Das Kraftwerk Lippendorf ist ein mit Braunkohle befeuertes Dampfkraftwerk am Nordwestrand des Ortes Lippendorf der Gemeinde Neukieritzsch im Landkreis Leipzig. Es liegt etwa 15 km südlich von Leipzig, das auch über eine Fernwärmeleitung vom Kraftwerk mit Wärme versorgt wird.
Das Kraftwerk wird von der LEAG betrieben, die auch Eigentümerin beider Blöcke ist. Der baugleiche Block S gehörte bis Ende 2025 der EnBW. Seit 1. Januar 2026 gehört auch dieser Block zur LEAG. Das Kraftwerk wurde am 22. Juni 2000 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder eingeweiht. Die Investitionen für das Kraftwerk (ohne Tagebaubetrieb) betrugen 2,3 Mrd. Euro.
Mit einem CO2-Ausstoß von 11,1 Mio. Tonnen verursachte das Kraftwerk im Jahr 2021 die neunthöchsten Treibhausgasemissionen aller europäischen Kraftwerke.
Infolge des Ausstiegs aus der Kohleverstromung ist eine Verkürzung der Laufzeit des Kraftwerkes mit einer Abschaltung Ende 2035 vorgesehen.Unsere Braunkohlenkraftwerke LEAG, aufgerufen am 20. Mai 2022
Bereits im Jahr 2018 begannen Überlegungen, welche Einsatzmöglichkeiten es nach dem Kohleausstieg für die im Kraftwerk Lippendorf beschäftigten Arbeitskräfte sowie die vorhandenen Strukturen geben könnte. Ein Erhalt des Standortes ist durch eine zwischenzeitliche Umstellung auf Erdgas und eine perspektivische Erzeugung von Wasserstoff vorgesehen.Klimaschutz. Leipzig will raus aus der Kohle - mit Erdgas Deutsche Welle, aufgerufen am 20. Mai 2022Grüne Zukunft für Lippendorf: LEAG will die Wasserstoffproduktion im Landkreis Leipzig in Gang bringen vom 23. Februar 2022 Leipziger Internet Zeitung, aufgerufen am 20. Mai 2022 Das Projekt befindet sich in der Planungsphase, eine Genehmigung wird nicht vor Ende 2023 erwartet.Kohle – Gas – Wasserstoff – Landtagsabgeordnete besuchen Kraftwerk Böhlen-Lippendorf vom 18. März 2022 Georg-Ludwig von Breitenbuch, aufgerufen am 20. Mai 2022
Geschichte mini|Altes Kraftwerk Lippendorf, 2005 rückgebaut
Der erste Kraftwerksbau am Standort Lippendorf, das Industriekraftwerk Böhlen, entstand 1926. Dieses Kraftwerk versorgte die Chemiefabrik Böhlen.
1965 wurde ein neues Kraftwerk neben dem IKW Böhlen errichtet. Es diente der Versorgung des Böhlener Chemiewerkes und der Grundlastversorgung der südlichen DDR. Dieses Kraftwerk bestand aus einem Kondensationskraftwerk mit vier Kraftwerksblöcken je 100 MWel Nennleistung und aus einem Industriekraftwerk, welches hauptsächlich Dampf zur Chemiefabrik Böhlen lieferte, mit vier Sammelschienenturbosätzen je 50 MWel.
