mini|Das Heilige Römische Reich im Jahr 1648. Die Demobilmachung nach dem Dreißigjährigen Krieg umfasst die Abrüstung der Armeen der verschiedenen Kriegsparteien sowie die Räumung der Ende 1648 von ihnen besetzten Festungen und befestigten Orte. Nachdem der Westfälische Frieden am 24. Oktober 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendet hatte, waren im Heiligen Römischen Reich noch über 250 feste Plätze militärisch besetzt. Bei etwa 200 lagen nicht dem Landesherren gehörende Truppen in den Orten, deren schrittweiser Abzug im Rahmen des Nürnberger Exekutionstags geregelt wurde.
Bis 1650 zogen Kaiser Ferdinand III. und sein Verbündeter Kurbayern sowie auf der gegnerischen Seite Frankreich, Schweden und Hessen-Kassel ihre Truppen auf eigenes Gebiet zurück bzw. entließen die meisten Söldner und Soldaten aus ihrem Dienst. Danach verblieben noch mehrere sogenannte Sicherungsplätze besetzt als Pfand für die Zahlung von Ablösungssummen für die Armeen Schwedens und Kassels sowie einzelne Garnisonen der nicht in den Frieden eingeschlossenen Mächte Spanien und Lothringen, die zuvor auf Seiten des Kaisers gekämpft hatten. Auch die Niederlande behielten mehrere Garnisonen am Niederrhein.
Auch wenn die politisch umstrittenen und auf dem Exekutionstag vereinbarten Truppenabzüge mit Räumung Frankenthals durch Spanien 1652 und Vechtas durch Schweden 1654 abgeschlossen waren, blieben einzelne kriegsbedingte Besatzungen bis in die 1670er Jahre bestehen.
Überblick Im Laufe des Dreißigjährigen Krieges erreichten die Heere nie zuvor gekannte Größen, deren Versorgung die Fähigkeiten frühmoderner Staaten weit überforderte. Sowohl der Kaiser wie die Schweden, sein militärischer Hauptgegner seit 1630, waren allein nicht in der Lage, ihre Heere aus eigenen Mitteln ausreichend zu finanzieren und zu versorgen. Dazu waren sie auf Kontributionen (Zwangszahlungen in Form von Geld oder Naturalien) besetzter Gebiete angewiesen, was auf Dauer zu immer stärkerer Verwüstung und Verarmung des Landes führte. Hinzu kamen Unterstützungszahlungen verbündeter Mächte wie Spanien auf kaiserlicher und Frankreich auf schwedischer Seite, die spätestens mit dem Friedensschluss entfielen. Nach Schätzungen von Antje Oschmann standen Ende 1648 bis zu 150.000 Soldaten im Reich, die nach dem Ende des Kriegs in die Gebiete ihrer Landesherren zurückgezogen und größtenteils abgerüstet werden mussten.Antje Oschmann: Der Nürnberger Exekutionstag 1649–1650. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland. Aschendorff, Münster 1991. ISBN 3-402-05636-4. S. 23–25.
Die Heere des Dreißigjährigen Krieges bestanden nur zu kleinen Teilen aus einberufenen Milizen und direkt von den Landesherrn rekrutierten Soldaten; nur bei den Schweden gab es größere Kontingente, die mittels des Einteilungswerks in Schweden und Finnland ausgehoben wurden. Die meisten Soldaten waren Söldner, die von den Obristen als Kommandanten und Inhaber der einzelnen Regimenter in Auftrag und Namen ihres Landesherrn angeworben wurden. In allen Armeen, die auf Reichsboden kämpften, dienten zum Ende des Krieges mehrheitlich Deutsche aller Konfessionen und aus allen Teilen des Reiches. Die Oberbefehlshaber im Jahr 1648 waren dagegen abgesehen von der hessen-kasselschen Armee Ausländer oder stammten aus den Südlichen Niederlanden. Sozial gab es ein deutliches Gefälle zwischen den Rängen, die Generalität entstammte meist dem hohen Adel, die Offiziere kamen aus dem niederen Adel und dem Bürgertum, die Soldaten wiederum aus den unteren Bevölkerungsgruppen wie Handwerkern, Bauern, Tagelöhner oder fahrendem Volk.Antje Oschmann: Der Nürnberger Exekutionstag 1649–1650. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland. Aschendorff, Münster 1991. ISBN 3-402-05636-4. S. 29–31.
