mini|Lage Westtimors mini|Karte der Insel Timor
Westtimor () bildet den westlichen Teil der politisch geteilten Insel Timor. Dies kann im engeren Sinne sowohl den indonesischen Teil Timors bezeichnen als auch im Weiteren das indonesische Timor, zusammen mit der Exklave Oe-Cusse Ambeno, die zum Staat Osttimor gehört. Dieser Artikel befasst sich mit dem zu Indonesien gehörenden Teil.
Geographie mini|links|Schlammvulkan im Mutis-Gebirge (1937) mini|Verwaltungsgliederung des indonesischen WesttimorDas indonesische Westtimor gehört zur Provinz Ost-Nusa-Tenggara mit der Hauptstadt Kupang an der Westspitze Timors und hat eine Fläche von 16.861,25 km². Es teilt sich in die Stadt Kupang und die Regierungsbezirke (Kabupaten) Belu (Hauptstadt: Atambua), Kupang (inklusive der vorgelagerten Insel Semau; Hauptort: Kupang), Südzentraltimor (Hauptort: Soe) und Nordzentraltimor (Timor Tengah Utara; Hauptort: Kefamenanu). Am 14. Dezember 2012 wurde aus dem Süden Belus der neue Regierungsbezirk Malaka (Hauptort: Betun).
Westtimor verdankt einer äußerst bewegten, erdgeschichtlichen Vergangenheit sein heutiges Aussehen, dessen besonderes Kennzeichen große Höhenunterschiede innerhalb kurzer Entfernungen sind. Mehr als 60 % der Oberfläche Westtimors bestehen aus weitgehend zerklüfteten Mittelgebirgslandschaften. Zahlreiche Flüsse und Flüsschen, die das Bergland und die Hochebenen entwässern, haben tiefe, V-förmige Täler in die gebirgige Landschaft gegraben. Der höchste Berg Westtimors ist der Mutis ().
Klima Westtimor bildet im Rahmen des allgemeinen Klimas des malaiischen Archipels keine Ausnahme: der westliche Teil der Insel Timor besitzt das charakteristische Monsunklima. Somit zeigt auch Timor das vertraute Bild Indonesiens: den Westmonsun in der einen Hälfte des Jahres, den Ostmonsun in der anderen. Der Westmonsun ist eine Zeit heftiger, wolkenbruchartiger Niederschläge in den Monaten Oktober bis Mai, der Ostmonsun eine Zeit extremer Trockenheit in der restlichen Zeit des Jahres.
In der Regenzeit werden diese Flüsse kurzfristig zu wilden, reißenden Wassermassen, die dann zu großen Verkehrs- und Kommunikationsproblemen führen. Diese isolierten Hochebenen und Gebirgslandschaften begünstigten in der Vergangenheit das Entstehen von politisch relativ autonomen Territorien.
Bevölkerung mini|links|Dialekte des Uab Meto nach Edwards (2020) mini|Die Sprachen Timors
Im indonesischen Teil Westtimors leben etwa 2.011.735 Einwohner (2020).
Die Atoin Meto bilden die dominierende Bevölkerung Westtimors. Der Name Atoin Meto bedeutet so viel wie Einheimische oder einheimische (indigene) Menschen (atoni, Mensch, meto, kulturintern, einheimisch, daher nicht fremd). Daneben finden sich ethnische Bezeichnungen wie Atoni Pah Meto, die „Menschen des trockenen Landes“, eine Namenswahl, die sich auf den Siedlungsraum bezieht, oder lediglich Meto. In der Literatur findet man die abwertend empfundenen Fremdbezeichnungen Dawan, Orang Gunung beziehungsweise Timoresen, was zu Verwechslungen mit den Bewohnern des unabhängigen Osttimors führen kann. Sie leben in den niederen Bergregionen des Hinterlands, wo sie Höhen zwischen und aus landwirtschaftlichen Gründen bevorzugen und besiedeln ganz Westtimor, mit Ausnahme der Regierungsbezirke Belu und Malaka an der Grenze zum Nachbarland Osttimor. Hier siedeln hauptsächlich die Ethnien der Tetum, Bunak und Kemak, die mehrheitlich sonst in Osttimor leben. Die verschiedenen Gruppen sind durch eine Fülle wirtschaftlicher und sozialer Beziehungen miteinander verbunden.
mini|Alltags- und Ritualkleidung der Atoin Meto in Kuan Fatu (Süd-Amanuban) 1992
Die Sprachen Timors gliedern sich einerseits in Sprachen der austronesischen Sprachfamilie (Untergruppe Ostindonesisch des westaustronesischen Zweiges), andererseits existieren Sprachen eines nicht indonesischen Typs (vor allem im Osten), die ganz allgemein den Papuasprachen zugeordnet werden. Das Uab Meto, die Sprache der Atoin Meto, gehört genauso wie Tetum und Kemak zu den westaustronesischen Sprachen, während Bunak zu den Papuasprachen gezählt wird.
