Die Religion der Achämeniden war das Glaubenssystem während der Zeit des ersten Perserreichs vom 6. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. Sie bettete sich tief in mesopotamische, elamische und indoiranische Traditionen ein. Die Überlieferung an archäologischen Artefakten, auf der die heutige Kenntnis der Religion der Achämeniden beruht, liefert ein fragmentarisches Bild religiöser Vielfalt und Vielschichtigkeit.
Die Symbolik der Reliefs und die Texte der achämenidischen Könige zeigen den Einsatz der Religion als Machtinstrument einer Elite. In der Form lehnt sich diese Darstellung an die imperiale Kultur der Könige des Assyrischen Reichs an. Mit dem religiösen Beiklang bei der Gründung des Reiches, der Nähe des Königs zum Staatsgott Ahuramazda und der vielfältigen Bildsprache der Reliefs entwickelte sie sich zu einer eigenen Form. Im Zentrum stand der König als Garant für Ordnung und für das Glück der Menschen.
Die Verwaltungstexte von Persepolis belegen Verbindungen der persischen Gesellschaft zu verschiedenen westasiatischen religiösen Traditionen. Aus dem eingeschränkten Blickwinkel einer königlichen Verwaltung in der frühen Zeit des Achämenidenreichs dokumentieren sie Ausgaben für indoiranische, mesopotamische und elamische Götter. Sie listen priesterliche Amtsträger elamischer wie persischer Tradition auf und bezeugen Opfergaben sowie Feste – etwa das šip-Fest in Pasargadae, an dem der König oder sein Repräsentant persönlich teilnahm. Vor allem aber verdeutlichen sie die tiefe Verwurzelung einer agrarisch geprägten Kultur in ihrer religiösen Praxis. Durch Hunderte von Siegelabdrücken rücken diese Dokumente zudem die von den monumentalen Reliefs der Könige überlieferte Bildsprache in ein völlig neues Licht. Mit göttlichen und übernatürlichen Elementen aus mesopotamischen, babylonischen und elamischen Traditionen ist diese um einiges vielfältiger als bislang angenommen.
Außerhalb des persischen Kernlands offenbaren Überlieferungen das Bemühen der Eroberer, ansässige Götter nicht zu erzürnen. Zusammen mit der aktiven Förderung lokaler Kulte in den eroberten Gebieten wird die Haltung der Achämeniden anderen Glaubensformen gegenüber deshalb oft als tolerant und respektvoll charakterisiert.
Seit der Erforschung der monumentalen königlichen Residenzen in Pasargadae und Persepolis im 19. Jahrhundert gehört die religiöse Einordnung der Achämeniden zu den meistdiskutierten Themen innerhalb der altpersischen Reichsforschung. Über Jahrzehnte erhitzten sich die Gemüter an der Frage, ob die Religion der Achämeniden der altiranischen Religion zuzuordnen sei und somit einen frühen Ausdruck des Zoroastrismus darstelle. Die Veröffentlichung der Verwaltungstexte von Persepolis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eröffnete neue Perspektiven für die Forschung und veränderte die Vorstellungen der altpersischen religiösen Gesellschaft grundlegend.
Hintergrund Die indoiranische Religion ist eine hypothetische Rekonstruktion, die vor allem auf dem Avesta und Rigveda basiert. Ähnlich verhält es sich mit der altiranischen Religion: Auch sie ist eine Rekonstruktion – beruhend auf dem Avesta sowie zu einem kleineren Teil auf den achämenidischen Königsinschriften und klassischen antiken Schriftstellern –, die heute vor allem als Zoroastrismus bekannt ist. Davon abgegrenzt wird die Religion der Achämeniden, da deren Einordnung in den indoiranischen Kontext in der Forschung zu kontroversen Diskussionen geführt hat.William W. Malandra: An introduction to ancient iranian religion. Minneapolis 1983.
Beschreibung der indoiranischen Religion Die Indoiraner unterteilten den Kosmos in die drei Bereiche Erde, Himmel und die dazwischenliegende Atmosphäre. Es ist eine aufsteigende Ordnung, die aus menschlicher Perspektive gesehen eine Erhabenheit darstellt. Die Erde, die heilig ist, ist das Gebiet menschlicher Aktivität, des Innewohnens (Immanenz). Die Atmosphäre berührt die Erde, umgibt den Menschen und weitet sich zum Himmelsgewölbe aus. Sie ist das Reich der Veränderung und konstant aktiv, manchmal großartig und furchterregend. Der Himmel entzieht sich dem Menschen und ist jenseits möglicher Erfahrung (Transzendenz).
Die Götter bewohnen einen der drei Bereiche. Die Götter im Himmel sind die Gründer des Kosmos und verkörpern die höchsten ethischen Prinzipien. Sie sind männlich. Die Götter der Atmosphäre sind ebenfalls männlich und tendieren zu kriegerischen Handlungen. Sie sind der Wind oder verweilen auf Bergen. Ihre Hauptbeschäftigungen sind Stürme und Kriege. Die Götter der Erde sind gewöhnlich weiblich und werden mit Fruchtbarkeit, Prosperität und den alltäglichen Sorgen verbunden. Es gibt Götter, die alle drei Sphären bewohnen. Der Feuergott trägt die Opfer zu den Göttern und führt diese zu den Opfern. Der kosmische Berg ragt von der Erde bis in den Himmel und ist ein wichtiger Kommunikationskanal zwischen Himmel und Erde.
