mini|Wappen (1559 und 1813) der (ritterlichen) Seutter von Loetzen Die Patrizier, Reichsritter und Freiherren der großteils evangelischen Familie Seutter von Loetzen (auch Seutter von Lötzen) sind Nachkommen der Seuter (auch Seutter, Sewter, Suiter, usw.), die um 1500 als Ritter im Umland von Kempten und als Patrizier in der Reichsstadt Kempten ansässig waren. Das schwäbische Adelsgeschlecht stammt aus dem Allgäu in Oberschwaben. Erste urkundliche Nennungen gibt es im 13. und 14. Jahrhundert. Die ununterbrochene Stammliste umfasst 18 Generationen vom 15. bis ins 21. Jahrhundert. [Im Folgenden bedeuten: * = Geburt, ** = Taufe, ⚭ = Heirat, † = Tod, †† = Bestattung; Großbuchstaben bezeichnen die Generationenfolge, Ziffern die Geschwisterfolge.]

Name und Herkommen mini|Schlösschen Letzen bei Kempten mini|Schlösschen Eggen bei Kempten mini|Schlösschen Lenzfried bei Kempten Die frühen Seutter in Kempten, Vorfahren der Seutter von Loetzen, waren Ritter im Umland von Kempten und eine dem Patriziat der Reichsstadt Kempten angehörige Familie. Etwa ab dem 15. Jahrhundert waren sie im Groß- und Fernhandel tätig. Sie handelten vor allem mit schwäbischer LeinwandEintrag: Schwäbische Leinwand. kunst-und-kultur.de – damals gab es etwa 800 Leinenweber in Kempten – und hatten Beziehungen nach Italien und Spanien. Auch waren sie politisch engagiert, als Patrizier der Reichsstädte Kempten, Nürnberg, Ulm und Lindau (B), in kaiserlichen Diensten und zum Beispiel im Schwäbischen Bund.

Und sie saßen auf Rittergütern im Umland von Kempten, die sie teils zu Eigen, teils zu Lehen hatten, mit Gericht, Zwang und Bann. Neben dem namensgebenden Letzen werden insbesondere Eggen (auch Egg, z'Eggen) und Lenzfried (auch Lenzfritz, Lempfried) genannt; aber auch nördlich von Kempten und weiter entfernt gab es Besitzungen. Auch ihre Frauen stammten aus dem reichsstädtischen Patriziat Oberschwabens, das einen weltweiten Handel trieb und nicht nur Reichtum erwarb, sondern sich auch durch Weltoffenheit, Bildung und Können auszeichnete.

1548 gaben Gordian (IV.) und sein Bruder Matthäus (I.) Seuter ihr Bürgerrecht in Kempten auf, nahmen daselbst nur einen Freisitz und zogen sich auf ihre Rittergüter zurück. 1559 wurde ihnen und ihren Nachkommen mit der Adelsbestätigung und Erhebung auch in den erblichen Reichsadel und erbländisch-österreichischen Adel durch Kaiser Ferdinand I. das Prädikat „von Loetzen“ zuerkannt. Loetzen, auch Letzen, Lezen, Letzau, Lötzen oder Lotzen genannt, war ein im Stiftsgebiet Kempten gelegenes Rittergut und Schlösschen im heute Letten genannten Ortsteil von Kempten, das den Seutter zu Lehen gegeben wurde und das sie von 1532 bis 1600 besaßen. Eine Letze war eine kleine wehrtechnische Anlage an der äußersten Verteidigungslinie eines Gebiets, zum Beispiel ein Grenzverhau, eine Wegsperre oder ein Wehrturm. (Zum Landkreis, zur Burg und zur Stadt Lötzen (polnisch: Giżycko) im historischen Ostpreußen gibt es keinen familiengeschichtlichen Bezug.)

Erst 1610 verließ einer der Nachkommen, Matthäus (II.) Seutter von Loetzen (* 1557 Kempten; † 1634 Lindau) die Region Kempten und wandte sich nach Lindau im Bodensee, wo er prompt in die Patriziergesellschaft Zum Sünfzen aufgenommen wurde. Einige seiner Söhne wurden dann Bürger der Reichsstädte Nürnberg und Ulm. Die heutigen Seutter von Loetzen sind Nachkommen der Lindauer Linie.

Das Auf und Ab der Familiengeschichte hat der Historiker Hans Marte zum Inhalt seines Artikels „Ein Lindauer Patriziergeschlecht im Spiegel der Zeit“ (erschienen am 26. August 1954 in „Der Lindauer Reitende Bote“) gemacht. Treffend titelt er: „An dem Beispiel der Geschichte der alten Lindauer Patrizierfamilie der Seutter von Loetzen soll hier gezeigt werden, wie das Wetter für die Schicksale einer Familie in der großen Außenpolitik gemacht wird“.

