mini|250px|Tizian, „Allegorie der Zeit“ – allegorische Darstellung des Verhältnisses von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und der Lebensalter: Der Greis (Vergangenheit) blickt zurück, der Jüngling (die Zukunft) nach vorne; nur der Mann (die Gegenwart) hat sein Gesicht dem Betrachter zugewandt.

Das Wort Zeit bezeichnet in der Philosophie die vom menschlichen Bewusstsein wahrgenommene Form der Veränderungen oder der Abfolge von Ereignissen. Diese Veränderungen begründen den Eindruck einer „Richtung der Zeit“. Bestimmungen des Wesens der Zeit wurden von Philosophen wie etwa Platon, Aristoteles, Augustinus, Leibniz, Kant oder Bergson in unterschiedlicher Weise vorgenommen.

Unsere Alltagserfahrung lässt uns vermuten, dass Zeit auch unabhängig von bewusst wahrgenommenen Objekten und ihrer Veränderlichkeit existiert. Das Problem der Zeitvorstellung war deshalb schon immer mit der Frage verknüpft, ob sie erst durch eine spezielle Anschauung im menschlichen Bewusstsein 'erschaffen' wird oder unabhängig davon objektiv gegeben ist. Die Beantwortung dieser Frage war jahrtausendelang ausschließlich eine Angelegenheit der Philosophie, Theologie und Mystik. Mit Beginn der modernen Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert wurde der Begriff der Zeit in der Natur vor allem in der Physik weiterentwickelt und im 20. Jahrhundert durch die Relativitätstheorie noch einmal erheblich verändert. Wichtige Erkenntnisse zur Zeit erbringen mittlerweile aber auch die Astronomie, Neurologie, Chronopsychologie, Chronobiologie und andere Wissenschaften.

Allerdings ist schon die Bedeutung des Begriffs der 'Existenz der Zeit' fraglich und problematisch. Neuere Erkenntnisse der Hirnforschung, Molekularbiologie und Psychologie legen den Schluss nahe, dass Wahrnehmung, Gedankenprozesse, Erinnerung (Psychologie), 'Zeitgefühl' und Bewusstsein im Menschen so eng miteinander verknüpft sind, dass sie im Vorgang des Erlebens normalerweise nicht getrennt werden können. 'Zeitgefühl', Gedanken und das menschliche Bewusstsein erscheinen also nur gemeinsam. In einer subjektivistischen Auffassung würden dann Zeit und Zeitgefühl eng zusammenrücken. Die Vorstellung einer 'objektiven Zeit' bestünde hier dann nur in der Vorstellung einer Identität, die auf Erinnerungen basiert und nach Sicherheit und Kontinuität strebt.

Geschichte In der Antike haben sich u. a. die Philosophen Heraklit, Platon, Aristoteles und Augustinus mit dem Begriff der Zeit befasst.

Heraklits Flussbild, in dem alles fließt (panta rhei), steht als Metapher für die Zeit. Unwandelbare periodische Übergänge von Tag und Nacht, also die Beständigkeit des Flusslaufes, und die Dynamik seines Fließens stehen als die Einheit der Gegensätze.

Die ersten systematischen Gedanken über die Zeit sind uns von Platon überliefert. Für ihn sind nur die ewigen Ideen das eigentlich Seiende (Ideenlehre). Die Formen, die uns in Raum und Zeit erscheinen, sind dagegen nur bewegte Abbilder davon. Er verschiebt damit die Frage nach der Zeit auf die Frage nach dem Sein. Zeit ist bei ihm nur noch ein Ausdruck, ein Abbild der Ewigkeit, des ewigen Seins.

Für Aristoteles ist der Zeitbegriff untrennbar an Veränderungen gebunden. Veränderungen geschehen in der Zeit, aber von der Zeit selbst gilt das nicht. Sie selbst ist keine Bewegung, sondern das Maß jeder Bewegung. „Wir messen nicht nur die Bewegung mittels der Zeit, sondern auch mittels der Bewegung die Zeit und können dies, weil sich beide wechselseitig bestimmen“ (Phys. IV 12, 220b 14–16). Er geht aber nicht so weit, die Zeit auf eine reine Maßeinheit im modernen Sinn zu reduzieren. So war Aristoteles der Auffassung, dass sich die Zeit in unendlich viele Zeitintervalle einteilen lässt. Damit hat er die Vorstellung eines Kontinuums von Raum und Zeit vertreten. Obwohl es heutzutage Überlegungen in Richtung einer diskreten Struktur der Zeit gibt, werden diese Kontinuumstheorien bis heute der Physik zugrunde gelegt.

