mini|Deutsche Bauchtänzerin Ranin
Orientalischer Tanz (), umgangssprachlich auch Bauchtanz genannt, ist ein seit den 1980er-Jahren in Deutschland etablierter, zumeist von Frauen praktizierter Tanzstil, der ursprünglich aus dem Nahen Osten kommt und über die USA nach Deutschland gelangte. Orientalischer Tanz ist seitens des Deutschen Tanzsportverbandes offiziell als sportliche Disziplin anerkannt, jährlich findet die TAF Deutsche Meisterschaft Orientalischer Tanz statt.
Aufgrund der körperlichen Bewegungen und der mitunter freizügigen Kostüme haftet dem Orientalischen Tanz seit jeher ein verrufenes Image an, das insbesondere in der Bewegung des Feminismus kontrovers diskutiert wurde. Nachdem der Tanz in den 1980er- und 1990er-Jahren ein Trendsport war, ist das Interesse spätestens in den 2000er-Jahren zurückgegangen.
Geschichte des Orientalisches Tanzes in Deutschland Vorgeschichte, Tanz der Ghawazi und Entwicklung des klassisch-orientalischen Tanzes mini|Filmaufnahme zweier Ghawazi-Tänzerinnen auf der Schweizerischen Landesausstellung in Genf, 1896.
Die historischen Anfänge des Bauchtanzes liegen im Dunkeln. Zwar gibt es durch die Geschichte Hinweise, die nahelegen, dass Tanzformen, die dem klassischen Bauchtanz womöglich ähnelten, schon früh in der Geschichte existiert haben, doch kann mangels visueller Belege wie Foto- und Videoaufnahmen über die genaue Art des Tanzes und seine Bewegungen nur spekuliert werden. Gesicherte Erkenntnisse über den Vorläufer des klassischen orientalischen Tanzes liegen seit dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert durch detaillierte Beschreibungen europäischer Orientreisender vor, wobei gesichert ist, dass die sogenannten Ghawazi jene Frühform des Tanzes praktizierten, aus der sich der spätere ägyptische klassisch-orientalische Tanz entwickelte.
Im Rahmen von Völkerschauen wurde diese Frühform des Tanzes ab 1889 bereits in Europa gezeigt, erstmals auf der Weltausstellung in Paris 1889, wo die „Algerische Straße“ neben dem Eiffelturm zum zweiten Publikumsmagnet wurde – der dort gezeigte Bauchtanz wurde als so skandalös betrachtet, dass die Behörden die Schließung des Pavillons in Erwägung zogen, was wiederum für noch mehr Zulauf sorgte.Hannes D Galter: Der Traum der orientalischen Prinzessin, Vortrag in Graz 2019, S. 12f. Auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896 wurde das Konzept im Rahmen der Sonderausstellung „Kairo“ übertragen, wo neben der Darstellung eines Harems auch Bauchtanzvorführungen durch die beiden Tänzerinnen „Laila“ und „Marietta“ stattfanden.Ines Roman: Exotische Welten – Die Inszenierung Ägyptens in der Sonderausstellung "Kairo" der Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1896, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster 2010, S. 64. Die Attraktionen wurden von Besuchern sowohl als anstößig als auch erotisch empfunden.Ines Roman: Exotische Welten – Die Inszenierung Ägyptens in der Sonderausstellung "Kairo" der Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1896, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster 2010, S. 64f., 73.
In den 1920er- bis 1940er-Jahren entwickelte sich in den Kabaretts der Metropolen des Nahen- und Mittleren Ostens und Nordafrika – vor allem in Kairo – professionalisierte sich diese Frühform des Tanzes schließlich und entwickelte sich zum klassisch-orientalischer Tanz. Zu dessen steigender Popularität trug insbesondere die ägyptische Filmindustrie bei, die in den 1940er- bis 1960er-Jahren zahlreiche Filme mit Orientalischen Tänzen produzierte, während gleichzeitig das amerikanisch-europäische Kino Bauchtanz, zumeist von europäischen Schauspielerinnen vorgeführt, in Spielfilmen zeigte, die thematisch mit dem Orient in Verbindung stehen.
Einflüsse aus den USA (1960er – 1970er-Jahre) mini|Sandra Kuhfus, deutsche Meisterin des TAF Deutsche Meisterschaft Orientalischer Tanz 2023.
