mini|hochkant|Michael Borgolte im Frühjahr 2016 anlässlich seiner Emeritierung an der Humboldt-Universität Michael Borgolte (* 16. Mai 1948 in Braunschweig) ist ein deutscher Mittelalterhistoriker.

Borgolte lehrte von 1991 bis zu seiner Pensionierung 2016 als Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Jahrzehntelang erforschte er vormoderne Stiftungen. Borgolte stellte 1988 die in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert vorherrschende juristische Sichtweise auf vormoderne Stiftungen in Frage und erweiterte sie sozialgeschichtlich. Seither haben zahlreiche Publikationen Borgoltes und seiner Schüler das Wissen um das vormoderne Stiftungswesen und seine gesamtgesellschaftliche Bedeutung erheblich erweitert, etwa in der von ihm begründeten Schriftenreihe StiftungsGeschichten, in der interkulturell vergleichend angelegten Enzyklopädie des Stiftungswesens in mittelalterlichen Gesellschaften sowie in seiner Monographie Weltgeschichte als Stiftungsgeschichte von 2017. Seit den späten 1990er Jahren konzentrierte er sich auf die interreligiös und interkulturell vergleichende Betrachtung des mittelalterlichen Europas und der Globalgeschichte im Mittelalter, die in mehreren historischen Darstellungen mündeten.

Leben Der Sohn eines Handelsvertreters und einer medizinischen Assistentin legte im Juni 1967 das Abitur am Martino-Katharineum Braunschweig in Braunschweig ab.Michael Borgolte: Wissenschaft und Leben. Von Problemen der Gegenwart zum Verständnis des Mittelalters. Dreißig Jahre als Mediävist an der Humboldt-Universität zu Berlin. Berlin 2026, S. 288–290 (Anhang II: Curriculum Vitae). Er studierte ab dem Sommersemester 1969 Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Universität Münster, wo er im November 1973 das Erste Staatsexamen ablegte. Seine beiden wichtigsten akademischen Lehrer waren Otto Gerhard Oexle und Karl Schmid.Michael Borgolte: Stiftung und Memoria. Ein mediävistisches Forschungskonzept in universalhistorischer Perspektive. In: Thomas Schilp, Caroline Horch (Hrsg.): Memoria – Erinnerungskultur – Historismus. Zum Gedenken an Otto Gerhard Oexle (28. August 1939 – 16. Mai 2016). Turnhout 2019, S. 75–92, hier: S. 75. Bei Schmid wurde er 1975 mit einer Untersuchung über den Gesandtenaustausch der Karolinger mit den Abbasiden und mit den Patriarchen von Jerusalem zum Dr. phil. promoviert.Vgl. dazu die Besprechungen von Robert Folz in: Bibliothèque de l’École des chartes 135, 1977, S. 373–375; Adalbert Erler in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 96, 1979, S. 272–273; Hans Eberhard Mayer in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 32, 1976, S. 629–630 (online); Ernst A. Knauf in: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 100, 1984 S. 191–192; Jonathan Shepard in: The English Historical Review 93, 1978, S. 156. Von 1975 bis 1984 war er wissenschaftlicher Assistent von Johanne Autenrieth am Seminar für Lateinische Philologie des Mittelalters an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Dort erfolgte 1981 die Habilitation mit einer personen- und verfassungsgeschichtlichen Arbeit zu den Grafen Alemanniens in merowingischer und karolingischer Zeit. Seine Antrittsvorlesung hielt er am 24. November 1982 an der Universität Freiburg über Freigelassene im Dienst der Memoria.Michael Borgolte: Freigelassene im Dienst der Memoria. Kulttradition und Kultwandel zwischen Antike und. Mittelalter. In: Frühmittelalterliche Studien 17, 1983, S. 234–250.

Anschließend hatte Borgolte im Wintersemester 1981/82 die Vertretung einer Professur für Historische Hilfswissenschaften und Bayerische Landesgeschichte an der Universität Bamberg inne. Im Sommersemester 1984 übernahm er eine Gastdozentur an der Universität Basel. Borgolte war 1984/85 und erneut 1990/91 Vertretungsprofessor für Mittelalterliche Geschichte für Johannes Fried an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Im Oktober 1987 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Freiburg ernannt. Im Rahmen eines Heisenbergstipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft im August 1984 entstanden die beiden Monographien Petrusnachfolge und Kaiserimitation. Die Grablegen der Päpste, ihre Genese und Traditionsbildung (1989) und Die mittelalterliche Kirche (1992).

