Instrumenten der anderen Wissenschaften nicht zu lösen sind, wäre eine eigene Tourismuswissenschaft notwendig. Der Tourismus ist also noch keine Wissenschaft, sondern ein Forschungsobjekt oder Forschungsgebiet.

Disziplinen der Tourismuswissenschaft

Hinter dieser Überschrift könnte eigentlich auch ein Fragezeichen stehen, denn wie so oft, herrscht auch bei dieser Frage Uneinigkeit bei den Tourismusforschern. Für den Diplom-Psychologen Heinz Hahn, ist die Tourismuswissenschaft eine integrative Wissenschaft, also keine konstitutive Wissenschaft, die von vier zentralen Disziplinen getragen wird. Als diese zentralen Disziplinen nennt Hahn die Soziologie, die Ökonomie, die Geographie und die Pädagogik (vgl. Hahn in Tourismuswissenschaft 1994). Die Psychologie ist nach Hahns Ansicht nur eine Hilfswissenschaft zur Tourismuswissenschaft. Ein Jahr zuvor (1993) werden in dem ebenfalls von Hahn zusammen mit Kagelmann veröffentlichten Buch Tourismuspsychologie und -soziologie acht Disziplinen als Disziplinen der Tourismuswissenschaft genannt, dies sind; die historische Tourismusforschung, Tourismusanthropologie, Tourismussoziologie, Tourismusökonomie, Geographie des Freizeit- und Fremdenverkehrs, Kulturanthropologie des Tourismus, Tourismuspädagogik, Freizeitpädagogik. Auch der Freizeit- und Tourismusforscher Opaschowski hat eine eigene Vorstellung von der Tourismuswissenschaft, so besteht seine Grafik „Tourismuswissenschaft im Überblick“ aus:

Tourismusterminologie/Tourismusökonomie Tourismustheorie/Tourismuskritik Tourismusgeschichte Tourismuspsychologie Tourismusanalysen Tourismusprognosen Tourismuspolitik/Tourismusethik

Als grundlegende Disziplinen für eine Tourismuswissenschaft können also nach Opaschowski die Tourismusökonomie, Tourismusgeschichte, Tourismuspsychologie und Tourismuspolitik/-ethik genannt werden. Warum Opaschowski wohl die raumwirksamen Aspekte des Tourismus bzw. die Freizeit- und Tourismusgeographie in dieser Auflage seines Buches ausklammert? In der ersten Auflage (da hieß die Grafik noch Tourismusforschung im Überblick) fügte er noch hinzu, dass andere interdisziplinäre Problem- und Fragestellungen von Soziologie und Ökonomie, Ökologie und Geographie mit im Blick sind, aber nicht isoliert behandelt werden (vergl. Opaschowski: Tourismusforschung 1989). Diese Frage kann hier wohl nicht beantwortet werden. Der Tourismusforscher W. Freyer nennt in seinen Modellen zur Tourismuswissenschaft sechs konstitutive Disziplinen, dies sind die Wirtschaftswissenschaften, Politikwissenschaften, Psychologie, Soziologie, Ökologie und Geographie. Diese Disziplinen bilden den Grundstock zur Tourismuswissenschaft und werden deshalb kurz beschrieben.

Ökonomie (Tourismusökonomie: Mikro- und Makroökonomie des Tourismus, BWL des Tourismus) Angebot und Nachfrage von bzw. nach touristischen Produkten Auswirkungen des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs Brutto- und Nettowertschöpfung des Tourismus