In den späten 1960er-Jahren begann der Bauchtanz erstmals in den USA als Tanzsportart unterrichtet zu werden, wo er eine hohe Zahl an Kursteilnehmern verzeichnete.Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 18. Ulrike Askari sieht diesen US-amerikanischen Bauchtanz-Trend als Ausläufer des Einflusses der Hippiebewegung der 1960er- und 1970er-Jahre, einer Zeit, in der ein allgemeines Interesse an insbesondere der indischen Kultur, aber auch angrenzenden Kulturräumen in den USA bestand.Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 94f. Anfang der 1970er-Jahre wurde in Kalifornien die erste Bauchtanzschule eröffnet;Rainer Weber: Der Bauch, Spiegel der Seele, Der Spiegel 27/1982, abgerufen am 7. September 2023. der Durchbruch kam in den USA im Jahr 1973 mit dem Buch Getting Clear von Anne Kent Rush, in dem die Autorin ausführte, das Bauchtanz mit der Schöpfung und Geburt zu tun habe, und „weibliche Energie“ stärke.
Von Beginn an haftete dem Bauchtanz das Image der Sexualisierung und Erotisierung an, auch durch Einflüsse westlich-orientalistischer Vorstellungen. Innerhalb der Bauchtanzszene kursierten – auch durch gezielte Werbung – Slogans wie „Tanze Bauch und dein Mann bleibt zuhaus“ und „Make your husband a sultan“ / „Mach deinen Ehemann zum Sultan“.zitiert in: Ingrid Strobl: Bauchtanz – zwischen Harem und Wohnzimmer. In: Emma. Heft 8, 1984, S. 56. Gegen solche Ansichten wehrten sich sowohl professionelle Tänzerinnen, als auch viele Leiterinnen von Tanzkursen, die sich ihrerseits entweder als Künstlerinnen betrachteten, oder sich auf „matriarchale Ursprünge“ des Tanzes beriefen.Ingrid Strobl: Bauchtanz – zwischen Harem und Wohnzimmer. In: EMMA , Heft: 8 / 1984, S. 56. Über die USA erreichte der Bauchtanz schließlich in den 1970er-Jahren auch Westdeutschland und etablierte sich dort in den frühen 1980er-Jahren.Rainer Weber: Der Bauch, Spiegel der Seele, Der Spiegel 27/1982, abgerufen am 7. September 2023.Ingrid Strobl: Bauchtanz – zwischen Harem und Wohnzimmer. In: EMMA , Heft: 8 / 1984, S. 54–61.
Anfänge in Deutschland (1950er – 1970er-Jahre) mini|Tänzerinnen Thoola Tribal, Niwareka, Anja Samim, Maria Shavgurjan und Shirin vom Ensemble Lina beim TAF Deutsche Meisterschaft Orientalischer Tanz 2024.
Über die USA erreichte der Bauchtanz schließlich auch Westdeutschland und etablierte sich dort in den frühen 1980er-Jahren. Zwar sind Anfänge des Bauchtanzes in Westdeutschland spätestens seit den 1950er-Jahren belegt, doch handelte es sich um keine nachhaltigen Strukturen.Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 147. Nach dem Militärputsch im Jahr 1952 in Ägypten gegen König Faruq waren ägyptische Tänzerinnen als Asylsuchende ins Land gekommen, in den 1960er-Jahren folgten Tänzerinnen über die Arbeitsmigrationsabkommen, etwa mit der Türkei. Diese Tänzerinnen boten ihre Kunst bei Veranstaltungen, etwa in türkischen und arabischen Restaurants, nicht aber in Form von Kursen an. Im Nahen Osten wiederum feierte die Deutsche Elfriede Sattler als „Ulfat Sharif“ in den 1950er- und 1960er-Jahren Erfolge als Bauchtänzerin, wobei sie bis in höchste gesellschaftliche Kreise vordrang.Erlebte Geschichten mit Elfriede Sattler – Erlebte Geschichten – Sendungen – WDR 5 – Radio – WDR, 24. Juni 2016, abgerufen am 11. November 2023.
Erste Kursangebote gab es in den 1970er-Jahren in Westdeutschland lediglich für die Ehefrauen von dort stationierten US-amerikanischen Soldaten; die Tanzlehrerinnen kamen aus den USA, wo der Trend sich bereits entfaltet hatte. 1976 bot die Amerikanerin Marta Schill in Frankfurt am Main und Wiesbaden erstmals in Deutschland Kurse an.Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 18. 1982 eröffnete sie die erste deutsche Bauchtanzschule in Bonn-Bad Godesberg, in Westberlin begann 1982 eine US-Amerikanerin namens Emilie in einer US-Militärkaserne Unterricht für US-Soldatenehefrauen zu geben,Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 15. im gleichen Jahr begann die Ägypterin Sawsan an der Tempelhofer Volkshochschule erstmals Kurse in Orientalische Tanz zu geben.
