Das Reserve-Polizei-Bataillon 61, anfangs Polizei-Bataillon 61, war eine militärische Einheit der NS-Ordnungspolizei im Zweiten Weltkrieg. Die Einheit wurde unter anderem in polnischen Gebieten eingesetzt und war an Kriegsverbrechen beteiligt, deren Aufklärung nicht vollständig erfolgte.

Geschichte

Aufstellung Ab Anfang September 1939, kurz nach dem Überfall auf Polen, waren zwischen dem Vertreter des Oberkommando des Heeres (OKH), Oberst Eduard Wagner, und dem Generalmajor der Ordnungspolizei Adolf von Bomhard Verhandlungen zur Abstellung von Ordnungspolizeieinheiten für den Kampf an der Front begonnen worden. Am 5. September 1939 machte das Hauptamt Ordnungspolizei weitere Zusagen zur Bildung von Polizeieinheiten und bereitete die Verlegung von Hamburg, Münster und München aus an die Ostfront vor. Aus Dortmund wurde das I./Polizeibataillon 4 für den Transport an die Ostfront vorgesehen. Diese Einheit erhielt einen Tag später als Polizei-Bataillon 61 den Marschbefehl. Ende August 1939/Anfang September 1939 waren bereits Kompanien von Polizeibataillonen an die deutsch-polnische Grenze und anderen Regionen, wie Oberschlesien, verlegt worden.

Das Bataillon als motorisierte Einheit bestand zunächst aus vier Kompanien, wobei die 1. Hundertschaft der Bereitschaftspolizei Dortmund die 1. und 2. Kompanie und die 1. Polizei-Hundertschaft Recklinghausen die 3. und später die 4. Kompanie bildete. Die 3. Kompanie war zum größten Teil durch österreichische Polizisten gebildet worden.

Eine Vielzahl der jungen Polizisten hatte bereits Militärdienst abgeleistet und war bei Ausbildungseinheiten in Österreich, im Sudetenland, in Böhmen und Mähren in der Bekämpfung „staats- und volksfeindlicher Bestrebungen“ ausgebildet worden. Ergänzt werden musste das Personal durch freiwillig gemeldete Reservisten, sodass von den ca. 600 Mann die Hälfte Reservisten waren. Die regulären ehemaligen Polizeibeamte hatten vor der Einberufung hauptsächlich Revierdienst abgeleistet. Das Bataillon hatte die Nummer 61 erhalten, um durch die 6 die Zugehörigkeit zum Wehrkreis VI auszudrücken. Der Hauptanteil der Personen des Bataillons war den ab Mitte 1940 vier Kompanien zugeordnet, welche durch einen Oberleutnant oder Hauptmann geführt wurden. In einer Kompanie waren vier bis fünf Offiziere, 25 Unterführer und bis zu 120 Polizisten im Mannschaftsdienstgrad organisiert. Dies galt zunächst für die ersten drei Kompanien, die später aufgestellte vierte Kompanie war als sogenannte schwere Kompanie mit einer eingeschränkten Mannschaftsstärke aufgestellt. Später erfolgten die Beförderungen in der Schutzpolizei meist analog auch in der SS. Bei 115 Personen des Bataillons waren in den Personalunterlagen bei 35 % eine Mitgliedschaft in der NSDAP und bei über 17 % in der SS angegeben. Bei 13 Offiziere des Bataillons waren neun in der NSDAP und zehn in der SS. In einer jüngeren Studie nennt Jan Hendrik Issinger einen Anteil von 28,8 Prozent der Angehörigen des Bataillons als Mitglieder der NSDAP und 8,2 Prozent der SS, 28 Prozent waren in der NSV. Die Reservisten hatten in der Regel 8 Jahre Volksschule besucht, anschließend eine Lehre absolviert und waren bei der Rekrutierung 1939 durchschnittlich 34 Jahre alt (Jahrgang 1905). Die meisten waren verheiratet und hatten Kinder.Jan Hendrik Issinger: Militärische Organisationskultur im Nationalsozialismus: Das Reserve-Polizeibataillon 61 und der Zweite Weltkrieg in Osteuropa. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2022, S. 128–144 (Schulbesuch und Familienstand S. 141, NS-Mitgliedschaften S. 144).

Das Reserve-Polizei-Bataillon 61 wurde erst nachträglich zu den anderen Polizeibataillonen mobilisiert, welche schon Ende August zu Polizeigruppen zusammengefasst wurden. Das Bataillon wurde der Polizeigruppe 4 z. b. V. beim Militärbefehlshaber Posen, General der Artillerie Alfred von Vollard-Bockelberg, unterstellt. So entstanden sechs Polizeigruppen, wobei nur die Polizeigruppe 4 z. b. V. keinem Armeeoberkommando (AOK) zugeordnet war.

