Kerstin Brätsch (* 1979 in Hamburg) ist eine deutsche bildende Künstlerin und Professorin für Malerei und Zeichnen an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

Leben

Kerstin Brätsch studierte von 2001 bis 2008 an der Universität der Künste Berlin, wo sie als Meisterschülerin bei Lothar Baumgarten ihren Abschluss machte. Von 2005 bis 2007 absolvierte sie zudem ein Masterstudium an der Columbia University in New York City, das sie mit einem Master of Fine Arts abschloss. Brätsch erhielt 2004 ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes und 2006 ein Fulbright-Stipendium.

Brätsch war 2013 als Gastkritikerin an der School of Arts der Columbia University in New York tätig und hatte 2014 eine Gastprofessur an der Akademie der Bildenden Künste München inne. 2015 war sie Gastkritikerin an der School of the Art Institute of Chicago. 2017 übernahm sie eine Gastprofessur an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Im Jahr 2020 war sie erstmals als Vertretungsprofessorin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg tätig. Seit dem Wintersemester 2024/25 ist sie Professorin für Malerei und Zeichnen an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, wo sie die Nachfolge von Jutta Koether antrat.

Brätsch lebt und arbeitet in Berlin und New York.

Werk

Künstlerische Praxis

Im Mittelpunkt von Brätschs Werk steht die Auseinandersetzung mit der Malerei, deren Möglichkeiten sie über das traditionelle Tafelbild hinaus untersucht. Dabei verbindet sie Malerei mit Zeichnung, Installation und Skulptur sowie mit kunsthandwerklichen Verfahren wie Glasmalerei, Papiermarmorierung und Stuckmarmor. Ihre Motive überträgt sie wiederholt in andere Materialien und Maßstäbe, sodass aus malerischen Formen beispielsweise plastische Objekte aus Zement entstehen. Licht, Zufall und die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und Kunsthandwerkern sind dabei Bestandteile des Entstehungsprozesses.

Bereits in den frühen 2000er-Jahren entwickelte Brätsch die Werkreihe Para Psychics. Dafür suchte sie rund 100 Hellseher und Handleser auf und ließ sich ihre Zukunft vorhersagen. Mit dem Projekt untersuchte sie zugleich ihre eigene Rolle als Malerin vor dem Hintergrund einer von männlichen Künstlern geprägten Kunstgeschichte. Die Beschäftigung mit Wahrsagerei und Vorstellungen des Übersinnlichen kehrt in späteren Arbeiten wieder, darunter in Zeichnungen mit kaleidoskopartigen Formen und Motiven, die an Gesichter oder innere Körperstrukturen erinnern.

Brätschs Werk beschäftigt sich wiederholt mit der Frage, wie Bilder wahrgenommen und gedeutet werden. In ihren Installationen erscheinen Formen und Muster in unterschiedlichen Materialien und räumlichen Zusammenhängen; gespiegelte Motive können dabei an die Tintenklecksbilder des Rorschachtests erinnern.

Kollaborationen

Kerstin Brätsch gründete 2007 gemeinsam mit Adele Röder das Projekt DAS INSTITUT. Größere Bekanntheit erlangte das Projekt 2009 mit einer Ausstellung im Swiss Institute in New York. Brätsch und Röder beschäftigen sich mit Modeaccessoires, Gebrauchsgegenständen und Bühnenkulissen, die sie in ihren Arbeiten neu interpretieren. Ihre Kunstwerke werden als Werbemittel oder Designobjekte weiterverarbeitet und teilweise vervielfältigt. Dabei stehen nicht die Originalität eines einzelnen Objekts, sondern die fortlaufende Neuschöpfung und Transformation der Werke im Vordergrund.

Seit 2010 arbeitet Brätsch zudem mit Debo Eilers unter dem Namen KAYA zusammen. Ihr gemeinsames Werk umfasst unter anderem Ölgemälde auf transparenter Mylar-Folie, die sie in verschiedenen Ausstellungs- und Performanceserien einsetzen. KAYA überbrückt die Grenzen zwischen Bildhauerei und Malerei, indem bestehende Werke umgestaltet und weiterentwickelt werden.

Brätschs Zusammenarbeit mit anderen Künstlern erstreckt sich auch auf raumgreifende Bild- und Klanginstallationen. Für die 2025 im MUNCH-Museum gezeigte Arbeit NORTH TOMB verband sie gemeinsam mit Adele Röder und dem Komponisten Sergei Tcherepnin transparente Mylar-Gemälde mit Neonobjekten, elektronischer Musik und Projektionen.

Raumbezogene Arbeiten und Ausstellungen seit 2019

Neben Ausstellungen in Museen und Galerien gestaltet Brätsch auch öffentlich zugängliche Räume. 2019 entwickelte sie eine Arbeit für das Petrie Terrace Café des Museum of Modern Art in New York und 2021 eine weitere Cafégestaltung für die LUMA Foundation in Arles.

