Die Errichtung einer Kolonie Deutsch-Mittelafrika war ein untergeordnetes deutsches Kolonialprojekt und Kriegsziel sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg. mini|Wilhelm Solf, der ab 1911 als Kolonial­staatssekretär amtierte und das Mittel­afrika­projekt entwarf (Aufnahme von 1904 als Gouverneur von Deutsch-Samoa)

Vorkriegspläne mini|Inoffizielle Kolonialkarte von 1887 mit unbestätigten Grenzen: Somalia, Südostangola und Nordostrhodesien sind als deutsche Besitzungen gelb markiert.Johannes Baumgarten: Deutsch-Afrika und seine Nachbarn im schwarzen Erdteil: eine Rundreise in abgerundeten Naturschilderungen, Sittenscenen und ethnographischen Charakterbildern; Nach den neuesten und besten Quellen, für Freunde der geographischen Wissenschaften und den Kolonialbestrebungen, sowie für den höheren Unterricht. Mit einer Karte von Deutsch-Afrika. Dümmler, Berlin 1887. Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, am 7644, Digitale Sammlung Deutscher Kolonialismus / Public Domain Mark 1.0. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab es mehrere Versuche, das deutsche Kolonialreich auf Gebiete Zentralafrikas auszuweiten. In der Frühphase versuchte Paul Reichard, Teile der späteren Provinz Katanga für Deutschland zu erwerben, auf die die Association internationale du Congo im Vertrag mit Deutschland vom 8. November 1884 zunächst verzichtet hatte. In der Anerkennung der Neutralitätserklärung des Kongo-Freistaats vom 1. August 1885 war das Gebiet aber von der deutschen Regierung dem Freistaat zuerkannt worden, so dass sie den im Februar 1886 erbetenen Reichsschutz ablehnte.Conrad Weidmann: Deutsche Männer in Afrika – Lexicon der hervorragendsten deutschen Afrika-Forscher, Missionare etc. Bernhard Nöhring, Lübeck 1894, S. 146., in: Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon. Band III, Quelle & Meyer, Leipzig 1920, S. 146. Auch eine Eigeninitiative von Eduard Schulze bei Nokki am unteren Kongo stieß auf Ablehnung. Zwischen 1894 und 1911 drückte sich der deutsche Vorstoß geographisch durch den sogenannten Entenschnabel im Nordosten der deutschen Kolonie Kamerun aus. Dieser Gebietsvorsprung reichte schnabelförmig in das Gebiet des heutigen Staates Tschad. Er wurde jedoch 1911 im Tausch gegen Neukamerun an Frankreich abgetreten. Frankreichs Angebot eines Tauschs des deutschen Togo gegen ein noch größeres Gebiet in Äquatorialafrika wurde nach Protesten deutscher Kolonialpolitiker und -händler fallengelassen.

Uganda-Vertrag

Carl Peters versuchte 1890, einen Schutzvertrag mit dem König von Buganda, Mwanga II., im heutigen Uganda abzuschließen. Der Vertrag sollte den Grundstein zur Ausdehnung Deutsch-Ostafrikas zu einem deutschen Indien in Afrika legen. Die Ratifizierung des Vertrags, so die Hoffnung, hätte Deutschland Einfluss zwischen dem Kongobecken, dem Sudan und Ostafrika verschafft. Aufgrund der Vorsicht Mwangas (der nur ein Freundschaftsabkommen schloss), der Konkurrenz Großbritanniens und des Helgoland-Sansibar-Vertrags erlangte der Uganda-Vertrag aber keine Bedeutung.

Marokko-Kongo-Vertrag

Das infolge der Zweiten Marokkokrise geschlossene Marokko-Kongo-Abkommen vom 4. November 1911 beinhaltete die Vergrößerung der deutschen Kolonie Kamerun als Kompensation für französische Aktivitäten in Marokko. Ziel der deutschen Politik war es, einen direkten Zugang zum schiffbaren Kongo zu erhalten und sich, im Hinblick auf eine erwartete Aufteilung von Belgisch-Kongo an andere Kolonialmächte, eine günstige Ausgangsposition zur Abrundung des deutschen Kolonialbesitzes in Mittelafrika zu verschaffen. In seinen südlichen und östlichen Ausläufern erstreckte sich das vergrößerte Kamerun nun über Teile des Kongobeckens. Deutsches Gebiet reichte durch den Ssangazipfel unmittelbar bis an den Kongo. Der Ostzipfel berührte den Nebenstrom Ubangi.

