Das Zerstörergeschwader 1 war ein Verband der Luftwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Als Zerstörergeschwader verfügte es überwiegend über zweimotorige Jagdflugzeuge wie die Messerschmitt Bf 110 und deren Nachfolgemodelle, die auch als schwere Jäger bezeichnet wurden und als Begleitschutz für Bomberverbände oder als Schlachtflieger eingesetzt wurden. Das Geschwader beteiligte sich am Überfall auf Polen, der Besetzung Dänemarks und Norwegens, dem Westfeldzug, dem Deutsch-Sowjetischen Krieg und dem Afrikafeldzug. Am 16. Juli 1944 wurde es aufgelöst.

Aufstellung Das Zerstörergeschwader 1 entstand mit der Bildung der I. Gruppe am 1. Mai 1939 nach dem neuen Benennungsschema der Luftwaffe aus dem am 1. November 1938 in Jüterbog-DammHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 314–315, abgerufen am 12. November 2023. () aufgestellten Zerstörergeschwader 141. Aus der I./ZG 141 entstand die I./ZG 1. Die II. Gruppe des ZG 1 bildete sich am 1. Mai 1939 aus der I. Gruppe des Jagdgeschwaders 54 in FürstenwaldeHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 198–200, abgerufen am 12. November 2023. (). Ein Geschwaderstab und eine III. Gruppe wurden nicht aufgestellt. Diese erste Aufstellung des Geschwaders wurde im Juni 1940 wieder aufgelöst.

Am 4. Januar 1942 wurde in LechfeldHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 382–384, abgerufen am 12. November 2023. () ein Geschwaderstab Zerstörergeschwader 1 gebildet, in dem der Geschwaderstab des Schnellkampfgeschwaders 210 entsprechend umbenannt wurde. Die I. Gruppe war die ehemalige I. Gruppe des Schnellkampfgeschwaders 210 und die II. Gruppe die ehemalige II. Gruppe des Schnellkampfgeschwaders 210. Eine III. Gruppe entstand neu in Lechfeld aus ehemaligen Aufklärungsfliegern. Zusätzlich entstanden noch eine 10., 11. und 12. Staffel ohne Gruppenstab, eine Panzerjägerstaffel und eine Ergänzungsstaffel.

Vor Kriegsbeginn war das Geschwader noch mit der einmotorigen Messerschmitt Bf 109 ausgestattet, bevor es die zweimotorige Messerschmitt Bf 110 bekam. Deren Nachfolgemodelle Messerschmitt Me 210 und Messerschmitt Me 410 erreichten das Geschwader in der Zeit nach der Neuaufstellung. Die III. Gruppe flog mit der Junkers Ju 88C, einer Nachtjagdvariante dieses Flugzeugmusters. Die Geschwaderkennung war 2N und bei der zweiten Aufstellung S9.

Gliederung Der Geschwaderstab führte am 1. September 1939 die I. bis II. Gruppe die wiederum in Staffeln unterteilt waren. Die 1. bis 3. Staffel gehörte der I. Gruppe und die 4. bis 6. Staffel der II. Gruppe an. Jede Staffel, geführt durch einen Staffelkapitän, war in drei Schwärme mit je zwei Rotten zu je zwei Flugzeugen unterteilt. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Zerstörergruppe von 36 Flugzeugen in den drei Staffeln + 4 Flugzeuge für den Gruppenkommandeur und seinen Stab. Dies ergab bei zwei Zerstörergruppen eine Sollstärke von 80 Flugzeugen, + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab. Daraus ergab sich eine Sollstärke von 84 Flugzeugen.

Geschichte Überfall auf Polen Die I. und II. Gruppe des Zerstörergeschwaders 1 waren bei Beginn des Überfalls auf Polen der 1. Fliegerdivision der Luftflotte 1 unterstellt.Bernhard R. Kroener: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 5/1, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, ISBN 3-421-06232-3, S. 719.

Die I. Gruppe verfügte über das neue Flugzeugmuster Messerschmitt Bf 110 C-1, einem Flugzeug mit je zwei Motoren Daimler-Benz DB 601 B-1 mit je 1100 PS, einer Höchstgeschwindigkeit von 560 km/h, einer Reichweite unter optimalen Bedingungen von 1300 km und vier 7,92-mm-MG 17, zwei 20-mm-MG FF/M in der Nase und ein bewegliches 7,92-mm-MG 15 im Kanzelheck.E.R. Hooton: Luftwaffe at War; Gathering Storm 1933–39 Volume 1. London: Chevron/Ian Allan. ISBN 978-1-903223-71-0, S. 94 Sie lag auf dem Fliegerhorst Mackfitz.Henry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 382–384, abgerufen am 12. November 2023. () und flog überwiegend Begleitschutzeinsätze für die Kampf- und Sturzkampfverbände oder führte Tieffliegereinsätze im Bereich der 4. Armee der Heeresgruppe Nord durch.E.R. Hooton: Luftwaffe at War; Gathering Storm 1933–39 Volume 1. London: Chevron/Ian Allan. ISBN 978-1-903223-71-0, S. 94 Am Morgen des 1. September standen ihr 32 Flugzeuge zur Verfügung, davon 27 einsatzbereit.