Einsätze Das Reserve-Polizei-Bataillon 61 kam am 8. September 1939 nach Schwiebus und Neu Bentschen. Die 3. Kompanie unter Hauptmann Hans Kärgel führte drei Tage später um Punitz eine Aktion gegen vermeintliche polnische Freischärler durch. Aufgrund der dabei „bewiesenen Tapferkeit“ und der „Säuberung“ – gemeint waren Erschießungen – von polnischen „Banden“ wurde er 1941 zum Major der Schutzpolizei befördert. Ebenso war Kärgel mit der 3. Kompanie kurze Zeit später an einer „Säuberungsaktion“ im Raum um Posen, wohin das Bataillon im April 1940 entsandt worden war, beteiligt.

Am 15. September 1939 wurde durch die 3. Kompanie im Verbund mit dem Infanterie-Regiment 148 das Dorf Steszewice „gesäubert“, wobei 62 sogenannte „Heckenschützen“ gefangen genommen wurden. Ein Tag später nahm die 3. Kompanie an einer Sperre ca. 1.000 polnische Personen gefangen und übergab sie dem Infanterie-Regiment 148. Es folgte die Exekution von 90 Polen in Szcroda durch die 1. Kompanie und von ca. 20 Polen in Schrimm durch die 3. Kompanie. Zu dieser Zeit war es bei den Standgerichten der Wehrmacht eingesetzt und führte in diesem Rahmen auch Exekutionen durch. Ab Ende September 1939 wurden den Polizeieinheiten erlaubt, selber Standgerichte einzurichten. Der Vorsitz des Standgerichts des Bataillons wechselte zwischen Major Dederky und Major Nord.

Mitte Oktober 1939 führte ein Teil des Bataillons mit Unterstellung von Gendarmerieeinheiten aus Posen und zweier Wehrmachtkompanien unter der Führung vom Major Dederky im Raum zwischen Dopiewo und Stenschewo eine sogenannte Untersuchung durch. Im Auftrag der Wehrmacht wurden dabei durch Angehörige des Bataillons Exekutionen durchgeführt.

Für Ende Oktober des Jahres wurde als Vergeltungsaktion für 100 „bestialisch ermordete Volksdeutsche“ 183 polnische Menschen standrechtlich verurteilt und „von der Polizei“ erschossen. Bis Ende Oktober 1939 dauerte die Unterstellung unter die Wehrmacht, wobei der Vorgesetzte des Bataillons der Generalmajor der Polizei Oskar Knofe war. Von Oktober 1939 bis Juni 1940 war das Bataillon hauptverantwortlich bei der Vertreibung von über 77.000 Menschen aus dem Warthegau eingesetzt. Hierbei wurden die Menschen aus ihren Wohnungen geholt und mussten den Großteil ihres Besitzes zurücklassen. Es kam auch zu Erschießungen. Im Dezember 1939 wurde durch die 2. Kompanie des Bataillons bei Leslau ein Bereich geräumt, der vermeintlich von Asozialen bewohnt waren. Diese wurden anschließend abgeschoben und die Wohnhäuser durch die 2. Kompanie abgebrannt, wobei wieder Erschießungen durchgeführt wurden. Das gleiche Vorgehen erfolgte später im Bereich von Posen. In dieser Zeit war das Bataillon auch für die Durchführung von Erschießungen polnischer Einwohner, die im Rahmen von Polizeigerichten angeordnet wurden, verantwortlich. Es wurden bis Jahresende Erschießungen u. a. im Raum um Schroda, mehrfach um Kalisch, Posen, Schrimm, Jarotschin, Gostyn und Ostrowo durchgeführt. In Kalisch wurde dabei die jüdische Bevölkerung deportiert und zur Zwangsarbeit gezwungen.

Anfang Juni 1940 wurde das Bataillon zurück nach Dortmund verlegt. Die 4. Kompanie des Bataillons wurde aufgestellt. Ab Juli 1941 stand das Bataillon zum Luftschutzeinsatz zur Verfügung des Polizeipräsidenten Münster.

Später war das Bataillon u. a. für die Bewachung des Warschauer Ghettos eingeteilt. Es kam zu willkürlichen Erschießungen und zu regelrechten Jagden auf die Bewohner, die geradezu in Wettbewerbe um die meisten Exekutionen mündeten. Ein Polizist brüstete sich mit 200 Erschießungen, ein anderer wurde als „Schützenkönig“ gefeiert. Ein Angehöriger der 1. Kompanie erschoss bei einer Kontrolle einen Juden, der bereits durch einen anderen Polizisten kontrolliert worden war. Für die Erschießung eines Juden wurde Sonderurlaub gewährt; Beamte, die sich weigerten, an Erschießungen teilzunehmen, wurden durch Beschimpfungen, Urlaubssperren und Einteilung zu Wachdiensten an Sonntagen sanktioniert.Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrussland. 1941–1944. 2., durchgesehene Auflage. Schöningh, Paderborn 2006, S. 935. Jede Kompanie des Bataillons war an den wahllosen Erschießungen beteiligt. Nachdem ein Zugführer des 3. Zuges einen Einspruch gegen die Besetzung von besonders schießwütigen Polizisten für den Wachdienst formuliert hatte, wurden diese in Abstimmung zwischen dem Hauptwachtmeister des Bataillons und dem Kompaniechef Mehr weiterhin für den Wachdienst eingeteilt.