Angola-Vertrag

In den deutsch-britischen Verhandlungen zur Aufteilung der portugiesischen und belgischen Afrikabesitzungen gab es erste konkrete Pläne. Im Juli 1913 einigte sich der Regierungsvertreter von Kühlmann mit den britischen Verhandlungspartnern: Für den Fall finanzieller Schwierigkeiten Portugals sollte Deutschland Anspruch auf Angola haben, außer dem Grenzgebiet zu Nordrhodesien, sowie auf Sao Tomé und Principe, während England Mosambik bis zum Lugenda beanspruchte. Ein Vorschlag des Staatssekretärs des Reichskolonialamtes Wilhelm Solf zur Beschneidung des Belgisch-Kongo, mit Katanga und dem äußersten Nordosten an Großbritannien, der Region nördlich des Kongo an Frankreich sowie einer breiten Verbindung zwischen Angola und Deutsch-Ostafrika an das Reich, scheiterte letztlich am britischen Widerstand.Fritz Fischer: Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914. Düsseldorf 1969, S. 448–458; und Wolfgang J. Mommsen: Das Zeitalter des Imperialismus (=Fischer-Weltgeschichte Band 28). Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-596-60028-6, S. 265. Ansprüche gegen das verschuldete Portugal durchzusetzen, erschien viel leichter als gegen das wirtschaftlich prosperierende Belgien.

Erster Weltkrieg Zentrales Ziel der deutschen Kolonialpolitik war ein möglichst geschlossenes Kolonialreich in Zentralafrika durch Landbrücken zwischen den Kolonien Ostafrika, Südwestafrika und Kamerun.

Pläne 1914 mini|Deutsche Ansprüche in Afrika 1917 (Britische Interpretation der Forderungen von Hans Delbrück) mini|Weitere deutsche Ansprüche in Afrika 1917 (nach Delbrück) Ein weiterer Vorschlag von Solf, der im August und September 1914 ein konkretes Mittelafrikaprojekt entwarf, war die Verteilung der afrikanischen Kolonien Frankreichs, Belgiens und Portugals, das Reichskanzler Bethmann Hollweg schließlich in sein Septemberprogramm einschloss. Das neue geschlossene mittelafrikanische Kolonialreich Deutschlands sollte folgende Gebiete umfassen: Angola, die Nordhälfte von Mosambik, Belgisch-Kongo, mit den Kupfergruben Katangas als wertvollstem Einzelobjekt,Imanuel Geiss: Geschichte griffbereit. Band 3: Schauplätze. Die geographische Dimension der Weltgeschichte. (=rororo-Handbuch 6237), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1981, ISBN 978-3-499-16237-4, S. 434. Französisch-Äquatorialafrika bis auf die Höhe des Tschadsees, Dahomé und das Gebiet südlich des Niger-Bogens bis Timbuktu. Dieses Projekt der Schaffung eines zusammenhängenden mittelafrikanischen Kolonialreiches blieb, in manchen Bereichen noch stark erweitert, fortan grundsätzlich ein Bestandteil der amtlichen deutschen Kriegsziele.Wolfdieter Bihl (Hrsg.): Deutsche Quellen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges. Darmstadt 1991, ISBN 3-534-08570-1, S. 58f. (Dok.Nr. 16); und Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Droste, Düsseldorf 1964, S. 115f.

