Als Alternativmedien werden Medien bezeichnet, die sich in irgendeiner Weise von etablierten Massenmedien beziehungsweise dem medialen Mainstream unterscheiden. Der Begriff ist in der Medienwissenschaft nicht trennscharf definiert und wurde zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich verwendet. Wissenschaftlich werden Medien nach verschiedenen Kriterien, die unter anderem sowohl den Inhalt als auch Organisationsstrukturen sowie Form und Gestalt betreffen, als Alternativmedien beschrieben. Während der Begriff zunächst hauptsächlich für linke Medien genutzt wurde, werden inzwischen vermehrt auch rechtspopulistische und rechtsextreme Medien als Alternativmedien bezeichnet. Auch für die Verbreitung von Verschwörungstheorien sind einige Medien, die sich selbst als Alternative zur traditionellen Öffentlichkeit, besonders zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk und zu überregionalen Tageszeitungen, verstehen, bedeutend.

Definitionen und Abgrenzung zum Mainstream In der Forschungsliteratur werden Medien, die sich vom politischen, gesellschaftlichen oder medialen Mainstream abgrenzen, als Alternativmedien bezeichnet.Daniel Vogler, Lisa Schwaiger et al.: Falschinformationen, Alternativmedien und Verschwörungstheorien – Wie die Schweizer Bevölkerung mit Desinformation umgeht. Bericht für das Bundesamt für Kommunikation, Universität Zürich, 2021, S. 9. Darüber, worin das Alternative an den Alternativmedien besteht, gibt es keinen Konsens. Eine klare dichotome Unterscheidung zwischen journalistischen Medien und Alternativmedien gilt als kaum möglich, eher handelt es sich um ein Kontinuum.Fabian Prochazka: Vertrauen in Journalismus unter Online-Bedingungen. Zum Einfluss von Personenmerkmalen, Qualitätswahrnehmungen und Nachrichtennutzung. Springer VS, Wiesbaden 2020, S. 22. Wissenschaftler beschreiben sie nach Kriterien, die ihre Organisationsstrukturen, ihre Abläufe und ihre Form und Gestalt betreffen, als alternativ. Demnach sind Alternativmedien etwa in unabhängigem oder kollektivem Eigentum und Management statt unternehmerisch geführt, horizontal organisiert oder in Selbstverwaltung statt vertikal-hierarchisch organisiert, mit kleinem Budget in Produktion und Vertrieb, in ihrer Berichterstattung oft einzelnen Gemeinschaften verbunden, oft mit gemeinnütziger und nicht-kommerzieller Ausrichtung statt gewinnorientiert und werbefinanziert oder agieren in kleinem Maßstab statt für Massen.Jennifer Rauch: Are There Still Alternatives? Relationships Between Alternative Media and Mainstream Media in a Converged Environment. In: Sociology Compass 10 (2016), Nr. 9, S. 756–767, hier S. 757. Die Medienwissenschaftlerin Jennifer Rauch gliedert die Unterschiede zwischen Mainstream- und Alternativmedien nach Form und Inhalt: Formal weisen Alternativmedien oft eine nicht-kommerzielle Ausrichtung aus, eine kollektive Organisation mit flachen Hierarchien und einem lockeren Netzwerk von Autoren, dem Nichtvorhandensein professionalisierter Rollen (Bürger-Journalismus) und einer geringeren Reichweite.Jennifer Rauch: Exploring the Alternative–Mainstream Dialectic: What “Alternative Media” Means to a Hybrid Audience. In: Communication, Culture and Critique 8, Heft 1, (2015), S. 124–143, hier S. 126.

Eine einheitliche Definition wurde von Stavros Arabatzis in „Alternativmedien“: Ursprung der Gegenöffentlichkeit auf der Basis einer Archäologie der Gegenöffentlichkeit formuliert: Arabatzis stellt die Alternativmedien, die er als gegenimperative Medien identifiziert, der dynamisch-ontischen „Medienmaschine des Werdens“ und der ontisch-ontologischen „Medienmaschine des Seins, Werdens, Geschehens und der Dialektik“ gegenüber. In diesem theoretischen Kontext meinen die Alternativmedien entsprechend der Definition von Arabatzis „Medienresistenz, den gegenimperativen Widerstand, der heute von den Alternativmedien in ihrer kritischen Gegenöffentlichkeit mehr oder weniger praktiziert“ werde. Entsprechend der Soziologin Marisol Sandoval ist nach dialektischem Verständnis alternativer Medien herrschaftskritischer Inhalt eine notwendige Voraussetzung für die Alternativität eines Mediums. Die Alternativität bestehe darin, dass herrschenden Meinungen kritische Sichtweisen entgegengesetzt werden. Ziel sei dabei nicht nur die Demokratisierung des Mediensystems, sondern „die Demokratisierung und Emanzipation der Gesellschaft“.Marisol Sandoval: Warum es an der Zeit ist, den Begriff der Alternativmedien neu zu definieren. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 87, September 2011, S. 139–148, hier: S. 145.