Die II. Gruppe, die mit 48 Messerschmitt Bf 109 E-1 und E-3 ausgestattete war, da nicht genügend Messerschmitt Bf 110 zur Verfügung standen, hatte ihre Basis auf dem Fliegerhorst Frankfurt/Oder.Henry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 184–185, abgerufen am 17. November 2023. () und kam nicht zum Einsatz.

Besetzung Dänemarks und Norwegen Die I. Gruppe nahm anschließend an der Besetzung von Dänemark und Norwegen teil. Vom Fliegerhorst MarxHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 432–433, abgerufen am 17. November 2023. () nahm sie am frühen Morgen des 9. April 1940, zusammen mit dem Kampfgeschwader 4 an einem Demonstrationsflug über die dänische Hauptstadt Kopenhagen teil. Anschließend flog sie einen Luftangriff auf die dänische Luftwaffenbasis in Værløse, bei dem mehrere Fokker D.XXI und Fokker C.V zerstört wurden.E.R. Hooton: Phoenix Triumphant; The Rise and Rise of the Luftwaffe. London: Arms & Armour Press. ISBN 978-1-85409-181-9, S. 222 Anschließend wechselte sie auf den Fliegerhorst Aalborg und beteilige sich an der Abwehr von Luftangriffen des britischen Bomber Command, bei dessen Einflügen über die Nordsee.E.R. Hooton: Phoenix Triumphant; The Rise and Rise of the Luftwaffe. London: Arms & Armour Press. ISBN 978-1-85409-181-9, S. 227

Westfeldzug Vom 10. Mai 1940 bis zum 25. Juni nahm das Geschwader am Westfeldzug teil. Dazu war es dem Jagdfliegerführer 2 der Luftflotte 2 unterstellt. Während die I. Gruppe am 10. Mai mit 35 Messerschmitt Bf 110, davon 22 einsatzbereit in KirchhellenHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 337–338, abgerufen am 18. November 2023. () lag, startete die II. Gruppe mit 36 Bf 110, davon 26 einsatzbereit von GüterslohHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 253–255, abgerufen am 18. November 2023. () aus zu den Einsätzen.

Erste Einsätze des Geschwaders dienten der Ausschaltung der niederländischen Luftwaffe während der Schlacht um die Niederlande. Anschließend wehrte das Geschwader Luftangriffe des britischen Bomber Command auf Waalhaven und den Albert-Kanal ab.Brian Cull, Bruce Lander, Heinrich Weiss: Twelve Days in May, London, Grub Street Publishing, ISBN 978-1-902304-12-0, S. 17 Mehrere Bristol Blenheim Bomber der No. 600 Squadron, No. 18 Squadron und der No. 53 Squadron wurden dabei abgeschossen. In den folgenden Tagen griff das Geschwader Militärflugplätze der niederländischen Luftwaffe in Haamstede, Vlissingen und Oostvoorne an.Brian Cull, Bruce Lander, Heinrich Weiss: Twelve Days in May, London, Grub Street Publishing, ISBN 978-1-902304-12-0, S. 100

In den folgenden Tagen verlagerte sich der Kampfraum des Geschwaders auf belgisches Gebiet. In der Schlacht um Belgien, kam es häufig zu Luftkämpfen mit britischen Bomber- und Jagdfliegereinheiten die vom nahen Vereinigten Königreich aus in die Kämpfe eingriffen. Auch bekämpfte das Geschwader in der Schlacht um Dünkirchen die Evakuierung alliierter Soldaten nach Großbritannien.Norman Franks: Air Battle for Dunkirk, 26 May – 3 June 1940, London, Grub Street, ISBN 1-904943-43-8, S. 188 Inzwischen lag die I. Gruppe in Norrent-FontesHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45, France (with Corsica and Channel Islands), S. 271–272, abgerufen am 18. November 2023. (), im besetzten französischen Gebiet, während die II. Gruppe von Trier-EurenHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 650–652, abgerufen am 18. November 2023. () aus operierte.

