Am hielt Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel in der Festung Landau seine sogenannte Landauer Tischrede an der Tafel des Pfalzgrafen Friedrich V. Die Rede ist Teil eines Briefes vom von Landgraf Ludwig V. an Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen. Der Brief befindet sich im Original im Sächsischen Staatsarchiv in Dresden. Die Rede gilt als zeitgeschichtlicher Beleg einerseits für den ungestümen und zur Cholerik neigenden jugendlichen Feldherren Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel, anderereits für die Fustration protestantischer Heerführer im Böhmisch-Pfälzischen Krieg über die zwecklose und unkluge Kriegsführung der protestantischen Union.

Vorgeschichte und Kontext Der erste Abschnitt des Dreißigjährigen Krieges, bekannt als der Böhmisch-Pfälzische Krieg, neigte sich im Sommer 1622 seinem Ende zu. Der Hauptprotagonist dieses Konfliktes, Friedrich V., Pfalzgraf, Kurfürst der Pfalz und gewählter König von Böhmen, hatte seinen Machtkampf mit Kaiser Ferdinand II. im Wesentlichen bereits verloren. Der Machtkampf fand sowohl auf politisch-territorialer als auch auf religiöser Ebene statt. Territorial ging es darum, die Herrschaft über Böhmen zugunsten des Kaisers zu entscheiden. Außerdem war ausgemacht, dass der katholische und kaisertreue Maximilian I. von Bayern, nach erfolgreichem Ausgang des Konfliktes, Herr über die Kurpfalz werden sollte. Damit wäre dem Kaiserthron eine ausreichende Zahl von ihm loyalen Kurfürsten zur zukünftigen Herrschaftsfestigung sicher gewesen.

Auf religiöser Ebene ging es darum, den Einfluss der nicht-katholischen Herrschaftsgebiete, die seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 entstanden waren, zurückzudrängen. Die nicht-katholischen Herrschaften im Reich waren, obwohl in der Regel als Protestanten zusammengefasst, sowohl lutherisch als auch calvinistisch geprägt und somit bereits religiös gespalten. Beide Gruppen hatten sich zu Bündnissen vereinigt, und zwar einerseits die protestantische Union und andererseits die katholische Liga. Die protestantische Union hatte allerdings mit dem Mainzer Akkord im April 1621 faktisch ihre Existenz beendet. Diesem Abkommen war im Juli 1620 mit dem Ulmer Akkord ein Neutralitätsabkommen zwischen Liga und Union vorangegangen, in dem Böhmen als Hoheitsgebiet des Kaisers de facto bestätigt wurde. Überhaupt hatte es sich gezeigt, dass immer mehr ursprünglich mit der Sache des Protestantischen Bewegung Verbündete sich im Konfliktfall entweder als unzuverlässig oder als neutral zeigten. Die eigentlich als Machtbasis gedachte Union hatte sich damit als politisch schwach und wankelmütig erwiesen. Damit stand derjenige Feldherr umso isolierter und bedrohter da, der sich der protestantischen Sache am stärksten verschrieben hatte. Das war bei Christian von Braunschweig der Fall.

Anfang 1622 war die militärische Basis Friedrichs nahezu verschwunden. Lediglich die Truppen des Ernst von Mansfeld und die Armee des Christian von Braunschweig waren, wenn auch geschwächt, einsatzfähig. Die Armee des Markgrafen Friedrich von Baden-Durlach war nach der Niederlage in Wimpfen aufgelöst worden. Dabei war der Herzog Magnus von Württemberg(-Neuenbürg) zu Tode gekommen. Dieser war als Kavallerie-Offizier bekannt und damit ein „Waffen-Bruder“ des ebenso von den Fähigkeiten der Kavallerie überzeugten Herzogs Christian.

Überhaupt war Christian der Ansicht, dass er aufgrund der fehlenden Unterstützung durch Mansfeld bei der kurz zuvor stattgefundenen Schlacht bei Höchst am 20. Juni 1622 lediglich zu einem taktischen Rückzug über den Main gezwungen worden war. Von einer Niederlage konnte aus seiner Sicht keine Rede sein. Er war mit seinen 23 Jahren ein zur Cholerik neigender junger und agiler Heerführer, der für die protestantische Sache brannte.Hans Wertheim: Christian von Braunschweig. Berlin 1929, Band 1, S. 193 ff.