Als im Februar 1942 der Kommandeur Dederky zum Oberstleutnant der Schutzpolizei befördert wurde, erhielt er für die Führung des Bataillons eine positive Bewertung, die auf seiner persönliche Leitung bei den Einsätzen beruhte.

Auch außerhalb des Ghettos wurden Erschießungen durch das Bataillon durchgeführt. Die 2. Kompanie tötete Ende Mai 1942 224 Polen und Anfang des nächsten Monats noch mal 24 Polen. Als Ende Juni 1942 ein Angehöriger der 1. Kompanie in Warschau angegriffen worden war, verlangte Mehr eine Vergeltung. Daraufhin wurden über 100 Juden erschossen.

Nachdem Kommandeur Dederky Anfang Oktober 1942 seinen Posten verlassen hatte, wurde mit Major der Schutzpolizei Richard Perling (* 1894) ein bereits durch ein Feldgericht verurteilter Offizier Kommandeur des Bataillons. Perling war 1939/1940 durch unterschiedliche Vergehen wie Bestechung, Erpressung und Fahren unter Alkoholeinfluss aufgefallen. Anfang November 1941 war er durch ein Feldurteil zu sieben Monaten Haft verurteilt, aber seine Strafe später zu sechs Wochen Arrest heruntergestuft worden. Der Rest der Strafe wurde erlassen, da er zu einer Fronteinheit versetzt wurde. Es bestand auch die Überlegung, ihn in den Ruhestand zu versetzen, er wurde aber Kommandeur des Reserve-Polizei-Bataillons 61. Dort wurde Perling in seiner Position mehrfach ausgezeichnet und auch als stellvertretender Regimentskommandeur eingesetzt. Ebenso wurde er 1944 zur Beförderung zum Oberstleutnant vorgeschlagen. Auch über den Führer der 1. Kompanie, Erich Mehr, gibt es Berichte, die ihm u. a. Trunkenheit im Dienst und schwere Misshandlung von Aufgegriffenen zusprechen. Mehr, im Zivilleben Klempner, war auch Gerichtsoffizier und charakterisierte sich als „Judenfeind Nr. 1“. Es ist dokumentiert, dass Mehr zu illegalen Gewalttaten anstachelte und seine Kompanie auch in eigenmächtiger Exekution führte.

Für die Zeit von Januar bis Oktober 1942 erschoss das Bataillon im Warschauer Ghetto ca. 1000 Juden und weitere über 100 Warschauer Juden. Es besteht daher kaum ein Zweifel, dass das Bataillon als Wacheinheit des Ghettos auch an der Deportation im Sommer 1942, im Zeitraum von Juli bis September 1942 beteiligt war.

Ab Oktober 1942 war das Bataillon, nun nicht mehr in Polen eingesetzt, im Einsatzgebiet der Heeresgruppe Nord für die „Partisanenbekämpfung“, der hauptsächlich Zivilisten zum Opfer fielen, und Objektsicherung eingesetzt, wobei auch die jüdische Bevölkerung als „Partisanen“ betrachtet und liquidiert wurde.

Das Reserve-Polizei-Bataillon 61 wurde dem 9. Polizeiregiment unterstellt, welches 1943 das SS-Polizeiregiment 9 wurde. Einsatzorte waren Opotschka, Luga, Michegowo, Idriza, Nowo Selje, Smolensk und Wilna. Hier kam es zum gemeinsamen Einsatz mit der 281. Sicherungs-Division.

Mit dem Reichsführererlass wurden am 20. Juni 1944 das SS-Polizeiregiment 9, dem das Reserve-Polizei-Bataillon 61 unterstellt war, aufgelöst. Die verbleibenden Teile des Reserve-Polizei-Bataillons 61 wurden dem Polizei-Bataillon 305 unterstellt.Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrussland. 1941–1944. 2., durchgesehene Auflage. Schöningh, Paderborn 2006, S. 266.

Kommandeure (Auswahl) 1939 bis 5. Oktober 1942: Major/Oberstleutnant der Schutzpolizei Friederich Dederky (1892–1944) ab 6. Oktober 1942: Major der Schutzpolizei Richard Perling Kompaniechefs

1. Kompanie: