Die spastischen Paraplegien (SPG), auch spastische Spinalparalysen genannt, stellen eine Gruppe neurodegenerativer Erkrankungen dar, die sporadisch oder hereditär (erblich) auftreten. Die hereditären spastischen Paraplegien (kurz HSP, auch Strümpell-Lorrain-Syndrom) sind genetisch heterogen, weil Mutationen in unterschiedlichen Genen die Erkrankung auslösen können. Der Erbgang ist autosomal-dominant, autosomal-rezessiv oder X-chromosomal-rezessiv.P. Berlit: Klinische Neurologie. 2. Auflage. Springer, 2005, ISBN 3-540-01982-0, S. 550–551.

Es handelt sich um eine Degeneration der Pyramidenseiten- und Vorderstrangbahnen.Immo von Hattingberg: Spastische Spinalparalyse. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 1348.

Die spastischen Paraplegien sind durch zunehmende spastische Lähmungen in den Beinen gekennzeichnet. In weit fortgeschrittenem Stadium kann die betroffene Person für die folgende Lebenszeit auf die Rollstuhlbenutzung angewiesen sein.

Synonyme Die spastische Spinalparalyse wird synonym als Erb-Charcot-Syndrom oder Erb-Charcot-Krankheit bezeichnet.Peter Reuter: Springer Lexikon Medizin. Springer, Berlin u. a. 2004, ISBN 3-540-20412-1 (Lemma Spastische Spinalparalyse).Ole Daniel Enersen: bei whonamedit.com Beide Bezeichnungen beziehen sich auf Wilhelm Heinrich Erb,W. H. Erb: Spinaler Symptomenkomplex. In: Berliner Zeitschrift Psych. 32, 1875. Über die spastische Spinalparalyse (tabès dorsal spasmodique Charcot) der 1875 die Krankheit erstmals beschrieben hat, sowie auf Jean-Martin CharcotJ. M. Charcot: Du tabès dorsal spasmodique. In: Progrés médical. 5, Paris 1876, S. 737–737. mit seiner Beschreibung von 1876. Eine weitere Beschreibung stammt von Adolf von StrümpellA. von Strümpell: Über eine bestimmte Form der primären combinirten Systemerkrankungen des Rückenmarks. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 17, Berlin 1886, S. 217–238. aus dem Jahr 1886. Daher gibt es auch das Synonym Strümpell-Lorrain-Syndrom.

