miniatur|Die Einhardsbasilika in Steinbach bei Michelstadt miniatur|Ansicht der Ostseite Die Einhardsbasilika in Steinbach, einem Ortsteil von Michelstadt im hessischen Odenwald, ist ein Kirchenbau aus dem 9. Jahrhundert. Die gut erhaltene Basilika gilt als außergewöhnliches Bauwerk und wegen des noch zum Großteil erhaltenen karolingischen Mauerwerks im Bereich des Mittelschiffs, des nördlichen Nebenchors und der Krypta als eines der wenigen Beispiele karolingischer Baukunst in Deutschland. Ihr Name bezieht sich auf ihren Erbauer Einhard, den Ratgeber Karls des Großen und Ludwigs des Frommen.

Die Basilika untersteht der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen und kann gegen Eintritt besichtigt werden.

Karolingische Zeit Vorgeschichte miniatur|Portal und Giebel des Langhauses (Westseite) miniatur|Querschnitt vor der Chorschranke, Rekonstruktion des karolingischen Zustands von Otto Müller miniatur|Grundriss, Rekonstruktion des karolingischen Zustands von Otto Müller miniatur|Längsschnitt von Süden, Rekonstruktion des karolingischen Zustands von Otto Müller miniatur|Ansicht der Ostseite, Rekonstruktion des karolingischen Zustands von Otto Müller miniatur|Winterchor, nördliches Seitenschiff und nördliche Langhausseite von Westen miniatur|Ansicht von Nordwesten (rechts das Langhaus mit dem wiederaufgebauten nördlichen Seitenschiff) Einhard, der für Karl den Großen viele Positionen und Ämter bekleidet hatte,Dazu im Einzelnen: Günther Binding: Multis arte fuit utilis – Einhard als Organisator am Aachener Hof und als Bauherr in Steinbach und Seligenstadt erhielt zum Dank für seine Leistungen im Jahr 815 die Mark Michelstadt von dessen Sohn Ludwig dem Frommen zum Geschenk.Hermann Schefers: Einhard – Ein Lebensbild aus karolingischer Zeit (= Geschichtsblättern des Kreises Bergstraße. Band 26). Heppenheim 1993, S. 15. Nachdem Einhard in Michelstadt bereits die dort vorhandene Holzkirche durch eine kleine steinerne Kirche ersetzt hatte,hierzu im Einzelnen: Sommer: Der Einhardsbau von 821 in der Stadtkirche. In: Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1491 errichtete er in der Folgezeit – zum Teil mit den Resten eines oder mehrerer BautenThomas Ludwig, Otto Müller und Irmgard Widdra-Spiess: Die Einhards-Basilika in Steinbach bei Michelstadt im Odenwald. S. 55 – eine Basilika, vermutlich mit zweierlei Absichten: Zum einen, um für sich und seine Gemahlin Imma eine Grablege zu schaffen, zum anderen, um eine Wallfahrtskirche zu etablieren.

Vorbild für die Basilika könnte die Basilika der Reichsabtei Kornelimünster gewesen sein.Ludwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 51, 52 Einhard war mit Sicherheit mit Benedikt von Aniane bekannt, dem Gründer dieses Klosters. Kornelimünster wurde 814 gegründet, die dortige Basilika ist also etwas älter als die in Steinbach. Die Grundrisse sind fast identisch, in Kornelimünster fehlt allerdings eine Krypta.

Karolingische Gestalt Etwa im Jahr 824 wurde der Bau der Basilika begonnenLudwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 14ff. und 827 in seiner karolingischen Gestalt fertiggestellt.

Sie wurde als dreischiffige Basilika gebaut, die Hauptapsis weist nach Osten. Der Hauptchor ist von einem nördlichen und südlichen Nebenchor flankiert. Eine nicht mehr erhaltene Chorschranke grenzte den Hauptchor vom Mittelschiff ab.Ludwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 58 Die gerundeten Apsiden der Chöre enthalten Rundbogenfenster. Vor dem Hauptschiff befand sich ein Atrium und jeweils nördlich und südlich vor den Seitenschiffen ein weiterer Vorraum. Das Mauerwerk folgt römischer Art,Otto Müller: Bauformen und Mauertechniken an den Bauten Einhards. S. 43 besteht zumeist aus rotem Sandstein und ist auf dreierlei Arten ausgeführt: Die Sichtseiten des Mauerwerks bestehen aus buntem Sandsteinkleinquaderwerk mit hellen Fugen, die für Verputz vorgesehenen Innenseiten bestehen aus Sandsteinbruchwerk. Die Stützen der Rundbogenarkaden des Mittelschiffs schließlich sind aus Backstein gemauert und folgen somit vermutlich einem Rückgriff auf römische Mauertechnik.Ludwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 57 Die Kämpfer der Stützen bestehen aus Sandstein, die Rundbogenarkaden sind aus Tuffstein gefertigt.

