mini|Selbstporträt (1920) Archibald John Motley, Jr. (* 7. Oktober 1891 in New Orleans; † 16. Januar 1981 in Chicago) war ein US-amerikanischer Maler. Motley gilt als ein mutiger und äußerst origineller Modernist und einer der großen visuellen Chronisten des afroamerikanischen Lebens im 20. Jahrhundert. Er gilt als einer der Hauptakteure der Harlem Renaissance oder der New Negro Movement, einer Zeit, in der die afroamerikanische Kunst nicht nur in New York, sondern in ganz Amerika neue Höhen erreichte – ihr lokaler Ausdruck wird als Chicago Black Renaissance bezeichnet. Er studierte in den 1910er Jahren Malerei an der School of the Art Institute of Chicago und schloss sein Studium 1918 ab.

New Negro Movement markiert eine Periode der Erneuerung und des Aufblühens der Schwarzen Psyche. Die künstlerische und ästhetische Kultur der Schwarzen erfuhr eine neue Wertschätzung. Folglich fühlten sich viele Schwarze Künstler moralisch verpflichtet, Werke zu schaffen, die ein positives Bild der Schwarzen Bevölkerung vermitteln sollten. In dieser Zeit prägte Alain Locke den Begriff des „New Negro“, der sich darauf konzentrierte, fortschrittliche und aufbauende Bilder von Schwarzen in der Gesellschaft zu schaffen. Die Synthese von Schwarzer Repräsentation und visueller Kultur bildete die Grundlage für Motleys Arbeit als „Mittel zur Bekräftigung von Rassenrespekt und Rassenstolz“. Seine Verwendung von Farbe und seine bemerkenswerte Fixierung auf den Hautton demonstrierten seine künstlerische Darstellung von Schwarzsein als multidimensional. Motley selbst stammt aus einer Ehe eines Schwarzen mit einer Weißen und fühlte sich oft unsicher ob seiner Identität. So zeigte seine Kunst die Komplexität und Vielschichtigkeit der Schwarzen Kultur und Lebens.

Erste Lebensstationen mini|Archibald Motley Selbstporträt (1920) Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern der Harlem Renaissance lebte Archibald Motley Jr. nie in Harlem. Er wurde in New Orleans, Louisiana, als Sohn von Mary Huff Motley und Archibald John Motley Senior geboren. Seine Mutter war Lehrerin, bis sie heiratete. Die Familie zog 1894 nach Chicago, wo sein Vater eine Stelle als Gepäckträger für Pullman-Wagen annahm.Georgiady, N., L. Romano, and R. Green, Archibald J. Motley: American Negro Artist. Franklin Publishers, Inc, Milwaukee, Wisconsin, 1969. Als Motley ein Kind war, lebte seine Großmutter mütterlicherseits bei der Familie. Sie war eine Sklavin gewesen, nachdem sie aus Britisch-Ostafrika verschleppt worden war. Sie erzählte ihre Geschichten über die Sklaverei innerhalb der Familie und der junge Archibald hörte aufmerksam zu. In seiner mündlichen Überlieferung, die dem Smithsonian Archive of American Art vorliegt, beschreibt er die überraschend positiven Erinnerungen seiner Großmutter an ihr Leben als Sklavin.

Während des Ersten Weltkriegs begleitete er seinen Vater auf zahlreichen Eisenbahnreisen, die ihn quer durch das Land führten, unter anderem nach San Francisco, Los Angeles, Hoboken, Atlanta und Philadelphia. Diese Erfahrungen mit dem Leben außerhalb Chicagos führten dazu, dass Motley in vielerlei Hinsicht mit Rassenvorurteilen konfrontiert wurde. In seinem mündlichen Interview für das Smithsonian Archive of American Art erzählte Motley von einer Begegnung mit einem Straßenbahnschaffner in Atlanta, Georgia:

Motley verbrachte den größten Teil seines Lebens in Chicago. Er lebte in einem überwiegend weißen Viertel und besuchte mehrheitlich weiße Grund- und weiterführende Schulen. Er machte seinen Abschluss an der Englewood Technical Prep Academy in Chicago. Er besuchte die School of the Art Institute of Chicago, wo er eine klassische Kunst-Ausbildung erhielt, streng auf die menschliche Figur ausgerichtet und tief in der europäischen Tradition verankert. Motleys anspruchsvolles Verständnis der Kunstgeschichte wird besonders in seinen Porträts deutlich. Seine modernistisch-realistischen Werke passten nicht zu der damals konservativen Ausrichtung der Schule. Motley schloss sein Studium 1918 ab, es dauerte jedoch noch einige Jahre, ehe er seine modernen, vom Jazz beeinflussten Gemälde öffentlich machte.Woodall, Elaine D., "Looking Backward: Archibald J. Motley and the Art Institute of Chicago: 1914–1930," Chicago History: The Magazine of the Chicago Historical Society, Spring 1979, vol. VIII, no. 1, pp. 53–57.

Aufgrund seiner Ausbildung in der westlichen Porträttradition verstand Motley die Nuancen der Phrenologie und Physiognomie, die mit der Ästhetik einhergingen. Er nutzte diese visuellen Anhaltspunkte, um (Schwarze) Personen positiver darzustellen. In Motleys „Selbstporträt“ malte er sich selbst auf eine Weise, die mit vielen dieser physikalischen Pseudowissenschaften übereinstimmt. Die leicht schielenden Augen und die spitz zulaufenden Finger sind allesamt subtile Indikatoren für Einsicht, Intelligenz und Raffinesse.

Auslandsstudium und Inspirationen 1927 bewarb er sich um ein Guggenheim-Stipendium und wurde abgelehnt, bewarb sich aber erneut und erhielt 1929 eine Zusage. Er studierte ein Jahr lang in Frankreich und entschied sich dann, sein Stipendium nicht um weitere sechs Monate zu verlängern. Während viele zeitgenössische Künstler ihre Inspiration in Afrika suchten, ließ sich Motley von den großen Meistern der Renaissance inspirieren, deren Werke im Louvre ausgestellt waren. Motleys Porträts nehmen die Konventionen der westlichen Tradition auf und aktualisieren sie – sie geben schwarzen Körpern, insbesondere schwarzen weiblichen Körpern, einen Platz in einer Geschichte, die sie traditionell ausgeschlossen hatte. Er war der Ansicht, dass vor allem Porträts eine gewisse Transparenz der Wahrheit des inneren Selbst offenbaren. So konzentrierte er sich auf die Komplexität des Individuums, um sich von den populären, karikaturistischen Stereotypen von Schwarzen wie dem „Darky“, „Pickaninny“, „Mammy“ usw. zu lösen. Motley verstand die Macht des Individuums und die Art und Weise, in der Porträts eine Art fühlbare Maschine verkörpern konnten, um diese Homogenität aufzubrechen. Er nutzte seinen westlich geprägten Bildungshintergrund, um sich bestimmte visuelle Ästhetiken zunutze zu machen, die selten mit Schwarzen in Verbindung gebracht wurden. Auf diese Weise setzte er sein Wissen als Instrument seines individuellen Ausdrucks ein, um Kunst zu schaffen, die für ein breiteres amerikanisches Publikum ästhetisch und gesellschaftlich bedeutsam war. Durch die Aneignung dieser Fähigkeiten war Motley in der Lage, die Barriere der Ästhetik der weißen Welt zu durchbrechen. Die Verwendung dieser erworbenen visuellen Sprache ermöglichte es ihm, seine Arbeit als Mittel zur Stärkung der Schwarzen und zum sozialen Fortschritt einzusetzen.

