mini|Mahadra-Schüler mit ihren Holztafeln, wie sie in diesen Lehreinrichtungen verwendet werden Eine Mahadra ( oder maḥẓara) ist eine traditionelle islamische Schule bei den Beduinen in den Wüstengebieten Mauretaniens, besonders in der Region Schinqīt. Mahadras werden von einem Scheich geleitet, vermitteln islamisch-religiöse Bildung und stellen das Rückgrat des intellektuellen und kulturellen Lebens in der mauretanischen Wüste dar. Außerdem gelten sie als Symbol der kulturellen Identität der mauretanischen Gesellschaft.Ladjal/Bensaid: “Desert-Based Muslim Religious Education: Mahdara as a Model”. 2017, S. 530. Der mauretanische Gelehrte Chalīl an-Nahwī hat die Mahadra als eine „beduinische und mobile Volksuniversität“ bezeichnet, die sich vor allem auf mündlichen Vortrag stützt, auf individualisierte Wissensvermittlung ausgerichtet ist und auf Freiwilligkeit beruht.an-Naḥwī: Bilād Šinqīṭ, al-Manāra… wa-r-ribāṭ. 1987, S. 53. Mahadra-Scheiche beraten auch Stammeschefs der Region und vermitteln bei tribalen Konflikten. Nach Angaben des mauretanischen Religionsministers gab es im Jahre 2010 in Mauretanien 6.718 Mahadras.Ladjal/Bensaid: “The Struggle of Traditional Religious Education in West Africa”. 2019, S. 155. Die Mahadra-Scheiche beziehen sich in ihrem Unterricht üblicherweise auf die malikitische Rechtsschule und die aschʿaritische Theologie.Ladjal/Bensaid: “Desert-Based Muslim Religious Education: Mahdara as a Model”. 2017, S. 535f. Die Pflege des „gesellschaftsspezifischen Sondergepräges der Mahadra“ ist seit Ende der 1980er Jahre „ideologischer Programmpunkt“ offizieller mauretanischer Bildungspolitik.
Herkunft und Bedeutung des Wortes Die Mahadra oder Mahdara/Mahzara war eigentlich der Bereich, der das Zelt des Scheichs umgab, in dem er mit seinen Schülern ihre Gebete verrichtete und den Unterricht durchführte. Die Herkunft des Wortes ist unklar. Eine Erklärung lautet, dass es von dem arabischen Verb ḥaẓara abgeleitet ist, das „sperren, verbieten, untersagen“ bedeutet und deswegen für die Institution verwendet wurde, weil der Lehrer seine Schüler dazu zwang, in ihren Zelten zu bleiben und sich auf das Lernen zu konzentrieren, anstatt in der Nachbarschaft umherzuwandern. Eine andere Erklärung besagt, dass die Bedeutung des Wortes sich auf den spirituellen Schutz bezieht, den der Lehrer und seine Schüler genießen. Die Mahzara ist demnach gewissermaßen ein Zufluchtsort für Lernende, die diesen Schutz erhalten, solange sie keine Verstöße begehen, ihnen aber auch abverlangt, Fehlverhalten zu vermeiden.Ladjal/Bensaid: “Desert-Based Muslim Religious Education: Mahdara as a Model”. 2017, S. 531f. Wiederum andere Erklärungen leiten das Wort von dem Substantiv muḥāḍara („Vortrag, Vorlesung, Kolleg“) ab oder dem zugrundeliegenden Verbalstamm ḥaḍara („zugegen sein, teilnehmen, besuchen“).Hirth: Traditionelle Bildung und Erziehung in Mauretanien. 1991, S. 34.
Idealtypische Merkmale Lehrinhalte Chalīl an-Nahwī meint, dass es sich bei der Mahadra um eine Universität handelt, weil „sie dem Studenten enzyklopädische Kenntnisse in verschiedenen Disziplinen des ererbten Wissen vermittelt“. Die Lehrinhalte, die in der Mahadra unterrichtet werden, gleichen denen einer traditionellen Madrasa.Ladjal/Bensaid: “Desert-Based Muslim Religious Education: Mahdara as a Model”. 2017, S. 538. Zu ihnen gehören: Koran: seine Memorierung, Orthographie, Rezitation, Exegese und die übrigen Koranwissenschaften Hadith: seine Texte, Terminologie und Gewährsleute Glaubenslehre: Kalām-Wissenschaft und Sufismus Fiqh: seine Grundlagen, Maximen und praktischen Anwendungen Prophetenvita, Geschichte und arabische Genealogie Ethik und Verhaltensregeln Arabische Lexik und Literatur: Gedichtsammlungen und Prosatexte (Makamen) Arabische Grammatik: Syntax und Morphologie Arabische Metrik und Reimlehre Arabische Rhetorik: Sprachliche Ausdrücke, Metaphern und Bildersprache Logik Magische Eigenschaften der Buchstaben Arithmetik und Geometrie Geographie und Astronomie Medizinan-Naḥwī: Bilād Šinqīṭ, al-Manāra… wa-r-ribāṭ. 1987, S. 53f.
Nach Michael Hirth sind die Mahadras Ostmauretaniens für ihre Kenntnis der Koranexegese und theologische Studien bekannt, diejenigen im Norden für ihre Kompetenz in Rechtsfragen und diejenigen in der Region Trarza im Süden für die arabische Literatur und Grammatik.Hirth: Traditionelle Bildung und Erziehung in Mauretanien. 1991, S. 112.
Zusammensetzung der Schülerschaft Die Schüler nehmen den Unterricht an der Mahadra üblicherweise im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren auf, nachdem sie unter Anleitung von Familienmitgliedern wie Müttern, Tanten, Großmüttern, oder Nachbarn grundlegende Lese- und Schreibfähigkeiten erlernt, den gesamten Koran auswendig gelernt haben. An Mahdaras können sowohl Jungen als auch Mädchen studieren. Auch einige bedeutende Mahdara-Lehrpersonen sind Frauen.Ladjal/Bensaid: “Desert-Based Muslim Religious Education: Mahdara as a Model”. 2017, S. 535. Eine qualitative Studie, die in den 2000er Jahren durchgeführt wurde, hat ergeben, dass die meisten Interviewten das Studium einer Mahdara vor allem als Jenseitsvorsorge betrachten.Ould Maouloud: L'éducation non formelle islamique mahadra de Mauritanie. 2018, S. 136.
Chalīl an-Nahwī meint, dass es sich bei der Mahadra deswegen um eine Volksuniversität handele, weil sie jeden aufnehme, der zu ihr komme, ganz gleich welches kulturelle Niveau oder Geschlecht er habe oder welcher Altersgruppe oder sozialen Schicht er angehöre. Sie stehe sowohl dem Anfänger als auch dem Gebildeten offen, der seine Kenntnisse erneuern, ausweiten oder vertiefen wolle. Die Mahdara werde von Kindern aufgesucht, genauso wie von alten Männern und Frauen (unter Einhaltung der Anstandsregeln), von Armen wie von Wohlhabenden. Sie biete jedem Lernenden die von ihm angestrebten Arten des Wissens entsprechend seinem intellektuellen Niveau, Interesse und Auffassungsgabe.an-Naḥwī: Bilād Šinqīṭ, al-Manāra… wa-r-ribāṭ. 1987, S. 54.
Möglicherweise ist diese Offenheit aber auch erst eine neuere Entwicklung, denn nach Angabe von Michael Hirth war der Besuch der Mahadra bis in die französische Kolonialzeit nur einer Minderheit aus den Zaouia-Familie gestattet. Auch das Verständnis der Mahadra als einer Lehrinstitution für fortgeschrittene Schüler und Erwachsene scheint sich erst in jüngerer Zeit entwickelt zu haben, denn J. Beyries beschreibt die Mahadra 1935 noch als eine Koranschule, die von Jungen und Mädchen bis zum zehnten Lebensjahr besucht wird.J. Beyries: «Note sur l'enseignement et les moeurs scholaires indigènes en Mauritanie» in Revue des Études Islamiques 9 (1935) 39–51. Hier S. 42.
Der beduinische und mobile Charakter Die Mahadras sind in Zelten untergebracht, die üblicherweise von einheimischen Frauen errichtet werden, oder in Tikkit-Hütten aus Akazienzweigen und Holz. Wenn die Mahadra-Scheiche, die üblicherweise selbst Nomaden sind, auf der Suche nach Wasser und Weideland für ihre Herden ihr Lager verlegen, ziehen die Mahadras mit.Ladjal/Bensaid: “Desert-Based Muslim Religious Education: Mahdara as a Model”. 2017, S. 534. Nach Chalīl an-Nahwī ist der beduinische und mobile Charakter das auffälligste Kennzeichen der Mahadras. Zwar seien sie zuerst in den Städten entstanden, doch hätten sie sich erst in der Steppe (bādiya) entwickelt und ihre Persönlichkeit entfaltet. Eine Institution von solchem Charakter könne von daher nicht sesshaft und unbeweglich sein. Vielmehr habe sie einen nomadischen und unbeständigen Status entsprechend den Wanderbewegungen der Beduinen auf ihrer Suche nach Futter und Weideplätzen für ihre Kamele und ihr Vieh.an-Naḥwī: Bilād Šinqīṭ, al-Manāra… wa-r-ribāṭ. 1987, S. 55. Wegen dieses nomadischen Charakters wird die Mahadra auch als „Kamelrückenschule“ (école à dos de chameau) bezeichnet.So zum Beispiel im Titel von Ould Ahmedous 1997 in Paris erschienenem Buch: Enseignement traditionnel en Mauritanie: la Mahadra ou l'école "à dos de chameau".
