mini|Am 14. April 1912, dem Tag des Unglücks, hatte die Titanic mehrere Eiswarnungen erhalten. Die Positionen des Eises sind auf dieser Karte eingezeichnet. Weder der Kapitän noch ein anderer Offizier hat alle diese Angaben gekannt. Der Transatlantikliner Titanic hatte auf seiner Fahrt über den Atlantik Funkverkehr mit anderen Schiffen sowie mit dem Festland. Am 14. April 1912 stieß er mit einem Eisberg zusammen und sank in der Folge. Über 1500 Menschen starben, etwa 700 konnten gerettet werden.
Die Marconi-Gesellschaft hatte auf der Titanic eine Funkstation mit zwei Funkern („Marconisten“) eingerichtet, die vor allem für die telegrafische Versendung privater Nachrichten der Passagiere gegen Entgelt gedacht war. Außerdem erhielten und versendeten die beiden Funker Nachrichten, die Bezug zur Navigation der Titanic hatten.
In den Tagen vor dem Unglück erhielt die Titanic mehrere Warnungen über verschiedene Formen von Eis in der Nähe ihrer Strecke. Diese Eiswarnungen wurden jedoch nicht systematisch gesammelt und ausgewertet. Auf die Fahrt der Titanic hatten sie keine Auswirkung, denn die Schiffsführung war der Meinung, dass man einen Eisberg rechtzeitig sehen würde, so dass man ihm ausweichen kann. Nach dem Unglück konnten die überlebenden Offiziere sich kaum an Eiswarnungen erinnern; sie sahen sich daher schwersten Vorwürfen ausgesetzt.
Größte Bedeutung erhielten schließlich die Notrufe, welche die Titanic-Funker nach dem Zusammenstoß verschickten. Nur dank dieser Notrufe erfuhren andere Schiffe vom Unglück und wechselten den Kurs, um zur im Notruf angegebenen Position zu fahren. Davon fand die Carpathia die Rettungsboote der Titanic. Ohne Funkstation hätte es vermutlich keine Überlebenden gegeben.
Funkstation mini|Das einzige Foto des Funkraums der Titanic, aufgenommen von Francis Browne Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Funktechnik auf Schiffen eine relativ junge Errungenschaft. Dem italienischen Ingenieur Guglielmo Marconi war es gelungen, die Übertragung von Signalen über Funk kommerziell anzubieten. Seine britische Marconi Company stellte der Titanic, wie auch anderen Schiffen, die Ausrüstung zur Verfügung. Sie verdiente an Funktelegrammen (oder: „Marconigrammen“) der Passagiere. Es gab auch andere, konkurrierende Unternehmen, die Funkausrüstungen lieferten. Im Januar 1911 erhielt die Titanic das Rufzeichen MGY zugeteilt.
Der Funkraum der Titanic erhielt einen neuartigen Löschfunkensender (rotary spark-gap generating set) mit 5 kW. Er sollte zumindest 250 Seemeilen (463 Kilometer) weit senden können, erreichte in der Praxis jedoch über 400 Seemeilen (740,8 Kilometer) und nachts sogar noch mehr. Es gab einen Ersatzsender für Notfälle, der aber auf der Titanic nicht zum Einsatz kam. Der Empfänger, ein magnetic detector, war der Standard bei Marconi und ermöglichte einen Empfang von Wellenlängen zwischen 100 und 2500 Metern. Möglich wurde das Senden und Empfangen schließlich durch eine Antenne (twin T type) zwischen den beiden Masten des Schiffs, die durchschnittlich 170 Fuß (51,8 Meter) hoch lag und einen Zwischenraum von 600 Fuß (182,9 Meter) hatte.Bruce Beveridge, Steve Hall: Description of the Ship. In: Samuel Halpern (Hrsg.): Report into the Loss of the SS Titanic: A Centennial Reappraisal. The History Press, Stroud 2016 (2012), S. 27–60, hier S. 54.
Die beiden Funker an Bord waren nicht etwa im Dienst der White Star Line, sondern der Marconi Company, die sie auch ausgebildet hatte. Sie gehörten zur victualling department crew wie auch Stewards, Köche oder Postbediente: John George „Jack“ Phillips war telegraphist und Harold Bride assistant telegraphist.Lester J. Mitcham: Victualling Department Crew In: Samuel Halpern (Hrsg.): Report into the Loss of the SS Titanic: A Centennial Reappraisal. The History Press, Stroud 2016 (2012), S. 323–336, hier S. 323.
Sie erhielten drei kleine Räume zugeteilt. Der mittlere war die Funkkabine mit einem Schreibtisch und den Apparaten zum Funken. Steuerbord (oder: vom Schreibtisch aus links) befand sich eine Schlafkabine für die beiden Funker mit einer unteren und einer oberen Koje. Auf der Backbordseite (vom Schreibtisch aus rechts) war der silent room, in dem Generator, Motor und Funkenstrecke untergebracht waren. Um die Umgebung vor den Geräuschen der Funkenstrecke zu bewahren, war der Raum schallisoliert. Da die Titanic rund um die Uhr erreichbar sein sollte, teilten sie sich die Zeit in vier Schichten zu sechs Stunden ein. Nachts wachte Phillips von 20:00 Uhr bis 02:00 Uhr und wurde danach von Bride bis 08:00 Uhr abgelöst.Tad Fitch, J. Kent Layton, Bill Wormstedt: On a Sea of Glass. The Life & Loss of the RMS Titanic. Amberley, Stroud 2015, S. 48.