Wegen der nach 1990 gültigen Umweltgesetze entschieden die Eigentümer, dass eine Nachrüstung mit moderner Umwelttechnik aus technischen wie wirtschaftlichen Gründen nicht realisierbar sei. Deshalb planten die Vereinigten Energiewerke AG (VEAG) und die Bayernwerk AG auf dem Gelände des früheren Industriekraftwerkes Böhlen die Errichtung einer optimierten braunkohlenbefeuerten Doppelblockanlage. Die VEAG beauftragte hierzu die Arbeitsgemeinschaft VEBA Kraftwerke Ruhr AG (VKR) und die Energie- und Umwelttechnik GmbH Radebeul (EUT) mit der Planung. Die erste Fassung der Planung wurde im Juli 1992 ausgeliefert. Es folgten Untersuchungen zur Wirkungsgradsteigerung durch Anhebung der Temperaturen für Frischdampf und ZÜ-Dampf sowie zur Abwärmenutzung durch Rohgaskühlung. Diese Ergebnisse wurden am 16. November 1992 der VEAG vorgestellt. In der Planungsphase wurde vorerst ein Block-Nettowirkungsgrad von 39 % als Ziel gesetzt. Dieser konnte durch Optimierung nachträglich auf 42,55 % gesteigert werden. Der damalige Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Kurt Biedenkopf, legte am 29. November 1995 den Grundstein. Die erste Netzschaltung des Kraftwerkblockes S erfolgte am 18. Juni 1999 um 15:42 Uhr. Der baugleiche Block R ging am 15. Dezember 1999 in den ersten Testbetrieb. Am 22. Juni 2000 wurde das Kraftwerk vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder feierlich eingeweiht. Die Erstbesetzung der Betriebsmannschaft wurde aus den im Umkreis bestehenden Kraftwerken Lippendorf und Thierbach gestellt.
Das Altkraftwerk Lippendorf wurde schrittweise stillgelegt und zurückgebaut. Der erste Kühlturm wurde am 6. Dezember 1997 gesprengt, der zweite wurde 2005 mittels hydraulischer Abbruchzange rückgebaut. Am 27. August 2005 wurde der Schornstein gesprengt und am 5. September 2005 das Kesselhaus.
Am 27. Juni 2019 kündigte die EnBW als Betreiber des Blocks S dessen vorübergehende Abschaltung an. Begründet wurde der Schritt mit wirtschaftlichen Gründen, die von geringen Strompreisen und steigenden Zertifikatspreisen für CO2 innerhalb der EU herrührten. Der Weiterbetrieb des Blocks R durch die LEAG war davon nicht betroffen. Mitte Juli 2019 wurde Block S unter Betriebsführung der LEAG wieder in Betrieb genommen.
Technische Beschreibung mini|Die Kühltürme vom Haltepunkt Böhlen Werke aus gesehen mini|Die Silhouette des Kraftwerks bestimmt das Bild im Süden von Leipzig
Das Kraftwerk besteht aus zwei Blöcken mit je 933,6 MWel Bruttonennleistung. Die beiden von Babcock errichteten Kessel mit je 2420 t/h Dampfleistung stellten zu ihrer Inbetriebnahme die modernste Großfeuerungstechnik für Braunkohle der Welt dar. Der Dampf jedes dieser Kessel treibt je einen Turbosatz, eine ABB-Turbinen-Generatoreinheit mit 1167 MVA, an. Zugleich verfügte das Kraftwerk bei Inbetriebsetzungszeitpunkt über die größten und effektivsten braunkohlebefeuerten Kraftwerksblöcke und die leistungsstärksten Einwellenturbinen. Sie hatten einen (zur Zeit der Errichtung technisch machbaren höchsten) Wirkungsgrad von 42,55 %. Die Nettoleistung der Kraftwerksblöcke beträgt jeweils 891 MWel. Aufgrund der Größe der Anlagen wurden diese für den Grundlastbetrieb ausgelegt. Durch die zusätzliche Auskopplung von Wärme zu Heizzwecken wird ein Brennstoffnutzungsgrad von insgesamt 46 Prozent erzielt. Die ausgekoppelte Fernwärmeleistung beträgt maximal 330 MWth. Sie wird den Städten Leipzig, Böhlen und der Gemeinde Neukieritzsch zur Verfügung gestellt. Die für eine Wärmeübertragungsleistung von 330 Megawatt ausgelegte Fernwärmeleitung nach Leipzig hat eine Länge von 15 Kilometern. Die Stadtwerke Leipzig planen ab 2023 keine Fernwärme mehr aus dem Kraftwerk zu beziehen.