Der mauretanische Gelehrte Mohammed El-Mokhtar Ould Bah schreibt zum beduinischen Charakter der Mahadra:
Chalīl an-Nahwī erklärt den Vorzug dieses mobilen Charakters der Mahadra mit den folgenden Worten: „Die Studenten und ihre Scheiche können den Genuss des Wissens mit dem Genuss des Umherziehens verbinden. Und das Studium hält sie nicht davon ab, nach Weiden und Orten von Regenfällen zu suchen, um den Lebensunterhalt in einer kargen Umwelt zu sichern.“an-Naḥwī: Bilād Šinqīṭ, al-Manāra… wa-r-ribāṭ. 1987, S. 56.
Die Rolle von mündlichem Vortrag und Mnemotechniken Mit den anderen traditionellen islamischen Erziehungsinstitutionen teilt die Mahadra den Wesenszug, dass sie sich vor allem auf den mündlichen Vortrag (talqīn) stützt. Nach Chalīl an-Nahwī wird dieser Aspekt von den schinqītischen Gelehrten viel betont. Sie insistieren darauf, das Wissen „aus den Mündern der Männer“ (min afwāh ar-riǧāl) zu empfangen, und vertrauen wegen möglicher Fehler der Verfasser und Kopisten nicht auf Bücher, auch wenn sie sie sich anschaffen.an-Naḥwī: Bilād Šinqīṭ, al-Manāra… wa-r-ribāṭ. 1987, S. 57. Neben mündlichem Vortrag spielt das Auswendiglernen eine wichtige Rolle.Ladjal/Bensaid: “Desert-Based Muslim Religious Education: Mahdara as a Model”. 2017, S. 535. Die Ausbildung stützt sich weitgehend auf die Verwendung gelehrter Gedichte, in denen der Lehrstoff zusammengefasst ist. Die Mahadra-Scheiche beziehen sich in ihrem Unterricht üblicherweise auf die malikitische Rechtsschule und die aschʿaritische Theologie.
Die Schüler schreiben den Lernstoff üblicherweise auf Holztafeln.El Hamel: “The Transmission of Islamic Knowledge in Moorish Society”. 1999, S. 69. Viel werden in der Mahadra auch Merksprüche verwendet, um das Einprägen der Lerninhalte zu erleichtern. So dient zum Beispiel der arabische Satz ʿiš laka rizq („Leb, dann hast du genug zum Überleben hast“) als Merkspruch zum Einprägen der sieben Erbhindernisse im malikitischen Recht: Das ʿAin ist der Anfangsbuchstabe des Ausdrucks ʿadam al-istihlāl („Totgeburt“), das Schīn steht für šakk as-sabaq („Ungewissheit darüber, welche Person zuerst ums Leben kam“), das Lām für liʿān („Leugnung der Vaterschaft“), das Kāf für kufr, also Unglauben, das Rā' für riqq, also Sklaverei, das Zāy für walad az-zinā, also das uneheliche Kind, und das Qāf für qatl ʿamd, also vorsätzliche Tötung. Diese mnemonische Formel, die in den maurischen Mahdaras verwendet wird, wird schon von einigen malikitischen Kommentatoren zitiert.Corinne Fortier: «'Une pédagogie coranique': modes de transmission des savoirs islamiques (Mauritanie)» in Cahiers d'études africaines 169-170 (2003) S. 235–260. Hier S. 243.
Die Ausrichtung auf Einzelpersonen Der Unterricht in der Mahadra ist sowohl hinsichtlich der Lehrenden als auch der Lernenden auf Einzelpersonen ausgerichtet. Die Lehrzirkel werden üblicherweise von einer Person geleitet, nämlich dem Marabout und Scheich der Mahadra. Er ist gewöhnlich ein Mann mit umfangreichen Wissen, der entweder auf einige religiöse oder sprachliche Wissensfelder spezialisiert ist oder über enzyklopädisches Wissen verfügt, mit dem er bei anderen Anerkennung findet. Auf diesen Scheich ist die Mahadra bezogen, und unter seinem Namen oder demjenigen seiner Familie ist sie bekannt. Anders als Madrasa-Schulen, die üblicherweise über eine Waqf-Stiftung begründet und durch sie finanziell unterhalten werden, gehen die Mahadras allein auf die Initiative des Scheichs zurück und sind an seine Person gebunden.Ladjal/Bensaid: “Desert-Based Muslim Religious Education: Mahdara as a Model”. 2017, S. 538f. Dies bedeutet, dass die Mahadra solange in Betrieb ist, wie er am Leben ist, und stirbt, wenn er stirbt. Das schließt allerdings nicht aus, dass sich der Scheich beim Unterrichten von fortgeschrittenen Schülern helfen lässt.an-Naḥwī: Bilād Šinqīṭ, al-Manāra… wa-r-ribāṭ. 1987, S. 127. Mahdara-Scheiche gehen nicht in den Ruhestand, es sei denn, eine schwere Krankheit hindert sie an der Lehre.