mini|hochkant|Krao Farini (1902) Krao Farini (geboren ca. 1876 in Siam; gestorben am 16. April 1926 in New York City) wurde als Kind unter ungeklärten Bedingungen von ihrer Familie und Kultur getrennt und als Attraktion in europäischen und nordamerikanischen Vorstellungen gezeigt. Hier wurde das Mädchen unter der wissenschaftlich falschen Bezeichnung The Missing Link präsentiert, als der angebliche „Missing Link“ zwischen Affen und Menschen. Sie hatte eine angeborene Hypertrichose und daher einen stark vermehrten Haarwuchs. Sie verbrachte ihr Leben auch als Erwachsene als Freak-Schaustellerin und Attraktion auf europäischen und nordamerikanischen Jahrmärkten.

Herkunft Legenden Farinis Die durchweg erfundenen Erzählungen, wie William Leonard Hunt (der Große Farini, Guillermo Antonio Farini) in den Besitz des Mädchens, das später den Namen Krao Farini trug, gekommen sein will, variierten stark. Nach den Angaben Hunts, der ihre Auftritte zunächst managte und als ihr Adoptivvater galt, wurde sie in der damaligen siamesischen Provinz Laos geboren. Ihre Entdeckung und Entführung aus der Heimat wurde den zwei Entdeckungsreisenden Carl Alfred Bock und George G. Shelly zugeschrieben, was aber fragwürdig ist.Nach Angaben der British Library (21. November 2022, abgerufen am 29. November 2023) werden weder Krao noch ein Dr. Shell(e)y in Bocks Berichten überhaupt erwähnt. Folgende Formen der Legende ließ Farini zwischen 1882 und 1885 verbreiten:

Gefangennahme durch Bock und Shelley: Es lebe in einer abgelegenen laotischen Region ein Stamm Indigener, dessen Mitglieder alle die äußerlichen Merkmale von Krao hätten. Sie würden als Kraos oder Kraos-monink (d. h. „Affenmenschen“) bezeichnet, lebten nackt, feuer- und werkzeuglos in Bäumen und ernährten sich von Früchten, Nüssen und Fisch. Ein gewisser Edward T. Sachs in Farinis Auftrag habe sie entdeckt, aber aufgrund einer Krankheit habe er aufgeben müssen. Die Wissenschaftler Bock und Shell(e)y hätten Einheimische bestochen – entgegen einem Aberglauben, dass das Fangen von Kraos Unglück brächte – eine Kraos-Familie auf der laotischen Insel Borneo gefangen zu nehmen, was im Januar 1881 gelungen sein soll. Allerdings sei der Familienvater an Cholera gestorben und die Mutter sei in Bangkok von ihrer Tochter getrennt worden. Shelly habe das Kind dann aus seiner Obhut in die von Farini übergeben.

Gefangennahme durch eine siamesische Expedition: Bock (oder Sachs) sei bereits 1874 im Auftrag von Farini unterwegs gewesen, um ungewöhnlich große Menschen aufzuspüren. Am Hafen der burmesischen Hauptstadt Mandalay oder abweichend am dortigen Königshof habe er ungewöhnlich behaarte Menschen bemerkt, die dem König von Burma als Kuriosität vom König von Laos geschenkt worden seien; ein Verkauf dieser Leute sei aber vom Königshof abgelehnt worden. Daher seien Shelley und Bock erneut 1882 aufgebrochen, um diesen Volksstamm zu finden. Sie hätten vom siamesischen König (den Bock Jahre zuvor von einer Krankheit geheilt hätte) eine Expeditionseskorte in die laotische Stadt Kjang-Kjang erhalten, mit deren Hilfe in einem waldigen Sumpfland die Familie gefangen genommen worden sei. Die Kraos lebten dort zum Schutz vor Schlangen in Baumhütten und ernährten sich von Fisch, Wildreis und Kokosnussrinden. Die Mutter des Kraos-Mädchens habe dann ein laotischer König für sich behalten wollen und ihr Vater sei an Cholera gestorben. So sei nur Krao selbst in die Zivilisation gebracht worden, mit einer Ankunft in Europa am 4. Oktober 1882.Timaru Herald: Men living in trees, 26. Dezember 1884.The Catholic Columbian, Columbus, Bericht S. 2, 18. Oktober 1884; abgerufen am 8. Januar 2024

Kauf beim König: Die von Farini selbst arrangierte Expedition Bocks in die laotischen Sümpfe (s. o.) habe das Kraos-Volk bloß gesichtet, aber niemanden fangen können. Nach einigen Verwicklungen hätten dann die Könige oder Prinzen von Burma und/oder Siam eingewilligt, ein am Hof geborenes Kraos-Kind aus Siam ausreisen zu lassen, unter der Bedingung, dass das Mädchen von Farini adoptiert würde.The Utica Sunday Tribune: A Journey to Far Siam, 23. April 1893 in Utica

1926 hieß es, dass „gemäß Zirkustradition“ „Professor“ Farini selbst sie in Laos gefunden habe.