Nach Augustinus’ Confessiones sind Vergangenheit und Zukunft nur Erinnerungen bzw. Erwartungen in der Gegenwart. Wir könnten das Ewige nur in der Erscheinungsform des Nacheinander erfassen. Wie bei Aristoteles ist bei Augustinus Zeit (und Raum) untrennbar von der Welt und den Veränderungen, sie „entstand“ erst durch die Schöpfung, d. h. Gottes Erschaffung der Welt. Die Zeit (und der Raum) existiert insbesondere im geschöpflichen, d. h. vor allem im menschlichen Bewusstsein. Für Gott ist dagegen alles eine Gegenwart. Bei Augustinus erfolgt auch erstmals eine Unterscheidung zwischen einer physikalisch exakten Zeit, die mit Hilfe von Zeitmessgeräten bestimmt wird, und einer psychologisch-erlebnisbezogenen Zeit, die Zugang zu subjektiven und alltäglichen Interpretationen findet.Aurelius Augustinus: Was ist Zeit? (Confessiones XI / Bekenntnisse 11). Eingel., übersetzt und mit Anm. versehen von Norbert Fischer. Lat.-dt., Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2000. Zum Wesen der Zeit allerdings räumt er ein:

Rüdiger Safranski nennt das 11. Kapitel von Augustinus’ Confessiones den „Grundtext der abendländischen Zeitreflexion“.Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. München 2015. S. 134. Auch im Buch VI seiner Schrift de musica stellt Augustinus seine Überlegungen zum Zeitbegriff ausführlich dar.Vgl. Silke Wulf: Zeit der Musik. Vom Hören der Wahrheit in Augustinus' De Musica (Reihe: Musikphilosophie, Band 5). Freiburg/München: Verlag Karl Alber, 2013. ISBN 978-3-495-48576-7.

Für Isaac Newton bilden die Zeit und der Raum die „Behälter“ für Ereignisse, sie sind für ihn ebenso real und mit Eigenschaften ausgezeichnet wie die Objekte. Er definierte die Zeit mit den Worten: „Zeit ist, und sie tickt gleichmäßig von Moment zu Moment.“ Im Gegensatz dazu hat Leibniz behauptet, dass Zeit und Raum nur gedankliche Konstruktionen sind, um die Beziehungen zwischen Ereignissen zu beschreiben. Aus seiner Sicht gibt es damit kein „Wesen“ und keinen Fluss der Zeit. Er definiert die Zeit so: „Die Zeit ist die Ordnung des nicht zugleich Existierenden. Sie ist somit die allgemeine Ordnung der Veränderungen, in der nämlich nicht auf die bestimmte Art der Veränderungen gesehen wird.“.Das Zitat stammt aus Gottfried Wilhelm Leibniz: „Aus den metaphysischen Anfangsgründen der Mathematik“, in: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie. Teil I: Philosophische Werke. Band 1, Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1996, 35–48.

Innerhalb der Wissenschaft hat sich Newtons Auffassung durchgesetzt. Der große Vorteil davon ist die Möglichkeit, Zeit und Raum unabhängig von einem realen Bezugspunkt und ohne konkreten Beobachter beschreiben zu können. Ernst Mach hat den idealisierten Modellcharakter einer solchen Abstraktion kritisiert und gefolgert, dass alle Dinge und Prozesse nur voneinander abhängig sind und nicht von einer „transzendenten“ Zeit. Für die moderne Physik ist die Krümmung des Objektes „Raumzeit“ nicht verschieden von Eigenschaften wie Masse oder Ausdehnung eines beliebigen anderen Objektes.

Für Immanuel Kant ist die Zeit ebenso wie der Raum eine „reine Anschauungsform“ und zwar die des inneren Sinnes. Sie ist unser Zugang zur Welt, gehört also zu den subjektiv-menschlichen Bedingungen der Welterkenntnis und ist somit die besondere Form, die das menschliche Bewusstsein den Sinneseindrücken verleiht. Wir können uns aus unserer Erfahrung die Zeit nicht wegdenken, da sie eben selbst eine Art und Weise unserer Anschauung (Wahrnehmung) ist. Zwar kommt sie nicht einer – wie auch immer gearteten – Welt an sich zu, dennoch wird der Zeit eine empirische Qualität zugeschrieben. So werden Zeitmessungen benutzt, um zu quantifizieren, wie weit entfernt Ereignisse voneinander stattfinden.

Søren Kierkegaards Beschäftigung mit dem Augenblick wurde ein in der Philosophie einflussreiches Konzept.

In seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ betrachtet Martin Heidegger die Zeitlichkeit als die zutiefst das Menschsein prägende Wirklichkeit. Die menschliche Existenz, das Dasein wird von Heidegger verstanden als faktisches Schon-sein-in der Welt, das durch seine Ausrichtung auf die Zukunft (Sich-vorweg-Sein) im Ergreifen der eigenen Möglichkeiten sein eigenes Seinkönnen bestimmt. Die Stimmung der Angst erschließt dem Menschen sein In-der-Welt-sein: der Mensch kommt ohne sein eigenes Hinzutun in die Existenz und hat diese nun zu übernehmen, indem er Entscheidungen trifft. Das Ende alles Ergreifens von Möglichkeiten stellt der Tod dar. Angesichts des Todes ergibt sich für den Menschen ein endlicher Entscheidungsspielraum. Es ist daher für Heidegger die Zeitlichkeit des konkreten Daseins, das in seiner Existenz für sich und andere sorgt und aus welcher sich erst die rechnerische Zeit ergibt. Dasein rechnet mit Zeit, weil es in seiner eigenen Endlichkeit für sich Sorge zu tragen hat. Zu einer wirklichen Ausarbeitung des Begriffs der Zeit aus der Zeitlichkeit des Daseins kommt es jedoch in dem Fragment gebliebenen Werk „Sein und Zeit“ nicht mehr. In Jean-Paul Sartres Hauptwerk von 1943 Das Sein und das NichtsDas Sein und das Nichts Versuch einer phänomenologischen Ontologie; Rowohlt Verlag, Reinbek 1991 kommt phänomenologisch betrachtet dem An-sich-sein wie bei Heidegger weder Zeitlichkeit noch Räumlichkeit zu.

Die neuere Philosophie geht inzwischen von einer Unterscheidung absoluter Zeit-Bestimmungen (sog. A-Reihe, z. B. vergangen, gegenwärtig, zukünftig), wie bei Augustinus, und relativer Zeit-Bestimmungen (sog. B-Reihe, z. B. früher als, gleichzeitig, später als), wie bei Kant und den modernen Naturwissenschaften, aus. Aufbauend auf diesen Zeitreihen hat John McTaggart die Unwirklichkeit der Zeit gelehrt. Seine Ausführungen sollen zeigen, dass jede Veränderung als eine Bewegung von Ereignissen von der Zukunft zur Gegenwart in die Vergangenheit beschrieben werden kann. Diese Veränderungen seien aber weder Teil der Ereignisse, noch eine Relation zwischen ihnen. Er kommt zu dem Schluss, dass auch die Zeitreihen selbst, in denen die Veränderungen stattfinden, nicht existieren.

Nachdem mit Hilfe der Philosophie der Sprache Argumente dafür geliefert wurden, dass Begriffe der einen Zeitreihe nicht in Begriffe der anderen übersetzt werden können, gibt es demnach drei mögliche Versionen für die Begründung der B-Reihe (tenseless theory; beinhaltet keine indexikalische Zeitbestimmung): eine zeichenanalytische (token-reflexive), eine Version auf Basis der Zeitpunkte (date version) und eine neuere Version der Satztypen (sentence-type).

Neben den in der sprachanalytischen Tradition stehenden Auseinandersetzungen mit dem Thema 'Zeit' gibt es auch in der an Kant anknüpfenden Transzendentalphilosophie einschlägige Bemühungen. So versucht etwa Peter Rohs die Philosophie Kants mit der Spinozas in Form einer Feldtheorie der Zeit zu verknüpfen, während Karl Czasny die Frage untersucht, unter welchen Bedingungen wir jeweils denken, dass zwei Ereignisse nacheinander bzw. nebeneinander stattgefunden haben. Er entwickelt zur Beantwortung dieser Frage ein Gedankenexperiment und stößt bei dessen Analyse auf eine versteckte Komplementarität zwischen dem Erfahren von zeitlichen bzw. räumlichen Relationen und dem jeweiligen Erleben des eigenen Bewegungszustands.

Zeitbewusstsein Zeitbewusstsein ist ein Bewusstseinszustand, in dem die Welt und das eigene Leben in einem zeitlich abstrakten Rahmen erfahren wird.

Entwicklung Der Zeitbegriff ist als eine spezifisch menschliche Vorstellung stark an die menschliche Form des Bewusstseins gebunden und nach gängiger Auffassung durch die Evolution entstanden. Tiere können zwar in ihrem Verhalten auf vergangene oder zukünftige Ereignisse Bezug nehmen. Es gibt aber keine Anhaltspunkte dafür, dass sie eine Vorstellung von Vergangenheit oder Zukunft selbst haben. Stephen Jay Gould beschreibt die unterschiedlichen Lebenszyklen der Tiere (Lebenszeit und Lebensgeschwindigkeit), wenn man sie relativ zu ihrer physischen Größe und nicht zu einer absoluten Zeit betrachtet, als „erstaunlich gleichmäßig“.