Während im Westfälischen Frieden nur zwei Monate für die Demobilisierung der Armeen und die Räumung besetzter Plätze vorgesehen waren, dauerte die tatsächliche Umsetzung fast zwei Jahre. Erst im Herbst 1650 hatten die Schweden ihre Armee fast vollständig aufgelöst und die französische und die kaiserliche Armee waren auf eigenes Gebiet zurückgezogen.Antje Oschmann: Der Nürnberger Exekutionstag 1649–1650. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland. Aschendorff, Münster 1991. ISBN 3-402-05636-4. S. 6. Die abgedankten Söldner schlossen sich zum Teil den im Französisch-Spanischen Krieg weiterkämpfenden Armeen Frankreichs, Spaniens und des Herzogs von Lothringen an. Gleichzeitig warb die Republik Venedig um Soldaten für den seit 1645 andauernden Krieg um Kreta gegen die Osmanen. Die breite Masse der entlassenen Truppen, schätzungsweise 70.000–80.000 Mann, ließ sich aber mit ihren Familien auf Reichsboden nieder. Häufig kehrten sie in ihre ursprüngliche Heimatregion zurück oder wurden gezielt in entvölkerten Gegenden angesiedelt.Bernhard R. Kroener: „Der Krieg hat ein Loch ...“ - Überlegungen zum Schicksal demobilisierter Söldner nach dem Dreißigjährigen Krieg In: Heinz Duchhardt: Der Westfälische Friede. Diplomatie – politische Zäsur – kulturelles Umfeld – Rezeptionsgeschichte. R. Oldenbourg Verlag, München 1998, ISBN 3-486-56328-9. S. 619–628.
Die Anzahl der von den Armeen besetzten Plätze drückte zum Teil den Kriegsverlauf der vorangegangenen Jahre und die militärischen Kräfteverhältnisse aus, in denen Schweden ein Übergewicht gegenüber dem Kaiser erreicht hatte und auch gegenüber seinen eigenen Verbündeten deutlich dominierte. Die reine Zahl war aber kein präziser Vergleichsmaßstab, da die festen Plätze einen höchst unterschiedlichen militärischen und strategischen Wert besaßen. Nur wenige große Festungen wie Benfeld, Frankenthal oder Ehrenbreitstein waren stark genug befestigt und hatten eine ausreichend große Besatzung, um sich unabhängig von einer Feldarmee auf längere Zeit behaupten zu können. Bei der Demobilisierung war diese Unabhängigkeit eine Gefahrenquelle. Ohne ausreichende Abdankungsgelder für die Soldaten waren v. a. die stärksten Garnisonen nicht zur Räumung ihres Platzes zu bewegen.Antje Oschmann: Der Nürnberger Exekutionstag 1649–1650. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland. Aschendorff, Münster 1991. ISBN 3-402-05636-4. S. 29.
Schwedische Armee mini|Der schwedische Oberbefehlshaber und spätere König Karl Gustav, porträtiert von Sébastien Bourdon, Nationalmuseum Stockholm.
Die schwedische Armee war mit etwa 60.000 Soldaten die größte Armee im Reich und besetzte die meisten festen Plätze. Diese dienten u. a. zur Durchsetzung der von Schweden verlangten „Militärsatisfaktion“, einer Geldzahlung der Reichsstände, um damit einen Großteil der Soldaten aus ihrem Dienst entlassen zu können. Die einheimischen Soldaten in der Armee sollten von den Ostseehäfen aus zurück nach Schweden und Finnland verschifft werden.
Als Boten die Nachricht von der Unterzeichnung des Westfälischen Friedens überbrachten, stand eine schwedische Feldarmee unter Carl Gustaf Wrangel in Franken, die andere belagerte unter Pfalzgraf Karl Gustav die böhmische Hauptstadt Prag. Anfang November 1648 zog diese Armee sich von Prag zurück und verließ bis Mitte des Monats Böhmen. Danach wurde die schwedische Armee in den gesamten sieben Reichskreisen (alle außer dem Österreichischen, Bayerischen und Burgundischen) verteilt, die nach dem Westfälischen Frieden für die Zahlung der Militärsatisfaktion zuständig waren. Bis zur Umsetzung der wichtigsten Friedensbestimmungen mussten die Reichskreise die Armee weiter versorgen. Die Schweden verteilten die Truppen nach der Größe und Finanzkraft der Kreise. Die Kavallerie zog vor allem in den Schwäbischen und den Oberrheinischen Reichskreis.Antje Oschmann: Der Nürnberger Exekutionstag 1649–1650. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland. Aschendorff, Münster 1991. ISBN 3-402-05636-4. S. 169–170.Fabian Schulze: Die Reichskreise im Dreißigjährigen Krieg. De Gruyter, Berlin 2018. S. 533.
Da im Südwesten Deutschlands auch die französische Armee einquartiert war, kam es zum Streit zwischen den beiden Armeen auf Grund begrenzter Versorgungsmöglichkeiten. Die Franzosen ließen in von ihnen besetzte Städte keine schwedischen Soldaten hinein und behinderten sogar die Eintreibung der für Schweden bestimmten Satisfaktionsgelder. Erst der Abzug der französischen Feldarmee nach Frankreich im Jahr 1649 entspannte die Situation und verhinderte eine bewaffnete Konfrontation zwischen den eigentlich Verbündeten.Antje Oschmann: Der Nürnberger Exekutionstag 1649–1650. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland. Aschendorff, Münster 1991. ISBN 3-402-05636-4. S. 171–173.
In der Zeit von 1648 bis 1650 besetzte die schwedische Armee folgende feste Plätze:Antje Oschmann: Der Nürnberger Exekutionstag 1649–1650. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland. Aschendorff, Münster 1991. ISBN 3-402-05636-4. S. 281, 507–513. Im Königreich Böhmen: Bischofteinitz, Brandeis, Brüx, Eger, Elbkosteletz, Friedland, Burg Grafenstein, Burg Karlštejn mit Liteň, Konopischt, Leitmeritz, Burg Petschau, Prager Kleinseite, Tábor, Tetschen In der Markgrafschaft Mähren: Eulenberg, Fulnek, Mährisch Neustadt, Olmütz, Sternberg Im Herzogtum Schlesien: Bolkenhain, Glogau, Burg Greiffenstein, Hirschberg, Jägerndorf, Jauer, Jeltsch, Leobschütz, Ohlau, Parchwitz, Trachenberg In Kurbayern: Donauwörth, Burg Falkenberg, Neumarkt in der Oberpfalz, Burg Waldeck, Schanze bei Rain am Lech In Kurbrandenburg (und dem zu Brandenburg fallenden Hinterpommern): Driesen, Gardelegen, Kolberg, Landsberg an der Warthe, Löcknitz, Schivelbein In den Hochstiften Halberstadt und Minden (zu Kurbrandenburg): Aschersleben, Halberstadt, Hornburg, Minden, Osterwieck In Kurmainz: Erfurt In Kursachsen: Leipzig, Querfurt Im Hochstift Bamberg: Vilseck Im Hochstift Münster: Vechta Im Hochstift Osnabrück: Fiestel, Fürstenau, Vörden, Wittlage Im Hochstift Straßburg: Benfeld mit Dambach und der Rheinauer Schanze, Oberkirch Im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg: Bleckede, Hoya, Nienburg/Weser Im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin: Bützow, Dömitz, Plau, Warnemünde In der Landgrafschaft Hessen-Kassel: Auburg In der Pfalzgrafschaft Pfalz-Sulzbach: Weiden in der Oberpfalz In der Grafschaft Löwenstein-Wertheim: Burg Wertheim In der Grafschaft Mansfeld: Schloss Mansfeld In der Grafschaft Montfort: Langenargen In der Grafschaft Pappenheim: Burg Pappenheim In der Grafschaft Waldeck: Bad Pyrmont Auf Deutschordensgebiet: Schloss Horneck, Insel Mainau, Burg Neuhaus In der Herrschaft Wolfstein: Sulzbürg Reichsstadt Dinkelsbühl Reichsstadt Nördlingen Reichsstadt Schweinfurt Reichsstadt Überlingen Reichsstadt Windsheim
mini|Das Schwedische Reich mit seinen neuen Besitzungen in Norddeutschland
Als Anfang 1650 klar war, dass die vollständige Zahlung der schwedischen Militärsatisfaktion über 5,2 Millionen Reichstaler noch mehrere Jahre andauern würde, setzte Schweden auf dem Nürnberger Exekutionstag durch, bis zur vollständigen Zahlung einen festen Platz als Pfand behalten zu dürfen. Während der Rest der verbleibenden schwedischen Garnisonen an drei Terminen über das Jahr 1650 abgezogen wurde, blieb deshalb Vechta im Niederstift Münster bis 1654 schwedisch besetzt. Auch Kolberg in Hinterpommern verließen die Schweden erst nach einer genauen Grenzregelung mit Brandenburg im Stettiner Grenzrezess 1653.Antje Oschmann: Der Nürnberger Exekutionstag 1649–1650. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland. Aschendorff, Münster 1991. ISBN 3-402-05636-4. S. 350–351, 360.