Im Jahre 1991 erfolgte im Rahmen der Neustrukturierung der Universität nach der Wende und Wiedervereinigung Borgoltes Berufung als Nachfolger von Eckhard Müller-Mertens (emeritiert 1988) auf den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU).Susanne König: Leben in außergewöhnlichen Zeiten. Die Mittelalterliche Forschung und ihre Vertreter an der Humboldt-Universität zu Berlin in der DDR. Frankfurt (Oder) 2018, S. 24; Michael Borgolte: Staatsideologie und Forschergeist. Die Produktivität der Mittelalterhistorie unter marxistischer Dominanz. Mit einem Ausblick auf die Zeit nach der „Wende“. In: Geschichte der Universität Unter den Linden 1810–2010. Praxis ihrer Disziplinen. Bd. 6: Selbstbehauptung einer Vision, herausgegeben von Heinz-Elmar Tenorth in Zusammenarbeit mit Volker Hess, Dieter Hoffmann, Berlin 2010, S. 375–388, hier: S. 386. Seine Antrittsvorlesung hielt er im Juni 1992 über „Totale Geschichte“ des Mittelalters? Das Beispiel der Stiftungen.Michael Borgolte: Totale Geschichte des Mittelalters? Das Beispiel der Stiftungen. Antrittsvorlesung 2. Juni 1992, Humboldt-Universität zu Berlin 1993 (Volltext online). Eine 1997 erfolgte Berufung als Nachfolger von Werner Goez auf den Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters an der Universität Erlangen-Nürnberg lehnte Borgolte ab. Er ist war von 2007 bis 2025 Mitherausgeber der Zeitschrift für GeschichtswissenschaftWechsel in der Herausgeberschaft der Zfg. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 74, 2026, S. 93. und seit 2010 von Viator. Medieval and Renaissance Studies. Von 2006 bis 2008 war er Dekan der Philosophischen Fakultät I der Humboldt-Universität zu Berlin. An der HU Berlin lehrte er bis zu seiner Pensionierung am 30. September 2016. Im Juli 2016 hielt er seine Abschiedsvorlesung zum Thema „Sigismund, Radegunde und die Anfänge des Stiftungswesens im lateinchristlichen Europa“. Als akademischer Lehrer betreute Borgolte 21 Dissertationen und fünf Habilitationen. Zu den akademischen Schülern Borgoltes zählen unter anderem Dirk Alvermann, Michael Brauer, Wolfgang Eric Wagner, Wolfgang Huschner, Frank Rexroth, Jan Rüdiger, Juliane Schiel, Benjamin Scheller und Tillmann Lohse.Verzeichnis der von Michael Borgolte betreuten Habilitationsschriften und Dissertationen. In: Tillmann Lohse, Benjamin Scheller (Hrsg.): Europa in der Welt des Mittelalters. Ein Colloquium für und mit Michael Borgolte. Berlin u. a. 2014, S. 303–304. Von Oktober 2016 bis September 2021 arbeitete er als „Senior Researcher“ an der HU Berlin.Michael Borgolte: Wissenschaft und Leben. Von Problemen der Gegenwart zum Verständnis des Mittelalters. Dreißig Jahre als Mediävist an der Humboldt-Universität zu Berlin. Berlin 2026, S. 288–290, hier: S. 289 f. (Anhang II: Curriculum Vitae).

Borgolte war seit 1973 mit Claudia Borgolte geb. MajewskiTraueranzeige Claudia Borgolte, abgerufen am 20. Mai 2026. verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. Im Jahr 2012 gründete Borgolte gemeinsam mit seiner Frau die „Michael-und-Claudia-Borgolte-Stiftung zur Förderung der Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin“.Michael Borgolte: Wissenschaft und Leben. Von Problemen der Gegenwart zum Verständnis des Mittelalters. Dreißig Jahre als Mediävist an der Humboldt-Universität zu Berlin. Berlin 2026, S. 159–162. In zweijährlichem Wechsel schreibt die Stiftung den mit 3.000 Euro dotierten Otto-Hintze-Nachwuchspreis für historische Dissertationen oder Habilitationsschriften der Humboldt-Universität beziehungsweise den mit 10.000 Euro deutschlandweit ausgelobten „Preis der Humboldt-Universität für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Mittelalterlichen Geschichte“ aus.Michael-und-Claudia-Borgolte-Stiftung zur Förderung der Geschichtswissenschaften. Im Jahr 2017 wurde er Gründungsbeauftragter der Humboldt-Universität für das Institut für Islamische Theologie, das er bis 2021 als Direktor leitete.Vgl. Michael Borgolte: Über die Gründung des Berliner Instituts für Islamische Theologie (2017–2021). In: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 23, 2022, S. 267–277. Claudia Borgolte verstarb am 24. November 2024 unerwartet nach kurzer schwerer Krankheit.Michael-und-Claudia-Borgolte-Stiftung zur Förderung der Geschichtswissenschaften, abgerufen am 20. Mai 2026.

Forschungsschwerpunkte mini|hochkant|Michael Borgolte, aufgenommen von Werner Maleczek im Jahr 2012 während einer Reichenau-Tagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte Borgolte legte zwischen 1975 und 2024 mehr als 600 Veröffentlichungen vor, darunter 19 selbständige Schriften, 25 Herausgeberschaften und 200 Aufsätze. Forschungsschwerpunkte Borgoltes sind die mittelalterliche Kirchen-, Stiftungs-, Verflechtungs- und Globalgeschichte, die Geschichte der deutschen Mittelalterforschung nach 1945 und die vergleichende Geschichte Europas im Mittelalter. Eine Auswahl von Borgoltes verschiedenen europa- und globalhistorischen Studien zwischen 1992 und 2013 wurde 2014 in einem Band zugänglich gemacht.Michael Borgolte: Mittelalter in der größeren Welt. Essays zur Geschichtsschreibung und Beiträge zur Forschung. Herausgegeben von Tillmann Lohse und Benjamin Scheller. Berlin 2014. Vgl. dazu die Besprechung von Jan-Hendryk de Boer in: Historische Zeitschrift 306, 2018, S. 521–522.

Kontroverse um die frühmittelalterliche Grafschaftsverfassung