Sicherheit bezeichnet allgemein den Zustand, der für Individuen, Gemeinschaften sowie andere Lebewesen, Objekte und Systeme frei von unvertretbaren Risiken ist oder als gefahrenfrei angesehen wird.
Für Individuen und Gemeinschaften bezeichnet Sicherheit den Zustand des Nicht-bedroht-Seins der Freiheit ihrer ungestörten Eigenentwicklung in zweierlei Hinsicht:Siehe Begriff Sicherheit. In: Manfred G. Schmidt: Wörterbuch zur Politik. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-520-40403-9, S. 717. im Sinne des tatsächlichen (objektiven) Nichtvorhandenseins von Gefährdung – als Sicherheit im objektiven Sinne, sowie im Sinne der Abwesenheit von (subjektiver) Furcht vor Gefährdung – als Sicherheit im subjektiven Sinne.
Der Begriff „Sicherheit“ umfasst innere wie äußere Sicherheit von Gemeinschaften und schließt – insbesondere im Fall von Staaten – die politische, militärische, ökonomische, soziale, rechtliche, kulturelle, ökologische, technische u. a. Sicherheiten in sich ein.
Begriffsgeschichte Wort-Herkunft Das Wort sicher geht (über mittelhochdeutsch und althochdeutsch ) auf „sorglos“ (aus sēd „ohne“ und cūra „Fürsorge“) zurück. Im Mittelalter wurde es (wie im Lateinischen) auch als „schuld- und straffrei“ gedeutet.Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, bei DWDS, Stichworte sicher und Sicherheit In der modernen Sprachform erscheint das Abstraktum die Sicherheit.Siehe Begriff sicher. In: Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch. 23., erweiterte Auflage, Berlin/New York 1999, S. 761.
Begriff Sicherheit – versus Schutz, Sicherung, Betriebssicherheit Umstritten ist die Möglichkeit zur klaren semantischen Unterscheidung zwischen den Begriffen Sicherheit und Schutz im Deutschen.
Zum Beispiel werden bei Objekten und Systemen im Englischen die beiden Bezeichnungen Security (englisch für „Schutz“, „Eingriffs-/Angriffssicherheit“) und Safety (englisch für „Gefahrlosigkeit“, „Betriebssicherheit“) für zwei voneinander in der Wortbedeutung (semantisch) unterschiedliche Begriffe verwendet.
Während „Safety“ den Schutz der Umgebung vor einem Objekt, also eine Art Isolation beschreibt, handelt es sich bei „Security“ um den Schutz des Objektes vor der Umgebung, d. h. die Immunität bzw. die Sicherung. Die beiden unterschiedlichen Sachverhalte werden stattdessen im Deutschen häufig mit demselben Wort „Sicherheit“ benannt. Dies führt regelmäßig zu Verständigungsschwierigkeiten, da beide Seiten dieses Wort unterschiedlich interpretieren können. Die einschlägigen Normen verwenden daher für den Schutz der Umgebung vor einem Objekt den Begriff funktionale Sicherheit.
Demzufolge sollte es nicht ausreichen, an einer Fluchttür lediglich „Sicherheit“ zu fordern. Im Sicherheitskonzept sind die Anforderungen zu spezifizieren. Eine „Betriebssicherheit/Safety“-Anforderung wäre hier die Gewährleistung eines möglichst gefahrlosen Flucht- und Rettungsweges für Betroffene beziehungsweise hilfeleistende Kräfte, während Forderungen zur Vermeidung einer unberechtigten Nutzung der Tür im Normalbetrieb dem Bereich „Sicherung/Security“ zuzuordnen sind.
Im Russischen ist eine ähnliche semantische Zweideutigkeit festzustellen. Der Begriff Sicherheit (russisch – безопасность, Adjektiv безопасный) wird sowohl mit der Bedeutung „nicht bedroht durch Gefahr“ (russisch – не угрожающий опасностью) als auch mit „geschützt vor Gefahr“ (russisch – защищающий от опасности) wiedergegeben. Daneben wird der Begriff Schutz (russisch – защита) mit wechselnden Bedeutungen verwendet.Siehe Sicherheit und Schutz (russisch безопасность, защита) in verschiedenen Begriffszusammenhängen. In: S. I. Oshjogow: Wörterbuch der russischen Sprache. (Hrsg.) Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Institut der russischen Sprache (russisch Словарь русского языка [Slowar russkowo jasyka]). Moskau 1990, S. 47 und 228 f.Siehe Sicherheit und Schutz (russisch безопасность, защита) in verschiedenen Begriffszusammenhängen. In: Militärenzyklopädisches Wörterbuch. (russisch Военный Энциклопедический Словарь [Wojenny Enziklopeditscheskij Slowar]). Moskau 1986, S. 71 und 271.
Entwicklung des Sicherheitsbegriffs in der Politik In der akademischen Diskussion wird der Sicherheitsbegriff sehr kontrovers behandelt. Generell gibt es keinen Konsens über die Spannweite des Begriffs. Traditionell beschäftigen sich Sicherheitsstudien mit der Identifikation von und Reaktion auf bedrohliche Aktionen für einen Nationalstaat. Die ursprünglich militärische Definition stellt den Nationalstaat und militärische Reaktionsschemata in den Vordergrund. Im nationalstaatlichen Kontext können Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatssouveränität durch eine äußere Bedrohung konfrontiert werden.Hanne-Margret Birckenbach: Sicherheit. In: Ulrich Albrecht, Helmut Vogler: Lexikon der Internationalen Politik. München, Wien 1997.
Spätestens mit der tief greifenden Veränderung der internationalen Realität und einer weltweiten Regionalisierung nach dem Kalten Krieg rückt das Referenzobjekt Nationalstaat zunehmend in den Hintergrund. Der Sicherheitsbegriff wird allgemeiner gefasst und auf verschiedenste Lebensbereiche ausgedehnt, so z. B. auf die Ölkrise in den 1970er-Jahren, den Kriegsschulden der USA und dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems im Bereich Wirtschaft, in den 1990er-Jahren mit der Rio-Konferenz (Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung) auf den Bereich Umwelt und spätestens mit dem UNDP-Report 1994 auf den Bereich Humanitäre Angelegenheiten (Menschliche Sicherheit).
Damit verschieben sich auch die Referenzpunkte für den Sicherheitsbegriff, im militärischen Bereich: vom Nationalstaat zur Umwelt; wirtschaftlich und bei humanitären Angelegenheiten zudem das Individuum: die Menschheit, die Region usw. Der Begriff der Sicherheit wird damit aus dem militärischen Bereich losgelöst, allerdings ohne die ehemals rein militärischen Reaktionsschemata aufzugeben. Dafür steht die Bezeichnung erweiterter Sicherheitsbegriff.
Charakteristische Merkmale der Sicherheit Merkmale der Sicherheit von Individuen und Gemeinschaften Sicherheit ist für Individuen und Gemeinschaften generell eine sehr komplexe Befindlichkeit, die durch die Freiheit ungestörter Eigenentwicklung gekennzeichnet ist.
Sicherheit gestaltet sich dabei stets historisch konkret, beinhaltet sie doch die Abwendung konkreter Gefährdungen und Bedrohungen für die Freiheit der ungestörten Eigenentwicklung von konkreten Individuen und Gemeinschaften zu einem aktuell konkreten oder einem vorhergesehenen Zeitpunkt. Mithin ist keine allgemeine, vom Historisch-konkreten abgehobene Sicherheit festzustellen. Siehe Begriffsbestimmung Sicherheit. In: Erich Hocke u. a.: Kooperative Sicherheitsstrukturen in Europa, Thesen. In: Arbeitspapiere IWBS, (Hrsg.) Militärakademie „Friedrich Engels“, Interdisziplinärer Wissenschaftsbereich Sicherheit (IWBS), Heft 1, Dresden 1990, 10. Mai, S. 81 f. Abruf unter URL: . Bei der Bestimmung dessen, was jeweils als Sicherheit angesehen wird, spielen somit historische Erfahrungen, gegenwärtiges Erleben und Zukunftsängste eine beträchtliche Rolle.
Sicherheit ist stets relativ – absolute Sicherheit gibt es ebenso wenig wie absolute Freiheit oder absolute Unabhängigkeit. Unsicherheit hingegen kann sich viel stärker der Absolutheit nähern als Sicherheit.
Der Begriff „Sicherheit“ umfasst innere wie äußere Sicherheit von Gemeinschaften und schließt die politische, ökonomische, soziale, rechtliche, ökologische, kulturelle, technische, militärische u. a. Sicherheit in sich ein.
Risiken, Gefahren, Gefährdungen für die Sicherheit Ereignisse, die mit einer möglichen negativen Auswirkung (Gefahr, Gefährdung) auf die Handlungsfreiheit verknüpft sind, tragen ein Risiko in sich, weil die Einflussfaktoren nicht vollständig bekannt sind und/oder dem Zufall unterliegen. Gefahren, Risiken, Gefährdungen gehören potenziell und latent zu einer widersprüchlichen Welt. In komplexen Systemen ist es unmöglich, Risiken völlig auszuschließen.
Jedes Einlassen auf ein Risiko ist mit einem Wagnis verbunden, d. h. mit der Kunst des richtigen Abschätzens, ob sich das „Eingehen eines Risikos bzw. das Einlassen auf eine risikohaltige Situation“ auch wirklich lohnt und zu bewältigen ist.Siehe Siegbert A. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten. 3. Auflage, Schneider, Baltmannsweiler 2021, ISBN 9783834016201, S. 16. Das vertretbare Risiko für jede mögliche Art der Beeinträchtigung hängt von vielen Faktoren ab und wird zudem subjektiv, historisch und kulturell unterschiedlich bewertet.
Gefahren (Gefährdungen) für die Gemeinschaft können globale, kontinentale oder regionale und lokale Dimension besitzen. Werden Naturereignisse ausgeblendet und nur Gefährdungen betrachtet, die durch das Handeln der Menschen selbst entstehen, gehören zu dieser komplexen Welt unter anderen:Siehe Sicherheitsrisiken und -vorkehrungen. In: Rainer Böhme: Konflikte, Krisen, Streitkräfte. Studie über internationale Konflikte und Krisen, deren Verhütung und Beilegung sowie Auswirkungen auf den Streitkräfteauftrag. HAAG+HERCHEN, Frankfurt am Main 1991, , S. 59 ff. und 157 ff. soziales Konfliktpotenzial im beträchtlichen Ausmaß, verbunden mit gravierenden Unterschieden im Lebensstandard und Gesundheitsschutz sowie ungleichmäßiger demografischer Entwicklung; wirtschaftliche Instabilität durch disproportionale Entwicklung und ökologischen Raubbau, verbunden mit finanzieller Massenverschuldung sowie Verknappung von Ressourcen; Gefährdungen aus Umweltschäden; soziale Folgen überstürzter, ungeordneter politischer und ökonomischer Prozesse; Fehlhandlungen der Menschen im Alltagsleben und in der Produktion; Gefahren aus den sachlichen Fertigungsbedingungen und neuen Technologien sowie Risiken aus dem Vorhandensein von Streitkräften. Zur Verringerung dieser Risiken wird versucht, diesen Gefährdungen durch Schaffen von solchen Sicherheitsmechanismen oder -systemen zu begegnen, die einem möglichst realistischen Gefahrenspektrum effektiv entsprechen.
Im Allgemeinen werden höhere Wahrscheinlichkeiten für Beeinträchtigungen mit steigendem Nutzen (beispielsweise Aktien-Spekulation, Teilnahme am Straßenverkehr, Betreiben von Wagnissport) als vertretbar angesehen.
Bedrohungen für die Sicherheit Die Begriffe Gefahr (Gefährdung) und Bedrohung sind nicht bedeutungsgleich zu verwenden. Der subjektiven Befindlichkeit Bedrohung geht das Einwirkungsverfahren Drohung voraus.
Das Empfinden einer Bedrohung ist in der Regel aktuell, setzt konfrontative Ankündigung von Gewalt (Drohung mit Gewalt) an einen Adressaten voraus, um gefügig zu machen bzw. den Willen aufzuzwingen oder ein bestimmtes Verhalten auszulösen.
Beim politischen Handeln kann das Bestreben bereits einer Seite eine Eskalation der Sicherheitslage bewirken. Zur Deeskalation bedarf es dagegen des Willens beider Seiten zum Konfliktabbau, d. h. der politischen Verständigungs-/Verhandlungsbereitschaft.
Das Fehlen von Bedrohungen schließt die Existenz von Gefahren nicht aus. Jede gesellschaftliche Organisation muss selbst zur Erkenntnis über mögliche Gefährdungen ihrer Existenz gelangen.
Sicherheit als relativer Zustand Allgemein wird Sicherheit jedoch nur als relativer Zustand der Gefahrenfreiheit angesehen, der stets nur für einen bestimmten Zeitraum, eine bestimmte Umgebung oder unter bestimmten Bedingungen gegeben ist. Im Extremfall können sämtliche Sicherheitsvorkehrungen versagen, etwa bei Vorkommnissen, die sich nicht beeinflussen oder voraussehen lassen (beispielsweise einem Naturereignis). Sicherheit bedeutet daher nicht, dass Beeinträchtigungen vollständig ausgeschlossen sind, sondern nur, dass sie hinreichend (beispielsweise im Vergleich zum allgemeinen „natürlichen“ Risiko einer schweren Erkrankung) unwahrscheinlich sind.