mini|Richard Owen (1856) Sir Richard Owen (* 20. Juli 1804 in Lancaster; † 18. Dezember 1892 im Richmond Park von London) war ein britischer Mediziner, Zoologe, vergleichender Anatom, Physiologe und Paläontologe. Er wird nach Charles Darwin als zweitbedeutendster Naturforscher des Viktorianischen Zeitalters angesehen.Rupke S. 245.

Von 1827 bis 1856 katalogisierte Owen, zunächst als Gehilfe und später als Kurator des Hunterian Museum des Royal College of Surgeons of England, den umfangreichen wissenschaftlichen Nachlass von John Hunter. Er schrieb bedeutende Arbeiten zur vergleichenden Osteologie und Odontologie der Wirbeltiere. Während seiner Untersuchungen an in Großbritannien gefundenen Reptilienfossilien prägte er 1841 den Begriff „Dinosauria“. Im darauf folgenden Jahr revidierte er Georges Cuviers Gruppen der Wiederkäuer (Ruminantia) und der Dickhäuter (Pachydermata) und ersetzte diese durch die noch heute gebräuchlichen Untergruppen der Paarhufer (Artiodactyla) und Unpaarhufer (Perissodactyla). 1843 führte Owen den Begriff der Homologie ein und trennte ihn vom ähnlichen Begriff der Analogie. Unter Anwendung seines Homologie-Prinzips konstruierte Owen einen abstrakten „Archetypus“, anhand dessen er die Entwicklung der Wirbeltiere teleologisch erklärte.

Während seines Wirkens als Superintendent der naturgeschichtlichen Sammlung des Britischen Museums setzte er sich für die Errichtung eines unabhängigen Naturgeschichtsmuseums, des heutigen Natural History Museum, ein, dessen erster Direktor er bis 1883 war.

Leben und Wirken Herkunft und Ausbildung mini|hochkant=1.5|Owens Geburtshaus Thurnham Street Ecke Brock Street in Lancaster Richard Owen war das sechste und jüngste Kind und der zweite Sohn von Richard Owen (1754–1809) und Catherine Longworth (geborene Parrin, † 1838). Sein Vater war Kaufmann im Westindien-Handel, seine Mutter stammte von nach England eingewanderten französischen Hugenotten ab. Als sein Vater starb, zog die Familie in das Gebiet von Castle Hill, wo seine Mutter ein Mädcheninternat gründete. Ab 1810 besuchte er die Lancaster Royal Grammar School, auf der er bis zu seinem 16. Lebensjahr blieb. 1820 ging er vier Jahre bei drei verschiedenen Chirurgen und Apothekern in Lancaster in die Lehre, wobei er auch Leichen aus dem lokalen Gefängnis sezierte. In dieser Zeit entdeckte er seine Vorliebe für die Anatomie. Im Oktober 1824 schrieb sich Owen an der Universität Edinburgh ein. Neben den Kursen, die er für eine formale Zulassung als Mediziner benötigte, besuchte er die Vorlesungen von John Barclay (1758–1826) über vergleichende Anatomie. Von Barclay erhielt Owen eine Empfehlung an John Abernethy, Professor am St Bartholomew’s Hospital in London und Präsident des Royal College of Surgeons. Nach nur einem halben Jahr in Edinburgh erhielt er von Abernethy die Stelle des Prosektors für dessen chirurgische Vorlesungen. Ein Jahr später hatte er mit 22 Jahren das Mindestalter für die Aufnahme in das Royal College of Surgeons erreicht. Er bestand die Aufnahmeprüfung und wurde am 11. August 1826 Mitglied des Royal College of Surgeons. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, eröffnete Owen in Took’s Court in der Nähe von Lincoln’s Inn Fields eine Arztpraxis.

Katalogisierung der Hunter-Sammlung mini|Der junge Richard Owen (um 1835) mini|Das Innere des Hunterian Museums 1844. Gezeichnet von Thomas Hosmer Shepherd, gestochen von Edward Radclyffe (1810–1863) Im Jahr 1800 hatte die britische Regierung die Sammlung des Chirurgen John Hunter erworben und dem Royal College of Surgeons mit dem Auftrag, diese zu katalogisieren, überlassen. Als Kurator des Hunterian Museum wurde William Clift (1775–1849), der Hunters letzter Schüler und Assistent war, beschäftigt, der jedoch dieser Aufgabe nicht nachkam. Das Royal College of Surgeons wurde dafür, unter anderem durch Thomas Wakley im Magazin The Lancet, heftig kritisiert. Das Direktorium des Museums beschloss daher, seine Unterstützung für Clift einzustellen. Auf Empfehlung des Präsidenten des Royal College of Surgeons Abernethy wurde Owen angestellt. Am 7. März 1827 begann Owen seine Tätigkeit am Hunterian Museum bei William Clift.

