mini|Tsuur. Der Musiker deckt die drei Grifflöcher mit dem Zeigefinger der linken Hand sowie dem Daumen und gekrümmten Zeigefinger der rechten Hand ab. Tsuur (), auch tsoor, cuur, coor, chor, chugur, čuγur, ist eine beidseitig offene Längsflöte (Endkantenflöte) aus Holz mit drei Grifflöchern, die von mehreren mongolischen Volksgruppen im Gebiet des Altai im Westen der Mongolei gespielt wird. Die Altai-Urianchai nennen diesen Typ einer Hirtenflöte tsuur, die Tuwiner und Jakuten nennen sie schuur oder schoör und die Kirgisen tschoor (choor). Eine Übersetzung „Kehl-Flöte“ dieser Aussprachevarianten bezieht sich auf die typische Spielpraxis, zur auf der Flöte geblasenen Melodie mit der Stimme einen tiefen gutturalen Brummton einzusingen. Typologisch verwandt in Form und Spielweise sind mehrere Flöten in Zentralasien, darunter die kasachische sybyzgy.

Weil nur noch wenige Hirten die schwierig zu spielende traditionelle Musik der tsuur praktizieren, wurde sie 2009 von der UNESCO in die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes aufgenommen.Traditional music of the Tsuur. UNESCO Intangible Cultural Heritage Für die Hirten der Altai-Urianchai dient die tsuur zur Unterhaltung auf der Weide und als Musikinstrument mit magischen Kräften, das vor dem Beginn einer Jagd, bei Familienfeiern und bei jahreszeitlichen Zeremonien zur Abwehr von bösen Geistern gebraucht wird.

Herkunft und Verbreitung Der früheste Fund eines Blasinstruments in China ist eine in die Jungsteinzeit um 6000 v. Chr. datierte Vogelknochenflöte mit sieben Grifflöchern aus Jiahu im Kreis Wuyang. Weitere Knochenflöten mit meistens sieben Grifflöchern aus dem 5. Jahrtausend v. Chr., die zur Hemudu-Kultur gehörten, dienten vermutlich als Tierlockruf. Diese an beiden Enden offenen Längsflöten wurden aus GeierknochenVgl. Roller MaMing, Kewei Jiang, Junwei Li, Li Chen, Gang Lei: Use of vulture bone flutes and other products in China. In: Vulture News, Band 78, Juli 2020, S. 20–30 gefertigt. Sie sind rund 20 Zentimeter lang bei einem Durchmesser von 1,1 Zentimetern.Yong Zhu: The Performance Art of Bamboo Flute of the North and South School in China. In: Baltic Journal of Law & Politics, Band 15, Nr. 1, 2022, S. 715–726, hier S. 716 Diese Vogelknochenflöten, chinesisch gudi, sind die ältesten in China ausgegrabenen Musikinstrumente.

Prähistorische Knochenflöten wurden auch auf dem Gebiet der Mongolei gefunden, so etwa ein wenige Zentimeter langes Bruchstück aus dem Uws-Nuur-Becken an der russischen Grenze.Otgonbayar Chuluunbaatar: Rare Archaeological Musical Artefacts from Ancient Tombs in Mongolia. In: Gisa Jähnichen (Hrsg.): Studia instrumentorum musicae popularis IV (New Series). 2016, S. 225–250, hier S. 246 In der Banpo-Siedlung (Provinz Shaanxi) wurden aus Ton bestehende Gefäßflöten des 5. Jahrtausends v. Chr. ausgegraben. Sie sind die Vorläufer der heutigen xun in China.