Trend-Entfaltung (1980er-Jahre) mini|Tänzerin 'Emily' bei der Deutschen Meisterschaft 2024 (Video).
Eine ähnliche Entwicklung, die in den USA das Buch Getting Clear von Anne Kent Rush für die Popularisierung des Bauchtanzes in den 1970er-Jahren gehabt hatte, vollzog sich Deutschland 1983 mit der Publikation von „Das Bauchtanz-Buch“Dietlinde Karkutli: Das Bauchtanz-Buch, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002 (1983). von Dietlinde Karkutli (gest. 1994), die als Pionierinnen des deutschen Bauchtanzes gilt.Dietlinde Karkutli: Das Bauchtanz-Buch, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 16. Karkutli hatte an der Seite ihres syrischen Ehemannes Burhan Karkutli mehrere Jahre im Nahen Osten verbracht und dort den Orientalischen Tanz kennengelernt. In Deutschland hatte sie dann an einem Kursangebot in einer US-Militär-Kaserne teilgenommen,Dietlinde Karkutli: Das Bauchtanz-Buch, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 79. bei einer bei amerikanischen Lehrerin gelernt und in Frankfurt am Main schließlich selbst eine Tanzgruppe übernommen;Dietlinde Karkutli: Das Bauchtanz-Buch, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 16, S. 79f. 1980 gründete sie mit Arabeska eine eigene Tanzgruppe und eröffnete später eine gleichnamige Tanzschule für Orientalischen Tanz. Ein Jahr nach der Karkutlis Buchveröffentlichung erschien 1984 das Buch Bauchtanz – Die Schlange und die Sphinx,Wendy Buonaventura: Bauchtanz – Die Schlange und die Sphinx, Frauenbuchverlag, München 1984. eine Übersetzung des im Jahr zuvor erschienenen Werks der britischen Autorin Wendy Buonaventura, dass sich stark auf die geschichtlichen Aspekte des Tanzes fokussierte.Ingrid Strobl: Bauchtanz – zwischen Harem und Wohnzimmer. In: EMMA , Heft: 8 / 1984, S. 54. Beide Bücher stellten die ersten deutschsprachigen Schriften dar, auf die Interessenten zurückgreifen konnten. Ulrike Askari, die 1993 eine Umfragestudie mit 176 Frauen durchführte,Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 153, 155. die Orientalischen Tanz praktizierten, kam zu dem Schluss, dass es einen klaren Zusammenhang mit dem Erscheinen der Bücher von Karkutli und Buenaventura und dem Tanzbeginn der befragten Frauen gab.Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 161.
Ab 1984 begannen deutsche Frauen entscheidend in die Entwicklung des Bauchtanzes in Deutschland einzugreifen;Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 19. Beata Zadou eröffnete das erste Bauchtanzstudio Berlins.Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 19, 46. Es folgten weitere Gründungen von Tanzgruppen und Eröffnungen von Tanzstudios durch andere Tänzerinnen in vor allem Großstädten in Deutschland. In Berlin wurden Kurse wurden sowohl in Volkshochschulen, Fitness-Centern, alternativen Frauen-Zentren und sogar im Universitätssport angeboten.Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 31. 1988 gründete Dietlinde Karkutli das jährliche Orientalische Tanzfestival Europa (OTFE).Information über Ausbilderinnen von Hildegard Wirtz Simmerath (orient-tanzstudio.de) darunter Karkutli, abgerufen am 8. September 2023.
Eine von Ulrike Askari im Winter 1990/1991 in Westberlin durchgeführte und 1993 publizierte StudieUlrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993. ergab, dass von 176 befragten Frauen 15 % der Teilnehmerinnen mit dem Bauchtanz bis einschließlich 1984 begonnen hatten, 68 % in den Jahren 1985–1989, der Rest nach 1989.Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 160. Askari ging von mindestens eintausend Frauen aus, die im Jahr 1990 in Berlin professionell und als Freizeitaktivität Bauchtanz tanzten.Ulrike Askari: Bauchtanz – Ein Trend mit Folgen?, Das Arabische Buch, Berlin 1993, S. 71f.