mini|Jefferson während seiner Zeit als Botschafter in Frankreich (auf einem Besuch in London, Mather Brown, 1786) Notes on the State of Virginia (zu Deutsch etwa: Betrachtungen über den Staat Virginia) ist das einzige Buch des späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten Thomas Jefferson. Es wurde 1785 in Paris veröffentlicht und ist ein Sachbuch, das trotz seines Titels nicht nur den Bundesstaat Virginia, sondern große Teile Nordamerikas behandelt.
Hintergrund François Barbé-Marbois, ein Beamter in der französischen Botschaft an die neu gegründeten Vereinigten Staaten, bat im Oktober 1780 Vertreter aller Dreizehn Kolonien um umfassende Berichte über die Geschichte, Wirtschaft, Kultur und Geographie ihrer Heimat. Jefferson, damals noch der Gouverneur von Virginia, übernahm diese Aufgabe für sein Bundesstaat, war jedoch von seinen Amtstätigkeiten behindert – immerhin war die britische Armee zum zweiten Mal in Virginia einmarschiert. Dem sein Leben lang zum Intellektuellem geneigten Jefferson lag das Schreiben dieses Berichtes jedoch näher als das Führen eines Krieges. Am 1. Juni 1781 trat er vom Gouverneursamt zurück, nachdem er einen Tag zuvor vor den Briten von seiner Plantage Monticello auf die Plantage Poplar Forest geflohen war. Nach weiteren politischen Misserfolgen und dem Tod seiner Frau Martha Jefferson im Herbst 1782 nach Komplikationen in der Geburt ihres siebten Kindes im vergangenen Mai erlebte Jefferson einen Tiefpunkt in seinem Leben und schottete sich mehrere Monate lang von der Außenwelt ab. Mehrere seiner Freunde befürchteten einen Suizid. Der Vorwurf, Virginia in dessen dunkelster Stunde verlassen zu haben, begleitete ihn für den Rest seiner politischen Laufbahn. In Poplar Forest widmete er sich – auch als Bewältigungsstrategie – der Arbeit an den Notes on the State of Virginia. Für Jefferson war das Verfassen der Notes nicht nur eine Gelegenheit, über seinen Heimatstaat nachzudenken und zu reflektieren, was Europäer über Amerika wissen wollten. In ihnen legte er auch seine Überzeugungen dar und formulierte seine Vision einer guten Gesellschaft mit freiheitsliebenden, ehrlichen und republikanisch gesinnten Landwirten.R. B. Bernstein: Thomas Jefferson. Oxford University Press, New York u. a. 2005, S. 50 Zu den von Marbois 22 vorgegebenen Themen fügte Jefferson das Klima Virginias hinzu. Diese erste Fassung schickte er im Dezember 1781 an Marbois, der sie erst im April erhielt. Jefferson arbeitete jedoch weiter. Insgesamt entstanden zwischen 1780 und 1787 fünf Versionen der Notes. Abschnitt Composition of NotesRobert P. Forbes: Introduction In: Notes on the State of Virginia: An Annotated Edition, S. xix–lx, hier S. xxix–xxxvRobert A. Ferguson: “Mysterious Obligation”: Jefferson’s Notes on the State of Virginia, hier: S. 387
Währenddessen bereitete Jefferson in Absprache mit dem Sekretär des Kontinentalkongresses Charles Thomson, dessen Kommentare später zu einem Anhang wurden, die Veröffentlichung der Notes vor, wodurch 1783 in Philadelphia die zweite Fassung entstanden war. Etwa zwei Jahre später schickte Jefferson die dritte Fassung, die als erste gedruckt werden sollte und eine Auflage von 200 Kopien hatte, an den Drucker Phillipe-Denis Pierres in Paris. Er war zu dem Zeitpunkt als Botschafter in Frankreich. Jefferson ließ es allerdings aus unbekannten Gründen fälschlicherweise mit dem Datum 1783 veröffentlichen und änderte es später sogar auf 1782. In Frankreich entstand auch die vierte Version in französischer Sprache, übersetzt vom französischen philosophe André Morellet und erschienen 1787 beim französischen Verleger Louis-François Barrois unter dem Titel Observations sur la Virginie.Dorothy Medlin: Thomas Jefferson, André Morellet, and the French Version of Notes on the State of Virginia In: The