Die für das Kraftwerk benötigte Braunkohlenmenge von durchschnittlich 10 Millionen Tonnen pro Jahr (2003: 11,7 Millionen Tonnen) wird aus dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain der MIBRAG geliefert. Die Kohle gelangt über eine etwa 14 Kilometer lange Bandanlage zum Kraftwerk – vorher zunächst zu einem Kohlemisch- und Stapelplatz, wo sie auf 50 Millimeter Korngröße gebrochen und damit die unterschiedlichen Kohlequalitäten der Flöze durch Mischung ausgeglichen wird. Dort können bis zu 400.000 t Rohbraunkohle auf Vorrat gehalten werden, was etwa dem Verbrauch von 15 Tagen Kraftwerksbetrieb entspricht. Die vorgesehene Betriebsdauer des Tagebaus von 40 Jahren entspricht der technischen Lebenserwartung des Kraftwerks.
Durch die moderne Feuerungstechnik sowie umfangreiche Luftreinigungs- und Filteranlagen werden alle gesetzlichen Bestimmungen zur Luftreinhaltung erfüllt bzw. unterschritten. Da die zum Einsatz kommende Braunkohle einen relativ hohen Schwefelgehalt aufweist, kommt der Rauchgasentschwefelung eine besondere Bedeutung zu. Diese wird durch ein Nasswaschverfahren realisiert, welches als Endprodukt Gips liefert. Dabei wird angelieferter Branntkalk (ca. 1000 t/d) in einer Kalklöschstation abgelöscht, d. h. aus Branntkalk (CaO) wird durch Zugabe von Wasser Kalziumhydroxid (Ca(OH)2. Diese Kalkmilchsuspension wird in großen Absorbern in den Rauchgasstrom eingesprüht und reagiert mit dem enthaltenen SO2 zu CaSO3, welches anschließend durch Oxidationsluftgebläse zu CaSO4 (Gips) aufoxidiert und durch Vakuumbandfilter entwässert und ausgeschleust wird. Der anfallende Gips (ca. 1 Mio. t/a) dient als Rohstoff für eine nebenliegende Gipsfabrik (Gipskartonplatten) und für eine Firma, welche zahntechnischen Gips herstellt. Der restliche Gips wird per Bahn in verschiedene Länder Europas exportiert oder in einem Tagebaurestloch zur späteren Verwendung zwischengelagert. Die Bahnlogistik der benötigten Zusatzstoffe und des anfallenden Gipses führt die Mitteldeutsche Eisenbahn durch. mini|Antransport von Klärschlamm per LKW Seit 2004 werden jährlich etwa zwischen 300.000 und 320.000 Tonnen Klärschlamm (ca. 2,5 % des Gesamtbrennstoffbedarfes) mitverbrannt. Durch die KSMV (Klärschlamm-Mitverbrennung) werden die Klärschlämme der Braunkohlenfeuerung zudosiert, verbrannt und durch die Filteranlagen des Kraftwerkes weitestgehend unschädlich gemacht. Mit dieser Mitverbrennung werden etwa 41.000 Tonnen Braunkohle pro Jahr eingespart. Durch diese Brennstoffzugabe wird kein zusätzliches CO2 in den natürlichen Kreislauf eingebracht, jedoch verringert sich der Nettowirkungsgrad um etwa 0,05 % auf 42,5 %. Dieser Nachteil steht aber im Bezug auf die Wirtschaftlichkeit (Einsparung der Braunkohlemenge und Entsorgungsvergütung) der Klärschlamm-Mitverbrennung im Hintergrund.