Zusätzlich zu den drei Bereichen gibt es die Dualität von geordnetem (Kosmos) und ungeordnetem (Chaos) Sein. Das geordnete Sein entsteht aus dem Chaos und ist wie eine Festung umgeben von Chaos, das normalerweise mit dem Wasser symbolisiert wird. Das Chaos trägt den Keim für Gutes wie auch für Teuflisches und wird vertikal unterschieden. Das Wasser um den Himmel ist die Quelle der Wahrheit, während das Wasser in den darunterliegenden Bereichen in Dunkelheit gehüllt ist und die Quelle des antikosmischen Prinzips der Lüge und Falschheit verkörpert. Der Mystiker kann die Endlichkeit des menschlichen Seins durchbrechen. Für alle anderen ist das Sein ein Chaos, das in alle Ausdrucksformen von Gut und Böse münden kann.
Die Kluft zwischen Himmel und Erde kann mit Bergen überbrückt werden. Sie sind in den Quellen teilweise mythisch und teilweise identisch mit realen Bergen. Die Berge, im Besonderen der mythische Berg, spielen eine entscheidende Rolle im System der kosmischen Hydrologie. Für Indoiraner sind die Flüsse am Wichtigsten, denn der kosmische Ozean im Himmel fließt als Fluss vom mythischen Berg herunter und verteilt sich auf die Flüsse der Erde.
Verhältnis zur altiranischen Religion Es gibt bis heute keine Überlieferungen, die die Zuordnung der Religion der Achämeniden zur frühen Form des Zoroastrismus direkt erlauben, aber es sind Gemeinsamkeiten nachgewiesen. Sowohl die Texte der achämenidischen Könige als auch das Avesta drücken ihre Verehrung für Ahura Mazda aus, den größten unter allen Göttern. Im altpersischen Kontext wird er Auramazda oder Ahuramazda (altpersisch A.uramazdā) geschrieben, auf Elamisch Uramasda.Wouter F. M. Henkelman: The Heartland Pantheon. In: Bruno Jacobs, Robert Rollinger (Hrsg.): A Companion to the Achaemenid Persian Empire. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Hoboken 2021, S. 1221–1242. Zudem lehnen beide Quellen die Daevas ab. Diese Eigenschaften unterscheiden die iranische religiöse Identität von der indischen. Beide Religionen führten Opfer und Tieropfer durch und waren anderen Göttern gegenüber aufgeschlossen. Eine Verbindung lässt sich auch über Namen von Königen nachweisen, deren Ursprung das ältere Avesta ist. Es handelt sich um sogenannte „Zitatnamen“, von denen der eindruckvollste der Name von Dareios I. (avestisch dārayat vahištǝm)Yasna 31.7. Jean Kellens: Les Achéménides entre textes et liturgie avestiques. In: Wouter F. M. Henkelman, Céline Redard (Hrsg.): Persian Religion in the Achaemenid Period (= Classica et Orientalia. Band 16). Harrassowitz, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-447-10647-4, S. 11–20, hier S. 12. ist.Jean Kellens: The Achaemenids and the Avesta. In: Bruno Jacobs, Robert Rollinger (Hrsg.): A Companion to the Achaemenid Persian Empire. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Hoboken 2021, ISBN 978-1-119-17428-8, 2. Band, S. 1211–1220. Im Gegensatz dazu stammt das Element Arta – der erste Teil des Namens der achämenidischen Herrscher Artaxerxes I., II. und III. – aus dem Indoiranischen (*ṛtá-).Rüdiger Schmitt: Wörterbuch der altpersischen Königsinschriften. Reichert, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-95490-017-6.
Götterwelt mini|Die Darstellung einer Sonnenaufgangszeremonie aus mittel-elamischer Zeit, Sit-Šamši genannt. Von Gebeten an die Sonne zur Zeit der Achämeniden berichten auch die antiken Schriftsteller. Louvre SB 2743 Im Kernland Die Einschätzung der Religion des persischen Volkes und seiner Könige hat in den letzten Jahrzehnten eine grundsätzliche Wende erfahren. Ursprünglich als zoroastristischer Monotheismus interpretiert, der als Bruch mit der über 1000-jährigen Tradition von Elam, der assyrischen und babylonischen Kultur angesehen wurde,Mark B. Garrison: Beyond Auramazda and the Winged Symbol: Imagery of the Divine and Numinous at Persepolis. In: Wouter F. M. Henkelman, Céline Redard: Persian Religion in the Achaemenid Period. Wiesbaden 2017. zeigt sich heute eine Vielfalt mit elamischen, mesopotamischen und indoiranischen Traditionen, die sich in der Götterliste aus dem Kernland widerspiegelt. Die achämenidische Götterwelt lässt sich jedoch nur im weiteren Sinne als Pantheon bezeichnen, da Belege für eine systematische Ordnung der persischen Götter fehlen wie sie beispielsweise für die religiöse Praxis des elamischen Königs Untaš-Napiriša nachgewiesen ist. Dieser ließ im 13. Jahrhundert v. Chr. Tempel für alle Götter in Tschogha Zanbil bauen.
Einzelne Fragen sind immer noch umstritten, so zum Beispiel die Definition des Begriffs Mišebaka, der in den Verwaltungsarchiven von Persepolis im Umfeld von Ausgaben für religiöse Zwecke auftaucht. Manche interpretieren den Begriff als Kult für Mithra(s) und für andere sind die Mišebaka eine festumrissene Göttergruppe oder sogar der Begriff für alle Götter.Wouter F. M. Henkelman: The Other Gods Who Are. Studies in Elamite-Iranian Acculturation based on the Persepolis Fortification Texts (=Achaemenid History. Band 14). Leiden 2008.