William and Mary Quarterly, Band 35 (1978), S. 85–99 Die fünfte Version war die erste englischsprachige Fassung im englischen Buchhandel und erschien bei John Stockdale in London. Noch Jahre später arbeitete Jefferson an einer sechsten Fassung, verwarf die Idee allerdings 1814. Bei seinen umfangreichen Erweiterungen strich Jefferson in etwa 6300 Wörter. In den kommenden Jahren erschienen auch Ausgaben auf Deutsch, Spanisch und Italienisch sowie in den Vereinigten Staaten. Abschnitt Revision and ExpansionRobert P. Forbes: Introduction In: Notes on the State of Virginia: An Annotated Edition, S. xix–lx, hier S. xix–xxi, xxv, xxvii–xxviii
Inhalt Struktur Die Notes on the State of Virginia sind in 23 Teile gegliedert:
Es folgen zwei Anhänge. Abschnitt Structure and Content
Trotz seines Titels beschränken sich die Notes on the State of Virginia weder auf Virginia noch die Vereinigten Staaten, sondern behandeln mehrfach große Strecken des nordamerikanischen Kontinents. Nachdem Jefferson die Grenzen Virginias zieht (Die Bundesstaaten Kentucky und West Virginia, die sich erst später von Virginia abgetrennt hatten, mit einbezogen), beschreibt er die natürlichen Begebenheiten Virginias. Darauf folgen Ausführungen über die Bevölkerung Virginias, ihr Militär, die Ureinwohner sowie Bevölkerungszentren. Als Überleitung von der Natur auf das Volk wählt Jefferson das Klima, das ihm zufolge maßgeblich von den europäischen Siedlern mitgeprägt worden sei. In den nächsten Kapiteln behandelt Jefferson den Staat Virginia und seine Institutionen, vor allem unter dem Titel Manners die Sklaverei. Daraufhin erörtert Jefferson die wirtschaftliche Lage der ehemaligen Kolonie. Zuletzt schildert er die Historiographie Virginias.Robert P. Forbes: Introduction In: Notes on the State of Virginia: An Annotated Edition, S. xix–lx, hier S. xxviRobert A. Ferguson: “Mysterious Obligation”: Jefferson’s Notes on the State of Virginia, hier: S. 395
Kultur in Amerika Jefferson versuchte in seinen Notes, den eigenständigen kulturellen Wert Amerikas gegenüber Europa zu behaupten. Zu diesem Zwecke führte er auch biologische Argumente gegen die Degenerationsthese des berühmten Naturwissenschaftlers Georges-Louis Leclerc de Buffon ins Feld. Diese besagte nämlich, dass Tierarten der Neuen Welt auf Grund der klimatischen Bedingungen jenen der Alten Welt unterlegen seien und implizierte auch eine kulturelle und politische Unterlegenheit europäischer Kolonisten gegenüber den Bewohnern Europas. Hierzu sammelte Jefferson Daten über die Größe verschiedener Tierarten aus der Alten Welt und deren Pendants in der Neuen Welt. Auch forschte er an urzeitlichen Tieren wie dem Mammut, dessen erste Ausgrabungen er maßgeblich förderte. In diesem Kontext versuchte er auch, die „Rote Rasse“, also die Indianer zu verteidigen. Sie seien natürlich „Barbaren“ und weniger zivilisiert als die Europäer, seien vom Kontakt mit ihnen jedoch maßgeblich geschwächt worden. Dennoch habe sie mehrere Genies hervorgebracht, z. B. Redner, die man mit Cicero und Demosthenes vergleichen könne. Die Knochen eines nordamerikanischen Elches sandte er sogar direkt an Buffon, der kurz darauf im April 1788 verstarb und seine eigenen Aussagen nicht vollständig revidieren konnte.Robert P. Forbes: Introduction In: Notes on the State of Virginia: An Annotated Edition, S. xix–lx, hier S. xxxvi–xxxviiiWilliam D. Richardson: Thomas Jefferson & Race: The Declaration & Notes on the State of Virginia, S. 447–466, hier: S. 454–456