Zeitgenössische Ermittlungen zur Herkunft Diese Legenden wurden frühzeitig als solche erkannt, hatten sich aber bereits so weit verbreitet, dass sich Richtigstellungen jenseits akademischer Kreise als vergeblich erwiesen. Bereits ab 1883 gab es Hinweise auf eine Herkunft aus Bangkok. 1884 ergaben Nachforschungen durch die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie, dass Krao das Kind siamesischer Eltern war, die beide (Stand 1885) weiterhin in Schuldsklaverei in Bangkok lebten und keine ungewöhnliche Behaarung aufwiesen.Sitzungsbericht der Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte vom 19. Januar 1884, Punkt 29: den Affenmenschen und den Bärenmenschen. In: Zeitschrift für Ethnologie: 16. Band 1884. Berlin 1884, Verlag A. Asher & Co. Berichte durch Hr. Bartels, S. 106 und Bastian, S. 106 und 111–112 Eine Haupteinnahmequelle der Mutter sei es gewesen, Krao gegen Bezahlung zu zeigen. Bock sei den Berichten über das Kind gefolgt, habe Schulden der Familie abbezahlt (7,5 Ticals und 600 Katties, was 1800 Franc entsprach) und so dank seiner Kontakte zum Polizeiminister Salomon die Adoptionsrechte für Krao arrangiert.

Ihr Name „Krao“ bzw. „Meh Kao“ ist wohl der ihr nach der Geburt von ihrer Mutter gegebene. Zeugnisse zur siamesischen Schreibweise existieren nicht. Näheres zu seiner Bedeutung ist nicht bekannt. Ein deutscher Linguist stellte 1885 in Bangkok fest, es gebe in keiner Schreibvariante einen Bedeutungszusammenhang mit Haaren oder Affen.Sitzungsbericht der Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte vom 20. Juni 1885, Punkt 16: Krao. In: Zeitschrift für Ethnologie: 17. Band 1885. Berlin 1885, Verlag A. Asher & Co. Bericht durch Hr. Bastian, S. 241–246

Zurschaustellung als Missing Link 1883: Anthropologische Schauen in Großbritannien und Deutschland mini|hochkant|Der „Große Farini“ präsentiert Krao in London, 1883 mini|hochkant|Werbeblatt mit Holzschnitt: bekleidete Variante von 1887 Auf der Überfahrt nach Europa 1882 und während ihres Aufenthalts lernte Krao Englisch und Deutsch. Dann wurde sie als ein Beweis für Charles Darwins Evolutionstheorie und als bis dahin fehlendes Bindeglied („Missing Link“) zwischen Mensch und Affe in Europa zur Schau gestellt. Organisiert wurde dies durch William Leonard Hunt alias Guillermo Antonio Farini, der als Kraos Adoptivvater auftrat, und von ihr „Papa“ gerufen wurde. Nach Vorab-Begutachtungen durch die Presse im Dezember 1882 fand die erste bedeutende Zurschaustellung von Januar bis Juli 1883 im Royal Aquarium in Westminster statt, mit täglichen Auftritten nachmittags von insgesamt fünf Stunden, bei einer Stunde Pause.Shannon Scott: Imperial Pets: Monkey-Girls, Man-Cubs, and Dog-faced Boys on Exhibition in Victorian Britain. In: Brenda Ayres, Sarah Elizabeth Maier (Hrsg.): Animals and Their Children in Victorian Culture. Routledge, New York 2019, ISBN 978-1-003-00403-5. Farini betrieb einen großen Aufwand, um seine Behauptungen über das vermeintliche Dschungelkind mit Urwald-Kulissen zu untermauernJanet M. Davis: The Circus Age: Culture and Society under the American Big Top. University of North Carolina Press, 2002, ISBN 978-0-8078-5399-3, S. 67, 128–131. und schreckte auch nicht davor zurück, Krao in einem Käfig mit vier Menschenaffen zeigen zu wollen. Dieses Vorhaben wurde allerdings polizeilich unterbunden und die Affen wurden getrennt gezeigt. Insbesondere unterstrich Farini als Showmaster, dass Krao kein Freak sei, sondern eine typische Vertreterin ihrer Art: ein „Spezimen“. Der wissenschaftliche Streit über diese Behauptungen fachte die Aufmerksamkeit, die Krao zuteilwurde, stark an. Werbe-Fotografien zu dieser Zurschaustellung zeigten Krao zum Teil nackt oder beinahe nackt; der Öffentlichkeit wurde sie allerdings im Kleid vorgeführt, wobei Farini darauf achtete, Kraos behaarte Arme und Beine möglichst unbekleidet zu lassen.

