Timothy Treadwell (* 29. April 1957 als Timothy William Dexter auf Long Island, New York; † 5. Oktober 2003 im Katmai-Nationalpark, Alaska) war ein US-amerikanischer Tierfilmer und radikaler Tierschützer, der sein Leben den Grizzlybären widmete und die Vereinigung Grizzly People gründete. Er und seine Freundin Amie Huguenard (1965–2003) wurden bei seiner letzten Expedition von einem 28-jährigen Braunbären getötet. Treadwells Leben, Werk und Tod sind Gegenstand von Werner Herzogs Dokumentarfilm Grizzly Man (2005).
Leben Herkunft und Studium Treadwell (damals Dexter) war das dritte von fünf Kindern einer mittelständischen New Yorker Familie, konnte gut mit Kindern und Tieren umgehen und war ein mittelmäßiger, nicht allzu braver Schüler (er selbst schreibt, dass er dem Alkohol zuneigte und einmal auch den Wagen der Eltern zu Schrott fuhr). Der sportliche und gut aussehende „all-American boy“ gewann ein Stipendium der Bradley University in Illinois, wo er als Kunstspringer erfolgreich war, allerdings nach Aussage seiner Eltern auch mit Cannabis in Kontakt kam. Als er nach einer Rückenverletzung das Stipendium verlor, brach er im dritten Jahr sein Studium ab, kehrte heim und jobbte zunächst als Rettungsschwimmer auf Long Island.
Über Treadwells Leben weiß man vieles durch seine eigenen Mitteilungen, die jedoch nicht unbedingt zuverlässig sind. Von seiner Vergangenheit versuchte er sich später so vollkommen zu trennen, dass er sich zunächst als Brite, später als Australier aus dem Outback und als Vollwaise ausgab. Er beschaffte sich sogar Informationen zu seinem vorgeblichen Herkunftsort. Gelegentlich sprach er mit englischem oder mit australischem Akzent.A bear-faced liar. The Independent, 7. Januar 2006, abgerufen am 16. Juni 2023
Kalifornien Mit etwa 20 JahrenSeine Mutter sagt im Interview, mit 19 oder 20, während der Autor Nick Jans das Jahr 1981 angibt. zog er nach Kalifornien, nahm den Künstlernamen Treadwell an und versuchte sich erfolglos als Schauspieler. Sein Vater erwähnt im Interview, dass Timothy in der Kuppelshow Love Connection auftrat „und sonst auch noch irgendwo“ und dass er zu Probeaufnahmen für die Rolle des Woody Boyd in der Sitcom Cheers eingeladen war, die zu seiner großen Enttäuschung jedoch mit Woody Harrelson besetzt wurde. Der junge Mann war allerdings kein Kind von Traurigkeit, passte in die Party-, Surf- und Punkszene Malibus, arbeitete daneben aber in durchaus renommierten Lokalen als Barkeeper oder Kellner. Als Kollegin lernte er dabei die spätere Freundin und Mitarbeiterin Jewel Palovak kennen.
Alaska mini|Hallo Bay bis Kaflia Bay. Die erste Reise nach Alaska unternahm Treadwell 1989 auf Empfehlung seines Freundes Terry Tabor, der ihn nach einer Überdosis einer Mischung aus Kokain und Heroin ins Krankenhaus gebracht und damit gerettet hatte. Allein auf einem gebrauchten Motorrad mit Zelt und billigem Fotoapparat unterwegs, hatte er am Chitina River die erste Begegnung mit Grizzlys.Treadwell und Palovak, Amongst Grizzlies, S. 5f. Er verliebte sich geradezu in diese Bären und beschloss, ihren Schutz zu seinem Lebensinhalt zu machen. Später erklärte er, letztlich hätten sie ihn von seiner Sucht geheilt, weil er genötigt war, sich zwischen der selbstauferlegten Mission und der Droge zu entscheiden.
Ab 1990 verbrachte er die Sommermonate in Alaska; zunächst auf Kodiak Island, dann im Katmai-Nationalpark an der Küste zwischen der Hallo Bay, wo er sich im Frühsommer in einem offenen Grasland aufhielt, das er Grizzly Sanctuary (Grizzly-Refugium) nannte, und dem Grizzly Maze (Grizzlylabyrinth), das er stets gegen Ende seines Aufenthalts aufsuchte, weil es zu dieser Zeit dicht von Bären bevölkert war, die am Ablauf des Oberen Kafliasees Lachse fischten, um sich für den Winter fettzufressen.
