Als Satanic Panic (deutsch: „satanische Panik“) wird eine moralische Panik oder Massenhysterie bezeichnet, die von etwa 1980 bis 1995 vor allem in den USA sowie einigen weiteren Staaten um sich griff. Dabei soll ein angebliches, weit verzweigtes satanistisches Netzwerk systematischen, religiös-rituell begründeten sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen organisiert und verübt haben (Satanic Ritual Abuse; abgekürzt SRA).
Auslöser der Panik waren vermeintliche, von bestimmten Psychotherapeuten unterstützte Erlebnisberichte Betroffener, die sich später als erfunden herausstellten. Die von bestimmten Interessengruppen betriebene Kampagne löste tausende Strafanzeigen und Strafprozesse zu vermuteten Missbrauchsfällen aus, die sich jedoch allesamt weder strafrechtlich noch wissenschaftlich belegen ließen. Die zugehörige Theorie wird daher als Verschwörungstheorie eingestuft.
Vereinigte Staaten Vorgeschichte In den USA etablierte sich in den 1950er Jahren als Reaktion auf die Modernisierung und Säkularisierung der Gesellschaft eine Bewegung christlicher Fundamentalisten, die konservative christliche Lehren und Werte bewahren wollten. Im Gegenzug gründete Anton LaVey 1966 die Church of Satan und veröffentlichte deren Satanische Bibel. Sein moderner Satanismus betonte die menschliche Natur, einige Gruppen verwendeten auch okkulte Elemente und praktizierten symbolische Teufelsanbetungen. Christliche Fundamentalisten sahen in diesen Gruppen eine Bedrohung und protestierten gegen sie.
Die strafrechtliche Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und die Antibabypille für Frauen erlaubten Paaren ab etwa 1960 eine stärker selbstbestimmte Familienplanung. Viele Frauen wurden später Mütter, hatten weniger Kinder und ließen diese bei eigener Berufstätigkeit in Kindertagesstätten betreuen. Weil ab etwa 1970 die Durchschnittseinkommen sanken, mussten auch viele verheiratete Mütter ihre Familien durch Erwerbsarbeit finanzieren. Diese Entwicklungen stellten traditionelle Geschlechter- und Familienrollen in Frage.Debbie Nathan, Michael R. Snedeker: Satan’s Silence, 2001, S. 34–40
Um 1975 wurden die bisherigen Randthemen Inzest und Sexueller Missbrauch von Kindern öffentlich stärker beachtet.Mark Pendergrast: The Repressed Memory Epidemic, New York 2017, S. 4 Roland Summit stellte damals die These auf, wegen berufstätiger Frauen, die sich nicht um ihre Männer kümmerten, könnten diese inzestuöse Zwänge entwickeln. Das darauf gestützte Child Sex Abuse Treatment Program sollte die Kernfamilie fördern, um Inzest zu bekämpfen.Debbie Nathan, Michael R. Snedeker: Satan’s Silence, 2001, S. 20f.
Aus bekannt gewordenen Missbrauchsfällen, die auf Opferangaben über ihre Erinnerungen beruhten, folgerten einige klinische Therapeuten auf ein Dunkelfeld weiterer Missbrauchsfälle, deren Opfer ihre Erinnerung daran vollständig unterdrückt hätten. Diese müsse also durch Therapie aktiv wiederhergestellt werden. Sie stützten diese These auf Sigmund Freuds Annahme von um 1895, er habe mit Hypnose Erinnerungen an sexuellen Missbrauch aufgedeckt. Obwohl Freud diese Annahme bald wieder verworfen hatte, bildete sich ein informelles Netzwerk von Therapeuten zum Austausch solcher Therapiemethoden und vermeintlich damit erzielter Therapieerfolge.Mark Pendergrast: The Repressed Memory Epidemic, New York 2017, S. 6
Horrorfilme wie Rosemaries Baby (1968), Der Exorzist (1973) und Das Omen (1976) verankerten Vorstellungen von Satanskulten und schwarzen Messen im Gedächtnis der Zuschauer.Amelie Möhring-Geisler: Rituelle Gewalt: Zwischen Trauma und Trugbild. Spektrum der Wissenschaft, 9. September 2025 Zudem entstand seit den Morden der Manson Family von 1969 in den USA eine Anti-Kult-Bewegung, verstärkt seit dem Massenselbstmord des Peoples Temple 1978. Diese beschuldigte Sekten und deren Kulte, Kinder und Jugendliche zu entführen und einer Gehirnwäsche zu unterziehen.Hugh Urban: New Age, Neopagan, and New Religious Movements. Alternative Spirituality in Contemporary America. University of California Press, Berkeley 2015, ISBN 978-0-520-96212-5, S. 180 Dazu trug das Bekanntwerden des geheimen Forschungsprogramms MKULTRA bei, mit dem die Central Intelligence Agency (CIA) von 1953 bis 1973 Methoden der Bewusstseinskontrolle und Gedankenmanipulation zu entwickeln versucht hatte.