Piktogrammen aus der späten Shang-Dynastie (um 1200 v. Chr.) zufolge gab es in China yue genannte Panflöten. Ihre mutmaßlichen Ursprünge sind die Panflöten der Jäger und Fischer in Sibirien, etwa der jungsteinzeitlichen Kitoi-Kultur am Baikalsee. Dort fand man mit Kerben verzierte Vogelröhrenknochen, die nach unterschiedlichen Datierungen aus dem 4. Jahrtausend oder dem 3./2. Jahrtausend v. Chr. stammen.4000–3000 v. Chr. In: Masahiko Todoriki: Archaic Oirat substratum of the “circa-Altai musical Kulturkreis” in Tuva. In: The New Research of Tuva, September 2017, S. 147–208, hier S. 168; 2500–1750 oder 2000–1500 in: James B. Griffin: Some Prehistoric Connections between Siberia and America. In: Science, Band 131, Nr. 3403, März 1960, S. 801–812, hier S. 810; zweite Hälfte 3. Jahrtausend – Anfang 2. Jahrtausend v. Chr. in: Henry N. Michael: The Neolithic Age in Eastern Siberia. In: Transactions of the American Philosophical Society, New Series, Band 48, Nr. 2, 1958, S. 1–108, hier S. 32f Kernspaltflöten mit Grifflöchern gehörten ebenfalls zu jungsteinzeitlichen Jägern und Fischern der Kitoi-Kultur um den BaikalseePaul Tolstoy: The Archaeology of the Lena Basin and Its New World Relationships, Part I. In: American Antiquity, Band 23, Nr. 4, April 1958, S. 397–418, hier S. 403 und an der mittleren Lena in Jakutien.F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo: Mittelasien. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 9) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1987, S. 44

Im 2. Jahrtausend v. Chr. gab es archäologischen Funden zufolge weiterhin Gefäßflöten, die fünf Grifflöcher hatten. In überlieferten Orakelinschriften finden sich die Piktogramme für Panflöte (yue), für Längsflöte (yan, ein Zeichen, das auch „sprechen“ bedeutet, später xian) und für Mundorgel (he, heute sheng).Martin Gimm: China.II. Xia- und Shang-Dynastie (21. bis 11. Jahrhundert v. Chr.). 2. Musikinstrumente. In: MGG Online, Juli 2018 Zur Zeit der Westlichen Zhou-Dynastie (11. Jahrhundert v. Chr. – 771 v. Chr.) tauchen in den schriftlichen Quellen mindestens 70 Namen von Musikinstrumenten auf, darunter mehrere Längs- und Querflöten (Flöten allgemein guan, außerdem yue, xiao für Panflöten und chi für eine kurze Querflöte) sowie Gefäßflöten (xun).Martin Gimm: China. III. Westliche Zhou-Dynastie (11. Jahrhundert bis 771 v. Chr.). 3. Musikinstrumente und Tonsysteme. In: MGG Online, Juli 2018 Querflöten (chi, heute dizi) aus der Zeit bis um 200 v. Chr. sind nur aus schriftlichen chinesischen Quellen bekannt.Martin Gimm: China. I. Vor- und Frühgeschichte (bis 21. Jahrhundert v. Chr.) 3. Musikinstrumente. In: MGG Online, Juli 2018 Daneben gab es auch eine Längsflöte. Die genannten Flötentypen sind bis in die Gegenwart typische Hirteninstrumente.

Nach der Zeit der Streitenden Reiche (475–221 v. Chr.) traten Veränderungen bei zahlreichen Musikinstrumenten ein. So wurde während der Han-Dynastie (207 v. Chr. – 220 n. Chr.) ein neuer kurzer Querflötentyp (hengdi, dizi) aus den westlichen Ländern (Zentralasien) eingeführt, der sich von den älteren archäologischen Funden unterscheidet. Ebenso aus dem Westen übernommen wurde eine lange Querflöte qiandi („Tanguten-Flöte“) mit vier Grifflöchern, bei der im 1. Jahrhundert v. Chr. ein fünftes Griffloch ergänzt wurde.Martin Gimm: China. V. Qin- und Han-Dynastie (249 v. Chr – 220 n. Chr.). 5. Musikinstrumente. In: MGG Online, Juli 2018 Im Verlauf des 1. Jahrtausends n. Chr. bestand die Gruppe der Blasinstrumente aus Längsflöten, langen und kurzen Querflöten, Mundorgel, Doppelrohrblattinstrumenten (bili) und dem Schneckenhorn (bei).Martin Gimm: China. VII. Sui- und Tang-Dynastie (581–907) sowie die Fünf Dynastien (907–960). 6. Musikinstrumente und Notation. In: MGG Online, Juli 2018