1991 gründeten er und Jewel Palovak die Organisation Grizzly People, die sich für den Schutz der Bären und für die Erhaltung ihres Lebensraumes einsetzt. Im Winter arbeitete er weiterhin zeitweise im Gastgewerbe, doch hielt er mit seinem Bildmaterial auch Vorträge, beispielsweise in Schulen, und soweit bekannt stets unentgeltlich. 1994 erschien im People Magazine (Auflage 3,4 Mio.) ein Bildbericht über ihn; ab 1995 wirkte er an TV-Berichten über Grizzlys mit, und ab 1998 war er mit eigener Videoausrüstung unterwegs.
Häufige Auftritte in Talkshows und sein 1997 erschienenes Buch Among Grizzlies (Koautorin: Palovak) machten ihn einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Am 20. Februar 2001 war er in David Lettermans Late Show zu Gast. Auf die Frage von David Letterman, ob man je in der Zeitung lesen werde, dass er von einem Bären gefressen wurde, antwortete er „Nein.“Grizzly Man on David Letterman. Ausschnitt aus dem Film Grizzly Man, Videoplattform Youtube, abgerufen am 16. Juni 2023 Dennoch kalkulierte er die Möglichkeit ein. Er verabschiedete sich von Freunden oft mit den Worten: „Und wenn ich nicht wiederkomme, dann soll es das eben gewesen sein.“ Inständig bat er sie, keine Rettungsmannschaften loszuschicken, weil sie ja die womöglich beteiligten Bären töten würden.Der Bärenflüsterer. Der Spiegel, 15. August 2005
Tod Die letzten Tage Bei seiner Alaska-Expedition im Jahr 2003 wurde Treadwell von seiner Freundin Amie Huguenard (* 23. Oktober 1965) begleitet. Die Arzthelferin aus Aurora (Colorado) hatte auch schon in den beiden vorigen Jahren mehrere Wochen mit Treadwell in Alaska verbracht. Wie üblich brach Treadwell sein Camp Ende September ab, diesmal am 26. September. Weil sich aber in Kodiak ein Problem mit den Rückflugtickets nach Kalifornien ergab, kehrten er und Amie Huguenard am 29. September „für ein paar Tage“ ins Reservat zurück. In seinem Tagebuch notierte Treadwell, er hasse die Zivilisation. Am 4. oder 5. Oktober kontaktierte er per Satellitentelefon Palovak und den Buschpiloten Willy Fulton, mit dem er die Abholung für den 6. Oktober, 14:00 Uhr vereinbarte.Nick Jans u. a. Treadwell wählte seinen Campingplatz in der Nähe eines Lachsstroms, wo Grizzlys im Herbst gewöhnlich auf Nahrungssuche gehen. Zu dieser Zeit kämpfen Bären, um so viel Fett wie möglich vor dem Winter zu gewinnen; eine begrenzte Nahrungsversorgung macht die Bären naturgemäß aggressiver als in anderen Monaten. Die Nahrungsknappheit führte dazu, dass sich auch Bären von anderen Teilen des Parks in dem Bereich bewegten, was die Bären noch aggressiver als üblich machte, zumal diese Treadwell nicht kannten.
Einige der letzten Aufnahmen von Treadwell, Stunden vor seinem Tod aufgenommen, zeigen einen Bären, der immer wieder für ein Stück toten Lachses in den Fluss taucht. Treadwell erwähnt in seiner Aufnahme, dass er ein ungutes Gefühl bei diesem speziellen Bären habe. In Grizzly Man postuliert Herzog, dass Treadwell hier womöglich den Bären gefilmt hat, der ihn schließlich tötete.Grizzly Man (DVD). Regie Werner Herzog. Lions Gate, 2005.
Die letzten Minuten Treadwell dokumentierte auch den eigenen Tod: Man fand seine Kamera eingeschaltet, aber mit dem Deckel auf dem Objektiv. Vermutlich hatte Amie Huguenard das Band auf Treadwells Geheiß eingeschaltet, als dieser sich außerhalb des Zelts befand, aber in der Aufregung vergessen, den Objektivdeckel abzunehmen. Treadwell trug sein Funkmikrofon. Die Audioaufnahme beginnt am 5. Oktober um 13:58 Uhr und dauert rund sechs Minuten, bis zum Ende des Bandes.
Gemäß den SchilderungenHerzog und der Gerichtsmediziner Franc G. Fallico deuten im Film eher an. Detaillierte Beschreibung des Ablaufs bei Kevin Sanders: Night of the Grizzly. beginnt die Aufnahme, die starke Hintergrundgeräusche aufweist, mit Regen- und Windgeräuschen. Dann fragt Huguenard „Ist er noch da?“, später hört man Treadwell rufen: „Komm raus, er bringt mich um!“ Es folgt das Geräusch des Reißverschlusses am Zelteingang, man hört Huguenards Versuch, den Bären durch Schreie zu vertreiben, und ihr zweimaliges „Stell dich tot!“ – eine oft empfohlene Methode, Bärenattacken im letzten Moment abzuwehren, da der Bär sich dann nicht mehr bedroht fühle. Das könnte auch diesmal für kurze Zeit geholfen haben, denn es folgt ein kurzer Wortwechsel, ob „er jetzt weg“ sei.
