Der Rodin-Skandal von 1906 war ein kulturpolitischer Skandal um Aktzeichnungen von Auguste Rodin in Weimar, der zum Rücktritt Harry Graf Kesslers von der Leitung des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe führte. Es gab noch weitere Rodin-Skandale, aber keine weiteren mit derart weitreichenden Konsequenzen.

Geschichte mini|hochkant=1.5|Zwölf Aktstudien von Auguste Rodin (Museum Neues Weimar) Bereits 1904 wurde eine große Retrospektive Auguste Rodins in Weimar gezeigt. Die Initiative ging von Harry Graf Kessler aus, der als Vorsitzender des Kuratoriums des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe ein Protagonist moderner Kunst in Weimar war. Dem folgte 1905 der Ankauf der Bronzeplastik das Eherne Zeitalter, gewünscht von Großherzog Wilhelm Ernst. In diesem Jahr wurde Rodin anlässlich des 100. Todestages von Friedrich Schiller und der damit verbundenen Schillerehrungen die Ehrendoktorwürde der Friedrich-Schiller-Universität Jena verliehen. Als Zeichen des Dankes und der Ehrerbietung übereignete Rodin seine Bronzebüste Minerva, die im Senatssaal der Universität aufgestellt wurde, wo sie noch heute steht.

Ein weiteres Geschenk Rodins, eine Aktzeichnung, ging an den Großherzog persönlich. Das Geschenk war der Auslöser für den sogenannten „Rodin-Skandal“ in Weimar. Als 14 Aktzeichnungen 1906 in der Kunsthalle ausgestellt waren,Die Ausstellung fand vom 5. Januar bis 16. März 1906 statt; Petra Bierwirth: Bilder der Seele. Auguste Rodins Zeichnungen. Auguste Rodins Zeichnungen in der Rezeption durch Ernst Ludwig Kirchner (= Bilder der Seele – Auguste Rodins Zeichnungen. Band 2, ; Studien zur Kunstgeschichte. Band 208.2). Georg Olms Verlag, Hildesheim / Zürich 2018, ISBN 978-3-487-15537-1, S. 19 (). druckte die Weimarische Landeszeitung Deutschland am 17. Februar 1906Annette Seemann: Weimar. Eine Kulturgeschichte. C. H. Beck Verlag, München 2012, ISBN 978-3-406-63030-9, S. 251 f. einen Leserbrief des Malers Professor Hermann Behmer ab, der die Aktstudien Rodins als „Tiefstand der Sittlichkeit“ bezeichnet. Kessler wurde vorgeworfen, die Schenkung ohne Wissen des Großherzogs angenommen zu haben, was nicht den Tatsachen entsprach. Wilhelm Ernst hatte die Schenkung angenommen und Kessler schriftlich darum gebeten, Rodin zu danken. Das und das Folgende nach: Bernhard Post, Dietrich Werner: Herrscher in der Zeitenwende. Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach 1876–1923. Glaux, Jena 2006, ISBN 3-931743-94-2, S. 415–429: Der Weimarer Rodin-Skandal von 1906 (eine detailreiche, auf zeitgenössischen Quellen basierende Darstellung der Affaire).

Ein von Kessler gewünschtes scharfes Vorgehen gegen Behmer wurde von dem großherzoglichen Oberhofmarschall Aimé Charles Vincent von Palézieux-Falconnet, der von Amts wegen in den Vorgang involviert worden war, abgelehnt. Der großherzogliche Staatsminister Karl Rothe distanzierte sich von Behmer, erbat aber vom Oberhofmarschall das Schriftstück, das die Annahme der Schenkung bestätigte. Dieses Schriftstück wurde Palézieux trotz zweimaliger Nachfrage von Kessler tagelang vorenthalten – vorsätzlich, wie Kessler selbst in seinem Tagebuch schreibt. Als der Oberhofmarschall daraufhin den dienstlichen Umgang mit Kessler einschränkte, glaubte dieser, in Palézieux den Anstifter einer höfischen Intrige zu erkennen. Kessler erwog ernsthaft, den 61-jährigen Hofbediensteten zum Duell zu fordern. Der bis dahin zurückhaltende Palézieux entschloss sich nun, unterstützt durch der Staatsminister Rothe, den Vorgang dem Großherzog vorzulegen, sobald dieser von seiner Auslandsreise zurückgekehrt war.

Das Verhalten Kesslers gegenüber hohen Staats- und Hofbeamten, die in allen Phasen dieser Affaire Augenmaß gezeigt hatten, veranlasste Wilhelm Ernst, Kessler seine Missbilligung auszusprechen. Danach erwartete Kessler vergeblich eine Gunstbezeugung des Großherzogs und bat schließlich in der berechtigten Einsicht, das Vertrauen des Großherzogs verloren zu haben, um seine Entlassung als Vorsitzender des Kuratoriums des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe. Die wurde ihm am 7. Juli 1906 gewährt. Kessler setzte aber seine Kampagne gegen den Oberhofmarschall Palézieux bis zu dessen Tod 1907 fort.