Früher wurde der Begriff vor allem für linke Medien verwendet, denen es darum ging, Gegenöffentlichkeit herzustellen. Beispiele hierfür sind die Alternativzeitschriften der 1970er und 1980er Jahre. Es gibt aber auch rechte Medien, die so bezeichnet werden.Fabian Prochazka: Vertrauen in Journalismus unter Online-Bedingungen. Zum Einfluss von Personenmerkmalen, Qualitätswahrnehmungen und Nachrichtennutzung. Springer VS, Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-658-30226-9, S. 21. Inzwischen beanspruchen rechtsextreme und rechtspopulistische Portale wie Altermedia, unzensuriert.at oder PI-News die Bezeichnung Alternativmedien für sich. Die vielbeachtete Definition von Kristoffer Holt, Tine Ustad Figenschou und Lena Frischlich orientiert sich nicht an ideologischen Linien. Diese Autoren schlagen eine Definition vor, für die die Selbstwahrnehmung als Korrektiv traditioneller, herkömmlicher und Mainstream-Nachrichtenmedien erstes Kriterium ist. Demnach ergebe sich die Alternativität eines Mediums aus seiner Beanspruchung einer Gegen- oder Komplementärposition zu bestimmten Hegemonien.Kristoffer Holt, Tine Ustad Figenschou und Lena Frischlich: Key Dimensions of Alternative News Media. In: Digital Journalism, 7 (2019), Heft 7, S. 860–869, hier 862f. doi:10.1080/21670811.2019.1625715.

Inhaltlich legen Alternativmedien typischerweise den Fokus auf oppositionelle oder radikale Politik sowie auf Themen, Gruppen und soziale Bewegungen, die im Mainstream real oder ihrer Meinung nach zu wenig beachtet werden. Meist haben Alternativmedien den Anspruch, ihre Konsumenten für ein soziales oder politisches Anliegen zu mobilisieren. Daher sprechen sie meist nur spezialisierte Teilöffentlichkeiten an.Fabian Prochazka: Vertrauen in Journalismus unter Online-Bedingungen. Zum Einfluss von Personenmerkmalen, Qualitätswahrnehmungen und Nachrichtennutzung. Springer VS, Wiesbaden 2020, S. 21 f. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Joshua D. Atkinson (Bowling Green State University) sieht eine bedeutende Rolle von Alternativmedien für sozialen Aktivismus und Protestgemeinschaften. Als Beispiele nennt er die Tea-Party-Bewegung und Occupy Wall Street, die es ohne Alternativmedien nicht geben würde. Dennoch sei zwischen Alternativmedien und activist media zu unterscheiden, auch wenn es Überschneidungen gebe.Joshua D. Atkinson: Journey into Social Activism. Chapter seven: Alternative Media. Fordham University Press, New York 2017, S. 173–196. Als Alternativmedien („alternative media“) bezeichnet er Nachrichten, die von Aktivisten produziert werden. Solche Medien übten Kritik an herrschenden Machtstrukturen, unterschieden sich in der Produktion von Mainstreammedien oder würden vom Publikum als alternativ und unterschiedlich vom medialen Mainstream interpretiert. Activist media werde genutzt, um die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Problem zu lenken, etwas bekannt zu machen oder zu reframen. Dementsprechend könne activist media auch in Kunst, die zu Protesten genutzt werde, oder in Hacktivismus bestehen.Joshua D. Atkinson: Journey into Social Activism. Fordham University Press, New York 2017, S. 45f.