Angenommen wird, dass Huguenard bei Treadwell war, um ihn zu verarzten,Treadwells Kopf war teilweise skalpiert. Fallico nimmt an, dass diese stark blutende, aber nicht unbedingt lebensbedrohliche Verletzung zu Beginn der Attacke zustande kam (Grizzly Man Script). aber der Bär wiederkam und Huguenard daraufhin zurückwich. Treadwell schreit dann „Schlag auf ihn ein“, gefolgt vom Geräusch der Bratpfanne, zusammen mit Huguenards Geschrei, um den Bären erneut zu vertreiben, woraufhin der Bär Treadwell am Oberschenkel fortgeschleppt haben könnte, um die Beute ungestört zu verzehren. Treadwell musste jetzt begriffen haben, dass er nicht mehr zu retten war, und schrie Huguenard an, wegzugehen oder wegzulaufen. Huguenards letzte aufgezeichnete Schreie beschreibt Herzog als markerschütternd. Vom Bär selbst ist die ganze Zeit über nahezu nichts zu hören.
Abgehört wurde die relevante Stelle des Bandes zumindest von der polizeilichen Untersuchungskommission, später von Nick Jans und von Werner Herzog.
Entdeckung des Vorfalls mini|Letztes Camp: Zelt für Personen (4), Zelt für Material (5). Überreste von Treadwell (6) und seiner Freundin Amie (3), erschossene Bären (7, 8).
Als Fulton wie abgemacht eintraf, fand er kein für den Rückflug vorbereitetes Gepäck, sah aber bei der Suche vom Flugzeug aus einen großen Bären, der offenbar von einem menschlichen Leichnam fraß und sich nicht verjagen ließ (er schildert, dass er im Tiefflug erfolglos mehrfach über ihn hinweggezogen sei). Er meldete dies per Funk seiner Firma und wurde angewiesen, vor Ort auf die Rettungsmannschaften zu warten – zu diesem Zeitpunkt hoffte man, dass eine Person überlebt haben könnte. Alarmiert wurden die Alaska State Troopers, d. h. die Polizei, in Kodiak und der Park Service in King Salmon, jeweils etwa eine Flugstunde entfernt. Da die optimale Anlandestelle, rund hundert Meter vom Camp, nur Platz für ein Wasserflugzeug bot, machte Fulton seine de Havilland Beaver auf der gegenüberliegenden Seite des Sees fest.
Um 16:26 Uhr trafen zwei Ranger vor Ort ein. Fulton wurde von der Cessna 206 des Park Service abgeholt und führte die Gruppe auf einem Bärenpfad im Gänsemarsch zum Camp. Pilot Allen Gilliland, Ex-Polizist und erfahrener Jäger, hatte sich angeschlossen, da die kurz danach eintreffenden beiden Polizisten weiter entfernt anlanden und erst noch einige hundert Meter Erlengestrüpp überwinden mussten. Anders als Fulton waren die drei Ankömmlinge bewaffnet, nämlich mit zwei Remington 870 Repetierflinten und einem Smith & Wesson Revolver Kaliber .40. Als ein großer Bär in rund sechs Metern Entfernung auftauchte und sich nicht durch Schreien vertreiben ließ, sondern noch näher kam, musste er getötet werden. Von den binnen Sekunden abgegebenen 21 gezielten Schüssen (11 aus der Pistole, je fünf aus den Pumpguns) trafen 19. Der Bär, anschließend identifiziert als der etwa 28-jährigeDas Alter konnte ziemlich genau bestimmt werden, weil dieses Tier 1990 narkotisiert und durch eine Tätowierung im Maul markiert worden war. Anhand eines bei dieser Gelegenheit gezogenen Zahnes wurde sein Alter damals mit 15 Jahren bestimmt. Der Bär hatte zwar schlechte Zähne und war mager, aber gesund. Sein Gewicht wird mit 1000 Pfund angegeben (Nick Jans u. a.). bereits 1990 registrierte „Bär 141“, hatte sich bis auf 4 Meter genähert. Die Polizisten, die noch ohne Sichtkontakt zur ersten Gruppe waren, hielten den Lärm für Knallkörper, die ebenfalls zum Vertreiben von Bären genutzt werden. Ein zweiter, größerer Bär konnte durch Schreie vertrieben werden.