2023 realisierte Brätsch die ortsspezifische Installation MIMIKRY, mit der sie die Rotunde und die Caféräume des Fridericianums in Kassel neu gestaltete. Die Installation soll bis zur documenta 2027 bestehen bleiben.

2024 eröffnete im Berliner Gropius Bau der von Brätsch gestaltete Spielort BAUBAU, der Kindern einen frei nutzbaren Raum innerhalb des Ausstellungshauses bietet.

Vom 14. März bis zum 3. August 2025 zeigte das MUNCH-Museum in Oslo die Einzelausstellung MƎTAATEM. Für die Ausstellung entstanden unter anderem die großformatigen Gemälde der Reihe ATEM. In der Reihe MƎTA führte Brätsch mehr als 300 kleinere Gemälde zu einer Wandinstallation zusammen; beide Werkgruppen beschäftigen sich mit dem Pinselstrich als einer sich fortwährend verändernden Form. Freistehende, mit Marmorierungsdrucken überzogene Wandelemente und eigens gestaltete Sitzbänke bezogen auch die Ausstellungsarchitektur in das künstlerische Konzept ein.

Die Ausstellung wurde anschließend vom 11. Dezember 2025 bis zum 12. April 2026 im Kunstmuseum Bonn gezeigt. Dort umfasste sie neben Neuproduktionen mehr als 100 Werke aus den vorangegangenen 15 Jahren sowie kollaborative Projekte mit Adele Röder, Debo Eilers, Sergei Tcherepnin und Wibke Tiarks. Die räumliche Inszenierung verband Malerei, Skulptur, Licht und Klang mit der Frage nach dem Verhältnis von Malerei und Körper auf physischer, psychischer und sozialer Ebene.

Im September 2026 eröffnete Brätsch in der Berliner Galerie Thomas Schulte die Ausstellung Die Sein: Para Psychics Expanded (Excerpt), die bis zum 7. November 2026 zu sehen ist. Die Installation greift Motive aus ihren Para Psychics-Arbeiten auf und überträgt sie in andere Materialien und Maßstäbe: Ein scheinbar marmorner Fußboden besteht aus bedrucktem Vinyl, während bis zu vier Meter hohe Figuren auf Karton auf früheren Arbeiten aus Stucco Marmo beruhen. Durch das Übereinanderschichten verschiedenfarbiger mineralischer Putzmassen entstehen Formen, in denen sich unter anderem Gesichter erkennen lassen; der Zufall spielt bei ihrer Entstehung eine Rolle.

Bildergalerie: Werke von KAYA

Ansichten aus der Ausstellung „Shifting the Silence“ im Lenbachhaus, 2025–2027

Ausstellungen (Auswahl)

Einzelausstellungen

2026: Die Sein: Para Psychics Expanded (Excerpt), Galerie Thomas Schulte, Berlin 2025–2026: MƎTAATEM, Kunstmuseum Bonn 2025: MƎTAATEM, MUNCH-Museum, Oslo 2011: Kerstin Brätsch & DAS INSTITUT, Deste Foundation for Contemporary Art, Athen 2011: Nichts, Nichts!, Kölnischer Kunstverein, Köln 2009: BUYBRÄTSCHWÖRSTGHOSTS, Hermes und der Pfau, Stuttgart

Gruppenausstellungen

Looking Back for the Future, Kunsthalle Zürich BLACKY Blocked Radiants Sunbathed, Halle für Kunst Lüneburg I Surrender, Devening Projects + Editions, Chicago 2010: Greater New York 2010, MoMA PS1, New York Vorahnung, Kunsthalle Zürich 2011: 54. Biennale di Venezia, Venedig

Mit KAYA

2025–2027: Shifting the Silence, Lenbachhaus, München 2024: Zwischen Pixel und Pigment. Hybride Malerei im postdigitalen Zeitalter, Marta Herford, Herford 2023: Museum Brandhorst, München 2023: Antenna Space, Shanghai, China 2018: Haus der Kunst, München 2017: Whitney Biennial, New York 2016: Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Wien 2015: Kunsthaus Bregenz, Bregenz 2015: M Woods, Peking 2013: 47 Canal, New York

Auszeichnungen (Auswahl)

2014: Kunstpreis der Stadt Nordhorn 2014: August-Macke-Preis 2017: Edvard-Munch-Preis, Oslo, Norwegen 2020: Helen Frankenthaler Award for Painting der Foundation for Contemporary Arts, New York 2020: Peill-Preis der Günther-Peill-Stiftung (Bekanntgabe 2021) 2022: Rosenthal Family Foundation Award in Art, American Academy of Arts and Letters, New York, USA 2025: Marta-Preis der Wemhöner Stiftung 2026: Bekanntgabe als Preisträgerin des Zurich Art Prize 2027

Veröffentlichungen

Weblinks

Kerstin Brätsch auf der Webpräsenz des Museum of Modern Art (englisch)

Einzelnachweise

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