Außerdem werden im Westen der Insel die mit der Sprache der Atoin Meto verwandten Sprachen Helong und Rotinesisch gesprochen. Helong war die ursprüngliche Sprache in Kupang, ist aber weitgehend durch Bahasa Indonesia verdrängt worden und wird nur noch in wenigen Dörfern südlich der Stadt entlang der Ostküste und auf der Insel Semau gesprochen. Rotinesisch, die Sprache von der Insel Roti ist in viele Dialekte aufgesplittert. Rotinesen findet man in vielen Regionen Westtimors aufgrund des Umsiedlungsprogramms, das die Niederländer im 19. Jahrhundert durchgeführt haben.
Religion in Westtimor mini|Animistischer Opferplatz in Niki-Niki, 1928/29
Westtimor ist eines der wenigen Gebiete in Indonesien, das heute hauptsächlich von Christen bewohnt wird. Die Religion spielt für die Bewohner der Insel eine wichtige Rolle, da viele Einwohner sich von den überwiegend muslimischen Indonesiern abgrenzen wollen.
Ursprünglich waren die Timoresen Animisten. Der Einfluss des Islams, der sich ab dem 15. Jahrhundert in Südostasien ausbreitete, erreichte Timor nicht. 1556 siedelten sich die ersten Dominikaner an und gründeten den Lifau (Lifao). Der Dominikaner António Taveira trieb die Missionierung Timors voran. Man konzentrierte sich dabei im späten 16. Jahrhundert auf die Königreiche an der Nord- und Südküste. Um 1640 hatten eine Handvoll Priester schon 10 Missionen und 22 Kirchen auf Timor gegründet. Es blieb aber eine Minderheit, die sich zum Christentum bekehren ließ. Ahnenkult und Geisterglaube blieben weit verbreitet.
Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begann man mit einer großen katholischen Missionierung der Einheimischen, die jedoch erst im frühen 20. Jahrhundert mit dem Übertritt von 16 lokalen Fürsten erste Erfolge zeigte. Später folgten auch protestantische Missionare nach Westtimor. Heute sind etwa 91 % der Einwohner Westtimors Christen, 56 % katholisch, 32 % evangelisch und 3 % gehören anderen christlichen Kirchen an. 8 % sind Muslime. Die Zahl der praktizierenden Christen ist sehr hoch, sie liegt bei etwa 80 bis 85 Prozent. Allerdings ergab eine Umfrage von 2001, dass noch immer mehr als 70 % der Bevölkerung gleichzeitig in Ahnenkult und Geisterglaube verwurzelt ist.
Im Osten Westtimors ist der Anteil der Katholiken deutlich höher. So sind 96,5 % der knapp 500.000 Menschen im Bistum Atambua katholisch. Das Bistum Atambua ist dem Erzbistum Kupang unterstellt.
Geschichte
Vorkoloniale Zeit mini|Krieger aus der Region um Kupang (1875). Stich aus dem Expeditionsbericht der Gazelle
Die Bevölkerung Timors kam im Rahmen der allgemeinen Besiedelung der Region auf die Insel. Anthropologen gehen davon aus, dass die Nachkommen dreier Einwanderungswellen hier leben, wodurch auch die ethnisch-kulturelle Vielfalt Timors zu erklären ist. Man vermutet, dass Australo-Melanesier etwa 40.000 bis 20.000 v. Chr., während der letzten Eiszeit, vom Norden und Westen her Timor erreichten. Die in Westtimor dominierenden Atoin Meto gelten als die Nachkommen dieser ersten Siedlungswelle, obwohl ihre Sprache zu den austronesischen Sprachen gehört. Ebenso die Helong, die ursprünglich die Region um Kupang besiedelten und von den Atoin Meto an die äußerste Westspitze der Insel verdrängt wurden. Um 3000 v. Chr. kamen aus dem Westen die Melanesier mit einer zweiten Einwanderungswelle und brachten die ovale Axt Kultur nach Timor. Die Bunak im Grenzland zu Osttimor gehören zu deren Nachkommen. Die letzten Völker, die nach Timor in vorgeschichtlicher Zeit einwanderten, waren die malaiischen Völker. Es gibt unterschiedliche Angaben, ob die Malaien in ein oder zwei Wellen Timor erreichten. Die Proto-Malaien aus Südchina und dem nördlichen Indochina erreichten Timor vermutlich 2500 v. Chr. Sie breiteten sich unter dem Druck der Expansion der mongoloiden Völker auf dem ganzen Archipel aus. Vermutlich um 500 n. Chr. wurden Deutero-Malaien (die aus Vermischungen der Proto-Malaien mit den mongoloiden Völkern hervorgingen) die dominierende Bevölkerung auf dem gesamten Archipel und erreichten auch Timor. Die Tetum im Osten Westtimors bilden die größte Ethnie in Osttimor und sind Nachkommen der malaiischen Einwanderer, ebenso die an der Grenze lebenden Kemak.
