mini|Leichen auf den Straßen

Das Pogrom von Kischinjow war ein antisemitisches Pogrom, das vom bis in Kischinjow, der heutigen moldauischen Hauptstadt Chișinău und damaligen Hauptstadt des Gouvernements Bessarabien im Russischen Kaiserreich, stattfand. Während des Pogroms wurden 49 Juden getötet, fast 600 Menschen verletzt, davon 92 schwer, mehrere jüdische Frauen vergewaltigt und 1500 Häuser beschädigt. Der Vorfall lenkte die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Verfolgung der Juden in Russland und veranlasste Theodor Herzl, das Uganda-Programm als vorübergehende Fluchtlösung für die Juden vorzuschlagen. Amerikanische Juden organisierten in großem Umfang finanzielle Hilfe und unterstützten die Auswanderung.

Ein zweites Pogrom in der Stadt fand im Oktober 1905 statt.

Geschichte 1818 wurde der Ansiedlungsrayon, in dem sich Juden im Russischen Kaiserreich niederlassen durften, auf Bessarabien ausgeweitet. Infolgedessen wuchs der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung in Kischinjow auf über vierzig Prozent um die Jahrhundertwende an.

Verlauf Die meistverbreitete Zeitung in Kischinjow, die russischsprachige antisemitische Zeitung Bessarabier (), die von Pawel Kruschewan herausgegeben wurde, veröffentlichte regelmäßig Artikel mit Schlagzeilen wie „Tod den Juden!“ und „Kreuzzug gegen die verhasste Rasse!“. Als ein ukrainischer Junge, Michail Rybatschenko, in der Stadt Dubăsari, etwa 40 km nördlich von Kischinjow, ermordet aufgefunden wurde und ein Mädchen, das Selbstmord begangen hatte, indem es sich vergiftete, in einem jüdischen Krankenhaus für tot erklärt wurde, unterstellte die Zeitung in der Art einer antisemitischen Ritualmordlegende, beide Kinder seien von der jüdischen Gemeinde ermordet worden, um ihr Blut für die Zubereitung von Matze zum Pessachfest zu verwenden. Eine andere Zeitung () machte ähnliche Andeutungen. Diese Anschuldigungen lösten das Pogrom aus.

Das Pogrom begann am Ostersonntag. Nachdem die Kirchengänger aus den Gottesdiensten entlassen worden waren, begannen die Ausschreitungen. In der britischen Tageszeitung The Times war eine gefälschte Depesche des Innenministers Wjatscheslaw von Plehwe an den Gouverneur von Bessarabien erschienen, in der er angeblich den Befehl gab, die Randalierer nicht zu stoppen. Es gibt Belege, dass die Beamten in Kischinjow fahrlässig angesichts des Pogroms reagierten, hingegen die Behörden in Dubăsari versuchten, die Ausschreitungen zu beenden.

Der offenbar erste Zeitungsbericht über antisemitische Ausschreitungen findet sich im Czernowitzer Tagblatt vom 24. April 1903. Dort heißt es:

Am 28. April druckte die New York Times einen aus Russland herausgeschmuggelten Bericht der Yiddish Daily News ab:

Am 29. April 1903 druckte das Czernowitzer Tagblatt das Schreiben eines Augenzeugen in vollem Umfang, wobei man vorausschickte, „daß die über die Zahl der Toten und Schwerverwundeten hierin gemachten Angaben beinahe unglaublich klingen“:

Im gleichen Bericht wurde als Auslöser des Pogroms das Hetzblatt Bessarabier sowie die Predigt eines Geistlichen angesehen, der am Ostersonntag den Gläubigen zugerufen haben soll: „Wenn die Juden nicht wären und auch nicht die Juden in Kischinew, so hätte Christus noch heute gelebt!“

Am 30. April brachte das Czernowitzer Tagblatt eine Fortsetzung des Augenzeugenberichtes. Das Blatt ging davon aus, „daß es beinahe gelungen wäre, den wahren Sachverhalt zu vertuschen“ und betrachtete sich als „das erste Blatt in Europa, das über die Greuel von Kischinew Kunde gab und möglichst authentische Nachrichten von Augenzeugen zu veröffentlichen in der Lage war, die jetzt erst von den führenden Wiener und auswärtigen Blättern vollinhaltlich bestätigt werden“.

Das Pogrom von Kischinjow im Jahr 1903 erregte die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit und wurde in Ergänzung zur Monroe-Doktrin in der Roosevelt-Corollary als Beispiel für die Art von Menschenrechtsverletzungen genannt, die ein Engagement der Vereinigten Staaten in Lateinamerika rechtfertigen würden. Das Buch The Voice of America on Kishinev von 1904 enthält weitere Einzelheiten, ebenso wie das Buch Russia at the Bar of the American People: A Memorial of Kishinef.