Am Samstag, den 13. April, kam es gegen 20:00 Uhr zu einem Zwischenfall. Phillips weckte Bride, um ein Problem gemeinsam zu lösen: Der Funkapparat funktionierte nicht mehr. Entgegen der anfänglichen Befürchtung waren nicht etwa die Kondensatoren beschädigt, sondern die Leitungen der Sekundärseite des Transformators im Gehäuseinneren durchgebrannt. Weil die Leitungen mit Eisenbolzen in Kontakt gekommen waren, wurde der Strom teilweise geerdet. Phillips und Bride behoben das Problem mit Gummiband, was jedoch erst um 03:30 Uhr oder gar 04:00 Uhr des nächsten Morgens gelang. Am Sonntag, dem Tag des Unglücks, waren die Funker also übermüdet und damit beschäftigt, einen Rückstand bei der Versendung von Privatnachrichten der Passagiere abzuarbeiten.Tad Fitch, J. Kent Layton, Bill Wormstedt: On a Sea of Glass. The Life & Loss of the RMS Titanic. Amberley, Stroud 2015, S. 114, 133.
Kap Race
mini|Der Leuchtturm von Kap Race. Die Funkstation ist bald nach 1912 abgebrannt. Das rote Gebäude im Bild ist ein Nachbau. Darin befindet sich ein Museum.
Für die Fahrt der Titanic hatte die Funkstation Kap Race eine bestimmte Bedeutung. Kap Race ist ein Ort auf der Insel Neufundland, die heute zu Kanada gehört. Das telegrafische Kabelnetz Nordamerikas endete hier. Die Marconi Company hatte hier 1904 eine (drahtlose) Funkstation eingerichtet, die mit Schiffen auf dem Atlantik kommunizieren konnte.
Als die Titanic am 14. April 1912 weit genug gen Westen gefahren war, kam sie in den Empfangsbereich von Kap Race. Obwohl die Titanic eine relativ gute Funkanlage besaß, hatten die Titanic-Funker nur ein kurzes Zeitfenster, um Privatnachrichten der Passagiere nach Kap Race zu senden. Auch während des Zusammenstoßes mit dem Eisberg kommunizierte die Titanic noch mit Kap Race; die Funkstation auf Neufundland war dann der erste Ort auf dem Festland, der von ihrem Unglück erfuhr.
Der dort verantwortliche Marconist war der 26‑jährige Walter Gray (1885–1970), der die Nachricht an andere Schiffe und Standorte an Land weitersendete, um die Rettung einzuleiten und zu koordinieren. Den auf der Titanic verantwortlichen Funker Jack Phillips kannte er persönlich von der gemeinsamen Ausbildungszeit.
Eiswarnungen
Kapitän Edward John Smith und seine Offiziere wussten schon vor der Abfahrt von Southampton, dass das Treibeisfeld im nördlichen Atlantik in Umfang und südlicher Ausdehnung größer war als in den vergangenen Jahren. Außerdem gingen während der Fahrt mehrere Funkberichte („Marconigramme“) von anderen Schiffen ein, die vor Treibeisfeldern und Eisbergen warnten. Die Titanic fuhr am Abend des 14. Aprils ungefähr in westlicher oder südwestlicher Richtung südlich des 42. Breitengrads. Die Kollision mit dem Eisberg erfolgte etwa um 23:40 Uhr Bordzeit.Wortlaut und Auflistung der Nachrichten: siehe Samuel Halpern: Account of the Ship's Journey accross the Atlantic. In: Samuel Halpern (Hrsg.): Report into the Loss of the SS Titanic: A Centennial Reappraisal. The History Press, Stroud 2016 (2012), S. 71–89, hier S. 81/82.
Laut den Regeln der Marconi Company mussten Nachrichten, die Bezug zur Navigation hatten, mit Vorrang übermittelt werden. Solche Nachrichten erhielten das Kürzel MSG für Master Service Gram. Das bedeutete, dass sie an den Kapitän eines Schiffes gerichtet waren; vor dem Versenden mussten sie vom Kapitän des versendenden Schiffes bestätigt werden. Der empfangende Funker trug die Nachricht in einem bestimmten Formular ein und ließ es seinem Kapitän zukommen.Wortlaut und Auflistung der Nachrichten: siehe Samuel Halpern: Account of the Ship's Journey accross the Atlantic. In: Samuel Halpern (Hrsg.): Report into the Loss of the SS Titanic: A Centennial Reappraisal. The History Press, Stroud 2016 (2012), S. 71–89, hier S. 82.