Kulturelle Kontakte jüngerer Zeit verdankt Westtimors dominierende Bevölkerung, die Atoin Meto, dem Interesse verschiedener asiatischer (Indien und China) und europäischer (Portugal und Niederlande) Händler an den ehemals sehr reichen Sandelholzbeständen der Insel. Dieser über Jahrhunderte stattfindende Sandelholzhandel mit Südostasien ging auch an den Kulturen Timors nicht spurlos vorüber. Alle Abnehmer des timoresischen Sandelholzes haben unter kulturellem Gesichtspunkt ihre Spuren hinterlassen.
Portugiesen 1512 (andere Quellen nennen 1509 oder 1511) entdeckte der portugiesische Seefahrer António de Abreu als erster Europäer die Insel Timor auf der Suche nach den Gewürzinseln. Als die ersten Portugiesen Timor erreichten, fanden sie die Bevölkerung in viele kleine Königreiche (indones. kerajaan) gegliedert, die voneinander relativ unabhängig waren. Die Mitte der Insel beherrschte das Wehale (Wehali) Königreich mit seinen Verbündeten unter den Stämmen der Ethnien der Tetum, Bunak und Kemak. Die Tetum bildeten den Kern des Reiches. Die Hauptstadt Laran auf dem Gebiet des heutigen Westtimors bildete damals das spirituelle Zentrum der gesamten Insel. Dem Modell Wehales folgend entstand in Westtimor ein zweites Königreich, das des Sonba’i.
1556 gründeten die Dominikaner zur Sicherung des Sandelholzhandels den Ort Lifau, sechs Kilometer westlich des heutigen Pante Macassar. Portugal errichtete zuerst wenige Garnisonen und Handelsposten auf Timor. Erst als die Bedrohung durch die Niederländer zunahm, begannen die Portugiesen, ihre Stellungen auszubauen. Niederländische Händler erreichten Timor erstmals 1568.
1640 bauten die Niederländer schließlich nahe Kupang ihre erste Festung auf Timor und die politische Teilung der Insel begann. Die Portugiesen begannen daraufhin 1642 unter Francisco Fernandes mit einer groß angelegten Invasion, um ihre Kontrolle auch auf das Inselinnere auszuweiten. Begründet wurde dieses Vorgehen aber mit dem Schutz der christianisierten Herrscher der Küstenregion. Die vorangegangene Christianisierung unterstützte die Portugiesen bei ihrem schnellen und brutalen Sieg, da ihr Einfluss auf die Timoresen den Widerstand bereits geschwächt hatte. Fernandes zog zunächst durch das Gebiet von Sonba’i und eroberte dann in kurzer Zeit das Königreich Wehale, das als religiöses und politisches Zentrum der Insel galt. Nach dem Sieg nahm die Einwanderung der Topasse weiter zu. Sie waren Mestizen deren Vorfahren Einwohner der Inseln Solor und Flores und Portugiesen waren. Zentrum der Topasse wurde Lifau, die portugiesische Hauptbasis auf Timor. Später siedelten die Topasse auch im Landesinneren bei den heutigen Orten Kefamenanu und Niki-Niki. Von den einheimischen Herrschern wurde ihnen Land zugewiesen und so bildeten sie bald selbst ihre lokalen Königreiche, wie zum Beispiel Noimuti, und wurden eine Macht auf der Insel. (englisch) Zwei Clans, die Hornay und die Costa kontrollierten zeitweise weite Teile Timors, was nicht ohne Konflikte zwischen ihnen vorging.
Niederländer mini|Das Reich von Kupang auf einer Karte von William Dampier, 1699