Die Basilika war im Innenraum großflächig lediglich verputzt und im Bereich der Mauern des Mittelschiffes mit dazugehörenden Arkaden, Fensternischen und Pfeilern gelblich-weiß getüncht. Die einzige bekannte karolingische Wandmalerei im Mittelschiff besteht aus einem umlaufenden, leuchtend farbigen Konsolenfries oberhalb der Fenster des Obergadens. Der Bereich der Hauptapsis war vermutlich ausgemalt, möglicherweise auch vergoldet. Zwischen den Apsidenkanten der Hauptapsis jeweils nördlich und südlich bis zum Bereich der seitlichen Fensternischen sind noch zwei karolingische Figurengruppen bekannt. Alle anderen Wandmalereien sind jüngeren Datums.Ludwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 46

Unter der Kirche befindet sich eine kreuzförmige Gangkrypta, in deren Mittelgang sich zwei überwölbte, an Grablegen römischer Katakomben erinnernde Nischen befinden. Das Mauerwerk der Krypta besteht aus Sandstein, Backstein, Dachziegelbruchstücken und Tuffstein. Vor allem an den Kanten der Gänge ist zu beobachten, dass die dort verwendeten Sandsteine zweimal bearbeitet wurden: über den verwitterten alten Bearbeitungsspuren liegen frischere. Dies in Verbindung mit der Tatsache, dass auch Dachziegelbruchstücke (vor allem zum Ausgleich bei unterschiedlichen Kantenhöhen der Sandsteinquader) verwendet wurden, lässt vermuten, dass es sich um wiederverwendetes Mauerwerk eines oder mehrerer Gebäude handelt. Denkbar sind römische Ruinen, was darauf zurückgeführt wird, dass es wenige römerzeitliche Funde aus der Basilika gibt. Ebenso ist aber vorstellbar, dass es sich um Material eines in unmittelbarer Nähe der Basilika zuvor abgerissenen, nördlich gelegenen Gebäudes handelt. Reste dieses Gebäudes wurden ergraben.Ludwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 12ff. Es wird angenommen, dass die Arkosolien der Krypta als Grablege für Einhard und seine Frau dienen sollten.z. B. Otto Müller: Die Einhartsbasilika zu Steinbach. S. 10 Rn. 36 Einer anderen Auffassung zufolge sollten hier die Reliquien (s. u.) ihre Ruhestätte finden.Ludwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 49 Doch konnte Einhard nach Fertigstellung und vor der geplanten Weihe im Jahr 827 nicht wissen, dass Ratleik gleich zwei Märtyrer aus Rom mitbrachte.So Einhard selbst: „Doch jener (Ratleik) überdachte und wälzte schon lange etwas andres in seinem Sinn. Denn wie er mir später erzählte, hielt er es keineswegs für erlaubt, mit dem Leibe des seligen Marzellinus allein in die Heimat zurückzukehren …“ in: Einhard: Die Übertragung und Wunder der Heiligen Marcellinus und Petrus. S. 10 Daher waren die Nischen wohl ursprünglich für ihn selbst und seine Frau gedacht.Ludwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 50

Reliquien Nach der Fertigstellung 827 überlegte sich Einhard, wem die Kirche geweiht werden sollte.hierzu und zu den Reliquien siehe Einhard: Die Übertragung und Wunder der Heiligen Marcellinus und Petrus. S. 4–21 Einhard wandte sich deshalb bei einem Aufenthalt am Hof in Aachen an einen Römer namens Deusdona. Dieser versprach ihm die gewünschten Reliquien und Einhard sandte ihn zusammen mit seinem Geheimschreiber (notarius) Ratleik nach Rom. Nachdem sich Deusdona als unzuverlässig erwiesen hatte, entnahm Ratleik auf eigene Faust in den Katakomben unterhalb der Kirche inter duos lauros an der Gräberstraße Via Labicana aus einem Grab die Gebeine der Heiligen Marcellinus und Petrus. Diese erlitten ihr Martyrium unter Diokletian Anfang des 4. Jahrhunderts.Thomas Ludwig: Einhards-Basilika. S. 13/14 Im Oktober oder November 827 erreichte Ratleik mit den Gebeinen Michelstadt. Er hatte die Reliquien erst ab Saint-Maurice offen vor sich hertragen lassen, da schon Gregor der Große die Entfernung von Reliquien unter Androhung der Todesstrafe verboten hatte.Thomas Ludwig: Einhards-Basilika. S. 16

