Das Wort Hörigkeit benennt eines der möglichen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Menschen.
Begriff Ursprünglich meinte Hörigkeit die rechtliche Abhängigkeit eines Bauern von seinem Grundherren, eine Rechtsform, welche im Mittelalter entstand und bis ins frühe 19. Jahrhundert verbreitet blieb. Heute bezeichnet man damit die Unterwerfung des eigenen Willens unter die Macht einer anderen Person oder einer Gruppe. Diese Unterwerfung kann erzwungen bzw. mehr oder weniger freiwillig erfolgen und ohne dass sich die betroffene Person dessen bewusst sein muss. Der österreichische Psychologe Werner Stangl definiert den Begriff in seinen Arbeitsblättern: „Unter Hörigkeit versteht man ganz allgemein die gefühlsmäßige Bindung an andere Menschen in einem Ausmaß, in dem die persönliche Freiheit und menschliche Würde aufgegeben werden.“ Dabei würden die „Grenzen von Recht und Moral mißachtet“.
Ausprägungen Anders als beim Gehorsam ist ein psychisches Abhängigkeitsverhältnis der Grund für das bedingungslose Befolgen der Wünsche des Gegenübers und den blinden Glauben an seine Aussagen. Die Basis dieser Art von Abhängigkeit kann sexueller aber auch anderer Natur sein. In der Regel wird bei Hörigkeit von Außenstehenden eine missbräuchliche Nutzung des Abhängigkeitsverhältnisses wahrgenommen, was oft auch tatsächlich der Fall ist, beispielsweise in Fällen von Zuhälterei, in manchen Sekten und auch immer wieder in Paarbeziehungen. Von beiden Seiten gewollt ist die Hörigkeit in der Finanziellen Dominanz, einer Spielart des BDSM, die es in der heutigen Form erst seit der Einführung des Internets gibt.
Die 1941 geborene Soziologin und Politikwissenschaftlerin Sigrid Chamberlain, die durch ihr 2016 in sechster Auflage erschienenes anthropologisches Sachbuch Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind bekannt wurde, brachte den Hörigkeitsbegriff in Verbindung mit nationalsozialistischer Erziehung, wie sie von Johanna Haarer in deren seinerzeitigem Bestseller Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind propagiert wurde:
Das Thema Hörigkeit wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen bearbeitet und fand nicht zuletzt mit der Ballade von der sexuellen Hörigkeit Eingang in die Dreigroschenoper von Kurt Weill und Bertolt Brecht.
Die Gestalttherapeutin Karin Daecke, die in ihrer therapeutischen Arbeit Erfahrungen mit durch Sekten geschädigten Patientinnen und Patienten sammeln konnte, bringt den Hörigkeitsbegriff für diese Klientel mit der Wirkung einer „esoterisch-spirituellen Introjektionsmacht“ in Verbindung.
Siehe auch Abhängige Persönlichkeitsstörung Co-Abhängigkeit Polysemie
Literatur
Richard von Krafft-Ebing: Bemerkungen über "geschlechtliche Hörigkeit" und Masochismus, Jahrbücher für Psychiatrie, Berlin 1892.
Einzelnachweise
Kategorie:Form der sozialen Beziehung Kategorie:Sozialpsychologie Kategorie:BDSM Kategorie:Semantik