Adelsbestätigungen, Wappenbesserungen und Standeserhöhungen mini|Wappenfigur des Seutter-Wappens außen am Rathaus von Kempten 1559 gewährte Kaiser Ferdinand I. den Brüdern Gordian (IV.) (1528–1586), Kaiserlicher Secretarius, und Matthäus (I.) (1530–1597) „die Seuter“ im Zuge der Anerkennung und Erneuerung ihres Adels, Wappens und Kleinods und der zusätzlichen Erhebung in den erblichen Reichsadel und erbländisch-österreichischen Adel 2. Grades für sich und ihre Nachkommen das Adelsprädikat von Loetzen und eine Wappenbesserung: Auf dem Schild mit dem geflochtenen aufrecht stehenden und oben offenen gelben oder goldenen Roßmaulkorb (vgl. Fressbremse für Pferde) in Schwarz steht ein von einer Laubkrone gekrönter freier offener Turnierhelm mit Schmuckkette und schwarz-goldenen Helmdecken, darauf der goldene Korb besteckt mit einem natürlichen Pfauenwedel.

[Hinweis: Bestimmend für ein verliehenes Wappen (vgl. Wappenrecht) ist nicht das künstlerisch oft recht frei gestaltete Wappenbild, der Aufriss, sondern der Wappenbrief und der darin enthaltene Text der Wappenbeschreibung, die Blasonierung. Dabei sind insbesondere rechts bzw. vorne, und links bzw. hinten, heraldisch zu verstehen, also auf die Blickrichtung und den rechten Arm (Schwertarm) des Schildträgers bezogen. Der Schild wurde am linken Arm geführt.]mini|Wappen von Johann Michael Seutter von Loetzen, u. a. 1766 Erster Bürgermeister der Reichsstadt Lindau im Bodensee.

Der aus der Ulmer Linie stammende Johann (Hans) Conrad Seutter von Lötzen (1657–1730) auf Atzelsberg und Steinach wurde 1703/04 von Kaiser Joseph I. in den erbländisch-österreichischen Freiherrnstand und 1712 von Kaiser Karl VI. in den Reichsfreiherrnstand erhoben. Sein Wappen ist geviert mit dem Stammwappen als Herzschild; in I. und IV. in Gold ein gekrönter schwarzer Adler im Aufflug und in II. und III. in Rot ein von drei silbernen Lilien beseiteter goldener Sparren; darüber die 7-zackige Freiherrnkrone und 2 mit Laubkronen gekrönte offene Turnierhelme (Bügel- oder Spangenhelm) mit Schmuckketten, darauf rechts der goldene Korb besteckt mit einem natürlichen Pfauenwedel und links ein rechtssehender schwarzer gekrönter Adler im Aufflug; die Helmdecken rechts sind schwarz-golden und links rot-golden oder auch rot-silbern. Dieses Wappen – natürlich in der ritterlichen Ausgestaltung, ohne die Freiherrnkrone – haben auch die zu Ende des 18. Jahrhunderts in Lindau lebenden Patrizier Seutter von Loetzen unbeanstandet geführt, u. a. die Bürgermeister Johann Michael (I.) und (III.). mini|Wappen (1716) der (ritterlichen) Seutter von Lötzen als Patrizier von Ulm

1716 wurden die Brüder Albrecht (II.) († 1735) und Marcus (Marx) Conrad (1685–1725) Seutter von Lötzen in das Patriziat der Reichsstadt Ulm aufgenommen, und dazu gewährte ihnen Kaiser Karl VI. eine Wappenbesserung im Adelsstand: Im geteilten Schild stehen unten in Schwarz der goldene Korb des Stammwappens und oben in Silber ein rechtssehender, golden bewehrter schwarzer Adler im Aufflug; auf dem Schild steht der mit einer Laubkrone gekrönte Turnierhelm mit rechts schwarz-silbernen und links schwarz-goldenen oder auch schwarz-silbern Decken, und darauf der goldene Korb besteckt mit einem natürlichen Pfauenwedel. Als dann 1730 ihr kinderloser Onkel Johann (Hans) Conrad Reichsfreiherr Seutter von Lötzen starb, erbten seine beiden Neffen seinen Besitz und den Anspruch auf den Titel, aber sie und ihre Nachkommen suchten nicht um die kaiserliche Anerkennung an. Sie blieben also (ritterliche) Patrizier von Ulm, und zwischen 1730 und 1810 gab es keinen Freiherrn Seutter von Loetzen.mini|Wappen (1810) der Freiherrn Seutter von Lötzen im Königreich Württemberg und (1880) im Großherzogtum Baden

Nach 1806 – der Reichsadel war ja mit dem Ende des römisch-deutschen Reichs erloschen! – mussten die ehemals reichsadeligen Häuser um die (kostspielige) Anerkennung ihres Adels im jeweiligen Nachfolgestaat ansuchen. Im Königreich Württemberg und im Großherzogtum Baden konnten die Nachkommen der Brüder Albrecht und Marcus (Marx) Conrad das ihnen als Patrizier von Ulm 1716 verliehene Wappen weiterhin führen. Diesen Schild zeigt auch das 1810 verliehene Wappen der Freiherrn Seutter von Lötzen (auch: Freiherrn von Seutter) im Königreich Württemberg. Den Schild deckt die Freiherrnkrone mit 2 gekrönten Turnierhelmen mit Schmuckketten; darauf rechts ein geschlossener, von Silber und Schwarz gevierter Flug, links der goldene Korb, besteckt mit einem natürlichen Pfauenwedel; Helmdecken rechts schwarz-silbern, links schwarz-golden oder auch schwarz-silbern.