Reaktion des Russischen Kaiserreichs mini|Karikatur von Emil Flohri von Präsident Theodore Roosevelt zu Zar Nikolaus II.: „Beenden Sie Ihre grausame Unterdrückung der Juden“

Der russische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Arthur Cassini, charakterisierte das Pogrom von 1903 in einem Interview am 18. Mai als Reaktion finanziell bedrängter Bauern auf jüdische Gläubiger:

Folgen Der amerikanische Medienmogul William Randolph Hearst, so der Historiker Steven Zipperstein, „machte sich Kischinjow zu einem Kreuzzug“ und schickte den irisch-nationalistischen Journalisten Michael Davitt als „Sonderbeauftragten für die Untersuchung der Judenmassaker“ nach Kischinjow, der als einer der ersten ausländischen Journalisten über das Pogrom berichtete.

Wegen ihrer Beteiligung an dem Pogrom wurden zwei Männer zu fünf und sieben Jahren Haft und zweiundzwanzig weitere zu einem oder zwei Jahren verurteilt.

Dieses Pogrom trug maßgeblich dazu bei, Zehntausende russischer Juden davon zu überzeugen, in den Westen oder im Zuge der durch das Pogrom ausgelösten zweiten Alija nach Palästina zu gehen. Als solches wurde es zu einem Sammelpunkt für die frühen Zionisten, insbesondere für den späteren revisionistischen Zionismus, der die ersten Selbstverteidigungsbündnisse unter Führern wie Wladimir Jabotinsky inspirierte.

Pogrom 1905 Ein zweites Pogrom fand am und in Kischinjow statt. Diesmal begannen die Unruhen als politische Proteste gegen den Zaren, wandelten sich aber zu einem Angriff auf Juden. 19 Juden wurden getötet, weitere 56 verletzt. Jüdische Selbstverteidigungsgruppen, die nach dem ersten Pogrom gegründet worden waren, konnten die Gewalt zwar teilweise eindämmen, waren aber nicht gänzlich erfolgreich.

Berichte über dieses Pogrom waren „infolge Unterbrechung des Telegraphenverkehrs lückenhaft und verspätet“. Ausschreitungen „vorwiegend antisemitischen Charakters“ wurden zeitgleich nicht nur aus Kischinjow, sondern unter anderem auch aus Rostow, Kiew sowie Odessa gemeldet. Typisch in allen Fällen war das „ungenierte Vordringen des Janhagels unter offenkundiger Begünstigung der Behörden, die keine ernsten Maßregeln dagegen ergreifen“.

Kulturelle Aufarbeitung Russische Autoren wie Wladimir Korolenko in Haus 13 schrieben über das Pogrom, während Lew Tolstoi und Maxim Gorki Verurteilungen verfassten, in denen sie die russische Regierung beschuldigten – eine Veränderung gegenüber den früheren Pogromen in den 1880ern, als die meisten Mitglieder der russischen Intelligenz schwiegen. Tolstoi arbeitete mit Scholem Alejchem zusammen, um eine den Opfern gewidmete Anthologie herauszugeben, wobei alle Einnahmen des Verlags und des Autors in die Hilfsmaßnahmen flossen; daraus wurde das Werk Esarhaddon, König von Assyrien. Alejchem schrieb später den Stoff für den berühmten Roman Tewje, der Milchmann.

Auch auf die jüdische Kunst und Literatur hatte das Pogrom einen großen Einfluss. Nachdem er Überlebende des Pogroms von Kischinjow interviewt hatte, schrieb der hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik In der Stadt des Gemetzels über die vermeintliche Passivität der Juden gegenüber dem Mob. In Israel Zangwills Theaterstück Der Schmelztiegel von 1908 wandert der jüdische Held nach dem Pogrom von Kischinjow nach Amerika aus und stellt sich schließlich dem russischen Offizier, der die Aufständischen anführte.

In jüngerer Zeit schildert Joann Sfar in seiner Serie von Graphic Novels mit dem Titel Klezmer das Leben in Odessa zu dieser Zeit; der fünfte Band Kishinev-des-fous betrifft das erste Pogrom. Der Dramatiker Max Sparber hat das Pogrom von Kischinjow 1994 zum Thema eines seiner ersten Theaterstücke gemacht. Der Roman Das Lazarus-Projekt von Aleksandar Hemon beschreibt das Pogrom anschaulich und schildert seine weitreichenden Folgen.

In Brasilien schrieb der jüdische Schriftsteller Moacyr Scliar das belletristische und sozialsatirische Buch O Exército De Um Homem Só über Mayer Guinzburg, einen brasilianischen Juden und kommunistischen Aktivisten, dessen Familie vor dem Pogrom von Kischinjow geflohen ist.

Denkmal mini|Denkmal für die Opfer des Pogroms

Das Denkmal für die Opfer des Pogroms von Kischinjow (rumänisch Monumentul Victimelor Pogromului de la Chișinău) ist ein Gedenkstein für die Opfer des Pogroms, das 1993 im Alunelul-Park in Chișinău eingeweiht wurde.

Literatur Steven J. Zipperstein: Pogrom: Kishinev and the Tilt of History. Liveright Publishing, New York 2018, ISBN 978-1-63149-269-3.

Weblinks Berichte im Czernowitzer Tagblatt über das Pogrom (Trefferliste einschlägiger Suche bei ANNO)

Einzelnachweise

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