Was Kessler zu seinem provokanten Verhalten bewogen hatte, darüber sagen seine Tagebücher, die die Ereignisse aus einer sehr eigenwilligen Sicht nur selektiv wiedergeben, nichts aus. Es hat ihn das Wohlwollen des Großherzogs gekostet, der jedoch der modernen Kunst zugewandt blieb. Kesslers Tagebücher, seine Briefe und seine Pressekampagne, bestimmten aber lange die Sicht auf den „Rodin-Skandal“ und dessen Akteure. Kesslers Auftreten war indes den konservativen Kräften ein willkommener Anlass, die Förderung der modernen Kunst in Weimar anzugreifen.Art. Rodin-Skandal. In: Gitta Günther, Wolfram Huschke, Walter Steiner (Hrsg.): Weimar. Lexikon zur Stadtgeschichte. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1998, ISBN 3-7400-0807-5, S. 369 f.

Justus H. Ulbricht ordnete den Rodin-Skandal als Folge der politischen Auseinandersetzungen der Zeit ein: „Der ‚Rodin-Skandal‘ ist ein treffendes Beispiel für den Konflikt zwischen vorgeblich ‚unpolitischen‘ kulturellen Entwürfen und offen politischen Tendenzen der offiziellen wilhelminischen Kunstpolitik, deren ideologischer Kern die Idee einer sittlichen Erziehung der deutschen Nation zu sich selbst mittels Kunst gewesen ist. Dieser nationalpolitischen Intention, Erbe des alten konsensuellen Kunstnationalismus des 19. Jahrhunderts, widersprach die Avantgarde mit ihren Form- und Stilexperimenten radikal – auch wenn manche ihrer Vertreter der Maxime ‚Erziehung durch Kunst‘ selbst verpflichtet blieben.“Justus H. Ulbricht: »Deutsche Religion« und »Deutsche Kunst« Intellektuelle Sinnsuche und kulturelle Identitätskonstruktionen in der »Klassischen Moderne«. (PDF; 6,2 MB) Diss., Jena 2006, S. 268 f. Kessler nützte seine sehr erfolgreiche Tätigkeit von 1903 bis 1906 letztlich nichts.

In der Ausstellung Krieg der Geister, die vom 1. August bis 9. November 2014 im Neuen Museum Weimar zu sehen war, wurde auch der Rodin-Skandal thematisiert.Wolfgang Holler, Gerda Wendermann, Gudrun Püschel (Hrsg.): Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914. Sandstein, Dresden 2014, ISBN 978-3-95498-072-7, S. 122, 127 f., Kat. Nr. 127.Volker Wahl: Jena als Kunststadt. Begegnungen mit der modernen Kunst in der thüringischen Universitätsstadt zwischen 1900 und 1933. 1. Auflage. Seemann-Verlag, Leipzig 1988, ISBN 3-363-00363-3, S. 55–77.

Weblinks Konstanze Crüwell: In: faz.net, 28. September 2005 (Quelle: F.A.Z. 28. September 2005, Nr. 226, S. 39)

Literatur Rodin-Skandal. In: Gitta Günther, Wolfram Huschke, Walter Steiner (Hrsg.): Weimar. Lexikon zur Stadtgeschichte. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1998, ISBN 3-7400-0807-5, S. 369 f. Auguste Rodin: Erotische Aquarelle und Scherenschnitte. Mit einem Text von Anne-Marie Bonnet (Rodins späte Zeichnungen. Für eine Kultur der Begierde). Schirmer/Mosel, München / Paris / London 1995, ISBN 3-88814-721-2 (auch englisch); – spätere Ausgaben u.d.T.: Auguste Rodin: Bilder des Begehrens. Die erotischen Aquarelle und Scherenschnitte. Mit einem Text von Anne-Marie Bonnet. Veränd. Neuauflage. Schirmer/Mosel, München 2001, ISBN 3-88814-990-8 (auch englisch); 2005, ISBN 3-8296-0188-3; 2017, ISBN 978-3-8296-0812-1 (deutsch, englisch, französisch).

Einzelnachweise

Kategorie:Skandal in Deutschland Kategorie:Weimarer Geschichte Kategorie:Auguste Rodin Kategorie:Bildende Kunst (Deutsches Reich) Kategorie:Kulturelle Kontroverse Kategorie:Bildende Kunst (Weimar) Kategorie:Konflikt 1906