Nach Beendigung des Westfeldzuges wurde die I. Gruppe in I./Nachtjagdgeschwader 1 umbenannt. Die II. Gruppe erhielt die neue Bezeichnung III./Zerstörergeschwader 76.

Deutsch-Sowjetischer Krieg 1942 Am 4. Januar 1942 wurde das Schnellkampfgeschwader 210 mit der I. und der II. Gruppe in Zerstörergeschwader 1 mit der I. und II. Gruppe umbenannt. Der Geschwaderstab und die I. Gruppe lagen zu dieser Zeit in Lechfeld, die II. Gruppe in Briansk im vom NS-Staat besetzten Teil Russlands. Der Stab und die beiden Gruppen waren mit der Messerschmitt Bf 110 ausgestattet, überwiegend in der Version F-2. Die III. Gruppe bildete sich im Januar 1942 ebenfalls in Lechfeld aus ehemaligen Nahaufklärungsstaffeln. Sie war mit der Messerschmitt Bf 109E-7 ausgestattet.

Die II. Gruppe war dem VIII. Fliegerkorps, im Mittelabschnitt der Ostfront unterstellt. Sie war im Brennpunkt der Schlacht um Moskau eingesetzt, und stemmte sich gegen die Rschew-Wjasmaer Operation der Roten Armee zur Befreiung der westlich von Moskau gelegenen Gebieten. Obwohl aufgrund des Wetters nicht immer geflogen werden konnte, fiel am 3. Februar der Gruppenkommandeur Hauptmann Rolf Kaldrack, als er mit seiner Messerschmitt Bf 110E-1 (Geschwaderkennung S9+IC) mit einer MiG-1 in der Luft kollidierte und bei Bassary abstürzte. Er erhielt postum das Eichenlaub zum Ritterkreuz. Sein Nachfolger, Hauptmann Walter Poka von Pokavalva wurde am 7. März mit seiner Messerschmitt Bf 110E-2 (Geschwaderkennung S9+CM) von einem Flugabwehrgeschütz bei Staritsa, ca. 47 km nordöstlich von Rshew abgeschossen. Im März verlegte die II. Gruppe nach Lechfeld um aufgefrischt zu werden. Die III. Gruppe erhielt jetzt ebenfalls die Messerschmitt Bf 110.

Im Mai 1942 verlegte der Geschwaderstab und die I. bis III. Gruppe zurück in die Sowjetunion und wurden dem VIII. Fliegerkorps der Luftflotte 4 im Südabschnitt der Ostfront unterstellt. Das gesamte Geschwader lag auf dem Fliegerhorst Belgorod.Henry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45, Russia (incl. Ukraine, Belarus & Bessarabia) S. 65–66, abgerufen am 19. November 2023. () Insgesamt 118 Messerschmitt Bf 110 in verschiedenen Varianten standen Ende Mai zur Verfügung.Robert Forczyk: The Caucasus 1942–43; Kleist’s race for oil, Osprey, Oxford, ISBN 978-1-4728-0583-6, S. 21

Nach Beginn der großen Sommeroffensive der Heeresgruppe Süd am 28. Juni 1942 war es an den Brennpunkten des Vormarsches der 4. Panzerarmee und der 6. Armee eingesetzt. Insbesondere bei den Kämpfen in der Schlacht um Stalingrad erlitt das Geschwader schwere Verluste. So verlor das Geschwader am 2. September drei Bf 110 beim Luftkampf mit sowjetischen Jagdflugzeugen vom Typ Jak-1 des 220. Jagdfliegerregiments.Christer Bergström: Stalingrad — The Air Battle: November 1942 – February 1943, Chevron/Ian Allan, London 2007, ISBN 978-1-85780-276-4, S. 74 Nachdem die Rote Armee ab dem 19. November in der Operation Uranus bezeichneten Gegenoffensive die deutsche 6. Armee eingekesselt hatte, sollte diese über den Luftweg versorgt werden. Dem Zerstörergeschwader 1 mit dem Stab, der I. und II. Gruppe fiel die Aufgabe des Begleitschutzes der langsamen und schwerfälligen Transportflugzeugen zu.Christer Bergström: Stalingrad — The Air Battle: November 1942 – February 1943, Chevron/Ian Allan, London 2007, ISBN 978-1-85780-276-4, S. 95

Insgesamt verlor die I. Gruppe von August bis Dezember 1942 51 Flugzeuge total, während die II. Gruppe 63 Flugzeuge abschreiben musste. Die Zahl der ausgefallenen Besatzungen war indes etwas weniger hoch.

1943