Farini ließ Krao gerne von Experten begutachten und zitierte zudem bekannte Wissenschaftler wie Darwin oder Francis Buckland, die allerdings beide bereits verstorben waren. Zitate aus der Presse und Wissenschaft wurden von Farini stets so ausgewählt, dass er Krao publikumswirksam als Zwischenstufe zwischen Affe und Mensch bewerben konnte und nicht als das Mädchen, als welches sie von vielen erkannt wurde. Er soll auch Fotografien nachbearbeitet haben; ein noch lange nach Kraos Kindheit verwendeter Promo-Holzschnitt übertreibt ihre Körperbehaarung stark. So vermutete etwa der irisch-indische Ethnologe Augustus Henry Keane bereits im Januar 1883 eine schlichte körperliche Anomalie. Als im Mai 1883 Berichte aus Bangkok die wahre Natur Kraos offenlegten, publizierte auch Keane diese. Dem Marketing rund um Krao tat dies keinen Abbruch mehr. Spöttische Stimmen dagegen verglichen sie mit dem bärtigen Farini und fragten, wer von den beiden wohl das Bindeglied zwischen Affe und Mensch sei.

Das Interesse an Krao war auch deswegen groß, weil sich an ihr der Einfluss des Britischen Weltreichs zeigte, welches immer neue Territorien erkundete und vereinnahmte und Indigene aus bislang unerforschten Erdteilen nach London zu bringen in der Lage war. 1886 wurde in einer Völkerschau auch die „Haarmenschen-Familie“ in London gezeigt, welche bis zur Absetzung von Thibaw Min am burmesischen Königshof gelebt hatte, und die nun als Trophäen der britischen Eroberung galten. In diesem Zeitgeist entstanden auch die Urzeit- und Abenteuerromane H. Rider Haggards, in denen Missing-Link-Protagonisten verschiedene Rollen einnehmen. Im Falle Kraos wurde ferner publikumswirksam der zivilisatorische Einfluss des Britischen Reichs unterstrichen, da Krao nicht etwa im Lendenschurz, sondern in Mädchenkleidern und mit Hut auftrat.

Krao selbst soll sich bereits früh durchaus begeistert gezeigt haben, in der westlichen Welt Dinge zu erleben und zu besitzen, die ihr in der Heimat verwehrt gewesen waren, darunter eine Vielfalt an feinen Kleidern und Spielzeugen. Sie wird mit der Meinung zitiert, London sei Laos an Geschäften weit überlegen. Ihre höfliche Art und rasche Anpassung an viktorianische Gepflogenheiten machte den Behörden schnell deutlich, dass die „junge Lady“ auch der Impf- und Schulpflicht unterlag. Für 1883 wurden die wöchentlichen Einnahmen, die Farini mit Krao erzielte, auf 700 US-Dollar geschätzt.

Nach London wurde Krao im August 1883 in Liverpool und dann im September in Dublin vorgeführt. In Dublin trat sie täglich vor Publikum in der Star of Erin-Music-Hall auf, erstmals auf einer Bühne. Das wissenschaftliche Fachpublikum konnte sie auch in Unterwäsche begutachten. Ebenfalls 1883 trat Krao dann in Berlin auf, im damaligen Panoptikum. Weitere Stationen waren Leipzig, Halle, Wien und Frankfurt. Auch in Deutschland wurde sie eingehenden Untersuchungen unterzogen, wobei die deutschen Mediziner überwiegend eine Hypertrichosis universalis diagnostizierten.

Behauptungen zu abweichender Anatomie