Klassifikation

Erbkrankheit Synonyme Klinik Vererbung OMIM Gen Genort Genprodukt Häufigkeit SPG1 MASA-Syndrom komplizierte HSP mit mentaler Retardierung, Hypoplasie des Corpus callosum, adduzierten Daumen und HydrozephalusX-chromosomalL1CAMXq28Neural cell adhesion molecule L1> 100 Familien SPG2 Morbus Pelizaeus Merzbacherkomplizierte HSP mit Tetraplegie, Nystagmus, mentaler Retardierung und epileptischen AnfällenX-chromosomalPLP1Xq22.2Myelin proteolipid protein< 100 Familien SPG3 SPG3A reine HSP, frühe Manifestation, langsame Progressionautosomal-dominantATL114q22.1Atlastin-1< 10 % der autosomal-dominanten HSP SPG4 hauptsächlich reine HSP, variables Manifestationsalterautosomal-dominantSPAST2p22.3Spastin40 % der reinen autosomal-dominanten HSP SPG5A reine HSP, variables Manifestationsalter, erste möglicherweise therapierbare Formautosomal-rezessivCYP7B18q12.325-hydroxycholesterol 7-alpha-hydroxylase~ 80 Familien (zweit häufigste rezessive Form) SPG6 reine HSP, Manifestation Erwachseneautosomal-dominantNIPA115q11.2Magnesium transporter NIPA1~ 10 Familien SPG7 komplizierte HSP mit zerebellären Symptomen, Optikusatrophie und Neuropathie, variables Manifestationsalterautosomal-rezessivSPG716q24.3Paraplegin>400 Familien SPG8 reine HSP, Manifestation Erwachseneautosomal-dominantKIAA01968q24.13WASH complex subunit strumpellin< 10 Familien SPG9 komplizierte HSP mit Katarakt, motorischer Neuropathie, Abnormalitäten des Skeletts und gastroösophagealem Refluxautosomal-dominantALDH18A110q24.11 Familie SPG10 reine HSP, eventuell kompliziert durch Muskelatrophieautosomal-dominantKIF5A12q13.3Kinesin heavy chain isoform 5A< 10 Familien SPG11 komplizierte HSP mit schmalem Corpus callosum, kognitiver Beeinträchtigung und Neuropathie, frühe Manifestationautosomal-rezessivSPG1115q21.1Spatacsinviele Familien SPG12 reine HSP, frühe Manifestationautosomal-dominantunbekannt19q13unbekannt< 10 Familien SPG13 reine HSP, Manifestation Erwachseneautosomal-dominantHSPD12q33.1Hitzeschockprotein 60< 10 Familien SPG14komplizierte HSP mit motorischer Neuropathie und mentaler Retardierung, variables Manifestationsalterautosomal-rezessivunbekannt3q27-q28unbekannt 1 Familie SPG15Kjellin-Syndrom komplizierte HSP mit Retinopathia pigmentosa, zerebellären Symptomen und mentaler Retardierung, Manifestation Adoleszenzautosomal-rezessivZFYVE2614q24.1Spastizin< 10 Familien SPG16 komplizierte HSP mit Aphasie, Sphincterstörung und mentaler Retardierung, Manifestation im KindesalterX-chromosomalunbekanntXq11.2unbekannt1 Familie SPG17 Silver-Syndromkomplizierte HSP mit distaler Muskelatrophie der Arme > Beine, variables Manifestationsalterautosomal-dominantBSCL211q12.3Seipin< 20 Familien SPG18, letzter Abruf 3. Oktober 2011.komplizierte HSP mit mentaler Retardierung und Hypoplasie oder Agenesie des Corpus callosum, Manifestation im Kindesalterautosomal-rezessivunbekannt8p12-p11.21unbekannt2 Familien SPG19reine HSP, Manifestation Erwachsenenalterautosomal-dominant, letzter Abruf 3. Oktober 2011.unbekannt9qunbekannt1 Familie SPG20Troyer-Syndromkomplizierte HSP mit Muskelatrophie, zerebellären Symptomen und Entwicklungsverzögerung, Manifestation im Kindesalterautosomal-rezessivSPG2013q13.3, letzter Abruf 3. Oktober 2011.SpartinGründermutation bei Amischen SPG21Mast-Syndromkomplizierte HSP mit schmalem Corpus callosum, kognitivem Verfall, zerebellären und extrapyramidalmotorischen Symptomen, Manifestation frühes Erwachsenenalterautosomal-rezessivSPG2115q22.31, letzter Abruf 3. Oktober 2011.MaspardinGründermutation bei Amischen SPG23 Lison-Syndromkomplizierte HSP mit Pigmentanomalien, Gesichts- und Skelettdysmorphismen, kognitivem Zerfall und Tremor, Manifestation im Kindesalterautosomal-rezessivunbekannt1q24-q32unbekannt1 Familie SPG24reine HSP, pseudobulbäre Symptomeautosomal-rezessivunbekannt13q14unbekannt1 Familie SPG25komplizierte HSP mit Katarakt und Bandscheibenvorfällen, Manifestation im Erwachsenenalterautosomal-rezessivunbekannt6q23-q24.1unbekannt1 Familie SPG26komplizierte HSP mit Neuropathie, distaler Muskelatrophie und intellektuellen Einschränkungen, Manifestation im Erwachsenenalterautosomal-rezessivunbekannt12p11.1-q14unbekannt2 Familien SPG27komplizierte HSP mit zerebellären Symptomen, Neuropathie, mentaler Retardierung und Mikrozephalie, variables Manifestationsalterautosomal-rezessivunbekannt10q22.1-q24.1unbekannt2 Familien SPG28reine HSP, frühe Manifestationautosomal-rezessivunbekannt14q21.3-q22.3unbekannt1 Familie SPG29komplizierte HSP mit Taubheit, Hiatushernie, Hohlfüßen und Hyperbilirubinämieautosomal-dominantunbekannt1p31.1-p21.1unbekannt1 Familie SPG30reine HSP, sensible Neuropathie, Manifestation Adoleszenzautosomal-rezessivKIF1A, letzter Abruf 3. Oktober 2011.2q37.3Kinesin-like protein KIF1A1 Familie SPG31reine HSP, variables Manifestationsalterautosomal-dominantREEP12p11.2, letzter Abruf 3. Oktober 2011.Receptor expression-enhancing protein 18 % der reinen autosomal-dominanten HSP SPG32komplizierte HSP mit mentaler Retardierung, schmalem Corpus callosum und pontinem Dysraphismus, Manifestation im Kindesalterautosomal-rezessivunbekannt14q12-q21unbekannt1 Familie SPG33, letzter Abruf 3. Oktober 2011.reine HSP, Manifestation Erwachsenenalterautosomal-dominantZFYVE2710q24.2Protrudin1 Familie SPG34, letzter Abruf 3. Oktober 2011.reine HSP, frühe ManifestationX-chromosomalunbekanntXq24-q25unbekannt1 Familie SPG35komplizierte HSP mit intellektuellem Abbau, Haarauffälligkeiten und spezifischen Zeichen in der cMRT BIldgebung "WHAT", Manifestation überwiegend im Kindesalterautosomal-rezessivFA2H, letzter Abruf 3. Oktober 2011.16q23.1Fatty acid 2-hydroxylase>55 Familien SPG36komplizierte HSP, Manifestationsalter variabel, letzter Abruf 3. Oktober 2011.autosomal-dominantunbekannt12q23-q24unbekannt1 Familie SPG37variables Manifestationsalter, letzter Abruf 3. Oktober 2011.autosomal-dominantunbekannt8p21.1-q13.3unbekannt1 Familie SPG38komplizierte HSP mit distaler Muskelatrophie der Arme > Beineautosomal-dominantunbekannt4p16-p15unbekannt1 Familie SPG39komplizierte HSP distaler Muskelatrophie aller Extremitätenautosomal-rezessivPNPLA619p13.2Neuropathy target esterase2 Familien SPG41reine HSP, Manifestation Adoleszenz, letzter Abruf 3. Oktober 2011.autosomal-dominantunbekannt11p14.1-p11.2unbekannt1 Familie SPG42, letzter Abruf 3. Oktober 2011.reine HSP, variables Manifestationsalterautosomal-dominantSLC33A13q25.31Acetyl-coenzyme A transporter 11 Familie+ Genetische Klassifikation der hereditären spastischen Spinalparalysen