1973 erschien Flora Rheta Schreibers Werk Sybil über Shirley Mason. Die Psychiaterin Cornelia Wilbur diagnostizierte bei dieser eine dissoziative Identitätsstörung (damals noch „multiple Persönlichkeitsstörung“ genannt). Zwar lehnten medizinische Experten diese Diagnose ab, doch diente Schreibers Werk vielen Therapeuten als Vergleichsvorlage.Sherrill Mulhern et al. (Hrsg.): Satanism and Psychotherapy, New York 1991, S. 145–172 Falsche Diagnosen, kontroverse Therapiemethoden und mögliche finanzielle Interessen Wilburs stellten ihre Angaben in Frage.Robert W. Rieber: The Bifurcation of the Self: The History and Theory of Dissociation and Its Disorders. Springer VS, New York 2006, ISBN 0-387-27413-8; Debbie Nathan: Sybil exposed: the extraordinary story behind the famous multiple personality case. Free press, New York 2012, ISBN 978-1-4391-6827-1, Kapitel 20: Contagion
In den 1980er Jahren stärkten wirtschaftliche Instabilität und das vermehrte Infotainment die Neue Rechte. Boulevardmedien stellten vermeintliche Bedrohungen der weißen Vorstadtkernfamilie erfolgreich als „Nachrichten“ dar.Sarah A. Hughes: American Tabloid Media and the Satanic Panic, 1970–2000. In: Palgrave Historical Studies in Witchcraft and Magic, 2021, S. 3–8, 28, 42, 89 ff., 94–104, 106–108, 110, 159 f., 163 f. Aufgeblähte Statistiken zu vermissten Kindern und reißerische Medienberichte, etwa zum Vermisstenfall Etan Patz und zur Entführung von Elizabeth Smart, betteten solche Fälle in Verschwörungserzählungen ein und erzeugten so eine Panik vor Kindesmitnahmen.Bond Benton, Daniela Peterka-Benton: Everything Old is Q Again: An Analysis of the Resurgent #PIZZAGATE Myth in Social Media. In: Popular Culture Studies Journal Band 13, Nr. 1, 2025, S. 68–87, hier S. 71
Auslöser: Michelle Remembers In ihrem Werk Michelle Remembers von 1980 beschrieben Michelle Smith und ihr Psychotherapeut und späterer Ehemann Lawrence Pazder, eine satanische Sekte habe Smith 1955 als Fünfjährige mehrere Monate lang gefangen gehalten, gefoltert, vergewaltigt und erniedrigt. Dabei habe sie die Schlachtung von Erwachsenen und Babys mit ansehen müssen. Weil ihr starker christlicher Glaube die Satanisten entmutigt habe, hätten sie Smith freigelassen. Erst mehr als zwanzig Jahre später habe sie in Pazders Hypnotherapie ihre Erinnerungen an diese Erlebnisse wiedererlangt.Debbie Nathan, Michael R. Snedeker: Satan’s Silence, 2001, S. 45
Die Angaben erwiesen sich als falsch: So wiesen die Klassenbücher aus Smiths Grundschule keine Fehlzeiten des Kindes während ihrer angeblichen 81-tägigen Gefangenschaft auf. Trotzdem diente das Werk in den Folgejahren als Vorbild für viele ähnliche Vorwürfe und Anklagen wegen angeblichen satanisch-rituellen Missbrauchs.Jeffrey S. Victor: Satanic panic, Chicago 1993, S. 14f. Es löste weitere angebliche Erfahrungsberichte über schweren satanistischen Missbrauch aus, etwa Lauren Stratfords Werk Satan’s Underground von 1988. Auch dessen Inhalt erwies sich als nicht authentisch.Bob und Gretchen Passantino; Jon Trott: Satan’s Sideshow. The True Lauren Stratford Story. In: Cornerstone 18, Heft 90 (1990), S. 24–28. Zitiert in Bette L. Bottoms, Phillip R. Shaver, Gail S. Goodman: An analysis of ritualistic and religion-related child abuse allegations. In: Law and Human Behavior 20/1, 1996, PDF S. 30
McMartin-Kindertagesstätte Ab 12. August 1983 wurden Missbrauchsvorwürfe an der McMartin-Kindertagesstätte in Manhattan Beach, Kalifornien, bekannt: Judy Johnson, die Mutter eines dort betreuten Kindes, hatte die Vorwürfe in einer Strafanzeige gegen das Personal erhoben. Wie sich später erwies, war sie damals an paranoider Schizophrene erkrankt.Margaret Talbot: The Lives They Lived: Peggy McMartin Buckey, b. 1926; The Devil in The Nursery. New York Times, 7. Januar 2001 (Archivlink)
Der Strafprozess dazu dauerte sieben Jahre lang und kostete 13 Millionen Dollar. Es war damit das bis dahin längste und teuerste Strafverfahren der USA. Im Verlauf untersuchte die Beratungsfirma Childrens Institute International 360 Kinder jener Einrichtung und diagnostizierte sie als Opfer von satanistischen Missbrauchsritualen. Auch Kinder an anderen Einrichtungen wie der St. Cross Episcopal Church im benachbarten Hermosa Beach erhoben entsprechende Vorwürfe, nachdem sie mit anatomisch korrekten Puppen befragt worden waren. Mehr als hundert Erzieher und Erzieherinnen wurden daraufhin der Mitgliedschaft in einer satanistischen Sekte bezichtigt, die rituell sexuelle Belästigung oder Kindesmissbrauch betrieben habe.
Bei den Ermittlungen gegen Eltern und Erzieher wurden die Kinder mit suggestiven Methoden befragt,Nadja Schreiber, Lisa D. Bellah, Yolanda Martinez, Kristin A. McLaurin, Renata Strok, Sena Garven, James M. Wood: Suggestive interviewing in the McMartin Preschool and Kelly Michaels daycare abuse cases: A case study. In: Social Influence Band 1, Nr. 1, März 2006, ISSN 1553-4510, S. 16–47; Sena Garven, James M. Wood, Roy S. Malpass, John S. Shaw: More than suggestion: The effect of interviewing techniques from the McMartin Preschool case. In: Journal of Applied Psychology Band 83, Nr. 3, 1998, ISSN 1939-1854, S. 347–359 etwa nach satanistischen Ritualen, geheimen Türen und Tunneln auf dem Schulgrundstück.Robert Reinhold: The Longest Trial – A Post-Mortem; Collapse of Child-Abuse Case: So Much Agony for So Little. New York Times, 24. Januar 1990 Diese wurden trotz Ausgrabungen nie gefunden.Andre Wolf: Ritualmordlegenden der Gegenwart: Adrenochrome. Mimikama, 30. Juni 2020
1990 wurden sämtliche Anklagen fallengelassen. Die Aussagen der Kinder wurden auf Erinnerungsverfälschung durch die befragenden Sozialarbeiter zurückgeführt. Geschworene und Wissenschaftler kritisierten die Befragungstechniken der Ermittler: Sie hätten die Kinder jener Schule zu unbegründeten Vorwürfen „überredet“, indem sie ihnen immer wieder dieselben Fragen stellten und verschiedene Anreize boten, bis die Kinder von Missbrauch erzählten.James M. Wood, Debbie Nathan, M. Teresa Nezworski, Elizabeth Uhl: Children as Victims, Witnesses, and Offenders: Psychological Science and the Law. Guilford Press, 2009, ISBN 978-1-60623-358-0, S. 81–101, hier S. 84 Heutige Wissenschaftler halten die damaligen Angaben der Kinder für falsch.Garven, Sena, et al. „More than suggestion: The effect of interviewing techniques from the McMartin Preschool case.“ Journal of Applied Psychology 83, Nr. 3 (Juni 1998), S. 347–359.
Nach den ersten Berichten über den McMartin-Fall wurden allein in der Region acht weitere Kindergärten als Zentren satanistischer Kultaktivitäten ausgemacht. Bald darauf waren mehr als hundert Betreuungseinrichtungen in den USA ähnlichen Verdächtigungen und polizeilichen Ermittlungen ausgesetzt.Jeffrey S. Victor: Satanic panic, Chicago 1993, S. 117
Laut der Soziologin Mary de Young und dem Historiker Philip Jenkins war der Fall McMartin Prototyp für eine Welle ähnlicher Anschuldigungen und Untersuchungen zwischen 1983 und 1995 und Auslöser einer moralischen Panik.Philip Jenkins: Moral Panic: Changing Concepts of the Child Molester in Modern America. Yale University Press, New Haven 2004, ISBN 0-300-10963-6Two Decades After McMartin: A Follow-up of 22 Convicted Day Care Employees.
Bennett Braun