Owen verstand sich gut mit Clift und dessen fast gleichaltrigem Sohn William Home Clift (1803–1832), der als Clifts Nachfolger am Museum vorgesehen war. Im September 1827 lernte Owen auch die zwei Jahre ältere Tochter Clifts, Caroline Amelia Clift (1801–1873), kennen und verlobte sich bereits in der Weihnachtszeit desselben Jahres mit ihr.

Die wissenschaftliche Arbeit am Museum begeisterte Owen, bot sie ihm doch völlig andere Möglichkeiten als seine Arztpraxis. Ab 1828 gab er Zusatzvorlesungen über vergleichende Anatomie am St Bartholomew’s Hospital. Ein Jahr später wurde Owen fest am Museum angestellt. Sein Einkommen reichte jedoch immer noch nicht aus, um Clifts Tochter zu heiraten. Owen setze daher seine medizinischen Studien fort und bestand Anfang 1830 die Prüfungen der Worshipful Society of Apothecaries. Kurzzeitig spielte er mit dem Gedanken, eine Stelle als Arzt in Birmingham anzunehmen, blieb aber schließlich in London und zog zur Familie Clift um.

Während Owen an den ersten Teilen des Kataloges der Hunter-Sammlung arbeitete, erhielt das Museum Besuch von Georges Cuvier, den Owen aufgrund seiner Französischkenntnisse durch das Museum führen durfte. Cuvier lud Owen daraufhin ein, ihn in Paris zu besuchen.

Am 9. November 1830 fand das erste der zwei Jahre lang vierzehntäglich stattfindenden Treffen des Committees of Science and Correspondence der Zoological Society of London in der Bruton Street statt. Das Komitee hatte sich konstituiert, um Fragen und Experimente zur Tierphysiologie zu fördern. Owen hielt an diesem Tag einen Vortrag über die Anatomie eines kurz zuvor im Londoner Zoo verendeten Orang-Utans, der in den Proceedings des Komitees publiziert wurde und seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung war. Durch seine Mitgliedschaft in der Gesellschaft konnte er die Kadaver der Tiere des Londoner Zoos untersuchen. In der kurzen Zeit des Bestehens der Proceedings war Owen mit 28 Artikeln über die Anatomie verschiedener Säugetiere der produktivste Beitragende.

Im Frühjahr 1831 waren die ersten sechs Bereiche der Hunter-Sammlung katalogisiert. Das Aufsichtsgremium des Museums war mit Owens Arbeit zufrieden und beauftragte ihn, sich als Nächstes mit den „Physiological Series“ von Hunters Sammlung zu beschäftigen, für deren Bearbeitung das Gremium drei Jahre veranschlagte. Im Sommer folgte Owen Cuviers Einladung nach Paris und verbrachte dort einen Monat. Am Jardin des Plantes lernte er Cuviers Förderer Étienne Geoffroy Saint-Hilaire kennen. Seine Pariser Gastgeber empfahlen ihm Jean-Baptiste de Lamarcks Werk Philosophie Zoologique, das Owen interessiert studierte.

Owens wissenschaftlicher Ruf wuchs. George Bennett schickte ein bisher sehr seltenes Exemplar der Gattung Nautilus nach London. Owen wurde mit der Analyse diese Exemplars betraut. Nach fünf Monaten des Sezierens hatte er genug Material für sein erstes eigenes Buch zusammengetragen. 1832 erschien Memoir on the Pearly Nautilus mit zahlreichen, detailgenauen Zeichnungen, die er selbst angefertigt hatte. Seine 1832 durchgeführten anatomischen Untersuchungen des „seltsamen“ Schnabeltiers Ornithorhynchus paradoxus bewiesen, dass es sich um ein Säugetier handelte.

Am 11. September 1832 verunglückte der Sohn Clifts bei einem Unfall mit einer Droschke schwer und starb sechs Tage später an den Folgen seiner Verletzungen. Owen wurde dadurch zum designierten Nachfolger Clifts als Kurator des Museums. 1833 erschien der erste Band der „Physiological Series“, die ihn noch bis zum Frühjahr 1841 beschäftigte. Als von 1834 bis 1835 das Museum umgebaut und erweitert wurde, leitete Owen die erforderlichen Maßnahmen. Er wurde Assistenzkurator. Sein Einkommen war nun ausreichend, um am 20. Juli 1835 in der St. Pancras Church in London Clifts Tochter Caroline Amelia zu heiraten.