Ganz anders sein Dienstherr: Friedrich V von der Pfalz war ein gejagter Fürst auf der Flucht. Durch die Niederlage bei der Schlacht am Weißen Berg im November 1620 seines Königreiches Böhmen beraubt, war er nach Den Haag ins Exil gegangen und hatte seitdem erfolglos versucht, den Verlust seiner Erblande, der Kurpfalz, militärisch und politisch zu verhindern. Der letzte Versuch, mithilfe seines Schwiegervaters König Jakob I. von England, wenigstens die Kurpfalz weiter besitzen zu dürfen, war ebenfalls nicht erfolgreich verlaufen. Friedrich war bewusst, dass seine Sache verloren war, dementsprechend war er von Resignation und Verzweiflung erfüllt. Bei ihm befand sich der neutral-kaisertreue Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt, der zuvor von Ernst von Mansfeld in Geiselhaft genommen worden war. Dieser eindeutige Bruch des Reichsrechts hatte Friedrich und seiner Sache die letzten Sympathien gekostet.

In diesem Kontext fand am auf der Festung Landau ein Abendessen statt, dessen Tafel-Vorsitz der Pfalzgraf Friedrich hatte.

Anwesende und deren kurze Charakterisierung (Quelle: ) mini|hochkant|Christian (II) von Braunschweig Wolfenbüttel; Gemälde von J. A. van Ravesteyn, um 1620 Friedrich V., Pfalzgraf und König von Böhmen Regent auf der Flucht, ohne Herrschaft und militärische Erfolge, kriegsmüde, resigniert, sich der sinkenden politischen Sympathie im Reich bewusst. Ludwig V., Landgraf von Hessen-Darmstadt Kaisertreu, Geisel von Ernst von Mansfeld und Friedrich V., Profiteur von Friedrichs Niedergang Herzog Christian II. von Braunschweig-Wolfenbüttel Söldnerführer ohne bis dahin echte erlebte Niederlage, überzeugter Verfechter der protestantischen Sache Herzog Franz Karl von Lauenburg Heerführer der Union, in Diensten von Ernst von Mansfeld, vermutlich zur Bewachung von Ludwig V., wankelmütig mini|hochkant|Benjamin von Bouwinghausen, Grabmal-Figur in der Hospitalkirche Stuttgart Benjamin von Bouwinghausen (Wallmerode) Württembergischer Gesandter Francis Nethersole engl. Resident / Diplomat (in der Rede bezeichnet als Niedersol)Elizabeth Electress Palatine and Queen of Bohemia, Mary Ann Everett Green , Methuen & Co, London, 1855, PDF Ein (unbekannter) Schottischer Obrist (aus Wittichau, Sachsen) Vermutlich zur Bewachung von Ludwig V., abgestellt aus dem Heer Ernst von Mansfelds Obrist Baltasar Jakob von Schlammersdorf Begabter Heerführer der Union, Vermittler zwischen Friedrich V. und Opponent Maximilian von Bayern Joachim von Brieß (Briesen) Hofjunker des Landgraf Ludwig V.

Hinweise zur Quelle und zur Darstellungsform Die Rede ist überliefert in einem Brief von Landgraf Ludwig V. an Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen, Brief vom 30. Juli 1622. Sächsisches Staatsarchiv, 9197 13. Band, S. 303.

Zwecks besserer Verständlichkeit ist bei der nachfolgenden Wiedergabe der Rede der Konjunktiv entfernt und der Wortlaut in szenischer Form dargestellt. Den die Aussagen erläuternde Begriffe sind in […] eingefügt.

Landauer Tischrede vom 16./26. Juni

Erwähnungen/Verwendungen in der Sekundärliteratur zum Dreißigjährigen Krieg

Walter Krüssmann, Ernst von Mansfeld (1580–1626).: Grafensohn, Söldnerführer, Kriegsunternehmer gegen Habsburg im Dreißigjährigen Krieg. (Historische Forschungen, Band 94), Dunker und Humblot Berlin, 2010, ISBN 978-3428133215 Dr. Hans Wertheim, Der Tolle Halberstädter Christian von Braunschweig im Pfälzischen Kriege 1621–1622, 2 Bände, Internationale Bibliothek GmbH Berlin Mathias Meinhardt und Makrus Meuman, Die Kapitalisierung des Krieges/The Capitalisation of War: Kriegsunternehmer im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit/Military Entrepreneurs in the Late Middle Ages and the Early Modern Period, Lit. Verlag, 2021, ISBN 978-3643101082 Münsterische Beiträge zur Geschichtsforschung, Sechstes Heft, Herzog Christian von Braunschweig und die Stifter Münster und Paderborn zum Beginne der dreissigjährigen Krieges (1618–1622), Dr. Albert Weskamp, Herausgeber Theodor Lindner, Paderborn, Druck und Verlag von Ferdinand Schöningh., 1884

Einzelnachweise

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