mini|Pablo Neruda in einer Aufnahme von Annemarie Heinrich, 1967 rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage
Pablo Neruda; eigentlich Ricardo Eliécer Neftalí Reyes Basoalto (* 12. Juli 1904 in Parral; † 23. September 1973 in Santiago de Chile), war ein chilenischer Dichter und Schriftsteller sowie Diplomat, der sich vor allem gegen den Faschismus in seinem Heimatland und in Spanien einsetzte. 1971 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Biografie Kindheit und Jugend Neruda war der Sohn des Lokomotivführers José del Carmen Reyes und der Volksschullehrerin Rosa Neftalí Basoalto. Die Mutter starb an Tuberkulose, als Neruda einen Monat alt war. Der Vater siedelte nach Temuco über und das Kind wuchs einsam in der Obhut des Großvaters auf.Erich Arendt (Herausgeber, Übersetzer): Pablo Neruda Dichtungen 1919–1965 (Werktitel: Poemas). Luchterhand, Neuwied / Berlin 1967, Vorwort von Erich Arendt S. 6. Im Jahr 1906 holte der Vater seinen Sohn Pablo nach Temuco und heiratete ein zweites Mal: Trinidad Candia Marverde; Neruda bezeichnete sie in seinen Werken als mamadre. Er besuchte bis 1920 die Knabenschule von Temuco. Dort lernte er die Dichterin Gabriela Mistral kennen, die später selbst einen Nobelpreis für Literatur erhalten sollte. Sie brachte ihm die klassischen russischen Erzählungen nahe. In seiner Freizeit und in den Ferien machte er erste experimentelle Schreibübungen und er durfte regelmäßig mit seinem Vater im Zug mitfahren. Auch in seinen späten Gedichten entdeckt man häufig den Bezug auf Eindrücke seiner Jugend, geprägt von einer weiten ursprünglichen Landschaft.Eberhard Hungerbühler: Pioniere für den Frieden, 1983.Pablo Neruda: Vorwort. In: Enrico Guidoni: Inka. Grandi Monumenti, Civiltà andine (= Monumente großer Kulturen). Ebeling, Wiesbaden 1974.
1919 gewann er den dritten Preis der Blumenspiele von Maule (Juegos Florales de Maule) mit seinem Gedicht Ideelle Gemeinschaft (Comunión ideal).David Schidlowsky: Pablo Neruda y su tiempo. Las furias y las penas. Santiago de Chile 2008, Bd. 1, S. 39. Ab 1920 benutzte er, zunächst für die Literaturzeitschrift Selva Austral, das Pseudonym Pablo Neruda, der Legende nach in Anlehnung an den tschechischen patriotischen Dichter Jan Neruda, dessen sozialkritische Werke er sich, aus lateinamerikanischer Sicht, zum Vorbild für die eigene Arbeit nahm. Neueren Untersuchungen zufolge hatte aber der junge Neftalí Reyes einmal eine Partitur von Pablo de Sarasate gesehen, die der Violinistin Wilma Norman-Neruda gewidmet war. Es waren die Spanischen Tänze für Violine und Klavier in einer Ausgabe der Berliner Edition N. Simrock aus dem Jahr 1879. Das Deckblatt der Partitur vermerkte eine Widmung an „Frau Norman-Neruda“. Neftalí Reyes benutzte fortan den Vornamen des spanischen Komponisten und den Nachnamen der tschechischen Geigerin für sein Pseudonym. In seinen Memoiren Ich bekenne, ich habe gelebt gibt Neruda allerdings unter der Überschrift „Warum Neruda“ Folgendes an: „Um die Veröffentlichung meiner ersten Verse zu vertuschen, suchte ich mir einen Nachnamen, der völlig unverdächtig war. In einer Zeitschrift fand ich diesen tschechischen Namen, ohne überhaupt zu wissen, dass es sich um einen von einem ganzen Volk verehrten großen Schriftsteller handelte, den Verfasser herrlicher Balladen und Romanzen, dem Prag im Stadtteil Mala Strana ein Denkmal errichtet hat.“ (Ich bekenne, ich habe gelebt, Sammlung Luchterhand im dtv, 1993, Seite 204). Anlass für die Wahl eines Pseudonyms war, der Missbilligung des Vaters über seine Dichtung zu entgehen.David Schidlowsky: Pablo Neruda und Deutschland. S. 14–15. Von 1921 bis 1926 studierte er Französisch und Pädagogik am Institut für Pädagogik an der Universidad de Chile in Santiago. Dort erhielt er den ersten Preis beim Frühlingsfest mit dem Gedicht La canción de fiesta. 1923 veröffentlichte er sein erstes selbstfinanziertes Buch.
Erster Aufenthalt in Asien und Europa mini|Die wiederaufgebaute „Casa de las Flores“ in der Calle Gaztambide, Madrid
1927 trat er in den diplomatischen Dienst und verbrachte seine ersten Jahre als Honorarkonsul in Südostasien, in Rangun, Colombo, Singapur und Batavia (Jakarta). Im August 1933 wurde Neruda zum Honorarkonsul in Buenos Aires ernannt. Dort lernte er den spanischen Dichter Federico García Lorca kennen, der sich in der argentinischen Hauptstadt aufhielt. 1934 bekam er einen Posten als chilenischer Konsul in Spanien, zunächst in Barcelona und später in Madrid. Er freundete sich mit García Lorca an und brachte mit ihm und anderen Redakteuren die Zeitschrift Caballo verde para la poesia („Grünes Pferd für die Dichtung“) heraus. Bis 1936 erschienen fünf Ausgaben. Die sechste Ausgabe, bereits fertig geschrieben und redigiert, sollte am 19. Juli 1936 erscheinen; dazu kam es aber nicht. Am 17. Juli begann der Spanische Bürgerkrieg mit dem Putsch von General Francisco Franco. García Lorca wurde erschossen und Neruda beschloss, sich aktiver gegen die Putschisten zu engagieren, bis die mit Franco sympathisierende Regierung in Santiago ihn als Konsul abgesetzte. Seine Werke wurden zunehmend politisch.
Als Anfang November 1936 die Putschisten vor den Toren Madrids standen, musste Neruda flüchten. Die Casa de las Flores, ein Mehrfamilienhaus, in dem er gewohnt hatte, wurde von der franquistischen Artillerie bombardiert, wobei zurückgelassene Bücher und Manuskripte verbrannten. Er ging nach Barcelona, dann nach Marseille und später nach Paris. Zu dieser Zeit schrieb er seinen Gedichtzyklus España en el corazón.
1937 kam er wieder nach Madrid. Er schloss sich mit einer Gruppe spanischer Politiker, Künstler und Journalisten zusammen, darunter auch Pablo Picasso, die mit der Allianz der antifaschistischen Intellektuellen in Verbindung stand. Mit Nancy Cunard arbeiteten sie daran, das Unrecht in Spanien in die Öffentlichkeit zu tragen, und brachten einen Lyrikband mit dem Titel Die Dichter der Welt verteidigen das spanische Volk heraus. Mangels Geld setzte und druckte Neruda die Gedichte selbst; allerdings fehlte ihm dazu das Geschick. Er setzte den Buchstaben p meist umgekehrt, so dass in einem Vers das Wort párpados („Augenlider“) zu dardapos wurde. Noch Jahre später soll Nancy Cunard ihn in Briefen mit „Mein lieber Dardapo“ angeredet haben.Ich bekenne, ich habe gelebt, Darmstadt 1977, S. 132.
Rückkehr nach Chile 1938 kehrte Neruda nach Chile zurück und fand eine Anstellung als Redakteur bei der Zeitschrift Aurora de Chile. Viele seiner Artikel widmete er der verhängnisvollen Entwicklung des weltweiten Faschismus. Er organisierte eine Buchspende an die Nationalbibliothek in Form von über 500 Titeln von deutschen Schriftstellern, darunter Heinrich Heine, Thomas Mann, Arnold Zweig und Anna Seghers, deren Werke zum Teil in Deutschland vom Hitlerregime öffentlich verbrannt worden waren.Ich bekenne, ich habe gelebt, Darmstadt 1977, S. 144. Das Nationalmuseum lehnte die Spende zunächst ab. Neruda blieb jedoch beharrlich und bat, unangekündigt während eines Staatsbanketts, den Außenminister Chiles, Don Miguel Cruchaga Tocarnal, die Buchspende anzunehmen, was dann auch tatsächlich geschah.
Als 1939 die Volksfront an die Regierung kam, wurde Neruda damit betraut, nach Paris zu reisen und spanische Emigranten, die vor Franco flüchten mussten, für die Einreise nach Chile zu begeistern. Er blieb mehrere Monate in Paris und brachte ca. 2.000 spanische Flüchtlinge der Retirada mit dem Passagierdampfer Winnipeg nach Chile. Wieder in Chile, wurde er nach einer Reihe von politischen und literarischen Aktivitäten zum Generalkonsul in Mexiko ernannt, wo er den Posten am 20. August 1940 antrat. Nach drei Jahren bat Neruda um seine Entlassung aus dem diplomatischen Dienst; er wollte wieder zurück nach Chile und sich dem Schreiben und der Politik widmen. 1943 kehrte er nach Santiago de Chile zurück.David Schidlowsky: Pablo Neruda und Deutschland. S. 35–70.
Er trat im März 1945 als unabhängiger Kandidat für den Senat auf der Liste der Kommunistischen Partei Chiles an; nach seiner Wahl trat er am 8. Juli der Partei bei.
Kritik am Regime und Exil in Europa Als González Videla nach seiner Wahl zum Präsidenten Chiles im Jahr 1946 seine politische Position aufgrund des beginnenden Kalten Krieges änderte, wurde Neruda zu einem der heftigsten Kritiker des Präsidenten. Als Senator genoss er parlamentarische Immunität – niemand konnte ihn vor Gericht stellen oder verhaften, solange er ein gewählter Volksvertreter war. Neruda nutzte diese Situation und seine Reden gegen González wurden immer angriffslustiger. Am Ende kritisierte er ihn in einer öffentlichen Rede aufs Schärfste: mini|Pablo Neruda und Erich Honecker, Vorsitzender der FDJ, in Berlin, 1951 González war nicht gewillt, einen zweiten derartigen Auftritt Nerudas zuzulassen; die Mehrheit der Volksvertretung erließ das Gesetz zur permanenten Verteidigung der Demokratie, das mehr als 25.000 Menschen ihre politischen Rechte wegnahm. Sofort wurde ein Haftbefehl gegen Neruda erlassen. Wie in Madrid entkam Neruda in letzter Minute aus der Stadt. Die nächsten eineinhalb Jahre lang wechselte Neruda fast täglich seine Behausung. Obwohl die Polizei stets nach ihm fahndete, fand er immer Unterschlupf – die Bevölkerung, vor allem die einfachen Leute, liebten ihren Dichter, der im Parlament dem Präsidenten so mutig seine Meinung gesagt hatte. Während dieser Zeit schrieb Neruda wesentliche Teile seines bedeutendsten Werkes Canto General („Der große Gesang“) – 15.000 Verse, in denen er Wesen und Geschichte des amerikanischen Kontinents von der Vorzeit bis zur Gegenwart deutete.
In Sorge um Nerudas gesundheitliche Verfassung aufgrund der ständigen Flucht brachte sein Freund Ricardo Fonseca ihn mit Galo González zusammen, dem Parteiführer der inzwischen verbotenen Kommunisten, der ebenfalls im Untergrund lebte. Gonzáles organisierte die Flucht Nerudas über einen unbewachten Grenzabschnitt nach Argentinien. In Buenos Aires traf Neruda auf einen weiteren Freund, den guatemaltekischen Schriftsteller Miguel Ángel Asturias, dessen Pass er für die Auswanderung nach Europa nutzte.
Neruda suchte zum dritten Mal Paris auf, wo er von seinen alten Freunden begeistert aufgenommen wurde. Mit Hilfe von Pablo Picasso gelang es ihm, seine Anwesenheit in Europa zu regeln. In seinen Memoiren Confieso que he vivido erzählt Neruda mit großer Freude über die Anteilnahme Picassos, als er 1949 aus politischen Gründen aus Chile flüchten musste. Er drückt darin seinen Dank für die wertvolle Hilfe aus, die er von Picasso erhielt. Dieser hatte sich 1948 beim Friedenskongress in Breslau (Wrocław), an dem er mit Paul Éluard teilnahm, für den Dichter eingesetzt. Während Nerudas mehrmonatigen Aufenthaltes in Paris erschien sein Buch Toros, das von Jean Marcenac übersetzt und von Picasso illustriert wurde. Am zweiten Weltfriedenskongress in Warschau im November 1950 erhielten beide, Picasso und Neruda, zusammen mit anderen Künstlern den Friedenspreis des Weltfriedenskongresses, Neruda für sein Gedicht Holzfäller wach auf.David Schidlowsky: Pablo Neruda und Deutschland. S. 75. Darüber hinaus erhielt er Jahre später, 1953 und nach seiner Rückkehr nach Chile, den Stalinpreis für die Konsolidierung des Friedens unter den Völkern.David Schidlowsky: Pablo Neruda und Deutschland. S. 85. In den folgenden Jahren trat Neruda überall in Europa, aber auch in Indien und China bei Friedenskongressen und politischen Debatten auf. Anfang 1952 ließ die chilenische Regierung Neruda wissen, dass er nach Hause zurückkehren dürfe; und so kehrte er am 12. August 1952 nach Chile zurück.David Schidlowsky: Pablo Neruda und Deutschland. S. 75–84.
Erneute Rückkehr nach Chile mini|Demonstration für Salvador Allende, 1964 mini|Pablo Neruda während einer Tonaufnahme, 1966