Epidemiologie Die Prävalenz liegt bei 4–5/100.000 Einwohnern. 75 % der Fälle sind erblich, der Rest sporadisch. Personen des männlichen Geschlechts sind doppelt so häufig betroffen wie Personen des weiblichen Geschlechts.W. Hacke: Neurologie. 13. Auflage. Springer-Verlag, 2010, ISBN 978-3-642-12381-8, S. 718.

Ursache

Die Gruppe der spastischen Spinalparalysen ist genetisch heterogen. Mit Stand 2011 sind mindestens 48 unterschiedliche Genorte der HSP bekannt. Sie werden mit SPG für spastic paraplegia gene bezeichnet und von 1–78 durchnummeriert. Der Erbgang ist je nach Form unterschiedlich und kann autosomal-dominant, autosomal-rezessiv oder x-chromosomal sein. Es wurden bisher >50 von Mutationen betroffene Gene identifiziert.R. Schüle, L. Schöls: Differenzialdiagnose spastischer Paresen. In: Neurologie & Psychiatrie. 13 (1), 2011, S. 30–36.

Symptome und Verlauf Der Krankheitsbeginn der hereditären spastischen Spinalparalysen ist sehr variabel und reicht vom frühen Kindesalter bis zur siebten Lebensdekade. Es kommt zu einer zunehmenden spastischen Lähmung der Beine (Paraparese).A. Visbeck, H. C. Hopf: Die hereditären spastischen Spinalparalysen. In: Akt Neurol. 28, 2001, S. 153–160.

In Abhängigkeit von den klinischen Symptomen werden reine und komplizierte Formen der hereditären spastischen Spinalparalysen unterschieden. Bei den reinen Formen ist die Symptomatik im Wesentlichen auf die spastische Paraparese beschränkt. Es können aber Sensibilitätsstörungen mit Störungen der Tiefen-, der Oberflächen- und der Temperatursensibilität sowie Blasenstörungen (imperativer Harndrang, Pollakisurie, gelegentlich Dranginkontinenz) und selten Mastdarmstörungen auftreten. Die komplizierten hereditären spastischen Spinalparalysen (CHSP) sind durch das Auftreten weiterer neurologischer Symptome definiert wie Ataxie, schwere Muskelatrophie, Optikusatrophie, Retinopathie, Beeinträchtigung des extrapyramidalmotorischen Systems, mentale Retardierung, Demenz, Taubheit, Ichthyose, Neuropathie und Epilepsie.S. Salinas, C. Proukakis, A. Crosby, T. T. Warner: Hereditary spastic paraplegia: clinical features and pathogenetic mechanisms. In: The Lancet Neurology. Band 7, Nummer 12, Dezember 2008, S. 1127–1138, . doi:10.1016/S1474-4422(08)70258-8. PMID 19007737. (Review). Die komplizierten Formen sind sehr selten. Beispiele sind das Sjögren-Larsson-Syndrom, das Troyer-Syndrom, das MASA-Syndrom, das Charlevoix-Saguenay-Syndrom und das Kjellin-Syndrom.

Das Ausmaß der Spastik übersteigt häufig das der Parese. Neben dem Manifestationsalter ist auch das Fortschreiten und der Behinderungsgrad variabel. Die Adduktoren im Hüftgelenk sind typischerweise bevorzugt betroffen. Diese Adduktorenspastik führt zu einem „Scherengang“. Die Betroffenen haben beim Gehen Schwierigkeiten die Beine aneinander vorbei zu bekommen. Sowohl an den oberen als auch an den unteren Extremitäten sind häufig gesteigerte Muskeleigenreflexe nachweisbar. Die Muskulatur der oberen Extremitäten weist jedoch nur selten spastische Lähmungen auf, und wenn, dann sind diese im Vergleich zu den unteren Extremitäten nur leicht ausgeprägt. Die Symptome der Krankheit verschlimmern sich über einen Zeitraum von 2–3 Jahrzehnten, im Endstadium werden die Patienten mit spastischen Kontrakturen bettlägerig.

Untersuchung