Laut der Medienwissenschaftlerin Lisa Schwaiger hat der digitale Wandel dem Begriff der Alternativmedien „eine neue Rahmung verschafft“. Da sie vor allem die „partizipativen Möglichkeiten des Internets“ nutzen, können sie zwar als „Chance für deliberative Prozesse“ betrachtet werden, in der aktuellen Forschung werden sie jedoch „vor allem negativ konnotiert und als gefährlich für die soziale Ordnung respektive Demokratie eingestuft“.Lisa Schwaiger: Gegen die Öffentlichkeit: Alternative Nachrichtenmedien im deutschsprachigen Raum. transcript, Bielefeld 2022, S. 11.

Auch die Wikipedia kann aufgrund ihrer Organisationsform, der Rolle von Nutzern als Produzenten und ihrem Non-Profit-Gebot als alternatives soziales und digitales Medium bezeichnet werden.Christian Fuchs, Marisol Sandoval: The Political Economy of Capitalist and Alternative Social Media. In: Chris Atton (Hrsg.): The Routledge Companion to Alternative and Community Media. Routledge, London 2015, S. 165–175, hier S. 171. Nach Chris Atton bieten Alternativmedien wie Wikipedia und Indymedia Beteiligung an der Medienproduktion an, ermutigen Amateure und erkennen deren Wissen und Expertise an. Im Unterschied dazu seien die Massenmedien entsprechend den Kritiken der Glasgow University Media Group und von Edward S. Herman und Noam Chomsky elitäre Institutionen, die nur professionelles und institutionalisiertes Wissen anerkennen.Chris Atton: Alternative media theory and journalism practice. In: Megan Boler (Hrsg.): Digital media and democracy: Tactics in hard times. 2008, S. 213–228, hier: S. 216.

Typologien mini|Britische und amerikanische Punk-Fanzines gehören entsprechend der Typologie von Sandra Jeppesen zu den Alternativmedien des Typs DIY media & Culture Die Medienwissenschaftlerin Sandra Jeppesen entwarf eine Typologie alternativer Medien: Sie unterscheidet zwischen DIY media & Culture (DIY und Kultur), Community & Citizen Media (Gemeinschaft und Bürgermedien), Critical Media (kritische Medien) und Autonomous & Radical Media (autonome und radikale Medien), denen sie jeweils theoretische Grundlagen zuordnet. Als grundlegend für Alternativmedien der Kategorie DIY media & Culture erachtet sie die Birmingham School of cultural studies mit dem Schlüsseltext Subculture: the Meaning of Style von Dick Hebdige. Sie basieren auf einer linkslibertären oder individualistischen Ideologie. Ein Beispiel für Alternativmedien dieses Typs sind Zines aus der Punk-Szene. Medien des Typs Community & Citizen Media sind aus der Communication for Social Change hervorgegangen und beziehen die Partizipation der Mitglieder einer Community in allen Abläufen, insbesondere bei der Planung und Entscheidungsfindung von Medieninitiativen, ein. Für Alternativmedien des Typs Critical Media ist die kritische Theorie der Frankfurter Schule grundlegend, ein bedeutender Text zu diesem Typ alternativer Medien ist Foundations of Critical Media and Information Studies von Christian Fuchs. Er beschreibt Alternativmedien als Massenmedien, die die dominanten kapitalistischen Formen der Medien herausfordern. Kern dieser Alternativmedien ist die Förderung einer habermasianischen öffentlichen Sphäre. Der theoretische Hintergrund zu Autonomous & Radical Media kommt aus der sozialanarchistischen und antiautoritären Theorie. Ein grundlegender Text ist Radical Media von John D. H. Downing. In dem ideologischen Rahmen von Sozialanarchismus und Antiautoritarismus betonen sie, entsprechend der Vorstellung, dass die Befreiung des Einzelnen mit der Befreiung aller verbunden ist, den Wert kollektiver Autonomie.Sandra Jeppesen: Understanding Alternative Media Power: Mapping Content & Practice to Theory, Ideology, and Political Action. Democratic Communiqué, 27 (2016), Nr. 1, S. 54–77.

Lisa Schwaiger hat für ihre Dissertation für den Zeitraum 2018/19 deutschsprachige Internetseiten mit Nachrichtencharakter via Google erfasst, die für sich den Anspruch erhoben, alternativ bzw. frei, unzensiert oder unabhängig zu sein. Aus den so identifizierten 178 Websites unterzog sie 56 einer qualitativen Inhaltsanalyse auf Grundlage der Grounded Theory und kam so zu einer Typologie:Lisa Schwaiger: Gegen die Öffentlichkeit: Alternative Nachrichtenmedien im deutschsprachigen Raum. transcript, Bielefeld 2022, S. 249 ff.