Ebenso das 1880 bestätigte Wappen der Freiherrn von Seutter (auch: Freiherrn Seutter von Lötzen) im Großherzogtum Baden. mini|Wappen der Seutter von Loetzen im Königreich Bayern und im Kaiserreich Österreich. (Aus dem Exlibris von Erich (* 1890) ⚭ Helene (* 1893) S.v.L.) 1808 wurde im Königreich Bayern die bayerische Adelsmatrikel eingerichtet. Bei der Immatrikulation (Eintragung in die Adelsmatrikel) 1813 für Johann Michael (III.) Seutter von Loetzen, Bürgermeister von Lindau, nebst Geschwistern und Nachkommen, wurde das 1559 von Kaiser Ferdinand I. gebesserte Wappen übernommen. Erich (1890–1965) und Helene (1893–1985), beide geborene Seutter von Loetzen, haben es in ihr Exlibris gesetzt.

Die Patrizier und Reichsritter Seutter von Loetzen aus Kempten [E] Gordian (IV.) Seutter (1528–1586), ab 1559 Seutter von Loetzen, der „Edel- und Ehrenveste“, wurde in den Ratsprotokollen mit dem Titel Junker aufgeführt, und er war der Erste, der mitunter Seutter auf'm oder von Letzen genannt wurde. 1564 flüchtete er vor der Pest auf das nahe bei Kempten, bei Legau an der Iller, gelegene Schlösschen Waldeck der Fürstäbte von Kempten. Mit seiner Gemahlin Apollonia Krafft von Dellmensingen (1526–1574) hatte er 11 Kinder.

[F1] Elisabeth Seutter (1550–1623), das älteste ihrer Kinder, vermählte sich 1567 mit Georg Eberz (1545–1617) aus Isny und hatte zahlreiche Nachkommen in vielen Generationen, unter ihnen Otto von Bismarck (1815–1898).

[F7] Matthäus (II.) Seutter von Loetzen (* 1557 Kempten; † 1634 Lindau), Sohn Gordians (IV.) und Elisabeths Bruder, wohnte teils auf Letzen, teils in Kempten. Aber 1610 nahm er seinen Wohnsitz in Lindau, zuerst an der Achbrücke und dann am Fischmarkt. Obwohl er nur Beisasse der Lindauer Bürgerschaft war, wurde er prompt in die Lindauer Patriziergesellschaft „Zum Sünfzen“ aufgenommen. Nach Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs 1618 verlor er – wie viele der wohlsituierten Kaufleute – sein ganzes Vermögen in den Wirren des Kriegs, und als dann 1633 die kaiserlichen Truppen Kempten verwüsteten, wurde er mit seiner Familie endgültig sesshaft in Lindau. 1590 hatte er die „vornehme Geschlechterin“ aus Augsburg, Barbara Honold von Emmenhausen (1570–1634), geheiratet. Sie war eine Tochter von Hans Honold von Emmenhausen (um 1520–1592), dem letzten seines Stammes, und der Jacobina Welser (1527–1572), einer Cousine der berühmten Philippine von Welser (1527–1580), Fürstin von Ambras und Gemahlin von Erzherzog Ferdinand II. (1529–1595).

Dazu heißt es in der Seutter-Chronik knapp: „Er musste daher seine Söhne zu den Kaufleuten tun“.

Die ältere und die jüngere Nürnberger Linie (beide erloschen im Mannesstamm) mini|Seutter-Garten in Nürnberg, mit rechts dem Steintisch und der großen Magnetnadel zur Beobachtung der magnetischen Missweisung

[G3] Hans Adam (I.) (1598 – vor 1674), ein Sohn von Matthäus (II.), wurde Handelsherr und Ritterbürger in Nürnberg und begründete so die ältere Nürnberger Linie der Seutter von Loetzen. Er erwarb den berühmten und dann in der Familie vererbten Seutterischen Garten vor dem Wöhrder Tor in Nürnberg. Darin befand sich ein niedriger Steintisch mit einer großen Magnetnadel (Kompass), mit dem sein Schwager Dr. Johann Georg Volkamer (1616–1693) die Veränderlichkeit der magnetischen Missweisung von der vom Sonnenstand bestimmten Nordrichtung systematisch beobachtet hatte. Eine Abbildung des Gartens hat dessen ältester Sohn Johann Christoph Volkamer (1644–1720) im von ihm 1708 herausgegebenen 1. Band des Klassikers der Zitrusliteratur, dem zweibändigen Werk Nürnbergische Hesperides, veröffentlicht.