Technische Daten (Auslegungsdaten, wenn nicht anders benannt) Gesamtübersicht Bruttoleistung in MWel1867,2Kurzzeitbruttoleistung in MWel1940Scheinleistung in MVA2334Dampferzeuger2 (baugleich)Turbosätze2 (baugleich)Feuerungsartprimär Braunkohlestaub, sekundär Kläranlagenrückstände, Anfahrbetrieb Heizöl Extra LeichtEinsatzartGrundlast, bedingt durch EEG auch MittellastRauchgasentstaubungElektrofilter (2 Filter mit je 16 Einzelfeldern je Dampferzeuger)RauchgasentschwefelungNasswaschverfahren (2 Rauchgasentschwefelungsanlagen je Dampferzeuger)Rauchgasentstickungnicht benötigt, da Grenzwerte durch NOx-arme Feuerung unterschritten werdenCO2-Verminderung1durch Wirkungsgradsteigerung und teilweiser Primärbrennstoffsubstitution mit CO2-neutralem Sekundärbrennstoff 2 Fernwärmeauskopplung in MWth330 Nettowirkungsgrad in %42,5Brennstoffausnutzungsgrad in %46 1 nur bei Grundlastbetrieb 2 Kläranlagenrückstände
Dampferzeuger Art ZwangdurchlaufBauartTurmbauweise 1Höhe in m163Dampfleistung in t/h2420Brennkammerhöhe in m90FD Druck in bar267,5FD Temp. in °C554ZD Druck in bar52ZD Temp. in °C583Primärbrennstoffmenge in t/hca. 750Sekundärbrennstoffmenge in t/hca. 22 Mühlen8× NV 110 2 1 alle Heizflächen befinden sich in einem einzigen Zug angeordnet nach oben, Abgasabführung erfolgt in einem Leerzug nach unten 2 Nassventilatormühlen mit je 110 t/h maximalen Kohledurchsatz
Turbinen Bauart5-gehäusige einwellige Hochtemperatur-KondensationsturbineLänge in m51,7Frischdampfmenge in kg/sDruck v. HD-Teil in bar6,45Temp. v. HD-Teil in °C550Zwischendampfmenge in kg/s596,8Druck v. MD-Teil in bar50Temp. v. MD-Teil in °C582Kondensatordruck in barabsolut0,038Drehzahl in min−13000
Kondensatoren abzuführende Leistung in MWth1890,76Kondensatordruck in barabsolut0,038Kühlwassermenge in m³/s20,9Kühlwassereintrittstemperatur in °C16,4Kühlwassergeschwindigkeit in m/s1,95Wärmeaustauschfläche in m²54.950Außenabmessungen (B/H/T) in m22/15/18Nettogewicht in t1140
1 zur Zeit technisch nicht nutzbare, aber für den Dampfturbinenprozess benötigte Abwärmeenergie
Generatoren HerstellerABB (Alstom)Typ50WT25E-158Scheinleistung in MVA1167Wirkleistung in MWel933,6SchaltungSternSpannung in kV27Strom in kA24,954Leistungsfaktor, übererregt0,8Leerlaufkurzschlussverhältnis0,505ErregereinrichtungstatischErregerspannung in V757Erregerstrom in A6001H2-Überdruck in bar5Masse Stator in t430,3Masse Rotor in t97Frequenz in Hz50Drehzahl in min−13000KühlungH2/H2O
Maschinentransformatoren Anzahl2 12TypTWSM (Siemens)KDOR (ABB)Scheinleistung in MVA11001100Übersetzung in kV27/41027/410Stufen2727KühlartODWF 2ODWFSchaltungYNd5YNd5uk in %21–2221–22max. Kurzschlussdauer in s88Gesamtmasse in t550555Ölmasse in t92,5102 1 Parallelschaltung eines Siemens- und eines ABB-Trafos je Block 2 O – Öl als inneres Kühlmittel, D – direkt gerichtete Strömung des inneren Kühlmittels (durch Ölpumpen und zielgerichtete Strömungsverteiler), W – Wasser als äußeres Kühlmittel, F – forcierte Strömung (durch Kühlwasserpumpen)
Kühltürme