Sie verblieben nicht lange in der Basilika. Veranlasst durch zahlreiche Traumerscheinungen seiner Diener und das „Blutschwitzen“ der Gebeine kam Einhard zu dem Schluss, dass sich die Heiligen offensichtlich in Steinbach nicht wohl fühlten. Er ließ die Gebeine daraufhin nach Seligenstadt verbringen, wo er ihnen eine neue Basilika errichtete und gemäß den von Benedikt von Aniane inspirierten karolingischen Reformgesetzen eine Kanonikergemeinschaft stiftete. Deren Abt Ratleik, einem aus Köln stammenden Mitglied der Hofkapelle Ludwigs des Frommen, vertraute er die Sorge für die liturgische Memoria der Heiligen, für die Betreuung der Pilger, das Gebetsgedenken für Lebende und Verstorbene und die Obhut seines Grabes an.Josef Semmler: Einhard und die Reform geistlicher Gemeinschaften in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts. In: Hermann Schefers (Hrsg.): Einhard Studien zu Leben und Werk (= Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission Neue Folge. Band 12). Hessische Historische Kommission, Darmstadt 1997, ISBN 3-88443-033-5, S. 179–189, hier S. 187–189. Was Einhard in Steinbach vorgehabt, aber dort nur ansatzweise verwirklicht hatte, erhellt sich daher aus seinen Maßnahmen in Seligenstadt. Der Umzug begann am 16. Januar 828.Rückschluss aus: Einhard: Die Übertragung und Wunder der Heiligen Marcellinus und Petrus. S. 21 Die Basilika in Steinbach geriet damit nicht in Vergessenheit, verlor aber ihre BedeutungThomas Ludwig: Einhards-Basilika. S. 18 als Wallfahrtskirche.

Nach Einhards Tod Nach Einhards Tod am 14. März 840 fiel die Mark Michelstadt gemäß seinem Testament aus dem Jahre 819 an das Kloster Lorsch, so dass das weitere Schicksal der Basilika mit der Geschichte dieses Klosters eng verbunden ist.

Aus den folgenden zweieinhalb Jahrhunderten bis 1072 sind keinerlei Urkunden oder Erwähnungen der Basilika bekannt. Aus Grabungsbefunden kann jedoch geschlossen werden, dass bereits im 9. Jahrhundert ein Friedhof im Norden angelegt wurde, auf dem Männer, Frauen und Kinder beigesetzt waren. Dieser wurde um 1050 aufgegeben.Ludwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 244 Daher könnte die Basilika bis 1072 als Gemeindekirche gedient haben.Ludwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 64 Wem die Basilika in dieser Zeit geweiht war, ist unbekannt.

Bautätigkeiten und Geschichte bis 1232 Geschichte und Bautätigkeit ab 1073 Erst am Karfreitag 1073 wurde auf dem Gelände und unter Einbeziehung des Baus von Benediktinermönchen des Klosters Lorsch unter Abt Udalrich eine Propstei gegründet.Ludwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 27 Sie wurde der Muttergottes Maria geweiht.Otto Müller: Die Einharts-Basilika zu Steinbach. S. 16 Die ersten Mönche aus Lorsch waren bereits ein Jahr zuvor in Steinbach eingetroffen. „Als aber die Zeit der Erbarmung anbrach (…), da lenkte die großzügige Güte des Herrn (…) einige göttlich inspirierte Brüder als Freiwillige dorthin, um das wiederherzustellen, was 253 Jahre lang vernachlässigt worden war“.Urkunde vom 27. Oktober 1095, Übersetzung von Dr. Hermann Schefers nach Karl Josef Minst, Lorscher Codex deutsch, Bd. 1, 2. Auflage, Lorsch 1974 in: 900 Jahre Steinbach – Chronik eines Dorfes, Michelstadt 1995. Sie errichteten eine Umfassungsmauer sowie zunächst nordöstlich ein hölzernes Haus. Dieses wurde jedoch nach sehr kurzer Zeit wieder abgetragen und – etwas weiter westlich – durch ein großes steinernes Haus ersetzt, welches vermutlich als Wohnung der Mönche diente. Zwischen der Basilika und diesem Nordhaus wurde ein ebenfalls in diese Zeit datierterLudwig, Müller, Widdra-Spiess: S. 67 Verbindungsbau errichtet. Die heute dort sichtbaren Mauerzüge sind die nachträglich aufgemauerten Grundmauern dieses Gebäudes.