Karriere Im Jahr 1919 während der Rassenunruhen (englisch: Race Riots) in der South Side von Chicago (sog. Roter Sommer) war seine Familie sechs Tage lang ans Haus gefesselt. Inmitten dieser verschärften rassistischen Spannungen war sich Motley der klaren Grenzen und Konsequenzen, die mit seiner Hautfarbe einhergingen, sehr bewusst. Er verstand, dass er gewisse bildungsmäßige und sozio-ökonomische Fähigkeiten besaß und so machte er es sich zum Ziel, diese zum Nutzen der Black Community einzusetzen.

Motley hatte schon früh in seiner Karriere Erfolg: 1927 wurde sein Werk Mending Socks zum beliebtesten Gemälde im Newark Museum in New Jersey gewählt. 1928 wurde er mit dem Harmon Foundation Award für Octoroon Girl ausgezeichnet und war der erste Afroamerikaner, der eine Einzelausstellung in New York City hatte. Von den 26 ausgestellten Gemälden verkaufte er 22. Motley wurde später der erste Schwarze Künstler, der ein Porträt eines Schwarzen im Art Institute of Chicago ausstellte.

Die meisten seiner populären Porträts entstanden Mitte der 1920er Jahre. Ab den 1930er Jahren kam es zu einem deutlichen künstlerischen Wandel. Motley wandte sich von der westlichen künstlerischen Ästhetik ab und begann, urbane Schwarze Milieus in einem sehr unkonventionellen Stil zu porträtieren. Indem er sich von der konzeptuellen Struktur der westlich geprägten Porträtmalerei löste, begann er, ein authentisches Bild der Black Community zu zeichnen. Letztlich waren seine Porträts für seine Karriere von entscheidender Bedeutung, da sie die Wurzeln der von ihm angenommenen Bildungsideale und Privilegien aufzeigten, die ihm im Wesentlichen die Vorlage gaben, um als Künstler und ästhetischer Fürsprecher der Gesellschaft voranzukommen.

In den 1930er Jahren wurde Motley von der staatlichen Works Progress Administration angestellt, um Szenen aus der afroamerikanischen Geschichte in einer Reihe von Wandbildern darzustellen, von denen einige in der Nichols Middle School in Evanston, Illinois, zu sehen sind. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1948 und schwierigen finanziellen Zeiten war Motley gezwungen, für die Styletone Corporation Duschvorhänge zu bemalen. In den 1950er Jahren reiste er mehrmals nach Mexiko und begann, mexikanisches Leben und Landschaften zu malen.

Hautfarbe und Identität mini|300px|NARA Schwarz-Weiß-Foto des Gemäldes Getting Religion von Motley (Originalgemälde ist in Farbe) Motleys Familie lebte in einem ruhigen Viertel im Süden Chicagos mit geringer rassistischer Diskriminierung. In seiner Jugend verbrachte Motley nicht viel Zeit in der Nähe anderer Schwarzer Menschen. Diese Trennung von der afroamerikanischen Gemeinschaft um ihn herum machte Motley zu einem Außenseiter. Er selbst war hellhäutig, seine Vorfahren waren Afrikaner, amerikanische Ureinwohner und Europäer. Er selbst konnte sich weder als Schwarzer noch als Weißer richtig zuordnen.

Motleys Arbeit macht es dem Betrachter schwer, eine Person als streng Schwarz oder weiß zu kategorisieren. Er zeigt die Nuancen und die Variabilität und erschwerte damit die Durchsetzung einer strengen Rassenideologie.

Motley nutzte die Porträtmalerei, um „seine eigenen Leute kennen zu lernen“. Er erkannte, dass in der amerikanischen Gesellschaft jeder Abstufung der Hautfarbe ein anderer Status zugeschrieben wurde. Motley stellte die Hautfarbe und die körperlichen Merkmale als Teil eines Spektrums dar. Er nutzte die Unterschiede in der Hautfarbe und den körperlichen Merkmalen, um jeder Schattierung des Afroamerikaners eine Bedeutung zu geben.