Pläne 1916/17 Für den allseits nicht erwarteten Fall, dass die Entente auf das Friedensangebot der Mittelmächte eingehen würde, forderte Bethmann Hollweg von Generalstab, Admiralstab und Kolonialamt die Erstellung von Kriegsziellisten als Verhandlungsgrundlage, was auch sogleich geschah.Klaus Epstein: The Development of German-Austrian War Aims in the Spring of 1917. In: Journal of Central European Affairs 17 (1957), S. 24–47, hier: S. 27. Admiralstabschef Holtzendorffs maritime Kriegsziele vom 24. Dezember 1916, von der Obersten Heeresleitung begutachtet und gutgeheißen, hatten fantastischen Charakter: Neben Stützpunkten in Nord- und Ostsee sollte zusammen mit den Azoren die erste Bresche in Englands meerbeherrschende geographische Lage gelegt werden. Als Verbindung und Schutz des Kolonialreiches sollte man Dakar oder notfalls auch die Kapverden erlangen. Zur Bedrohung der englischen Indienroute brauche man noch ostafrikanische Häfen, Sansibar und Madagaskar als Stützpunkte.André Scherer, Jacques Grunewald: L’Allemagne et les problèmes de la paix pendant la première guerre mondiale. Documents extraits des archives de l'Office allemand des Affaires étrangères. 4 Bände (deutsche Originaldokumente). Paris 1962/1978, ISBN 2-85944-010-0, Band 1, S. 136ff. (Nr. 117); und Gerhard Ritter: Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des „Militarismus“ in Deutschland. Band 3: Die Tragödie der Staatskunst. Bethmann Hollweg als Kriegskanzler (1914-1917). Verlag Oldenbourg, München 1964, S. 352. Der Staatssekretär des Kolonialamtes, Solf, verlangte in dem Kriegszielprogramm seines Ressorts, neben der Rückgabe sämtlicher deutscher Kolonien, die Konsolidierung des afrikanischen Kolonialbesitzes durch Erwerb französischer, belgischer, portugiesischer und eventuell auch englischer Kolonien zu einem „Deutsch-mittelafrikanischen Reich“. Zusätzlich forderte er die Ausdehnung dieses mittelafrikanischen Reiches nach Westen, in die wirtschaftlich entwickelten Gebiete der Rekrutierung der farbigen Franzosen.Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Düsseldorf 1964, S. 415f; und Wolfgang Steglich: Bündnissicherung oder Verständigungsfrieden. Untersuchungen zum Friedensangebot der Mittelmächte vom 12. Dezember 1916. Verlag Musterschmidt, Göttingen/Berlin/Frankfurt am Main 1958, S. 158.

Pläne 1918 mini|Karte des 1918 geplanten „Deutsch-Mittelafrikas“ Im Frühjahr 1918 stimmte Solf sogar den Forderungen des Deutschen Kolonialvereines zu. Diesen zufolge sollten, neben den alten Forderungen in Zentralafrika, die Flussgebiete des Senegal und Niger und südlich von diesen bis zum Meere (also mit Nigeria) an das Deutsche Reich fallen – die deutsche Kolonialherrschaft hätte sich demnach vom Kap Verde bis zum Oranje im Westen, Nordrhodesien, Nordmosambik, Uganda, Kenia, Madagaskar, die Komoren und Dschibuti im Osten erstreckt. An Stützpunkten für die Erhaltung des zukünftigen Weltreiches forderte der Admiralstab im Mai 1917 neben weltweiten Flottenstützpunkten in Afrika Dakar mit Senegal und Gambia als Hinterland (andernorts auch die Kapverdischen- und Kanarischen Inseln sowie Madeira) und Réunion.Wolfdieter Bihl (Hrsg.): Deutsche Quellen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges. Darmstadt 1991, ISBN 3-534-08570-1, S. 283f. (Dok.Nr.142); und André Scherer, Jacques Grunewald: L’Allemagne et les problèmes de la paix pendant la première guerre mondiale. Documents extraits des archives de l'Office allemand des Affaires étrangères. 4 Bände (deutsche Originaldokumente). Paris 1962/1978, ISBN 2-85944-010-0, Band 2, S. 214f. (Nr. 129).

Bedeutung für die deutsche Politik Insgesamt gesehen spielten das „Mittelafrikaprojekt“ und das Stützpunktprogramm in der deutschen Kriegszielpolitik nur eine untergeordnete Rolle, glaubte man doch, sie durch einen Sieg in Europa wie von selbst zu erreichen. Andererseits wurde das Ziel „Mittelafrika“ im weiteren Verlaufe des Krieges von liberal gesinnten Politikern mehr und mehr als Ersatz- und Ablenkungsziel für die Nation, fort von wilden Annexionsforderungen in Europa, benutzt.Andreas Hillgruber: Die gescheiterte Großmacht. Eine Skizze des Deutschen Reiches 1871-1945. Düsseldorf 1980, ISBN 3-7700-0564-3, S. 51. Kolonien waren für Deutschland eher Aufputz und Ausdruck seiner (Welt-)Macht. Die Konzepte für ein geschlossenes Deutsch-Mittelafrika erwarteten von ihrer Verwirklichung den sichtbaren Beweis der deutschen Weltmacht und rechneten, dass das Gebiet für Deutschland die Bedeutung erlangen würde, die Indien für Großbritannien hatte. Aber Schwerindustrie und Banken hatten schon vor dem Krieg wenig Interesse an Kolonialreichen, die im Monde liegen gezeigt und drängten auf die europäische Expansion.Karl Dietrich Erdmann: Der Erste Weltkrieg. München 1980 (= Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte Bd.18), ISBN 3-423-04218-4, S. 54.

Zweiter Weltkrieg