Ein weiteres seiner Ziele war der Angriff auf den Philosophen Guillaume Thomas François Raynal, der in den ersten Ausgaben seiner Geschichte zweier Indien die kulturelle Unterlegenheit der Kolonisten gegenüber der Alten Welt behauptet hatte. Der Kontinent habe weder gute Wissenschaftler noch Künstler hervorbringen können. Diese Aussage diente der Entwertung der Europäischen Kolonisierung Amerikas, die Raynal im Lichte der Sklaverei und der Behandlung der Indianer als eine Grausamkeit wertete. Später, vor allem nach der Amerikanischen Revolution, nahm er solche Aussagen zurück und erklärte den Kampf der Kolonisten für ihre Freiheit zur Sache der gesamten Menschheit. Ungeachtet dessen greift Jefferson Raynal für seine fehlende Wertschätzung US-amerikanischer Wissenschaftler wie Benjamin Franklin und David Rittenhouse an. Robert P. Forbes meint, dass solcher Nationalstolz Kritik über die Verbrechen europäischer Kolonisten hinwegtäuschen sollte. Er hebt hervor, dass Jefferson keine amerikanischen Künstler verteidigt, obwohl die ehemalige Sklavin Phillis Wheatley sogar die Aufmerksamkeit Voltaires erregt hatte.Robert P. Forbes: Introduction In: Notes on the State of Virginia: An Annotated Edition, S. xix–lx, hier S. xxxviii–xxxix
Auch die Befürchtungen von Richard Price über die Abhängigkeit der US-Amerikaner vom Handel mit Europa, vor allem dem transatlantischen Sklavenhandel, nimmt Jefferson auf. An mehreren Stellen sind klare Parallelen zwischen beiden Werken erkennbar. Forbes zufolge beziehe sich auch einer der bekanntesten Stellen der Notes, die vor einem göttlichen Eingreifen gegen die Sklaverei warnt, auf Price.Robert P. Forbes: Introduction In: Notes on the State of Virginia: An Annotated Edition, S. xix–lx, hier S. xxxix–xlii
Afroamerikaner
Mehrere Aussagen in den Notes drücken Jeffersons Glauben an den Abolitionismus aus, den er, wenn auch mit wenig Elan und Erfolg, politisch vertrat. Damit nahm er allerdings keine Vorreiterrolle ein; ein Großteil der Gründerväter hatte Bedenken über diese Institution. Zugleich vertritt er in den Notes allerdings die rassistische These der geistigen und körperlichen Unterlegenheit der Schwarzen gegenüber den Weißen, die der Begründung der Sklaverei diente.Robert P. Forbes: Introduction In: Notes on the State of Virginia: An Annotated Edition, S. xix–lx, hier S. xlii–xliv
Dabei bezog er sich auf den Somerset-Fall, bei dem der britische Richter Lord Mansfield die Sklaverei in England zu einem Verbrechen erklärt hatte. Sie sei so unmoralisch, dass sie durch ein Gesetz explizit legalisiert werden müsse. Jefferson erläuterte daher das virginische Recht bezüglich der Sklaverei und verteidigt diese. Schwarze seien zwar Menschen mit natürlichen Rechten, man müsse jedoch auch das herkömmliche Recht beachten. Das Eigentumsrecht des weißen Herren dürfe nicht verletzt werden, um dem Freiheitsrecht des schwarzen Sklaven nachzukommen. Zudem versuchte er, die Unterlegenheit der Schwarzen zu zeigen. Jefferson nutzt die Rhetorik der Aufklärung, die Liebe der Vernunft, um die Versklavung der angeblich vernunftlosen Schwarzen zu begründen. Er behauptet, dass man seine Liebe zur Freiheit aufgeben müsse, um die Schönheit der Menschheit zu bewahren. Dass diese Unterschiede mit der Natur ihrer „Rasse“ (Jefferson definiert diesen Begriff nie) zu erklären sei, hält Jefferson für offensichtlich. Forbes meint, dass die schiere Irrationalität Jefferson hier als Argument dient. Die Unterlegenheit der Schwarzen erkläre er beinahe zum religiösen Credo. Dass dies wissenschaftlich nicht beweisbar ist, gibt Jefferson sogar implizit zu und ermahnt dennoch seine Landsleute dafür, solche wissenschaftliche Untersuchungen an den „Rassen der Schwarzen und Roten“ nicht durchgenommen zu haben. Hiermit stellt er sie auf die gleiche Ebene wie Nutztiere, an denen ebenfalls Experimente durchgeführt werden sollten.Robert P. Forbes: Introduction In: Notes on the State of Virginia: An Annotated Edition, S. xix–lx, hier S. xlv–lWilliam D. Richardson: Thomas Jefferson & Race: The Declaration & Notes on the State of Virginia, S. 447–466, hier: S. 458, 461–465