Die Hofmusiker der mongolischen Yuan-Dynastie (Regierungszeit von Dschingis Khan ab 1206, bis 1368) verwendeten für die sakrale Musik (yayue) neun Blasinstrumente: Längsflöte (yue), kurze (chi) und lange Querflöte (di), Panflöte (xiao) und fünf unterschiedlich gestimmte Mundorgeln. Hinzu kamen sechs verschiedene Zithern (Wölbbrettzithern und die Griffbrettzither guqin), 22 Idiophontypen und zwölf Trommeltypen. Dieses Instrumentarium wurde für die Unterhaltungsmusik noch um weitere Querflöten (longdi, mit trachenförmigem Trichter), Längsflöten, Zupflauten und Streichinstrumente ergänzt.Martin Gimm: China. IX. Yuan-Dynastie (1206–1368). 4. Musikinstrumente und Instrumentalmusik. In: MGG Online, Juli 2018

Die Mongolen führen ihre tsuur bis zu den Hunnen um die Zeitenwende zurück. Im kalmückisch-mongolischen Epos Dschanggar, das von Epensängern (dschangarchi) seit Jahrhunderten mündlich überliefert und solistisch vorgetragen wird,Vgl. Walther Heissig: The Present State of the Mongolian Epic and Some Topics for Future Research. In: Oral Tradition, Band 11, Nr. 1, 1996, S. 85–98 heißt es, dass die tsuur zusammen mit der in der höfischen und sakralen Musik verwendeten mongolischen Wölbbrettzither yatga gespielt werde. Der preußische Naturforscher Peter Simon Pallas (1741–1811) beschreibt in Sammlungen historischer Nachrichten über die mongolischen Völkerschaften (Teil 1, 1776) detailliert eine Längsflöte der Kalmücken mit drei Grifflöchern.Carole Pegg: Tsuur, 2001

mini|Baschkirischer Musiker mit einer Flöte kurai, um 1900 Die westmongolische tsuur gehört zu einer Gruppe von beidseitig offenen Längsflöten, die in Zentralasien, Sibirien und Ostasien vorkommen. Die kirgisische tschoor besteht aus einer rund 55 Zentimeter langen Spielröhre aus Holz oder Rohr mit drei oder vier Grifflöchern.George S. Golos: Kirghiz Instruments and Instrumental Music. In: Ethnomusicology, Band 5, Nr. 1, Januar 1961, S. 42–48, hier S. 43 Sie entspricht praktisch der sybyzgy der Kasachen und ähnelt der etwas längeren kurai (quray) der Baschkiren.

Kaum bekannt ist die 60 Zentimeter lange kirgisische sarbasnai (möglicherweise von persisch sarbaz nai, „Soldatenflöte“) aus einer Metallröhre mit fünf Fingerlöchern. Der Name wurde wohl in islamischer Zeit von der arabisch-persischen Längsflöte nay übernommen. Die turkmenische Hirtenflöte tüidük aus Pflanzenrohr besitzt fünf Fingerlöcher und ein Daumenloch. Die bis nach Nordafghanistan verbreitete tüidük, die kurai der Baschkiren, die sybyzgy der Kasachen, die tschoor der Kirgisen, die Rohrflöte ney haftband der Bachtiaren in Iran und andere Flöten dieses Typs werden mit einem eingesungenen Kehlkopfbordun gespielt.Alain Desjacques, 2008, S. 20; Susanne Ziegler: Russland. A. Volksmusik. III. Musik der Wolga-Ural-Völker. 6. Baschkiren. In: MGG Online, November 2021 Eine weit verbreitete, längs geblasene Hirtenflöte ist die türkische kaval mit fünf oder mehr Grifflöchern. Verwandt mit diesen offenen Längsflöten, die allgemein ein hohes Alter haben, ist auch die in der pakistanischen Provinz Belutschistan gespielte narh aus einem Pflanzenrohr mit vier Grifflöchern, die ebenfalls mit einem eingesungenen Bordun gespielt wird.Nazim Khizar: Narh – The desert flute of Pakistan.