1839 wurde das „Board of Curators“ des Museums in das „Museum Committee“ umgewandelt und neu besetzt. Um etwa 1840 wurde das Komitee immer unzufriedener damit, wie Owen seine Zeit verbrachte. Beispielsweise beschäftigte Owen sich, ohne die Erlaubnis des Komitees eingeholt zu haben, intensiv mit den von Charles Darwin mitgebrachten Fossilien. Am 25. Januar 1842 kam es zu einem Treffen mit dem Museumskomitee. Es verlangte von Owen, zukünftig nichts ohne seine Zustimmung zu veröffentlichen und bot ihm im Gegenzug dafür die Stelle des Konservators an. Owen willigte unter der Bedingung ein, dass er keine Besucher im Museum herumführen müsse. Diese Aufgabe übernahm Clift, der zum Senior-Konservator ernannt wurde. Die Stelle des Konservators des Hunterian Museums übte Owen vierzehn Jahre lang (bis 1856) aus. Sein Nachfolger wurde John Thomas Quekett, der seit 1843 Owens Assistent war. Mit seiner Ernennung zum Kurator konnte sich Owen vollständig der wissenschaftlichen Arbeit zuwenden.

Anerkennung als Wissenschaftler Bereits am 18. Dezember 1834 wurde Owen in die Royal Society aufgenommen. Im gleichen Jahr veröffentlichte er die formale Beschreibung des von James Paget entdeckten Fadenwurms Trichinella spiralis,vgl. The Discovery of Trichina Spiralis. In: American Journal of Public Health. Band 21, 1931, S. 181 (PDF). Ursache der Trichinellose, und wurde auf den Lehrstuhl für vergleichende Anatomie am St Bartholomew’s Hospital berufen. 1836 wurde Owen Nachfolger von Charles Bell als „Hunterian Professor“Reinhard Hildebrand: Rudolf Albert Koelliker und seine wissenschaftlichen Kontakte zum Ausland. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 2, 1984, S. 101–115; hier: S. 105 f. für vergleichende Anatomie und Physiologie am Royal College of Surgeons. Im April desselben Jahres übertrug ihm das Direktorium des Hunter-Museums die neue Stelle des Hunter-Professors für vergleichende Anatomie und Physiologie. Beide Lehrstühle hatte er bis 1855 inne. Von 1837 an hielt Owen jährlich 24 sogenannte „Hunter-Vorlesungen“.

Die Geological Society ehrte Owen 1838 für seine Arbeit an den Beagle-Fossilien mit der Wollaston-Medaille. Er unterstützte die Gründung der Microscopical Society of London und fungierte ab 1840 als deren erster Präsident. Für seine vergleichende anatomische Studie über Zähne, deren erster Band unter dem Titel Odontography erschien, hatte Owen auch mikroskopiert. Nach seiner Monografie über die Gattung Nautilus wurde Owen ein anerkannter Experte der Kopffüßer (Cephalopoda). Sein besonderes Interesse galt zu dieser Zeit auch den Beutelsäugern (Marsupialia) und Kloakentieren (Monotremata), über die er für Robert Todds Cyclopedia of Anatomy and Physiology (1841) die entsprechenden Artikel verfasste.James Johnson, Henry James Johnson (Hrsg.): The Medico-Chirurgical Review and Journal of Practical Medicine. Band 36, London, New York 1842, S. 140 ff.; online. Bis 1840 hatte Owen 157 wissenschaftliche Artikel veröffentlichtKeith S. 893., die er meist vor der Zoological Society, der Royal Society, der Geological Society, der Linnean Society und der British Association for the Advancement of Science präsentierte.

Owens Mitgliedschaften im renommierten Athenaeum Club (1840) und im Literaturklub The Club (20. Mai 1845) festigten seinen Ruf in der Londoner Gesellschaft. 1847 wurde er zum Ehrenmitglied der Medical and Chirurgical Society of London ernannt.Medico-chirurgical Transactions. Band 40, London 1857, S. XLIX; online. Die Royal Society verlieh ihm für seine wissenschaftlichen Arbeiten 1846 die Royal Medal und 1851 für sein Gesamtwerk die Copley-Medaille. Für seine Verdienste gewährte ihm Königin Victoria 1852 lebenslanges Wohnrecht im Haus Sheen Lodge im Richmond Park. Während dieser Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt von Owens Interessen immer mehr von der vergleichenden Anatomie auf das Gebiet der Paläontologie.

„Old Bones“ und die Dinosaurier mini|„Old Bones“ – Karikatur von Carlo Pellegrini in der Zeitschrift Vanity Fair vom 1. März 1873